Vor 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg 2. Teil

Hurra, es ist Krieg

"und Weihnachten sind wir alle wieder zu Haus"


Der Juli des Jahres 1914 geht zu Ende, nach Tagen der Ungewissheit ist der Krieg Realität:

der 1. August 1914 ist ein Sonnabend, in den Städten und Dörfern des Reiches hängen seit dem frühen Morgen noch druckfrische Plakate mit der Aufschrift:

Seine Majestät der Kaiser und König hat die Mobilmachung von Heer und Flotte angeordnet.
Erster Mobilmachungstag ist der 2. August 1914
gez. Wilhelm, I. R. ( Imperator Rex )

Einige Historiker der jüngeren Zeit vertreten inzwischen die Meinung, dass der deutsche Kaiser die Mobilmachung "nur sehr widerstrebend" befohlen hat, ihrer Meinung nach vertrat Wilhelm II den Standpunkt, dass Serbien den Österreichern so viel Zugeständnisse gemacht hatte, dass ein Krieg auf keinen Fall gerechtfertigt sei, doch der Druck seiner Berater und Deutschlands Blankoscheck an Österreich, sich im Kriegsfall sofort und bedingungslos auf Seiten des Bündnispartners zu stellen, hätten ihn letztlich "wenn auch voller Zweifel" doch dazu veranlasst.

Wie dem auch sei, Deutschland macht mobil, und das ganze Land ist in einem euphorischen Zustand, in einer Mischung von überwiegend Jubel aber auch Hilflosigkeit, doch irgendwie auch erleichtert, dass die vergangenen Tage, die "Tage zwischen Baum und Borke" waren, vorbei sind.

An den Rathäusern, den Polizeiwachen und selbst an den Fenstern der Kolonialwarenläden hängen die Stellungsbefehle aus, Männer jeder Altersgruppe drängeln sich vor den Rekrutisierungsstellen, 15jährige haben Angst, dass der Krieg zu Ende geht, ohne dass sie dabei sind, auch einige Frauen versuchen in Männerkleidung als Soldaten an die Front zu kommen, was ihnen in Einzelfällen sogar gelang.

In den größeren Städten fahren teilweise die Straßenbahnen nicht, und wenn, dann meistens ohne Schaffner, wer eine Uniform hat, zieht diese an, egal was für eine, schwarz-weiß-rote Fahnen hängen an den Fenstern, absurde Reime auf Franzosen und Russen werden gebrüllt, wer hat, setzt seine den Offiziersmützen ähnliche Studentenmütze wieder auf,

die wenigen Menschen, die Telefon heben, versuchen eine Verbindung zur Polizei oder Behörden herzustellen, um akut den aktuellen Stand der Dinge zu erfahren, soweit sie eine Verbindung schaffen konnten, denn die "Fräuleins vom Amt" kommen mit der Vermittlung nicht mehr hinterher, da jedoch die meisten Studenten in schlagenden Verbindungen organisiert waren, genauso wie "ehemalige ältere die noch in Amt und Würden waren", mit ihren entsprechenden Verbindungen, waren sie relativ schnell gut informiert, und übernahmen u.a. logistische Hilfestellung,

so wurden über sie Autohändler informiert, wo sie ihre Fahrzeuge dem Militär abliefern sollten, was die auch umgehend taten, als Ausdruck ihrer nationalen Verbundenheit mit der "großen Sache" und in Erwartung späterer Reparationszahlungen durch die Franzosen.

Studenten, sofern sie nicht als Einjährig-Freiwillige dienen - ein besonderes Privileg um schnell Offizier zu werden - koordinierten die Aufgaben der wenigen meist älteren Lehrer die in den Schulen und Universitäten noch verblieben sind, und sorgten u.a. dafür, das überall in Deutschland den Schülern gegenüber Appelle abgegeben wurden, um Stimmung für den Krieg zu wecken, und die jugendlichen nahmen Worte wie die folgenden begeistert auf:

"Der Feind hat seine Maske fallen gelassen
unser heiligstes ist in Gefahr
unser Vaterland
und der Kaiser ruft uns
und wir gehen und kämpfen für unser Deutschland
für unsere Frauen und Kinder
für unsere Ehre
ihr kommt doch mit, Kameraden"

dann sangen sie zusammen das Deutschlandlied und die Kameraden kamen mit,
aus der Schule heraus und in Reih und Glied marschierten sie vor die Rathäuser oder Gemeindebüros, um sich einschreiben zu lassen, was nicht allen gelang,
einige waren erst 16 oder 17 Jahre alt.

