Friedrich Schreiber aus Groß Lafferde, U-Boot-Schicksal im 2. Weltkrieg

Ltn. (Ing.) Friedrich Schreiber
 
Abb. 0 Embleme von U-596
 
Abb. 1 U-569 war ein Boot deises Typs.
 
Abb. 2 Kurt Schrobach
 
Abb. 3 Familie Schreiber; Friedrich, Mutter Minna, Vater Friedrich, Bruder Rudi
 
Abb. 4 Friedrich als Pennäler
 
Abb. 5 Flensburg-Mürwik, Marineschule im Schnee
 
Abb. 4a Friedrich Schreiber als Matrose
 
Abb. 5 a Marineschule, Im Sportzeug
 
Abb. 5b Rekrut Schreiber beimStiefelputzen
 
Abb. 5c Unterrichtspause
 
Abb. 5d Flensburg-Mürwik, Einmarsch des Fahnenzuges zur Vereidigung 30.01.1941
 
Abb. 5e Stubenkamerden, 2. v. L. Friedrich Schreiber
 
Abb. 5f Zu Hause auf Urlaub
 
Abb. 6 Obermechaniker Pesken und Fähnrich Schreiber am 03.05.1942 in Oslo
Das Boot
U-596.



Der U-Boot-Krieg, fokussiert auf Leutnant (Ing.) Friedrich Schreiber aus Groß Lafferde.



Vorbemerkungen:

Das Boot,
so lautet der Titel von Lothar-Günther Buchheims 1973 erschienenem Roman und Weltbestseller über den Unterseebootkrieg des 2. Weltkrieges, den er nach eigenen Erlebnissen geschrieben hat. Buchheim fuhr als Leutnant (Sonderführer) auf der 7. Feindfahrt von U-96 (27.10.1941 bis Ende Dezember 1941) als Kriegsberichterstatter.
Wer den Roman gelesen oder den auf seiner Grundlage gedrehten gleichnamigen Film gesehen hat, wird frappierende Ähnlichkeiten mit dem Bericht feststellen, den der Ubootfahrer Kurt Schrobach kurz nach Kriegsende bezogen auf seinen gefallenen Freund und Kriegskameraden Friedrich Schreiber verfasst hat.
Die vielen Ähnlichkeiten in den literarischen Schilderungen Buchheims und den authentischen Darstellungen Schrobachs führen zu der Erkenntnis: „So muss es wirklich gewesen sein!“.
Der damalige Leutnant z. See Kurt Schrobach gehörte als WO zur Besatzung von U-596, auf welchem auch Friedrich Schreiber als Leutnant (Ing.) fuhr.
Die Veranlassung zu dem Bericht ist aus folgendem, als Auszug wiedergegebenem Briefe Schrobachs an die Eltern Friedrich Schreibers ersichtlich:

(Zitat:) Hamburg-Finkenwerder, den 26.12.1944
…….. Leider wurde mir Ihr Brief vom 7. Nov. erst jetzt hierher nachgesandt. Ich hoffe, dass Sie inzwischen meine letzten Zeilen empfangen haben.
Sehr gerne will ich Ihnen einen Bericht über die Fahrten, die ich mit Fritz gemeinsam erlebte, geben. Bitte haben Sie nur etwas Geduld mit mir. Ich stelle hier in kurzer Zeit ein Boot in Dienst und habe im Augenblick mächtig viel um die Ohren. ………. (Zitat Ende)

Zur Person des Autors:
Kurt Schrobach * 11.09.1914 in Kiel + tt.mm.1999 (Abb. 2)
Oberleutnant zur See (01.01.1945)
U-Booteinsätze: U- 5 Ob.Fk.Mt. U-96 Ob.Fk.Mt., U-251 WO (01.42-10.42), U-596 WO (04.43-06.44), U-2360 Kdr. (01.45-05.45)


Einführung


Aus Aufzeichnungen des Ortschronisten Rektor Richard Wolf (III/18, VII/8):
Familie Schreiber Abb. 3
Friedrich Schreiber
geb. 10.11.1921 in Klein Lafferde
Eltern: Schneidermeister Friedrich Schreiber
Minna Schreiber geb. Michelmann
Bruder Rudi
Groß Lafferde Hauptstr. 199, (jetzt Lahstedt, Bierstr. 39)
Friedrich Schreiber wurde unter Überspringung zweier Klassen Ostern 1935 auf Grund guter Leistungen und hervorragender Begabung in der Oberschule in Peine (jetzt Ratsgymnasium) aufgenommen. Friedrich als Pennäler: Abb. 4
Harte Arbeit und viel Fleiß wurden dort durch gute Zeugnisse, Auszeichnungen und Anerkennungen belohnt. (Die Fritz Behrens-Stiftung hat drei Jahre lang das Schulgeld bezahlt.)
Nach dem Abitur bekam er im Februar 1941 den Stellungsbefehl zur Kriegsmarine.
Nach der Grundausbildung und Beförderung zum Fähnrich kam die Versetzung zur technischen Ausbildung auf ein Schnellboot, einen Zerstörer und Kriegsschiff Scharnhorst.
Nach Beförderung zum Leutnant Ing. wurde er auf ein U-Boot im Mittelmeer versetzt, das er dann nach mehreren Feindfahrten als leitender Offizier übernahm.
Das Boot war 1944 das letzte U-Boot, das im Mittelmeer eingesetzt war. Lt.Ing. Friedrich Schreiber errang damit nach mehreren Feindfahrten das U-Bootsfahrabzeichen und das E.K. I. und II. Klasse.
Wegen der sich zeigenden Übermacht der Feinde sollte das U-Boot dann auf Befehl der Kriegsmarine in einen Hafen Griechenlands einlaufen und dort gesprengt werden. Dabei wurde Lt.Ing. Schreiber bei einem plötzlichem feindlichem Fliegerangriff am 24.09.1944 schwer verwundet.
Trotz sofortiger Hilfe und Einlieferung in ein Lazarett erlag er aber am 25.09.1944 seinen Verletzungen.
Er wurde von seiner Mannschaft auf dem Heldenfriedhof Kokkinia bei Athen zur letzten Ruhe beigesetzt.
(Ende der Aufzeichnungen von Rektor Richard Wolf)


Marineausbildung

Friedrich hatte sich als Anwärter für die höhere Marinebaubeamtenlaufbahn beworben. Weil das abgelehnt wurde, entschied er sich für die Laufbahn des Ingenieur Offiziers.
Er wurde, wie alle angehenden Marine-Offiziere, in Flensburg- Mürwik ausgebildet (Abb. 5).
Aus dieser Zeit sind noch mehrere Briefe an seine Eltern erhalten. Darin schildert er die Ausbildung als sehr anstrengend. Freizeit gab es fast gar nicht. Sein gesamtes bisheriges Leben, abgesehen vom Vorschulalter, hatte er immer die Schulbank gedrückt. Zeitweilig ging ihn die Schule derartig auf die Nerven, dass er sich nach einem Frontkommando sehnte. Dennoch war er kein Kommisskopp. Kritik äußerte er an Protektionismus, Vetternwirtschaft, „Radfahrerei“, Überheblichkeit, Großmannssucht, Gleichgültigkeit, und Postenjägerei. Er war von seinem Beruf enttäuscht und konnte sich ein Berufsleben als Marine-Offizier nicht vorstellen. Nach Kriegsende wollte er ins Zivilleben zurückkehren.

