Burg Steinbrück und die Mär von der Pulvermühle im Kehrwiederturm

Der Kehrwieder, ursprünglich Festungsturm (Zwinger), später zum großen Teil abgetragen, jetzt Kehrwiederkirche
 
Breschbögen, links und rechts vom Regenwasserfallrohr deutlich zu erkennen.
 
Hier dasselbe nochmal aus anderer Perspektive
Anlässlich einer Burgbesichtigung weist der Burgführer darauf hin, dass sich im Kehrwiederturm eine Pulvermühle befunden haben könnte, Hinweise darauf wären vorhanden
(siehe Ilsede.tv, Video „Gruseltour auf Burg Steinbrück“ vom 14.01.2012).

Diese Aussage dürfte auf Harry Willich zurückzuführen sein, der die Existenz der Pulvermühle publikumswirksam ausgeschmückt in seiner Broschüre „Diener zweier Herren“ dargestellt hat. Es handelt sich meines Erachtens um reine Spekulation, denn Beweise sind bis jetzt nicht vorhanden.

Dagegen gibt es eine ganze Reihe von Anhaltspunkten, die gegen die Existenz einer Pulvermühle vorzubringen sind und bei entsprechender Fragestellung an Substanz gewinnen:

Die am Kehrwiederturm befindliche Tafel weist darauf hin, dass ihn Herzog Julius im Jahre 1573 errichten ließ. Möglicherweise ist die Tafel erst nachträglich an der jetzigen Stelle angebracht worden. Unzweifelhaft ist aber, dass sie aus der Entstehungszeit des Turmes stammt und dessen Funktion als Festungsturm eindeutig belegt. Die geläufige Bezeichnung „Zwinger“ stützt diese Angabe.
Unter dem Zwinger einer Burg wurde ursprünglich der freie Raum zwischen der Ringmauer und der äußeren Umwallung einer Burg verstanden. Diese äußere Umwallung wurde durch einen oder mehrere Türme, Zwinger genannt, abgesichert. Feinde, welche die äußere Umwallung überwunden hatten, konnten so von der Besatzung der Hauptburg bzw. der Ringmauer einerseits und der Besatzung des Zwingers andererseits in die Zange genommen und vernichtet werden.
Der vorhandene unterirdische Gang zwischen Zwinger und Burg diente in Steinbrück als sichere, auch bei Kampfhandlungen uneingeschränkt nutzbare, logistische Verbindung und nicht, wie Willich vorgibt, zum Abtransport der Pulvervorräte aus der Pulvermühle.

Es ist kaum anzunehmen, dass man im ebenerdigen Teil eines 30 m hohen Wehrturmes eine Pulvermühle eingerichtet hätte, zumal die Turmbesatzung im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Pulverfass sitzen würde. Was die Maueröffnungen (Scharten, Fenster) im untersten Turmbereich anbelangt, die angeblich zur Frischluftversorgung und zur Vermeidung von Explosionen erforderlich waren, so ist anzunehmen, dass sie erst geschaffen wurden, nachdem der Turm seine Verteidigungsfunktion verloren hatte. Denn Maueröffnungen im unteren Bereich hätten die Verteidigungsfunktion unverantwortlich geschwächt. Dass man aber die Beschussfestigkeit des Turmes sicherstellen wollte, darauf deuten die noch jetzt sichtbaren Breschbögen hin.

In vielen Mittelalterlichen Städten gibt es Hinweise auf Pulvertürme (z.B. Pulverturm, Pulverturmwall in Peine). In Steinbrück gibt es in dieser Beziehung keinerlei Andeutungen. Selbst Hermann Adolf Lüntzel, exzellenter Kenner und Erforscher der Burg Steinbrück, macht nicht die geringste Andeutung. Er berichtet bis ins Detail über die Versorgung der Burg mit Material und Lebensmitteln, die Viehbestände, die Erträge der Getreidearten, die Anzahl der dienstpflichtigen Bauern, die Zahl der Handwerker nach ihren Gewerken, die Mühlen, die Brauerei, die Einkünfte der Burg und deren Unterhaltungsaufwand, die Stärke der Burgbesatzung, deren Besoldung, Verpflegung und Bewaffnung.
Er berichtet sogar über Gerüchte: So schreibt Kurfürst Maximilian Heinrich am 24.03.1667 an das Dom-kapitel, dass beim Schleifen der Festung „in des Amthauses Steinbrück Graben einige halbe Carthaunen vor diesem gesenkt sein (Halbkartaune: Kaliber 12 – 14 cm, Kugelgewicht 7 – 14 kg „24-Pfünder“, Gesamtgewicht 1,5 – 2 t, Rohrlänge 17 Kaliber). Es werde schade sein, wenn sie also versenkt liegen bleiben und verderben sollten; er wünsche sie also …. herausbringen zu lassen“. Das Domkapitel hatte viel einzuwenden: „Die, Nachricht sei unsicher, die am Graben angepflanzten Obstbäume würden leiden, die Brauerei eingestellt werden müssen, der Geheime Rath von Landsberg habe durch einen … Englischen Ingenieur denselben Versuch machen wollen, sei aber bei der Unsicherheit der Nachricht davon abgestanden“. So wird nichts weiter geschehen sein und die Kartaunen liegen immer noch dort, wenn sie überhaupt jemals dort gelegen haben.
Da Lüntzel bei dieser Akribie seines Arbeitens über eine kriegsentscheidende Angelegenheit wie die Schießpulverproduktion nichts berichtet hat, kann das doch nur heißen, dass es nichts zu berichten gab. Dagegen schreibt er, liegt in Hildesheim „... hinter dem Systernkloster auf dem Walle ein Haus zur Bearbeitung von Pulver, eine Pulvermühle am Dammthore " (in "Mitteilungen geschichtlichen und gemeinnützigen Inhaltes", Koken und Lüntzel, Gerstenberg Hildesheim 1832 Band 1 S. 19).