An geordnetem Unterricht war bei Kriegsbeginn überhaupt nicht mehr zu denken, in den Volksschulen konnten ältere Lehrkräfte und Frauen als Hilfslehrerinnen die Lücken noch schließen, in weiterführenden Schulen ging das nicht, es fehlten nicht nur die Lehrer, es fehlten immer mehr auch die Schüler, denn nicht alle kamen noch zum Unterricht, vor allem ältere Schüler wurden aufgefordert, jetzt dem Vaterland zu dienen und sich "Vaterländischen Vereinen und Organisationen" anzuschließen, um da Aufgaben zu übernehmen, oder sie mussten in elterlichen Betrieben die Arbeit des Vaters machen, der an der Front war.

So ist denn heute wirklich der Krieg entbrannt!", schrieb der Historiker Karl Hampe bereits am 2. August 1914.
"Dass es mit so reißender Schnelle geschehe, konnte man nicht ahnen.", und ließ keinen Zweifel daran, das er begeistert war, wie fast alle, einige Monate später wird er fragen:

"Wo ist die Stimmung vom August 1914 geblieben?"

aber noch ist Jubellaune, nicht nur in Deutschland, sondern in fast ganz Europa.

der 3/4. August zeigte schließlich auch, worum es der Entente Cordiale zunächst geht, nach dem Attentat gab es schnell Kriegserklärungen, mehr nicht, keine kriegerischen Handlungen von ihrer Seite, mit Absicht, nur Deutschland und Österreich beginnen mit Feindseligkeiten, die Österreicher beschießen serbisches Gebiet, und die Deutschen begehen einen verhängnisvollen Fehler, um Frankreich anzugreifen, marschieren sie im deutsch-niederländisch-belgischen Dreiländereck am Grenzübergang bei Gemmerich in den frühen Morgenstunden des 4. August 1914 in Belgien ein, um starke französische Verbände zu umgehen, die sie an der unmittelbaren deutsch-französischen Grenze vermuten.

Der völlig überraschte belgische Zöllner traut seinen Augen nicht, er ist fassungslos,

"Hallo, das hier ist Belgien" ruft den Soldaten des Infanterieregiments aus dem Nachbarort Aachen zu "was machen Sie hier, ich werde mich bei Ihren Vorgesetzten beschweren"

Er ist überzeugt, dass es sich um einen Irrtum handelt, denn Belgien hat sich für neutral erklärt,
es war kein Irrtum sondern bitterer Ernst, der Krieg hatte begonnen, doch Belgien leistet in der Folge verzweifelten Widerstand, und verzögert den Einmarsch der Deutschen nach Frankreich, was noch Folgen haben wird, in Flandern kommt es zu schweren Kampfhandlungen und den ersten Toten dieses Krieges, und der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg erklärt vor dem deutschen Reichstag in Berlin dazu:

"Meine Herren, wir wissen, der Einmarsch in Belgien widerspricht den Geboten des Völkerrechts, aber wir sind jetzt in der Notwehr, und Not kennt kein Gebot."

Kaiser Wilhelm soll allerdings noch einen drauf gesetzt haben, indem er Richtung England sagt:

"Was kümmert uns papiernes Völkerecht, wenn ein Volk um sein Leben kämpft und ich kann mir nicht vorstellen, das England wegen eines Fetzen Papiers gegen uns marschiert"

England tat sich tatsächlich schwer mit der Kriegserklärung an Deutschland, trat dann aber doch entschlossen der französisch-russischen Entente bei.