Ausbildungsstufen:
Rekrutenkompanie 01.01.1941 – 31.03.1941 Stralsund – Dänholm
Werkstattlehrgang 01.04.1941 – 24.05.1941 Flensburg-Mürwik „Caribia“
Bordzeit 25.05.1941 – 30.09.1941 Schlachtschiff „Scharnhorst“
Fähnrichshauptlehrgang 02.10.1941 – 15.02.1942 Flensburg –Mürwik (Memellager)

Im Anschluss an die Offiziersausbildung und einigen Einsätzen (Abb. 6) wurde er in Pillau (Abb. 7) auf U-21 für U-Boot-Verwendungen geschult (Abb. 8 und 9).




Aufzeichnungen von Kurt Schrobach:


Der Tod fürs Vaterland
Du kömmst o`Schlacht! Schon wogen die Jünglinge
hinab von ihren Hügeln hinab ins Tal,
wo keck herauf die Würger dringen
Sicher der Kunst und des Arms, doch sichrer
kömmt über sie die Seele der Jünglinge,
denn die Gerechten schlagen wie Zauberer
und ihre Vaterlandsgesänge
lähmen die Knie der Ehrelosen.
O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen auf,
damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods!
Umsonst zu sterben, lieb ich nicht, doch
Lieb ich zu fallen am Opferhügel.
Fürs Vaterland zu bluten, des Herzens Blut
Fürs Vaterland – und bald ists geschehn! Zu Euch
Ihr Teuern, komm ich, die mich leben
lehrten und sterben, zu Euch hinunter!
Wie oft im Lichte dürstet ich euch zu sehn,
ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit.
Nun grüßt ihr freundlich den geringen
Fremdling, und brüderlich ist`s hier unten;
Und Siegesboten kommen herab: Die Schlacht
ist unser! Lebe droben, o Vaterland
und zähle nicht die Toten! Dir ist,
Liebes, nicht einer zu viel gefallen. Hölderlin





Den lieben Eltern

meines Freundes und Kriegskameraden
Friedrich Schreiber (Abb. 10)

in Verehrung gewidmet.

Kiel, am 1. Juni 1946

Kurt Schrobach




Im heißesten Polisaner (Anm. Pola, Pula, Istrien) Sommer, Ende Juli 1943 (Abb. 11), kamst Du zu uns an Bord.
Eine lange Feindfahrt im Westen lag hinter Dir, und nun solltest Du unseren L.I., der ein großes Boot übernahm, nach einer Einführungsfahrt ablösen.
Damit wurdest Du gleichzeitig der jüngste U-Boots-L.I. im Mittelmeer.
Wir beide waren Crew-Kameraden und haben uns vom ersten Augenblick an prächtig verstanden.


Nur kurze Zeit war Dir gegönnt, Boot und Besatzung kennenzulernen (Abb. 12, Abb. 13), dann ging es hinaus mit Süd- und später Ostkurs an die Gestade des gelobten Landes.

Es war August geworden, und für uns Nordländer wurde es ungemütlich warm in diesen Breitengraden.
Den lieben langen Tag, fast volle zwanzig Stunden, schlichen wir unter Wasser dahin, das durch die intensive Sonneneinstrahlung einer lauwarmen Salzbrühe glich.
Im Boot herrschte tropische Hitze. Bekleidet waren wir nur mit der Sporthose und einem um den Hals geschlungenen Handtuch.
Alles an Bord klebte und schwitzte. Ein übler Schimmelgeruch vermengte sich mit dem Dunst der Dieselmotoren und den Gerüchen aus den Bilgen.
Durch den Sauerstoffmangel wurde die Luft zum Erbrechen schlecht. Gegen Abend keuchte alles bei jeder Bewegung. An Schlaf war nicht zu denken, es sei denn, man ließ einen Lüfter mitten über der Koje den Mief durchquirlen.
Der schönste Augenblick des Tages nahte mit dem Auftauchen, wenn alles mit keuchenden Lungen auf das Öffnen des Turmluks wartete, und dann endlich die für unser Empfinden kühle Nachtluft, von den anspringenden Motoren ins Boot gesaugt, durch unsere Lungen flutete. Dann erwachten die Lebensgeister und auch der Magen verlangte sein recht. Im Turm riss die Kette der Raucher nicht ab. Zu kurz war die Zeit, in der uns Luft gegönnt war.

Lohnende Beute kreuzte selten jene Gewässer. Die Dampfer waren mächtig rar. Ab und an sauste einer, mächtige Zickzackkurse steuernd, weitab an uns vorbei.
Nur Segler aller Typen, einer dreckiger als der andere, gab es in rauer Menge. Das wurde uns auf die Dauer zu bunt, und nach dem Wahlspruch unseres Kommandanten „Kleinvieh macht auch Mist“, beschlossen wir, einige davon zu den Fischen zu schicken.
Beim ersten waren wir noch Anfänger auf diesem Gebiete und verschossen unheimlich viele Munition. Allmählich kamen wir jedoch in Übung und der achte, ein stattlicher Motorsegler, ging nach wenigen wohlgezielten Treffern brennend in die Tiefe. Die Besatzungen stürzten bei unserem Erscheinen blitzartig in die Boote und waren überglücklich und wohl auch verwundert, dass wir ihnen nicht den Garaus machten.
Nach tagelangem Auf-der-Stelle-treten dicht unter der Küste lief uns dann doch noch ein modernes Kühlschiff vor die Rohre. Nach zwei wohlgezielten Treffern versank es nach kurzer Zeit.
Unbedingt sollten weitere derart fette Brocken daran glauben, jedoch ein Tag verrann wie der andere, und in dem ewigen Einerlei des täglichen engen Zusammenlebens wurden unsere Geduld und Kameradschaft auf eine harte Probe gestellt.
Nach fünf Wochen - endlich - erreichte uns der Befehl, den Stützpunkt Salamis anzulaufen (Abb. 14 und 15).
Es erschien uns wie ein Geschenk, dieser stete Aufenthalt in der frischen Luft und der herrlichen Sonne Griechenlands (Abb. 16).
Jedoch die unzähligen Stechfliegen und Moskitos machten uns die Nächte zur Qual. Wir waren vom Regen in die Traufe gekommen.
In unserem Zimmer, das sich durch spartanische Einfachheit auszeichnete, konnten wir trotz doppelter und dreifacher Moskitonetze nüchtern einfach keinen Schlaf finden.
Einmal hattest Du Deine Koje draußen im Garten aufgeschlagen, wo eine leichte Brise vorbeistrich. Nach einiger Zeit kehrtest Du schimpfend wie ein Rohrspatz wieder, die Bergziegen hatten Dich nicht zur Ruhe kommen lassen.
So waren wir trotz Wein und Obst, trotz der fremdartigen Schönheit des ganzen Landes heilfroh, wie wir Ende September wieder auslaufen konnten.

