11.11.2012 Gedenkfeiern von Reservistenverbänden

Joachim Gottschalk Engerode 90 30880 Laatzen Tel. 0511-827100
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Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e. V.
Bundesgeschäftsstelle
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53177 Bonn

11.11.2012

Teilnahme von Reservisten an Gedenkfeiern zum Volkstrauertag 2012
hier: nationalsozialistisches Ehrenmal Laatzen

Sehr geehrter Herr Kiesewetter,
in den vielen Orten und Städten der Bundesrepublik Deutschland beteiligen sich Mitglieder von Reservistenkameradschaften neben Feuerwehren und Schützenvereinigungen bei den Gedenkfeiern an die Gefallenen der Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Hervor-hebung dieses Gedenkens, einer Mahnung, Kriege zu verhindern, sowie Frieden, Versöhnung und Verständigung einzufordern, bedarf eines öffentlichen Aktes, um wahr-genommen zu werden um dadurch für Zustimmung zu werben. Mit Vertretern der Schützenvereinigungen, der Feuerwehren nehmen Reservistenkameradschaften diese Aufgabe schon seit einigen Jahrzehnten wahr und verdeutlichen die Notwendigkeit der Ausübung von kollektiver Trauer über die Kriegstoten, nicht nur über die gefallenen Soldaten, sondern ebenso über die Opfer der ausgeübten militärischen Gewalt.

In Laatzen findet die Gedenkfeier in einer Form statt, die vielfach andernorts ähnlich vorgenommen wird:
Uniformierte der o.a. Vereinigungen marschieren unter Blasmusik und dem Lied von Ludwig Uhland 'Ich hatt' einen Kameraden' vor dem mit Fackelträgern umgebenen Ehrenmal auf und salutieren, währenddessen der Kranz durch den Bürgermeister aufgehängt wird. Im Gegensatz zu anderen Orten findet dieses Gedenken nicht an einem Ehrenmal der 20'Jahre statt, sondern an einem Mal, das am 23.09.1934 eingeweiht wurde und noch immer durch ein Treueschwert TREUE UM TREUE nationalsozialistisch konnotiert ist. Damit erscheint ein friedenmahnendes Trauergedenken an diesem Orte, einem rein soldatischen Ehrenmal, unakzeptabel zu sein.

Schon die Beschränkung der Ehrung auf die eigenen toten Soldaten erscheint mehr als problematisch, da man sich heute von der Überlegung des "gerechten Krieges" als legitimes Instrument der Politik strikt distanziert hat und (Angriffs) Kriege geächtet werden.

Das Soldatentum an sich mit seinem Wirken in den Kriegen kann nicht per se positiv bewertet. Zu schrecklich war dessen Wirken:
beispielhaft sei auf den in Deutschland über 250 Jahre lang benutzten Begriff 'Madeburgisieren' verwiesen, der ein soldatisches Gemetzel solchen Ausmaßes beschreibt, der den Zeitgenossen als ein nicht beschreibbares Übermaß von Schrecknis und Inferno erschien: Innerhalb von 4 Tagen wurden im Mai 1631 von den 36.000 Einwohnern 20.000 Magdeburger niedergemetzelt und die Stadt Magedeburg verminderte sich durch nachfolgende Krankheiten bis 1639 auf 450 Personen.
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Der kaiserliche General Pappenheim schrieb: „Ich halt, es seyen über zwaintzig Tausent Seelen darüber gegangen. Es ist gewiß, seyd der Zerstörung Jerusalem, kein grewlicher Werck und Straff Gottes gesehen worden. All unser Soldaten seind reich geworden. Gott mit uns.“

Über das Wirken der Expeditionsheere des Deutschen Reiches ab 1897 in China, begleitet u.a. durch die sog. 'Hunnenrede' Kaiser Wilhelm II, seien aus dem Sitzungsprotokoll des Deutschen Reichstages vom 19.11.1900, 3. Sitzung, Seiten 33-34 drei Beispiele zitiert:

Da wird nun in einem Briefe vom 6. August mitgeteilt, wie man 76 Gefangene gemacht, von denen außer acht Jungen, die man laufen ließ, 68 erschossen wurden, indem man sie mit den Zöpfen aneinander band, sie vorher zwang, ihr Grab zu schaufeln, worauf sie erschossen wurden und rückwärts in das Grab fielen.
Die gefangenen Chinesen – heißt es in einem anderen Briefe – haben wir alle totgeschossen, aber auch alle Chinesen, die wir sahen und kriegten, haben wir alle niedergestochen und -geschossen; die Russen spießten kleine Kinder, Frauen und alles auf.
Er sagt von einer eroberten Stadt: Unsere Kompagnie hielt vor einem Thor, und die Chinesen wurden von der anderen Seite durch dieses Tor in die Bajonette der Leute unserer Kompagnie hineingetrieben. Es soll schauderhaft gewesen sein.

Auf die Metzeleien der Gegenwart, Ihnen bekannt, gehe ich nicht ein.

