Das Festungsbollwerk und der Turm der Bernwardskirche

Skizze nach dem Original in der Chronik
In der Chronik von Groß Lafferde steht auf Seite 43 ff eine schöne kurze Geschichte.

Zitat:
Eine Landwehr mit Festung am Ortsrand des Dorfes.

Am Ortsrand des Dorfes wird eine Landwehr mit Festung vom Bistum gebaut. Die neue Burg an der Fuhse wird hiermit gesichert.
Es war bislang nicht möglich, einen klaren Beweis zum ersten Kirchenbau an dieser Stelle zu finden.
Wurde das Kirchenschiff schon von Anfang an zwischen der Schildmauer und dem Wartturm gebaut? Oder erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts nach der Stiftsfehde bzw. zur Reformation?
Zitat Ende

Dazu gibt es einige wunderschöne Zeichnung, in der eine langgezogene Landwehr mit Wassergraben und Wall dargestellt wird. Dahinter liegt eine von zwei Türmen begrenzte sogenannte Schildmauer. Von der Mitte dieser Anlage führt ein Tunnel zum Wartturm (gemeint ist der Turm der Bernwardskirche). Aus Urheberrechtsgründen muss ich auf die Wiedergabe der Zeichnungen verzichten. Der interessierte Leser kann sie in der Chronik anschauen.


Zur Landwehr gibt es folgende Beschreibung:

Zitat:
Erbaut wahrsch. 1350, eingeebnet um 1580, Länge 1,5 km, Profilhöhe 3,5 Meter, Breite Wall + Graben ca. 25 Meter.
Der Graben wurde mit Buschwasser geflutet. Der Wall war von einer undurchdringl. Hecke überwuchert. Am Eingang (Slag) ins Dorf, stand ein Wartturm (später Kirchturm).
Landwehr (Schanzen). Der Türmer überwacht die „Lange Wiese“ nach Osten. Bei Gefahr Meldung zum Türmer auf dem Bergfried in der Burg an der Fuhse (Willich 1992).
Zitat Ende


Leider hat der Verfasser seine detaillierten Darstellungen durch keinerlei Quellenangaben belegt. Es ist daher nicht nachzuvollziehen, was Fakt oder Phantasie ist. Grabungen haben nicht stattgefunden. Ich will versuchen, mit gesundem Menschenverstand Licht in das Dunkel zu bringen:

Es war durchaus üblich, Dörfer mit undurchdringlichen Hecken zu schützen. Das half aber allenfalls gegen Diebe, Räuber und Marodeure. Da war die zitierte Landwehr schon besser. Sie half jedoch auch nur, wenn das ganze Dorf von ihr umgeben war. Im vorliegenden Falle sollte sie sich in der angeblichen Länge von 1,5 km in Nord-Südrichtung an der Ostgrenze des Dorfes entlangziehen. Auf Höhe und Breite der Landwehr gibt es keine ernstzunehmenden Hinweise.
Es war unmöglich, die ausgedehnte Anlage mit ein paar Bauern gegen Soldaten zu verteidigen, besonders dann, wenn letztere auf ganzer Länge angriffen. Abgesehen davon, konnte die Landwehr problemlos umgangen werden.
Der „Slag“ war tatsächlich ein Zugang zum Dorf. Dort befand sich ein Schlagbaum. Ältere Einwohner kennen noch die Bezeichnung „Am Schlage“. Die Einrichtung war aber nicht Teil eines Verteidigungssystems. Sie diente hauptsächlich zum Erheben von Wegezoll und dürfte erst in jüngerer Zeit entstanden sein.

Den Graben mit Buschwasser zu fluten, dürfte illusorisch gewesen sein.
Heutzutage führen die Gräben des Busches Wasser nur im Frühjahr oder nach starken Niederschlägen. Möglicherweise gab es vor Jahrhunderten erheblich mehr Wasser. Es war aber keineswegs so viel, um einen Verteidigungsgraben wirksam zu fluten.
Fraglich ist, ob der im Süden des Dorfes verlaufende Landgraben mit der Landwehr in räumlichen und zeitlichen Zusammenhang zu bringen ist. Eher wohl nicht.

Ob die Türme der angeblichen Wehranlage 365 Tage im Jahr Tag und Nacht besetzt waren, wage ich zu bezweifeln. Selbst wenn das möglich war, wurden die Türmer bei monatelanger langweiliger Routine unaufmerksam und konnten leicht überlistet werden.
Schnellmeldungen an die Burg Steinbrück zu senden, um Hilfe zu holen, hätten nicht viel gebracht. Die Stammbesatzung der Burg war gering, Mobilmachung weiterer Personen zeitaufwendig. Bis die vielleicht 20 Mann Burgbesatzung zur Verstärkung vor Ort waren, wäre die Landwehr längst überrannt worden. Und ob die paar Soldaten zur Verteidigung ausgereicht hätten, ist äußerst fraglich. Der Feind hätte die Verteidigungsanlage einfach umgehen können. Außerdem würde doch niemand für ein zweifelhaftes Unterfangen eine feste Burg von ihrer Besatzung entblößen.
Damit die (in meinen Augen von vornherein nutzlose) Anlage ihren Zweck auch nur annähernd erfüllen konnte, hätte sie dauernd verteidigungsbereit sein müssen.

Was wären das für Anstrengungen gewesen, die Landwehr, die steinerne Schildmauer mit den beiden Türmen, den Tunnel und den „ Wartturm“ (Kirchturm) zu errichten. Die verhältnismäßig geringe Einwohnerzahl Groß Lafferdes hätte den finanziellen, logistischen und arbeitszeitlichen Aufwand nicht bewältigen können, zumal sie neben den normal üblichen Frondiensten auch noch für ihren Lebensunterhalt zu sorgen hatte.