Nun hattest Du als leitender Ingenieur dem Kommandanten gegenüber die volle Verantwortung für die Maschinenanlage und die Tauchfähigkeit des Bootes übernommen.
Wir gingen einer erfolgreichen aber auch äußerst harten Unternehmung entgegen. Die Cyrenaika war unser Ziel.
Ein Fieber, verursacht durch die Stechfliegen an Land, zwang uns, das Boot einige Tage in ruhige Gewässer zu verholen.
Nur kurz hatten wir danach im Operationsgebiet gekreuzt, als uns der Horcher schnell anschwellende Schraubengeräusche meldete. Ohne Zweifel. Es war ein großer Geleitzug, den der Kommandant eine Stunde später auch im Sehrohr ausmachen konnte. „Sofort ran!“, das war die Losung. Alle Rohre werden klargemacht.
Im Sehrohr ist ein einziger Mastenwald zu erblicken. Flinke Bewacher brausen mit wechselnden Kursen aufgeregt durch die fast ruhige See.
In der Zentrale, dem Herz des Bootes, blicken alle Augen auf Dich (Abb. 17). Wie würdest Du die erste große Probe in der Tiefensteuerung bestehen? Nun – einfach hervorragend!
Trotz der großen Unruhe und Bewegung im Boot, die jedes Klarmachen zum Angriff mit sich bringt, liegt es ruhig auf der befohlenen Tiefe.
Unterdes wird das Mahlen der vielen Schrauben dort oben lauter und lauter. Wir können es schon mit bloßen Ohren wahrnehmen. Doch der Kommandant will noch dichter ran, um die Trefferaussichten zu erhöhen.
Endlich kommt der erlösende Befehl „Fächer - los!“, und vier Aale ziehen ihre todbringende Bahn, begleitet von unseren heißesten Wünschen.
Schier endlos langsam schleicht der Sekundenzeiger dahin, bis plötzlich zwei metallische Doppelschläge, gefolgt von heftigen Detonationen, uns von der unerträglichen Spannung erlösen.
Zur Sehrohrbeobachtung war dem Kommandanten keine Gelegenheit mehr gegeben. Ein Zerstörer hatte bei der Schussabgabe, schwarze Rauchwolken ausstoßend, auf uns zugedreht.
Deine ganze Aufmerksamkeit galt dem Boot (Abb. 18). Mit Höchstfahrt steuerten wir die schützende Tiefe an, noch nicht wissend, ob wir entdeckt waren und uns ein Hexenkessel bevorstand.
Aus dem Horchraum, unserem einzigen Sinneswerkzeug unter Wasser, kam die Meldung „Peilung steht und wird schnell lauter!“. Das war übel. Und in der Tat, die ersten acht Wasserbomben rauschten herunter und detonierten mit ohrenbetäubendem Getöse. Das Boot schüttelte sich unwillig. Die Spanten krachten. Hier und dort traten Ausfälle ein.
Es war kurz nach 11 Uhr. Weitere schnelle Schraubengeräusche wurden gemeldet. Es war uns klar – eine U-Jagdgruppe hatte den Kampf mit uns aufgenommen. Vier gegen einen stand es. Grimmig entschlossen setzten wir uns zur Wehr. Mit allen uns zur Verfügung stehenden Schlichen suchten wir der Meute zu entrinnen. Aber Stunde auf Stunde verrann im Bersten der Wabos (Abb. 19). Das peitschen der feindlichen Ortungsgeräte riss nicht ab, und immer wieder wurden wir überlaufen.
Du harrtest die ganze Zeit über in der Zentrale aus. Eine Schadensmeldung nach der anderen wurde an Dich durchgegeben. Stets aufs Neue musstest Du überall eingreifen. Dein ganzes Können verlangte die Meisterung der Tiefensteuerung des mittlerweile 30° achterlastig gefallenen Bootes. Aber nie war Verzagtheit oder Ratlosigkeit in Deinen Zügen zu lesen. Stets befahlst Du das Richtige und im Fluge hattest Du Dir die Herzen der Besatzung erobert.
Oben musste es inzwischen dunkel geworden sein. Uns jedoch wurde keine Sekunde Ruhe gegönnt.
Schon lange war die Luft sehr, sehr knapp und ein jeder von uns hatte die lästige Alkalipatrone umgeschnallt (Abb. 20).
Pfeifend rangen die Lungen nach Sauerstoff. Jede kleine Bewegung wurde zur übermäßigen Anstrengung. Die Beine wollten schier den Dienst versagen. Alle waren wir schweißgebadet. Aber die Tatsache, dass wir dem Feinde erheblichen Schaden zugefügt haben mussten, ließ uns trotzig weiter ausharren.
Wieder verrannen Stunden. Mitternacht war vorüber, da meldetest Du dem Kommandanten, dass wir auftauchen müssten. Die Batterie war leer. Aber auch wir waren physisch am Ende unserer Kräfte. Der Kohlensäuregehalt der Luft war abnorm. Die ersten Vergiftungserscheinungen traten ein.
Das Boot war noch achterlastiger gefallen. Im Heckraum eindringendes Wasser wurde zum Trimmausgleich mit Eimern nach vorn getragen.
Zum ersten Male vor eine solche Aufgabe gestellt, vollbrachtest Du mit der Tiefensteuerung ein Meisterstück.
Glücklicherweise hatten sich die Geräusche der Bewacher oben etwas entfernt.
Flüsternd geht der Befehl „Boot klarmachen zum Auftauchen!“ durch alle Räume. Und ganz behutsam bringst Du uns auf Sehrohrtiefe. „Auftauchen!“. Pfeifend und rasselnd jagt die letzte Luft in die Tauchzellen. Alles hält den Atem an. Würde uns nun der Feind in Empfang nehmen?
Weit über 1000 Millibar herrschen im Boot. Stechend legt sich der schnelle Druckausgleich auf die Trommelfelle, und heftig wird das Turmluk aufgeschleudert.
Die Brückenwache klettert, so schnell es ihre rauen Glieder erlauben, die Steigeisen empor zur Brücke.
Stockfinstere Nacht. Eine leichte Dunstschicht schwebt über der Kimm, und drohend rot blickt die Venus auf uns hernieder.
Vom Feinde ist nichts zu sehen. Wir durften aufatmen.
Die Lüfter heulen auf Hochtouren. Die Atempatronen werden abgerissen und unendlich dankbar saugen wir die kühle Nachtluft in uns hinein.
Nun gilt es, koste es was es wolle, Abstand zu gewinnen. „Beide Diesel große Fahrt voraus!“. “Wachfreie Besatzung auf die Brücke!“. „Ladung einlegen!“. Ein Befehl jagt den nächsten.
Von L.I. an Kommandant: “Boot ist für zwei Stunden tauchunklar!“. Kmdt. an L.I.: „Mit allen Mitteln Tauchklarzustand herbeiführen!“.
Während oben die seemännische Wache, das Glas vor die müden Augen gepresst, unablässig in die Finsternis starrt, gehst Du wieder ans Werk.
Die Schäden, die unser Boot davongetragen hatte, waren arg. Unermüdlich eiltest Du von der Zentrale bald in die E-Maschine, bald nach vorn in den Bugraum und dann wieder zu den Dieseln, die das Äußerste hergeben mussten.
Meile auf Meile legten wir donnernd zwischen uns und den Gegner.

