Doris Lessing "Die Kluft"

Die Besprechung des Buches der Trägerin des Nobelpreises. Hier im zweiten Anlauf, nachdem ich einige Nachlässigkeiten beseitigt habe.

I. Doris Lessing „Die Kluft“
Notizen für den Lesekreis der Bücherei am Münztor

Grundsätzlich: Wenn einen der Text, seine Gestaltung und seine Dimension über das bloße Lesevergnügen hinaus beflügelt, so handelt es sich um gute Literatur.


Eindrücke bei der Lektüre
A) Doris Lessing nimmt einen langen Anlauf:
1. Ihr Vorspruch thematisiert „die Kluft“, nämlich (zunächst!, denn dieser Begriff wird auch noch in anderer Bedeutung eingesetzt werden) als jene zwischen den Geschlechtern. Die Menschheit sei aus dem Weiblichen hervorgegangen. Doch das ist natürlich bei Doris Lessing von einem Augenzwinkern begleitet zu denken. Es sei ihr unterstellt, dass sie wohl nicht zu den Kreationisten zu zählen ist, die von der Erzeugung von „Fertigmodellen“ ausgehen.
Amüsant jedenfalls ihre Argumentation: Frauen seien stabil, Männer labil. Dies aber in einer Art ironischer Brechung dargestellt, die spätestens mit der Fragestellung, ob die Natur hier etwas ausprobiere, deutlich wird.
Und dann der schöne Dreisprung: vom Grübeln über Fantasie zu Geschichten.
Das Ganze ist als Ankündigung der stilistischen, programmatischen Verfahrensweise der Erzählung zu sehen.
2. Ein Vorspruch als Zitat folgt: „Man does, woman is.“ Frei übersetzt, sinngemäß wohl auf „Ein Mann macht (noch), eine Frau ist (schon)“ lautend.
3. Es folgt ein lyrisches Textzitat, in dem gleichfalls das Kernthema angesprochen wird, der Kontrast des Weiblichen zum Männlichen. Im Zentrum findet der Leser die originäre Fügung „... welches Land / zieht ihr der Mondlichtstadt der Wonnen vor?“ Die metaphorisch zu verstehende Land-Suche der Männer gegenüber der für die Weiblichkeit gesetzten „Mondlichtstadt der Wonnen“ - welche man kaum wagt, als das beständige, wohlige Zuhau-sesein zu verstehen.

B) Und mit all dem intensiv vorbereitet, nimmt der Leser die Lektüre auf:
1. Er findet eine Eröffnungsfabel vor: Die Funktion dieser Geschichte ist sofort klar, es wird die Kernerzählung, der Rahmen des Romans sein. Mit Wein und Oliven wird die Geografie deutlich; mit Tunika und Sklaven die Zeit erkannt.
Ein männliches Erzähl-Ich erscheint.
Die kleine Eröffnungsfabel bietet ein Techtelmechtel, in dem die männliche Figur Überlegenheit demonstriert, die weibliche hysterische Aufgebrachtheit.
Aber mit einem einzigen Satz wendet die Autorin das Blatt und ist wieder bei ihrer „Wahrheit über die Beziehung zwischen Männern und Frauen“: „Aber ich wusste auch, dass die beiden die Nacht zusammen verbringen würden, ob er wollte oder nicht.“
Nun kommt das Erzähl-Ich zu seinem Eigentlichen, der Arbeit an einem geheimnisvollen, „aufrührerischen“ „Packen Material“, mit dem Titel „die Kluft“, an dem sich über Zeiten hinweg schon viele versucht hätten.

