Die Bernwardskapelle in Groß Lafferde

Bernwardskapelle von Süden mit neuzeitlichem Anbau
 
Bernwardskapelle um 1930, ohne Putz, ohne Anstrich
Das Haus Marktstraße 9, die alte Kapelle, ist wohl das älteste Haus in Groß Lafferde. Sie liegt auf dem sogenannten “Kapellenberg“. Das ist eine flache Bodenerhebung, die von Ortsfremden nicht wahrgenommen wird.

Die Entstehungszeit der Kapelle liegt im Dunkel der Geschichte.

Zur Zeit der Gründung des Bistums Hildesheim unter Kaiser Ludwig dem Frommen war nur die Bischofskirche (= Kathedrale; auch Dom = Hauptkirche genannt) vorhanden. Von dieser breitete sich ein Netz von Tochterkirchen aus. Die erste Tochterebene war das Archidiakonat, danach folgten die Diakonate und Ortskirchen. Kapellen waren immer einer anderen Kircheneinheit untergeordnet und durften nicht das gesamte Spektrum kirchlicher Handlungen vornehmen. Alle zu einem Archidiakonat gehörenden Kirchen und Kapellen bildeten einen Bann. Groß Lafferde gehörte zum Archidiakonat (Bann) Schmedenstedt.

An den langen beschwerlichen Kirchweg, der in der östlichen Feldmark am Busch vorbei nach Schmedenstedt führte, erinnert noch die Bezeichnung Kirchberg. Als dann die Kapelle errichtet war, das muss vor dem 11. Jahrhundert geschehen sein, wurde der Gottesdienstbesuch wesentlich erleichtert. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass die Kapelle keinen ständigen Seelsorger (Kaplan) besaß, sondern nur ab und zu von Seelsorgern des Bannes Schmedenstedt betreut wurde.

In seinem Testament aus dem Jahre 1022 erwähnte Bischof Bernward den Kapellenhof (heute Marktstr. 11). Aufgrund dieser Tatsache muss spätestens zu diesem Zeitpunkt eine Kapelle vorhanden gewesen sein. Es könnte aber auch sein, dass sie auf Veranlassung Bischof Bernwards errichtet wurde. Da er seit 993 Bischof war, kann das frühestens ab dieser Zeit geschehen sein. Wegen des Bernwardsbezuges wird die Kapelle auch Bernwardskapelle genannt.
Heute liegen das Grundstück Marktstr. 11 und die ehemalige Kapelle genau gegenüber. Sie sind lediglich durch den schmalen Kapellengang voneinander getrennt.

Die alten Wartjenstdter Feldsteine des einfachen Gemäuers haben die Jahrhunderte überstanden. Allerdings dürfte das, was jetzt vorhanden ist, mit dem ursprünglichen Bau nichts mehr gemein haben.
Nachdem das Gebäude mehrere Jahrhunderte gottesdienstlichen Zwecken gedient hatte, wurde es um 1300 auf Veranlassung des Michaelisklosters abgerissen und als „nova capella" (neue Kapelle) wieder aufgebaut. Sie reichte bald nicht mehr aus. Verhandlungen der Gemeinde mit dem Michaeliskloster zu Hildesheim über einen gemeinsamen Neubau zerschlugen sich. So baute die Gemeinde kurzerhand aus Eigenmitteln ihre eigene Kirche am Ostrand des Dorfes, von der heute noch der Kirchturm vorhanden ist.

Ein steinernes Kreuz, das bisher der Kapelle als Dachreiter diente, wurde abgenommen und im östlichen Teil der Südwand eingemauert, wo es heute noch zu sehen ist.
Der Kapellenhof übernahm das Gebäude in seine Obhut. Laut Chronik wurde es zwischen 1629 und 1630 repariert, sogar ein neuer Predigtstuhl hergestellt. Wenn Meyerding gehalten wurde, fanden in der Kapelle noch Gottesdienste statt. Für das Jahr 1686 sollte dafür gesorgt werden, dass die Kapelle in Ordnung ist, damit dort das Meyerding eröffnet werden könne. Später diente sie als Strohscheune, Kornhaus und Abstellgelegenheit für Gerümpel.
Die Bauermeister benutzten das Gebäude in kriegerischen Zeiten um marodierende Soldaten einzusperren. Auch Arrestanten und Bettler wurden dort untergebracht.

Nach 1690 entstand zwischen Stift, Michaeliskloster und Gemeinde ein jahrzehntelanger Streit über die Eigentumsrechte an der Kapelle. Es wurde vor Gericht geklagt. Der Bischof von Hildesheim, dessen Amtmann und die juristische Fakultät der Universität Erfurt, wurden um Gutachten ersucht. Als das Kloster im Jahre 1728 einen Pater und mehrere Arbeiter schickte, um Ausbesserungsarbeiten an dem maroden Gebäude vorzunehmen, wurden im Dorfe die Sturmglocken geläutet. Die Bauern eilten von den Feldern herbei und vertrieben die Bauarbeiter mit Knüppeln. „Nachher“, so heißt es in einer alten Akte, wurde „aus Freude über den errungenen Sieg im Kruge weidlich gesoffen“. Schließlich urteilte im Jahre 1735 das Gericht. Dem Michaeliskloster wurde das Eigentum zugesprochen. Es musste aber zugestehen, dass das Haus immer ein Kornhaus der Gemeinde (für den Zehnten) bleiben sollte. Das Kloster ließ die längst fälligen Arbeiten vornehmen und baute die Kapelle in ein Wohnhaus um, was für neuen Streit sorgte. Eine Inschrift an der Nordseite über der Eingangstür zeugt von diesem Umbau. Neben dem Amtswappen ist in Stein gemeißelt: „Benedictus 43. Abbas Anno 1734“ (Benedikt, 43. Abt, im Jahre 1734). Die Inschrift ist noch vorhanden, wegen eines Vorbaus von außen aber nicht sichtbar.

Wegen der Säkularisation durch Napoleon wurde das Eigentum im Jahre 1802 an den preußischen Staat übertragen. Die preußische Staats- und Domänenkammer in Halberstadt verkaufet sie umgehend für 532 Thl. 12 ggr. an den Sattler Fritsch in Groß Lafferde. Seitdem hat die Kapelle mehrfach den Eigentümer gewechselt und wird bis heute zu Wohnzwecken genutzt.

(Quelle: Rektor a.D. Richard Wolf, Aus der Gechichte der Kirche zu Groß Lafferde. Lesenswert: Wilhelm Baumgarten, 1150 Jahre Groß Lafferde, Von Loferdi bis Groß Lafferde)
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