Es mag drei Uhr gewesen sein, da meldete der achtere Ausguck „Leuchtgranate achteraus!“. Wie elektrisiert fuhren wir herum. Ohne Zweifel, man war uns auf den Fersen. Noch versank die Leuchtgranate hinter der Kimm.
Nun hieß es, die Minuten nutzen. Fieberhaft hast Du gearbeitet, angeordnet, Befehle erteilt und Klarmeldungen entgegengenommen. Und Du schafftest es. Die Bilgen waren lenzgepumpt, die Luft erneuert, ein kleiner Pressluftvorrat wieder aufgefüllt, etwas Saft in der Batterie, die größten Schäden notdürftig beseitigt.
Noch keine zwei Stunden waren vergangen, da konntest Du dem Kommandanten melden: „Boot ist tauchklar!“.
Wir waren froh. Denn schon standen die Leuchtkörper höher. Die Schar der Verfolger kam näher und würde uns mit ihrer größeren Geschwindigkeit bald einholen. Eine Viertelstunde wurde weitergelaufen, um noch mehr in die Batterie hinein zu pfropfen. „Fluten!“ – Zischend entwich die Luft der Tauchtanks aus den Entlüftungen.
Mit klopfendem Herzen gingen wir wieder in die Tiefe. Uns allen war klar, dass wir mit den geringen Reserven und mit den Schäden am Boot keine lange Verfolgung durchstehen konnten. Da stelltest Du beim Herunterreißen des Bootes eine Wasserschichtung fest, und in schlagartiger Erkenntnis der Chance hattest Du das Boot in kurzer Zeit mit gestoppten Maschinen eingeschwebt. Misstrauisch wurden die Tiefenmesser noch eine Weile beobachtet. Jedoch es war geglückt.
Im Horchgerät hörten wir die Verfolger heranbrausen. Wieder waren ihrer vier. Weit auseinandergezogen kamen sie von achtern auf. Die Spannung und Erregung stieg von Minute zu Minute. Die Peilung stand, und bald war das verhasste Mahlen der Schrauben mit bloßen Ohren wahrzunehmen. Alles hielt den Atem an. Hatten sie uns? Nein – Der Feind dampfte, sich auf unserer Fährte wähnend, stur nordnordostwärts davon.
Erschöpft sank die wachfreie Mannschaft in einen bleiernen Schlaf.

In der kommenden Nacht steuerten wir die Straße von Otranto an. Das Wetter war günstig. Pechschwarze Finsternis, von den Blitzen zahlloser Gewitter an allen Horizonten immer wieder schlagartig erhellt, um einen Rundblick nehmen zu können. Ein Regenschauer jagte das andere. Es war ein richtiges Durchbruchswetter. Unbehelligt schafften wir es, und am 11. Oktober tauchte aus dem Morgendunst die wohlvertraute Silhouette von Pola auf (siehe dazu Abb. 22 und 23).
Für Deine hervorragende Leistung wurdest Du vom Kommandanten mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
Über einen Monat währte die Werftliegezeit. Arg waren die Schäden, die uns die Wabos zugefügt hatten (Abb. 24, 25, 26). Der größte Teil der Besatzung erhielt Heimaturlaub. Auch Du durftest nach Hause fahren (Abb. 27).

Das Auslaufen rückte näher und näher, da erreichte uns ein Telegramm, dass Du in ein Lazarett eingeliefert seist und an eine rechtzeitige Rückkehr nicht zu denken wäre.
Das war für unsere Bordgemeinschaft ein schwerer Schlag. Nun galt es, einen neuen L.I. zu suchen. Zu guter Letzt bekamen wir einen und Ende November ging es dann südwärts zu einer Unternehmung, auf der wir vom Pech verfolgt waren. Kein Aal wollte treffen. Es war zum Verzweifeln.
Den Heiligen Abend feierten wir unter Wasser. Ein kleiner kunstvoller Tannenbaum aus Blech zauberte uns in eine deutsche Weihnachtsstimmung. Zum Jahresende spürten wir wieder festes Land unter den Füßen.
Einstimmig forderte die gesamte Besatzung Deine Rückkehr, und Ende Januar war es dann geschafft. Du warst unser L.I. (Abb. 28).
Frohgemut und alle prächtig ausgeruht ging es im Februar hinaus in den Golf von Tarent und vor die Straße von Messina (Abb. 29 und 30). Ein Dampfer wurde versenkt und ein weiterer torpediert. Wabos kleckerten auf uns herab, konnten uns aber dieses Mal nichts anhaben.
Am 4. März grüßten uns die Türme von Pola (Abb. 31 - 35), und beim Einlaufen sahen wir beide ein neues aber bekanntes Gesicht auf der Pier. Es war Eckhardt, der bei uns als W.O. einsteigen sollte. Wahrlich, eine seltsame Fügung! Eckhardt und Du, Ihr wart Schulkameraden, und ich war mit ihm im Januar anlässlich eines Kurzlehrgangs in Gotenhafen beim nächtlichen Einlaufen von einer Übungsfahrt ins Gespräch gekommen.
Die Einlauffeierlichkeiten (Abb. 36 – 38), die erst ihr Ende fanden, nachdem wir beide die richtigen Füllungen hergestellt hatten, musste Eckhardt gleich mitmachen.
Wir verlebten eine herrliche Werftzeit, konnten beide zusammen auf Urlaub fahren, brausten bei dieser Gelegenheit mit einem Schnellboot über die blaue Adria nach Venedig und reisten von dort aus heimwärts.