Nach dieser Exposition erfolgt eine Zäsur mit dem neuen Kapitel (angezeigt durch einen Doppelabsatz und den im ganzen Buch verwendeten “Signalvogel“ am Rand.
Wieder setzt die Autorin in der ersten Person an. Zunächst ist allerdings unklar, welches Ich hier agiert. Erst eine Seite weiter erfährt man, dass es eine Maire (die als Leitfigur der Binnenerzählung fungieren wird) ist, die aus ihrer weiblichen Perspektive darstellt und ein männliches Du, das jedoch nicht zu Wort kommt, sich gegenüber hat. Ein Orakeln um die Ausdrucksweise „ich“ und „wir“ hebt an, das sich im Laufe des Fortgangs der Erzählung allerdings erschließt. Das Neue ist gemeint: Sie heiße nun Maire, ihr eigentlicher Name sei „Die die Felsspalte bewacht“ aus der Familie derer, „Die die Felsspalten bewachen“. Die Entstehungsgeschichte dieser Wesen wird angedeutet, soweit es sich vom Erzähl-Ich der Rahmenhandlung aus der Vergangenheit hervorholen ließe.
Und dann die Geschlechtlichkeit, und zwar in eine Metaphorik der weiblichen Organe und Vorgänge gehüllt. Dieses Element ist natürlich auch weiter zu bemühen und schließlich auf das Männliche auszudehnen. Bis Seite 48 wird daraus so etwas wie die Aufführung der menschheitlichen Vorpubertät: Die Entdeckung der Geschlechtsaufgabe aus Beobachtung, Neugier und schließlich in (männlichem) Eigenvollzug. Wobei interessant ist, dass die Autorin die Zeitspanne vor der vollziehenden Begegnung mit dem Männlichen als eine Art Phase der Jungfernzeugung, der Parthenogenese, behandelt (was bekanntermaßen in den verschiedensten Glaubensgebilden aller Zeiten zu finden ist), in welcher Nachwuchs ohne Kenntnis des (biologisch – wenn man von einer Vermehrungsweise von etwa 300 Arten, z. B. der Blattläusen absieht) erforderlichen Zweitparts vonstatten geht.
Auffallen muss, dass die Begriffe Kluft verschieden, z. B. auf Seite 19 als Standort, den man nicht verlassen will, benützt wird. Auf Seite 118 schließlich erfährt der Leser: „Die Kluft, ..., war die Gottheit, die dem roten Fluss der Spalten entsprach, der darüber hinaus mit dem Mond in Verbindung gebracht wurde ...“ Bei Spalte ist die Anwendung konzentrierter. Sie lässt natürlich an die Ausformung des weiblichen Körperteils denken, ist aber auch auf das ganze weibliche Geschlecht bezogen. Diese Technik der Autorin ist nicht als betuliche Umschreibung zu verstehen. Sondern sie hebt diese Konkreta in den Rang von Abstrakte und weitet sie dadurch respektvoll aus. Anders wird mit der männlichen Genitalität verfahren. Sie wird verdinglicht umschrieben („Zapfen“) und mit viel Ironie bedacht.

Schließlich die Aufspürung der Unterschiedlichkeit, die unsolidarische Verhaltensweisen etabliert. Sie (die Spalten!) lernten Ich zu sagen und empfanden nicht nur das Wir.

Methodisch ist dieser Textteil als Binnenerzählung, hier als Monolog Maire’s ausgeführt, zu begreifen. Die Autorin schaffte es, mit Hilfe von Maire’s Zwischen-Fragen an ihr keinen Text produzierendes männliches Gegenüber diesen Vortrag nicht monoton werden zu lassen (S. 22 f).

Im Fortgang erhellt sich auch die Funktion der großen Adler. Sie haben nicht nur die „Aufgabe“ die männlichen Säuglinge zu beseitigen / zu rauben. Sie erscheinen allmählich als Instanz, die ordnend, distanzierend wirkt. Auf S. 33 werden sie schließlich als Retter des Männlichen und Verfolger des Weiblichen aufgestellt.

Auf Seite 26 erfährt der Text eine Zäsur. Das eingangs wirkende erste Erzähl-Ich tritt wieder berichtend und kommentierend auf. Auf S. 30 outet es sich als „Transit“ (lat. transitus = hi-nübergehen, überschreiten) und als Schriftgelehrter (biblisch!) und Forscher.