Außerdem:
Warum sollten Herzog Julius oder dessen Nachfolger die Schießpulverproduktion an die äußerste Grenze ihres Herrschaftsbereiches gelegt haben? Schießpulverproduktion in unmittelbarer Nähe zum potentiellen Feind? Das ist strategisch und taktisch nicht sinnvoll!
Der Herzog besaß nachweislich mindestens 2 Pulvermühlen. Eine in Langelsheim (dort gibt es heute noch die Straßenbezeichnung „An der Pulvermühle“) und eine in Wolfenbüttel. Über letztere schreibt Karl Bege im Jahre 1839 in seiner Chronik der Stadt Wolfenbüttel auf Seite 114: „Die Pulvermühle, die sehr unzweckmäßig hinter der Bibliothek, an dem jetzt zugeworfenen Pulvergraben …. lag, ließ der Herzog bereits 1653 ausbessern“. Die Vermutung, dass diese Pulvermühle schon 70 Jahre vorher (zum Zeitpunkt der Errichtung des Kehrwiederturms) vorhanden war, ist naheliegend. Eine weitere Pulvermühle gab es in der nach Braunschweig eingemeindeten kleinen Ortschaft Eisenbüttel. Dar Braunschweiger Rat kaufte im Jahre 1580 in Eisenbüttel einen aus mehreren Mühlen bestehenden Mühlenkomplex, zu dem auch eine etwas abseits gelegene Pulvermühle gehörte (G. Hassel und K. Bege, Beschreibung der Fürstentümer Wolfenbüttel und Blankenburg, 1. Band, 1802).
Somit gab es mehr als genug Schießpulver.

Die verhältnismäßig geringe Menge Schießpulver, die für die Burg Steinbrück benötigt wurde, konnte man dort problemlos anliefern. Eine Pulvermühle zu errichten, laut Willich mit Läuferstein aus Marmor und Läufern aus Bronze von 8.000 Pfund Gewicht, wäre unwirtschaftlich gewesen.
Solch eine enorme Investition hätte in den Rechnungsunterlagen ihre Spuren hinterlassen und Lüntzel hätte sie, akribisch wie er gearbeitet hat, sicherlich gefunden. Er deutet auch nirgends an, dass die wertvollen Materialien aus Marmor und Bronze nach Auflösung der Pulvermühle in irgendeiner Form verwertet worden sind. Lüntzel hat nirgends über Kosten und Erträge aus der Schießpulverproduktion berichtet.

An der Herrschaftsgrenze Schießpulver über den steinbrücker Bedarf hinaus zu produzieren und dann ins Landesinnere zu transportieren, wäre ökonomischer und logistischer Unsinn gewesen. Man denke nur an die damaligen Transportmittel und Transportwege. Schießpulver an den Grenznachbarn (den Hildesheimer Feind) zu verkaufen, hätte Selbstmord bedeutet.

Darüber hinaus fehlten die erforderlichen Rohstoffe. Man hätte Schwefel, Kaliumnitrat (Kalisalpeter) und Holzkohle (früher bevorzugt aus dem Holz des Faulbaums) von weit herholen müssen.
Schießpulver lässt sich nicht von jedem Müllerburschen herstellen. Fachpersonal wird benötigt, das sich mit dem richtigen Mischungsverhältnis der Rohstoffe, dem Feinheitsgrad des Pulvers und dem Produktionsverfahren genauestens auskennt. Wenn Fachpersonal vorhanden gewesen wäre, hätte es Lüntzel bei der Aufzählung der Burgbesatzungen oder der Bewohnern des Umfeldes mit Sicherheit erwähnt.

Auch für die Zeit nach dem Ende der Braunschweiger Herrschaft (ab 1643) ist nichts davon überliefert, dass der Hildesheimer Fürstbischof oder das Domkapitel in Steinbrück eine Pulvermühle besaßen.

Nach all diesen Überlegungen wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Kehrwiederturm der Burg keine Pulvermühle gegeben haben.
Das gilt auch für Willichs angeblichen unterirdischen Gang, in welchem Pulver von Steinbrück nach Groß Lafferde transportiert worden sein soll. Wäre man wirklich so leichtsinnig gewesen, hochbrisantes Schießpulver in einem engen, dunklen Gang bei Kerzen- oder Fackellicht zirka 2 km weit zu transportieren, und zu welchem Zweck?

Wenn sich unbewiesene, möglicherweise absurde Äußerungen, dass im Kehrwieder der Burg Steinbrück eine Pulvermühle existierte, verbreiten, werden sie irgendwann als wahr empfunden und sind dann nicht mehr auszumerzen.
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