Auch ein "Glück"-Wunsch zum 50. Geburtstag ...
Kreative Glückwünsche zum Geburtstag - nicht selten.
Dieser hier, aufgelesen in einer benachbarten Zeitung am 13.08.07, ist mehr als kreativ.
Ist er: Erschütternd? Ehrlich? Eine Generalabrechnung? Ausdruck tiefster Enttäuschung? Endgültige Resignation? Vielleicht auch letzte Hoffnung auf einen Neuanfang - aus tiefer Liebe?
Urteilen Sie selbst - natürlich alles ohne Namen. In der Zeitungsannonce stand nur der Vorname dabei.
Der Text der Annonce ist zentriert gesetzt.
NB: Ich selbst kenne weder die Absenderin noch den Adressaten der Annonce. Dennoch berührt mich die ungemein ausdrucksstarke Poesie des Textes sehr.
Für ... zum 50. Geburtstag
Ich war der magische Clown
mit dem verrückten Grinsen,
der immer wieder unbeholfen
über seine eigenen Illusionen stolperte
und dich zum Lachen und Weinen brachte.
Ich zog kleine Wunder
aus dem Zylinder meiner Sehnsucht
und verwirrte dich mit meiner Poesie
in der Geheimsprache der Herzen.
Ich flog als tollkühner Trapezartist
ohne Netz durch die Lüfte des Augenblicks
und warf dir Handküsse in die Tiefe zu.
Du warst mein ganzes Publikum,
ich habe nur für dich gespielt,
gesungen und getanzt -
und meine Augen suchten immer wieder
nur dein Gesicht, nur dein Lächeln.
Ich habe Feuer geschluckt
und rostige Schwerter,
auch den oft schwachen Beifall,
selbst deine plötzliche Abwesenheit -
das war mein allergrößtes Kunststück.
Doch nun ist der Zirkus aus,
und in der Dunkelheit der Manege
verliere ich meine Blindheit,
die einmal Liebe war.
Ich wünsche Dir alles Gute
für die restlichen Jahre Deines Lebens.
Die Frau, die mit Dir 26 Jahre verheiratet war.
Na, Maria,
sag niemals nie! Wenn ein Ehemann so etwas liest, wohl für einige hundert Euro in die Zeitung gesetzt ... rührt sich da nichts in ihm? Aber es wird wohl das größere Dilemma sein, ob s i e den Zirkus - im wahrsten Sinne des Wortes - noch einmal mitmacht.
Liebe Grüße,
Roland
Ein wirklich schwer beeindruckendes Gedicht! Man spürt förmlich die Leere, die emotionale Wüste nach der Zeit des Schmerzes. Spontan fällt mir dazu das wunderschöne Lied "Junimond" von Rio Reiser ein, das eine ähnliche Stimmung in sich trägt:
Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster.
Mit müden Augen ganz staubig und scheu
Ich bin hier oben, auf meiner Wolke.
Ich seh dich kommen, aber du gehst vorbei.
Doch jetzt tut's nicht mehr weh,
jetzt tut's nicht mehr weh...
Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf wenn ich dich seh.
2000 Stunden hab ich gewartet,
Ich hab sie alle gezählt und verflucht.
Ich hab getrunken, geraucht und gebetet.
Hab dich flussauf - und flussabwärts gesucht.
Doch jetzt tuts nicht mehr weh,
jetzt tuts nicht mehr weh!
Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf wenn ich dich seh!
Es ist vorbei, byebye Junimond!
Es ist vorbei, byebye!
Es ist vorbei, byebyeJunimond!
Es ist vorbei, byeye !
Der Glückwunsch ist erschütternd, ehrlich und aus tiefster Enttäuschung geschrieben, die einmal Liebe war.