Der Leser hat vielleicht ein Problem damit, sich immer wieder nach den häufigen Prespektivewechseln zurechtzufinden. Erschwerend sind dabei die anfangs eingesetzten unterschied-lichen Ich-Erzählinstanzen. Hinzu kommt, dass die Autorin anfangs auf die Verwendung der Anführungszeichen für die wörtliche Rede verzichtet.
Auf S. 35 hebt ein Erzählbericht des Transit an mit „Die Historie“. Hier wird gleich zu Beginn und ohne Kennzeichnung dessen ein Textzitat anderer Erzähler eingefügt, und zwar von drei Jungen, die einen Geburtsvorgang erspähen und sich daran beekeln.
Wesentliches wird wiederholt, jetzt aus männlicher (des Transit’s) Sicht, was der Leser aus weiblicher Perspektive bereits mitgeteilt bekam. Sichtbar wird dieser Perspektivenwechsel spätestens auf S. 40 mit dem Lob der Männlichkeit (Großtaten an Ausdauer, selbst kleiner Jungen usw.).

Man erinnert die Methode des Perspektivewechsels als ein wesentliches Merkmal des „neuen Romans“, als Merkmal der modernen Literatur. Er wurde damit begründet, dass ein reflektierendes Ich immer nur die eigene Sichtweise darzulegen im Stande ist, also zur Gewinnung von Wirklichkeit auch Standpunkte der Anderen heranziehen muss.

Ab S. 42 dann ein fast rührendes Fabulieren des Transit über die Jungenerhaltung trotz Mutterlosigkeit, und zwar mit liebtierlicher Hilfe, z. B. der Hirschkühe. Romulus und Remus werden genannt.

S. 48 bis 51 Entdeckung der Sexualität auf Gegenpart, doch tapsig, schließlich brutal und tödlich für das erste weibliche Objekt. Entdeckung der Scham: „Das war der erste Mord“.
Ein anderer Unterschied aus der ersten Begegnung wird von den „Zapfen“ entdeckt: ihr kümmerliche Sprache im Verhältnis zu jener der Spalten.
S 54 erfolgt die zweite Begegnung der Zapfen mit einer Spalte (die ein innerer Antrieb hergeführt hatte). Und auch hier geht es auf der Genitalienebene weiter, diesmal bis zu einem einverständlich vollzogenen Akt.

Von S. 56 bis 67 ein Einschub der Leitgeschichte des Transit und erneuter Perspektivenwechsel: Ausbreitung einer Doktorspiel-Situation in allgemeiner nicht personalisierter Form: die kindliche Entdeckung der Andersartigkeit der geschlechtlichen Merkmale.
Transit breitet nun seine Vita aus: Er ist römischer Senator, Vater zweier Söhne, die er im Germanenkrieg verlor; Wiederverheiratung; von junger Frau zwei Kinder; die Frau entartet, die Kinder gedeihen in Sklavenobhut und unter Fürsorge des Vaters; Wiederholung der Doktorspiel-Szene, jetzt personalisiert aus der Perspektive des Vaters bei seinen beiden Kindern.
Transit deckt seine Motivation auf, an dem „dicken Packen der Geschichte der Spalten“ zu arbeiten: Gerade durch diese Betrachtung des Entwicklungsstufe des Libidos seiner Kinder sei sie gegeben und auf die Menschheit zu beziehen gewesen.

Ab S. 67 wird die auf Seite 55 unterbrochene Geschichte von der sexuellen Begegnung der Zapfen mit den Spalten wieder aufgenommen. Maire gebiert ein Kind, das erste aus einer Begattung. Dieses Kind ist anders, nämlich unruhig, frühentwickelt. Eine Gefährtin der Maire, Astre, wird ein- und zur Mutterschaft geführt.
Das weibliche Verlangen wird thematisiert.