Anfang April sahen wir uns im Stützpunkt wieder, freudig von Eckhardt begrüßt. Schon bald hatte das Meer uns wieder.
Zwei Tage lagen wir schon auf Südkurs, da liefen wir nachts auf der Höhe von Bari einer Suchgruppe in die Arme. Unsere Ortungsimpulsempfänger hatten uns schon lange angezeigt, dass dicke Luft war.
Die Nacht war schwül und dunkel. Kein Windhauch kräuselte die bleiernen Wasser. Plötzlich kommt aus dem Dunst voraus ein Schatten in Sicht. Ein Zerstörer! „Hart Backbord!“. „Beide Maschinen große Fahrt voraus!“. „Rohr V fertig!“. Wir zeigen dem Feinde das Heck und jagen ihm einen Torpedo entgegen. Er beschießt uns mit Artillerie. Alarm! Nichts wie runter. Kurz darauf beim auf Tiefe gehen eine Mordsdetonation. Im Horchgerät achteraus nichts mehr zu hören. Der Aal hatte seine Schuldigkeit getan.
Jedoch zum Frohlocken war keine Zeit. Wir mussten weiter herunter (Abb. 39). Zwei andere Schnelläufer waren zu hören, und nur zu bald wurden wir wieder gehetzt (Abb. 40). Drei Tage wurden Tonnen von Sprengstoff auf uns herabgeworfen. Die Burschen verstanden ihr Handwerk. Haargenau über uns detonierten die Bomben mit unheimlichem Getöse. Die Sprengstücke klatschten gegen den Druckkörper. Dreimal mussten wir uns auf Grund legen, weil die Batterie erschöpft war.
In jeder Nacht versuchten wir wieder südwärts zu stoßen. Aber kaum waren wir aufgetaucht, da wurden wir wieder geortet. Überall Leuchtgranaten und Bomben. Wieder runter. Nach einer Weile wurde ein neuer Versuch unternommen. Jedoch erst in der vierten Nacht glückte uns der Durchbruch durch die Otrantostraße.
Korfus zerklüftete Küsten wurden angesteuert, und in einer kleinen versteckten Bucht liefen wir dicht unter Land die ganze Nacht auf und ab, um Dir Gelegenheit zu geben, Batterie und Maschinenanlage wieder in Ordnung zu bringen und die größten Ausfälle, so gut es eben ging, zu beseitigen.
Für Eckhardt, den U-Bootsneuling, waren diese Tage eine sehr harte Probe, aber er hat seine Sache bestens gemacht.

Im Morgengrauen liefen wir auf unser Operationsgebiet, den Golf von Tarent zu. Auf dieser Unternehmung war uns das Glück einfach nicht hold. Schon nach wenigen Tagen wurden wir erneut von einer Suchgruppe erfasst, und hatten wieder lange, lange Stunden hindurch unsere Standhaftigkeit zu beweisen.
Die nur behelfsmäßig behobenen Schäden traten wieder in Erscheinung, und es bedurfte Deines ganzen Könnens, das Boot in der ohnehin gefährlichen Tiefe zu halten. Ein starker Wassereinbruch erschwerte Dir die Steuerung ungemein. Immer achterlastiger fiel das Boot. Unvermeidlich wurde das hinten eindringende Wasser in Pützen nach vorne gemannt.
Als nach Mitternacht die Detonationen entfernter klangen, und Du unser Boot mühsam wieder an die Oberfläche gezogen hattest, da war uns allen klar, dass Du ein Meisterstück vollbracht hattest.
Die Schäden, die wir durch diesen erneuten Angriff davongetragen hatten, stellten sich als so erheblich heraus, dass wir sofort den Rückmarsch antreten mussten.
Die seelische Belastung auf dieser Unternehmung war sehr groß. Hätte nicht Dich, Eckhardt und mich eine so prächtige Kameradschaft verbunden, die bei dem engen Zusammenleben naturgemäß auf die gesamte Besatzung überstrahlen musste, es wäre alles nicht so leicht zu ertragen gewesen.
Meine Güte nochmal, was haben wir oft für einen Unsinn gemacht. Eckhardt stand dann meistens schmunzelnd dabei und schüttelte sein Haupt. Er wurde in seiner spröden Art erst langsam warm. Zu groß waren auch für ihn, den Gründlichen, die Eindrücke auf seiner ersten Unternehmung gewesen.
Beim Einlaufen wurde Dir vom Stützpunktleiter das Eiserne Kreuz I. Klasse an die Brust geheftet (Abb. 41). Die ganze Besatzung hat sich mit Dir dazu gefreut. Es war keiner da, bis herunter zum jüngsten Matrosen, der nicht wusste, dass Du es ehrlich verdient hattest.


Es ist ein eigen Ding, die U-Bootfahrerei. Kommandant und L.I. bestimmen den Geist und den Wert eines Bootes. Alle anderen Männer an Bord führen nur ihre Befehle aus.
Trotz Deiner Jugend hast Du vermöge Deines Könnens die schwierigsten Situationen gemeistert, stets ganz allein auf Dich gestellt; denn es war niemand da, den Du hättest um Rat fragen können. –
Eine lange Werftzeit stand uns bevor. Herrliche Tage der Entspannung durften wir drei zusammen verleben.
Da erreichte uns ein Funkspruch vom Führer der Unterseeboote Mittelmeer, dass das Boot von einer neuen Besatzung übernommen werden sollte. Unsere Stammbesatzung, die zum überwiegenden Teil mehr als zehn Feindfahrten hinter sich hatte, sollte zur Personalreserve in Heimatstützpunkte kommandiert werden. Nur Du, Eckhardt, einige Unteroffiziere und Männer sollten unter dem neuen Kommandanten weiterfahren.
Wir konnten es einfach nicht fassen, dass unsere prächtige Bordkameradschaft so jäh auseinandergerissen werden sollte. Aber schon traf die neue Mannschaft ein, und nach einigen Tagen der Übergabe war Ende Mai 1944 für uns die Abschiedsstunde gekommen. Der Wein half uns über die Trennung hinweg und noch einmal verlebten wir mit unserem ganzen Haufen herrliche Stunden, bevor wir in alle Winde zerstreut, auseinander gingen.
Für Euch begann jetzt eine ernste Zeit.
Als eines der letzten Boote im Mittelmeer, wurdet Ihr und der Stützpunkt das Ziel heftiger Luftangriffe, die Euch erst Anfang August wieder auslaufklar werden ließen.
Aus Deinen Briefen konnte ich die Ungeduld lesen, dem Dir so leid gewordenen Werftbetrieb Lebewohl sagen zu können.
Mit der neuen Besatzung hattest Du Dich gut eingelebt. Kein Wunder schließlich, die Männer haben ein feines Gefühl dafür, ob einer etwas kann.