Zur geschichtlichen Nahzeit - zu den beiden Weltkriegen - ist im Hinblick auf das o.a. Thema zu benennen, dass die Gedenkfeiern vielfach zum Ausdruck bringen, als seien die Soldaten des 2. Weltkrieges einer "echten" Vaterlandspflicht gefolgt und als seien sie an der militärischen Absicherung des millionenfachen Völkermordes nicht beteiligt gewesen.

Der 1. Weltkrieg hat unter der Direktive von rücksichtslosen Militärführern zu gegen-seitigen Abschlachtungen in Millionenhöhe geführt - z.B. Verdun und nach 1918 zur Gründung des Volksbundes Deutscher Kriegsopferfürsorge. Spätestens mit der Rede des Reichstagspräsidenten Paul Löbe (SPD) im Auftrage des Volksbundes Deutsche Kriegsopferfürsorge am 05.03.1922 im Reichstag gewann der Versöhnungsgedanke trotz Beibehaltung von völkisch-patriotischer und monarchischer Gesinnungshaltung zunehmend an Bedeutung und wurde auf den Volkstrauertagen ab 1924 weiterhin benannt, gewann allerdings keine Dominanz


Die zunehmende Popularität der nationalsozialistischen Ideologie, die Umgestaltung der Weimarer Republik ab dem 30.01.1933 in eine faschistische Diktatur führte auch zu einer andersartigen Gedenkkultur:

Durch Gesetz vom 27.02.1934 wurde der Volkstrauertag zum Heldengedenktag umbenannt und als staatlicher Feiertag festgelegt. Die Soldaten der Wehrmacht legten am 02.08.1934 den absoluten Gehorsamsschwur auf Adolf Hitler persönlich ab. Am 24.09.1934 wurde das Laatzener Ehrenmal zur heldischen Verehrung für die gefallenen Soldaten des 1.Weltkrieges wie auch für die getöteten NSDAP-Anhänger vom 09.11.1923 entsprechend den vom Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung, Joseph Goebbels, festgelegten Richtlinien mit Vollmastbeflaggung eingeweiht.

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Trauer, Versöhnung und Verständigung wurden als pazifistisches Gedankentum offiziell diskreditiert, die Demonstration von der Macht des Wehrwillens des Dritten Reiches wurde als zentraler Bestandteil der Heldengedenktage festgelegt.

Nach 1945 wurde das seitlich am Bauwerk befindliche Hakenkreuz entfernt und durch Anbringung der Jahreszahlen 1914 -1918 und 1939 -1945 erweitert.

Beibehalten wurde die Schrift "Unseren Gefallenen" und das im Zentrum des Bauwerks befestigte Schwert mit einer stilisierten Sonne im Knauf und dem mit TREUE UM TREUE beschrifteten Pariersteg.

Diese zentrale Ausgestaltung des Ehrenmals Laatzen auf den nationalsozialistischen Treueethos bis heute, damit auf den Treueschwur auf Hitler persönlich, auf die konsequente Durchführung eines Völkermordkrieges, haben nicht zugelassen, dieses Mal in ein Mahn- und Trauermal zu überführen. Es wird daher seit 1934 durchgängig bis heute (!) als Ehrenmal bezeichnet.

Es stellt sich allerdings Frage, ob dieses noch immer sehr deutlich nationalsozialistisch konnotierte Ehrenmal ein geeigneter Ort sein kann, an dem auch den Opfern dieses Krieges, den Deserteuren, den ermordeten Sinti, Roma, Juden und russischen Kriegsgefangenen, aufrichtig ein Gedenken durchgeführt werden kann.

Die o.a. Uniformträger erwecken bei den Volkstrauergedenkfeiern durch ihr Verhalten, dem Salutieren an diesem Ehrenmal mit dem nationalsozialistischen Leit- und Sinnstiftungsbegriff TREUE UM TREUE - einer auf Adolf Hitler bezogenen Treue -, optisch den Eindruck, als würden sie der Ideologie des Heldengedenktages des Nationalsozialismus keine absolute Absage erteilt haben

Die Fachliteratur erachtet mit dieser noch heute durchgeführten Art des Gedenkens die Durchführung eines "heimlichen" Heldengedenktages (Alexandra Kaiser, Von Helden und Opfer, 2010, 461 S.).

Wegen dieses von mir dargestellten Eindrucks möchte ich Sie bitten zu überdenken, ob es vertretbar erscheint, dass Reservistenkameradschaften gemeinsam mit Feuerwehr und Schützenvereinigungen ein optisch militärisch orientiertes Soldatenehrengedenken an einem nationalsozialistisch ausgestalteten Ehrenmal durchführen.

Die Antragsschreiben vom 11.03.2012 wie auch der Bericht der Leine-Nachrichten vom 06.11.2012 sind beigefügt.

Für eine Antwort wäre ich Ihnen dankbar.

Mit freundlichem Gruße,
Gottschalk
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4 Kommentare
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k-h wulf aus Garbsen | 14.03.2016 | 10:10  
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Kurt Battermann aus Burgdorf | 14.03.2016 | 11:09  
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