Nachdem Groß Lafferde 1523 braunschweigisch geworden war, hätte die „Festungsanlage“ in die falsche Richtung gewiesen. Wenn dieser Wandel um 1580 zum Schleifen der Anlage geführt hätte, fragt man sich, wo die großen Mengen wertvollen Baumaterials geblieben sind. Bei anderen großen Bauwerken (z.B. Burg Steinbrück) ist das überliefert.

Eine aufwendige Verteidigungsanlage wie diese, wäre, wenn es sie gegeben hätte, doch wohl von den Zeitgenossen in irgendeinem Dokument erwähnt worden (Bei dem weit weniger aufwendigen Fuhsedamm war das jedenfalls der Fall).


Vielleicht mag der Kirchturm, evtl. auch die Kirche, Bewohnern des Dorfes zum Schutz vor Räuberbanden oder marodierenden Soldaten gedient haben. Zu mehr aber nicht. Denn trotz der vielen Kämpfe um die Burg Steinbrück gibt es keinen mir bekannten Hinweis, dass die „Landwehr“ jemals angegriffen wurde.


Durch die Schlacht von Dinklar im Jahre 1367 erhielt der Bischof von Hildesheim finanzielle Mittel, die Burg Steinbrück zu errichten. Das muss zwischen 1367 und 1391 geschehen sein (Hermann Adolf Lüntzel, Die Geschichte des Schlosses Steinbrück).
In einem Vertrag wird die Steinbrück 1383 zum ersten Mal erwähnt (Hans Meyer-Roscher, Steinbrück in Geschichte und Gegenwart).
Wenn die Landwehr tatsächlich 1350 errichtet wurde, dann geschah das Jahrzehnte vor dem Bau der Burg.

Nach Adolf Nülles Beweisführung war die Kirche um 1350 über ein viertel Jahrhundert alt, denn in einem Prozess um die Eigentumsrechte an der alten Kapelle (1728) hat das Michaeliskloster versichert, dass in dieser wegen der Einweihung der neu erbauten Kirche seit 1321 keine regelmäßigen Gottesdienste mehr stattfanden.
Nach ernstzunehmenden Recherchen (Richard Wolf, Aus der Geschichte der Kirche zu Groß Lafferde; Wilhelm Baumgarten, 1150 Jahre Groß Lafferde, Von Loferdi bis Groß Lafferde) wurde die Kirche kurz nach 1300 errichtet. Mit dem Bau des Kirchturmes wird man nicht lange gewartet haben. Die Kirche stand also schon Jahrzehnte bevor die Burg gebaut wurde. Damit ist auch die These unsinnig, dass der angebliche „Wartturm“ (Turm der Bernwardskirche) auf der Linie Burg Steinbrück – Kirchturm Messeberg Hoheneggelsen errichtet wurde um Meldungen weiterzugeben. Es war eher so, dass die Burg (vielleicht rein zufällig) auf die Linie Bernwardskirche Groß Lafferde – Martinskirche Hoheneggelsen gebaut wurde, denn die Martinskirche wurde schon 1235 (rund 150 Jahre vor Errichtung der Burg!) zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Für das Weitergeben von Signalen war es auch nicht unbedingt erforderlich, die drei Bauwerke geradlinig auszurichten. Und: Wie gingen die Signale weiter? Waren weitere geeignete, mit Personal ausgestattete Relaisstationen (Kirchtürme) in Richtung Hildesheim vorhanden? Denn der Regierungssitz Hildesheim musste das Ziel der Nachrichtenübermittlung sein.


WederAdolf Nülle noch Richard Wolf noch Wilhelm Baumgarten ziehen im Geringsten in Erwägung, dass der Kirchturm nicht als solcher errichtet wurde.
Wenn man das Gemäuer des Turmes kritisch betrachtet, so kommt man zu der Erkenntnis, dass er trotz seiner großen Masse recht schlank und leicht wirkt (ganz anders als z.B. der Kirchturm auf dem Messeberg in Hoheneggelsen oder der Kirchturm in Lengede).
Man bedenke auch, dass ein höheres Bauwerk, unabhängig von seiner Funktion, bei den damals zur Verfügung stehenden Baumaterialien allein aus statischen Gründen eine gewisse Masse haben musste.

Als das alte Kirchenschiff abgerissen und 1857/1858 ein neues errichtet wurde, hätte man Fundamente der “Wehranlage“ finden müssen. Aber man fand nichts, sonst wäre das Ereignis mit Sicherheit eine Meldung wert gewesen.
Trotzdem handelt es sich bei dem Kirchturm um einen Festungsbau, nämlich im Sinne Dr. Martin Luthers: Ein feste Burg zur Ehre Gottes.

Fazit:
Offensichtlich liegen dem Artikel der Chronik keine überprüfbaren Fakten oder Bodenfunde zugrunde. Der Autor hat einiges behauptet, was nachweislich falsch ist, anderes lässt sich mit logischen Schlussfolgerungen einwandfrei widerlegen.
Um kein falsches Geschichtsbild aufkommen zu lassen (nicht aus Besserwisserei), sah ich mich veranlasst, korrigierend tätig zu werden.


(Quellen: Richard Wolf/Adolf Nülle, Aus der Geschichte der Kirche zu Groß Lafferde; Wilhelm Baumgarten, 1150 Jahre Groß Lafferde, Von Loferdi bis Groß Lafferde; Hermann Adolf Lüntzel, Die Geschichte des Schlosses Steinbrück; Hans Meyer-Roscher, Steinbrück in Geschichte und Gegenwart; Ev.Luth. Kirchengemeinde Hoheneggelsen etc., Martinsbote).
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