Der Kampf draußen war unsagbar hart geworden. Zu groß war die Meute der Verfolger für die wenigen noch operierenden Unterseeboote geworden.
Nach wenigen erfolgreichen Wochen schon, steuertet Ihr Griechenland zur Ergänzung an. Ihr solltet bei der Verteidigung der Ägäis eingesetzt werden. Aber es kam anders.
Unbesiegt auf See fiel das brave Boot feindlichen Bomben in Salamis zum Opfer. Bei der Sprengung seiner Reste wurdest Du von einem neuen Angriff überrascht und opfertest Dein junges Leben dem Vaterlande. Deine letzten Gedanken werden Deinen Lieben daheim gegolten haben.
Oft, wenn wir beide über die letzten Dinge ins Gespräch kamen, sagtest Du zu mir, dass es unsere Pflicht sei, wenn es sein müsse, unseren Männern vorzusterben. Du möchtest aber Deiner Eltern wegen gerne wieder gesund heimkehren.
Möge es Deinem Vater und Deiner Mutter ein kleiner Trost in dem großen Schmerz sein, dass nur wenige so junge Offiziere wie Du ihren Männern durch ihr Leben und Sterben Vorbild geworden sind.
Friedrich wird immer weiterleben in unseren Herzen. Unsterblich ist der Toten Tatenruhm!

(Ende des Berichtes des Kurt Schrobach)



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Der Leutnant zur See Eckhardt Krüer, Friedrichs Schulfreund und Kamerad auf U -596, war quasi Augenzeuge der Todesumstände und schildert das in folgendem Brief:

20.11.1944
Liebe Eltern von meinem Kameraden Fritz,
es sind nun fast zwei Monate vergangen – und es ist nicht so, wie ich gedacht habe, dass man mit der Zeit ruhiger darüber wird und ruhiger darüber denken und sprechen kann.
Nur möchte ich gleich am Anfang sagen, dass die amtliche Benachrichtigung (Abb. 42, 43, 44) mir nicht zustand – sonst hätte ich versucht, Ihnen eher zu schreiben.
Ich sitze bei einem kümmerlichen Lichtstümpfchen in einer serbischen Bauernkate, ein paar hundert Meter hinter der vordersten Linie.
Ich will Ihnen alles schreiben, wie es geschah und auch das Vorher und das, was danach war. Das gehört mit zu diesem Brief.
Nach unserem Einlaufen am Anfang September war Fritz immer etwas gedrückt – und darum mag er auch so wenig geschrieben haben – es war für ihn – wie für mich – nicht der Kommandant und nicht die Kameradschaft, wie wir es auf unserer ersten gemeinsamen Fahrt erlebt hatten.
Dann kam es, dass unser Kommandant ein anderes Boot bekam, und dass ein anderes U-Boot – mit uns das letzte im östlichen Mittelmeer – von englischen Viermotorigen kurz vor dem Auslaufen durch überraschenden Luftangriff versenkt wurde.
Von der Erkenntnis gepackt, dass wir nur durch äußerste Anstrengung unser Boot bis zur drohenden Invasion einsatzklar bekommen würden, denn die Schiffswerft war bei dem Angriff sehr beschädigt worden, und im Vertrauen, dass er im zukünftigen neuen Kommandanten einen besseren Rückhalt bekommen würde, ging er nun mit neuer Energie und Umsicht an die Wiederherstellung des Bootes und die Erziehung der Besatzung.
Ich hatte ihn noch nie so gesehen. Damals, noch ohne Kommandanten, lag die Verantwortung ganz in seiner Hand. Er überführte das Boot zu einer anderen Werft um die Fertigstellung zu beschleunigen, er setzte die ganze Besatzung, auch die Seeleute, zur Mitarbeit an. Er war so auf der Höhe, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. An dieser jungen, schlecht erzogenen Besatzung hatte er ja erst eine richtige Aufgabe. –
Am Sonntag, dem 24. September griff dann der Engländer wieder mit Viermotorigen an – er erfasste unser Boot in der Werft Skaramanga, einige Meilen nördlich Salamis, mit einem Bombenteppich. Das Boot wurde hart getroffen, sank aber nicht.
Am nächsten Tag, dem 25. September, bekam Fritz den Befehl, das Boot durch Sprengung ganz zu vernichten. Er fuhr mit einigen Soldaten am Morgen hinüber.
Es dauerte dann lange, bis sie zurückkamen – spät abends kamen die Leute zurück und berichteten mir: Am Mittag wurden sie durch einen Fliegerangriff überrascht – die Bunker konnten nicht mehr aufgesucht werden. Fritz wurde durch einen Felsbrocken auf den Rücken getroffen – es war keine offene Wunde, aber er konnte sich nicht bewegen.
Als er zum Lazarett getragen wurde, war er guter Dinge; er hatte keine Schmerzen und sprach mit seinen Soldaten, dass er einem bewährten Unteroffizier noch zum E.K. I verhelfen würde, dass die Besatzung nun nach Deutschland käme, um dort ein neues Boot zu kriegen und es sei nicht so arg; die Leute sagten mir, es würde nur Tage dauern.
Noch am gleichen Abend bekam ich Befehl, beschleunigt das Boot zu sprengen, die Geheimsachen zu vernichten und die Besatzung sofort marschbereit zu machen. Die Invasion war nah.
Obwohl ich die Nacht zu Hilfe nahm, konnte ich am Vormittag des nächsten Tages nicht hin – ein Kamerad vom Stützpunkt fuhr auf meine Bitte zum Lazarett, das schwer erreichbar auf dem Festlande lag.
Ich hatte den ganzen Vormittag ein dunkles Gefühl, wusste aber nicht, was es war, bis mich gegen Mittag die Nachricht erreichte, liebe Eltern, als man mir das sagte, dass Fritz gestorben ist, das werde ich nie vergessen.
Den Befehl, bereits am nächsten Tag mit der Besatzung nach Deutschland zu reisen, in der Tasche, eilte ich zum Lazarett.
Eine Stunde, nachdem Fritz eingeliefert war, hatte das Fieber begonnen. Kurz darauf ist Fritz dann verschieden.
Es war eine innere Verwundung, bei der ein ärztlicher Eingriff unmöglich war. –
Er soll sehr wenig gesprochen haben – aber still und ruhig, vielleicht etwas nachdenklich, wie ich ihn in letzter Zeit viel gekannt habe, soll er gewesen sein.
Am nächsten Morgen hat ihm dann seine Besatzung im Heldenfriedhof Kokkinia (Abb. 46) bei Athen das letzte Geleit gegeben (Abb.47).
Wir haben die Flagge über ihn gedeckt (Abb. 49), ein aufrechter Soldatenpfarrer (Abb. 49/50) hat dazu gesprochen und dann wurde die Erde über ihn getan. Einen großen Kranz haben wir auf sein Grab gelegt (Abb. 57) – ich hatte dafür grün gewählt, wie es bei uns Zuhause wächst und bunte Blumen waren darin, wie sie auf dem Boden blühten, auf dem er gefallen war.
Eine Stunde später schiffte ich die Besatzung befehlsgemäß auf einem Motorsegler ein zur Überfahrt nach Saloniki.
Einen Fotografen und einen guten Zeichner hatte ich zur Beerdigung mitgenommen. Das Bild und den Film mit den Aufnahmen und sein Gepäck führte ich mit (Abb. 45, 58).
Die amtliche Nachricht durfte ich nicht machen, sie wurde mir fest zugesagt - ich hatte seit dem Ereignis kaum geschlafen. -
Durch Partisanen schon hinter Saloniki behindert, ging die Fahrt nur langsam vonstatten.
Südlich Belgrad gerieten wir dann in die russische Offensive, wurden mit anderen Heeresteilen eingeschlossen, schlugen uns auf eigene Faust durch, bis ich einsehen musste, dass der Weg nach Deutschland durch die Banden Titos vollkommen gesperrt war.
Ich gliederte die Besatzung darum in ein Jägerbataillon auf - wir nahmen dann an den Kämpfen teil, die den russischen Ansturm im westlichen Moravatal zum Stehen brachten und den Versuch der Russen, die Balkanarmee abzuschneiden, vereitelte.
Nun wird der Weg nach Deutschland freigekämpft - vielleicht sind wir zur Weihnacht in Deutschland – vielleicht schon wieder auf einem U-Boot - vielleicht noch hier im Stellungskrieg, dem Bolschewisten gegenüber.
Es sind zwei Monate gewesen, die ich mein Leben nicht vergessen werde, voll Schmerz, Mühsal, Wirrnis, Bitterkeit und oft wenig Hoffnung. Aber ich habe dann oft an Fritz denken müssen – als müsste ich die Besatzung für ihn mitführen.
Jetzt, am Vorabend meines Geburtstages – es ist bald Mitternacht, spüre ich es ganz gewiss, dass ich stärker geworden bin, seitdem.
Oft hat er mich bei schwerer Verantwortung mit harten Entschlüssen angeschaut – ich habe danach immer klarer gesehen. Ich habe bisher Angst vor den stillen Stunden gehabt - und das unruhige, gewaltige Geschehen wird einem darum fast lieb. Nun ist mir, als ob ich zu Euch gesprochen habe.
Ich grüße von ganzem Herzen
Ihr Eckhardt Krüer
P.S.
Unser Gepäck ging im Einsatz verloren. Die Brieftasche mit den Auszeichnungen, Briefen und Bildern, den Film und das Bild vom Grab habe ich immer mitgeführt. Als wir vor Wochen starke Verluste hatten, habe ich es aufgeteilt. Den Film trage ich in der Brusttasche, das Bild hat ein Unteroffizier, die Brieftasche hat ein feindlicher Granatwerfer zerfetzt.