Wundervoll mit Worten ausgedrückt und unendlich traurig, weil wieder eine Ehe in die Brüche gegangen ist. (Wir kennen die Gründe nicht - jedoch gehören zu einer Beziehung immer Zwei, genauso wie bei einer Trennung)
Wunderbar, lieber Boris,
das Gedicht von Rio Reiser drückt Erleichterung aus; vergangenen Schmerz und Erleichterung. Dass der Weg bis dahin nicht einfach war, wird ebenso klar. Aber das lyrische Ich hat am Ende gelernt loszulassen - vermutlich zum Wohle beider. In der Annonce scheint mir mehr Bitternis zu liegen; die Frau muss sehr oft und sehr stark gedemütigt worden sein. Sie tut einem Leid, doch am Ende kommt - wie bei diesem Gedicht - geradezu Freude und Mitgefühl auf, dass die Trennung vollzogen ist. Bei dem wunderbaren Gedicht "Sachliche Romanze" von Erich Kästner (zu finden u.a. unter dem Link: http://www.anthologie.de/006.htm) können es beide bis zuletzt nicht fassen. Und dort ist wohl nichts Schlimmeres vorgefallen -nur der Alltag scheint beide eingeholt zu haben.
Einmalig sind sie alle, diese lyrischen Aufarbeitungen schmerzender Situationen.
Danke Roland, dass du uns dran teilhaben lässt - auch mich erschüttert dies Gedicht, wahrscheinlich sind viele Jahre aneinander vorbei gelebt worden. Es tut einem selber weh und ich wünsche dies keinem. Ich hoffe sehr, die Dame konnte etwas Erleichterung finden, dass sie ihren Kummer aus dem Herzen raus schrieb.
Lieber Herr Wielgoß,
der Unterschied zwischen den fiktiven Texten und dieser Annonce ist wohl ihre Authentizität: von einer realen Person in einer realen Situation für einen realen (Ex-) Partner geschrieben. Das verleiht den Bildern dieses Textes ihre intensive Wirkung. Bei vielen Lesern entsteht wohl das Gefühl, man müsse vermittelnd eingreifen.
Vermittelnd? Nein, da gibt es nichts zu vermitteln, ausser, dass diese Frau den Mann so schnell wie möglich vergessen sollte.
Frauen sind in der Disziplin "Leidensdruck" besonders gut, sollten sie allerdings den "Mann" an sich begriffen haben, kann das Leben als Frau seeehr entspannend sein.
Na, das ist aber hart, Maria!
Den "Mann an sich" lehne ich ebenso ab wie "die Frau an sich". Wir sind doch Individuen, zwar geprägt durch die Geschichte der Menschheit mit ihren häufig fragwürdigen Rollenverteilungen, aber in unserer westlichen Gesellschaft immerhin mit der Chance, diese zu durchbrechen (gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften; Frauen in sog. "Männerberufen" als Soldatinnen, Pilotinnen und umgekehrt Männer als (Fernseh-) Köche, Hausmänner usw.).
Sonst bliebe ja die Konsequenz für "frau", nur ohne "mann" leben zu können, um glücklich zu werden.
Na, vielleicht ist das ja in Einzelfällen durch die Erfahrung auch tatsächlich die bessere Lösung, wohl auch, weil die Natur ja bewusst beide Geschlechter nicht nur biologisch unterschiedlich geschaffen hat, sondern auch in ihren wesentlichen Denkstrukturen?
Aber das alles sind leider gar keine neuen Denkansätze. Am Ende stehen wohl immer Einzelerfahrungen.
Ja richtig Roland,
die Einzelerfahrungen und die Erkenntnis, dass sich alles bewegt und entwickelt. Es muss nicht zwangsläufig zu ausschließlichem Singlleben führen, dafür ist der Mensch nicht geschaffen, ja alles ist möglich in unserer zivilisierten Gesellschaft. "Und das ist gut so"!





Mit dem Aktivieren des Buttons erlauben Sie einen begrenzten Datenaustausch mit Facebook. Mehr dazu rechts unter .