S. 73 Die beiden Mädchen sind in der Männerkolonie. Entdeckung der Schamhaftigkeit, der Rührung, der Liebe und der Gefühle überhaupt. Im (verschiedenartigen) Beisammensein wird die Bedeutung der Sprache klar (die Mädchen lehren die „Ungeheuer“ darin), die Kopulation gewinnt an Bedeutung.
Ein Wechsel im Bericht über die Weiblichen und die Männlichen.
Und jetzt die Klassifizierung des Weiblichen als langsam, träge; des Männlichen als unruhig, energisch (dies allerdings kommentierend aus der Perspektive des männlichen Berichterstatters Transit).
Weitere Entdeckungen im Fortgang der Vergegenwärtigung und Akzeptanz von männlich und weiblich greift allmählich um sich. Das lässt neues Bewusstsein, nicht nur neue Wesen entstehen. Und die Folgen sind: Erkennen / Unterscheiden; Mein / Dein; männlich / weiblich; Ruhe / Bewegung; Gleichmut / Rührung; Nähe / Ferne ... Dies wird alles von Doris Lessing erzählend, konstruierend herausgearbeitet, eben als geistig-seelische Evolution dargestellt.
Es kann nun nicht ausbleiben, dass die Wesen die Zeit entdecken, damit das Altern – und anders, nämlich hässlich werden. Entfremdung und Feindschaft wird thematisiert.
Ab Seite 87 dann wieder der männliche Fortschritt: Aus der unwissend erlebten Sexualität und wegen der Reizbarkeit der entsprechenden Organe entsteht der Verhüllungswunsch und damit die Bekleidung.
Und weiter in der Übergangsphase: Kindesernährung ohne die ehemals hilfreiche Hirschkuh – das Unruheempfinden, das einst bei Maire und Astre zu „gären“ begonnen hatte, „wühlte nun auch jene jungen Spalten auf“ ...

S. 98 bringt das Zusammengehörigkeitsgefühl und den Begriff Familie – verbunden mit regem Austausch von Reproduktionsleistungen.
Nach einem Einfügen der Leitgeschichte (des Transits) als Reflexion über Familie, Klan, Stamm und über Königinnen und Göttinnen (fortgesetzt auf S. 113) geht es auf Seite 101 um die Pflege des Feuers als bedeutende Handlung. Dann ist der Mangel an Kausalbewusstsein der Männlichen in Kritik, „dass jenes folgte, wenn sie dieses taten“.
Die Seite 115 ff bringt eine Anhebung der Spannungskurve mit der Erzählung einer Verschwörung gegen die Vertreterin des neuen Lebensstils, gegen Maire.
Auf Seite 118 wird der Titel des Buches erklärt.
Dann wird eine Verschwörung der Vertreterinnen der alten Ordnung, dieses Mal gegen die männlichen Wesen - in flacher Spannungskurve - ausgebreitet.
131, eine Unwetterkatastrophe treibt alle zusammen. Das Ende der Seniorinnen-Herrschaft ist aufgezeigt. Wegen des Menschenverlustes steigt der Wert des Einzelnen. Ein Matriarchat war entstanden.
Erneuter Perspektivenwechsel: Die bisherige Sicht wird infrage gestellt. Die männlichen Wesen seien die ersten Lebewesen und es sei das bisher den „Spalten“ Zugebilligte auf sie zu beziehen.
Auf Seite 136 zieht das Ende der Parthenogenese herauf. Die Angewiesenheit auf den Mann bei der Reproduktion wird den „Spalten“ klar, gleichzeitig erkennen sie auf Selbstwertverlust.
139 wieder die Rahmengeschichte in einem Auszug aus der Vita des Transit.
Auf 154 erscheinen neue Personen, die Frau Maronne, der Mann Horsa, wodurch der chronologische Fortgang angezeigt ist. Maires Zeit ist vorüber.
155 wieder Hinweis auf andere Perspektive: zahllose (!) Kommentatoren hielten auch andere Gruppen von Existenzen an anderen Orten für möglich.
Ab jetzt tritt Transit häufiger und deutlicher in Erscheinung – es geht auf die römische Zeit zu, so dass sich immer mehr Vergleiche mit der Lebensweise dieser Gesellschaft anbieten.
Auf Seite 192 dann die Feststellung, dass die Geschichtsschreibung hier zum Stillstand kam. „... die Zerstörung der Kluft stellten ein Ende dar“.
Aus Horsas Taten entstand das Heldenepos. Die Autorin lässt ihn träumen, wagemutig sein, in die Irre gehen, unterliegen, verachtet werden, aber endlich wieder in den Genuss eines (anderen, reifen) Ansehens gelangen.

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2 Kommentare zum Beitrag
826
Dietrich Kothe aus Landsberg am Lech am 23.11.2007 um 17:07 Uhr  
826
Dietrich Kothe aus Landsberg am Lech am 12.12.2007 um 11:53 Uhr  
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