Am 25.02.1945 schrieb Ltn.z.S. Eckhardt Krüer aus Plön, dass er über Kiel und Itzehoe nach Danzig fahren werde. „Ich bleibe bei der Besatzung als 2. Wachoffizier. So habe ich auch die beste Aussicht, an die Front zu kommen, wenn auch Monate intensiver Ausbildung und Umschulung dazwischen liegen werden. ……. Die Zeiten sind ja sehr schwer, aber ich glaube, noch nie haben wir alle so viel gewusst, um was es geht. Ich denke oft an Euch und an Friedrich besonders. Er ist uns allen sehr lebendig.
(Anmerkung: Ltn.z.S. Eckhardt Krüer ist seitdem vermisst. Er soll an Rückzugsgefechten auf dem Balkan teilgenommen haben.)



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Am 18.12.1944 schrieb Ltn.z.S. Kurt Schrobach an die Eltern Schreiber:
…. Schon lange habe ich auf ein Lebenszeichen von Friedrich gewartet. Nun wurde es auch mir zur schmerzlichen Gewissheit, dass mein bester Kamerad nicht mehr heimkehren wird und auf dem wohl schönsten Heldenfriedhof zu Füßen der Akropolis für immer ruht (Abb. 59, 60). Seien Sie versichert, dass auch mir das Schicksal Ihres Sohnes sehr nahe gegangen ist. Ich verliere mit ihm einen Freund, mit dem ich viele frohe und ernste Stunden gemeinsam erlebte. ……… (Zitat Ende)

Der Soldatenfriedhof Kokkinia ist inzwischen aufgelöst worden. Die sterblichen Überreste aller dort begrabenen Soldaten wurden auf den Soldatenfriedhof Dionyssos-Rapendoza bei Athen umgebettet.


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Auszug aus einer Predigt des Pastors in Garmissen (Name nicht überliefert, ein Schulkamerad Friedrich Schreibers), gehalten am Sonntag Misericordias. Das Jahr ist nicht überliefert. Papier und Schrifttypen deuten aber auf das erste Nachkriegsjahrzehnt hin.
Predigt über Joh.10, 12-15 Thema: ohne Führung können wir nicht leben.
…… Ein führender muss sterben können für die Seinen. Sterben-können qualifiziert allein für ein leitendes Amt.
Dass es unter uns heute noch so etwas gibt, bestätigen mir in diesen Tagen die Eltern eines im letzten Krieg gefallenen Sohnes, eines Mitschülers von mir. Dieser junge Mensch, der als leitender Ingenieur auf einem U-Boot seinen Dienst tat, setzte sich während einer Kampfhandlung über die Befehle seines Kommandanten hinweg und ließ auf eigene Verantwortung das U-Boot auf eine Tauchtiefe gehen, die die Sicherheit des Bootes und seiner Besatzung gewährleistete. Dadurch wurden sie gerettet. „Ihr hättet es einmal sehen sollen“, so schrieb dieser edle Mensch seinen Eltern „wie ich hier nach Rückkehr aus dem Urlaub von meinen Kameraden voller Freude begrüßt wurde“.
Liebe Gemeinde! Daraus spricht doch das Vertrauen dieser U-Boot-Männer zu ihrem leitenden Ingenieur. Er war es auch, der im Rahmen einer anderen Kampfhandlung erst alle seine Leute in Sicherheit brachte, um sich danach selbst aus der Gefahrenzone zu begeben. Dabei ereilte ihn der Tod in Ehren. Sehet l. Gem. , diesen jungen Menschen hat allein das Sterben-können qualifiziert zu seinem verantwortungsvollen Amt. Er war ein rechter Hirte seiner ihm anvertrauten Kameraden, seiner Herde. ……
Wer heute ein rechter Hirte sein will, muss versuchen, unserem Herrn Jesus Christus zu gleichen. Er darf über der Masse niemals den einzelnen verachten. Und seine Nächstenliebe muss er durch die Tat beweisen. Der von mir erwähnte U-Boot-Ingenieur hat alle Forderungen, die an einen guten Hirten gestellt werden, unter Beweis gestellt. Er kannte die Seinen und die Seinen kannten ihn. …..
„Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht in diesem Stalle. Dieselben muss ich herbeiführen, und wird ein Hirte und eine Herde sein“ (Vers 16). Da gibt es Ställe, in denen die Tiere nicht gut aufgehoben sind, viel zu eng, ohne Licht und ohne Luft. Das war auch die Lage auf dem U-Boot, in der sich der leitende Ingenieur mit seinen Männern befand, alles viel zu eng und eine stickig heiße Luft. Da hat er seine Männer um sich gesammelt und sie haben ihm vertraut. Und das ist im Großen der Tätigkeitsbereich unseres großen Menschenhirten Jesus Christus, zu sammeln , zu einen und zu vollenden. …………

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Schlusswort

Die Tragik und der seelische Schmerz für Friedrichs Eltern wurden noch dadurch gesteigert, dass der jüngere Sohn Rudi (geb. 06.03.1924) seit dem 16.09.1943 als vermisst galt (Abb. 91 und 92). Sie erhielten die Nachricht, dass Rudi bei Kämpfen in Russland im Mittelabschnitt, Kampfabschnitt Straße Roßlawl-Brjansk, durch ein Infanteriegeschoss an der linken Brustseite verwundet und dem Hauptverbandsplatz zugeführt wurde. Dann verliert sich seine Spur.
Nach Jahren bangen Hoffens mussten sie sich damit abfinden, dass auch dieses junge Leben sinnlos vernichtet wurde.
Friedrich Schreiber steht exemplarisch dafür, dass durch Kriege, insbesondere durch diesen verbrecherischen Krieg, sinnlos junge, hoffnungsvolle Menschenleben zerstört werden, die in Friedenszeiten ihre Fähigkeiten zum eigenen Wohl und zum Nutzen Ihrer Mitmenschen hätten einsetzen können.


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Anhang

Brief des Gymnasiallehrers Friedrich Schreibers:


Peine, den 2. September 46
Sehr geehrte Frau Schreiber, sehr geehrter Herr Schreiber,
mit großem Interesse habe ich das Vermächtnis des Herrn Schrobach an Sie gelesen. Sie können stolz sein, solch einen wertvollen Menschen Ihren Sohn nennen zu können.
Ich freue mich, dass es mir vergönnt war, an Friedrichs Werdegang gearbeitet zu haben und mich überzeugt zu haben durch dieses ihm gesetzte Denkmal der Unsterblichkeit, dass mein in ihn gesetztes Vertrauen auf seine Leistungsfähigkeit so voll und ganz gerechtfertigt worden ist. Deshalb lebt Ihr Friedrich für mich ebenso wie für seine jungen Kameraden vom Jahrgang 1933.

Mit den besten Grüßen
Ihr K.Dreier

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Daten zu U-596 (aus dem Internet):
U-596
Type VIIC

Ordered 16 Jan 1940
Laid down 4 Jan 1941 Blohm & Voss, Hamburg (werk 572)

Launched 17 Sep 1941
Commissioned 13 Nov 1941 Kptlt. Gunter Jahn (Knights Cross)

Commanders 13 Nov 1941 - 27 Jul 1943 Kptlt. Gunter Jahn (Knights Cross)
28 Jul 1943 - Jul, 1944 Oblt. Victor-Wilhelm Nonn

Jul, 1944 - 8 Sep 1944 Oblt. Hans Kolbus


Career
12 patrols
13 Nov 1941 - 30 Jun 1942 8. Flottille (training)

1 Jul 1942 - 18 Nov 1942 3. Flottille (active service)

19 Nov 1942 - 24 Sep 1944 29. Flottille (active service)


Successes 12 ships sunk, total tonnage 41,411 GRT
1 warship sunk, total tonnage 246 tons
2 ships damaged, total tonnage 14,180 GRT
Fate Scuttled on 24 Sept, 1944 in the Mediterranean in Skaramanga Bay, near Salamis in position 37.59N, 23.34E, after being damaged by US bombs. 1 dead, unknown number of survivors.
Loss position
See the 15 ships hit by U-596 - View the 12 war patrols
Wreck blown up 30 Sept, 1944 (?).
Wolfpack operations
U-596 operated with the following Wolfpacks during its career:
Lohs (11 Aug 1942 - 22 Sep 1942)
Delphin (4 Nov 1942 - 13 Nov 1942)
Attacks on this boat and other events
24 Aug 1942
At 21.08 hours, the boat had to dive after reporting the convoy ONS-122 because HNoMS Potentilla had seen her on the starboard bow of the convoy and approached together with HMS Viscount, which obtained an Asdic contact and made a Hedgehog attack at 21.42 hours that failed because it was fired 5 seconds too late. The contact was lost afterwards and the destroyer returned to the convoy after dropping a single heavy depth charge. U-596 was not damaged but unintentionally dived to 190 meters when the linkage to a flood valve jammed. (Sources: ADM reports, KTB U-596)
30 Sep 1942
U-596 was attacked by an aircraft in the North Atlantic and suffered severe damage. She managed to reach base at St. Nazaire on 3 October.
4 Oct 1943
14.17 hrs, approx. 75 miles west of Derna, Liyba: the submerged boat was located by HMS Gloxinia following a successful attack on convoy XT-4. The corvette carried out four depth charge runs before losing contact. U-596 was damaged but managed to escape the A/S sweep of the area after she surfaced during the night without being detected. (Sources: ADM 199/773)
3 recorded attacks on this boat.
General notes on this boat
28 Jun 1942. On 28 June, 1942 a battery explosion on U-596 forced the boat to return to base.
Schnorchel-fitted U-boat
This boat was fitted with a Schnorchel underwater-breathing apparatus but the date of fitting or sailing date with the equipment is unknown. Read more about the Schnorchel and see list of fitted boats.
Men lost from the boat
30 Aug 1942
In the North Atlantic U-596 lost a man overboard. [Fähnrich zur See Wolfgang Aldag]
Related: For more info on such losses see - Men lost from U-boats -


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Quellenangaben
Bilder, Briefe und Urkunden stammen aus dem Nachlass der Familie Schreiber.
Das Bild „Stützpunkt Salamis“ und die im Anhang über U-596 enthaltenen Daten wurden dem Internet entnommen.
Herzlichen Dank an Frau G. Schrobach, die in die Veröffentlichung des Berichtes des Kurt Schrobach und dessen personenbezogener Daten eingewilligt hat.

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4 Kommentare
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Axel Niestle aus Gadsdorf | 12.05.2015 | 09:20  
921
Wilhelm Heise aus Ilsede | 13.05.2015 | 10:49  
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Axel Niestle aus Gadsdorf | 19.05.2015 | 14:37  
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Wilhelm Heise aus Ilsede | 19.05.2015 | 18:40  
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