Als offizieller Vorwand für den Einmarsch nach Luxemburg und Belgien diente der deutschen Heeresführung die Behauptung Frankreich würde seinerseits einen Einmarsch nach Deutschland planen.

Die ausländische Presse, vor allem in England und den USA, reagiert sofort, und die Schlagzeilen lauten:

"erste völlig einseitige und verbrecherische kriegerische Aktionen durch Deutschland"
"Neutralitätsverletzung durch Einmarsch in Belgien und Luxemburg"
"Beginn eines Angriffskrieges gegen Frankreich durch Deutschland"

und die Welt schreit entsetzt auf,

und genau das war beabsichtigt, man hatte die Mentalität der Deutschen richtig eingeschätzt, hatte zwar hoch gepokert, doch die Rechnung geht voll auf, die deutschen Politiker einschließlich der obersten Heeresführung sind in die ihnen gestellte Falle getappt, man wusste in England, seit dem Abgang von Reichskanzler Otto von Bismarck im Jahr 1890, "dem großen Lotsen", wie ihn voller Respekt und Achtung die englische Presse nannte, fand in Deutschland Außenpolitik nur noch insoweit statt, dass die Kriegsflotte (ein Lieblingskind von Kaiser Wilhelm) immer stärker ausgebaut wurde, man hatte eine solche Aktion erwartet.

der Krieg gegen Deutschland jedenfalls war nun legitimiert und England erklärt sich zur Schutzmacht für Belgien.

Ab sofort ist Deutschland der Kriegsverbrecher schlechthin, Alleinschuldiger am Krieg, und hat fast die ganze Welt gegen sich, das Attentat, die Feindschaft zwischen Österreich und Serbien, mit dem Deutschland nicht das geringste zu tun hatte, all das war von Anfang an nur Mittel zum Zweck, und interessierte keinen mehr, es dauert fast 100 Jahre, bis der australische Historiker Christopher Clark in seinem mutigen Buch "Die Schlafwandler" die Alleinschuld Deutschlands am Krieg widerlegt.

An diesem und den folgenden Tagen sind die Bahnhöfe überfüllt, denn die Züge mit Güterwagen für die Mannschaften und Personenwagen für die Offiziere rollen pausenlos nach Westen Richtung Belgien, aber auch nach Ostpreußen und nach Süden Richtung Österreich, vom Weltkrieg sprechen zumindest hohe Militärs Anfang August noch nicht, noch geht es um einen Feldzug.

Die Soldaten hatten Blumensträuße in den Gewehrläufen stecken, und winkten ihren Angehörigen auf den Bahnsteigen zu, die ihnen begeistert zujubelten.

wenn ein Zug abfuhr, spielte eine Kapelle:

"die Vöglein im Walde
die sangen so wunder-wunderschön
in der Heimat
in der Heimat
da gibt’s ein Wiedersehn"

Dieses Lied gehörte zu Beginn des Krieges zu den am meisten gespielten, doch bereits im Verlauf des ersten Kriegsjahres änderte sich das, es wurde abgelöst durch "Ich hat einen Kameraden", bis irgendwann auch das ausblieb, es fehlten die Musiker, und die Soldaten hatten es zu oft gehört.

Ein Zeitzeuge berichtete, etwas weiter vorn auf dem Bahnhof, schon gar nicht mehr auf dem Bahnsteig, stand noch eine kleinere Gruppe, es waren ältere Frauen, die Soldaten sahen sie bei der Abfahrt wenn überhaupt, erst zum Schluss, sie schauten auf den vorbei fahrenden Zug, sie jubelten nicht, sie weinten auch nicht, und eine Frau sagte später:
"Mein Mann und meine zwei Söhne sind dabei, aber ich kann nicht weinen, ich hab keine Tränen mehr."

Dazu war auch keine Zeit, denn die Frauen mussten zu Hause an der "Heimatfront" die Arbeit der Männer übernehmen, Tätigkeiten, mit denen sie zu "Friedenszeiten" nie zu tun hatten, sie arbeiteten in der Verwaltung, im öffentlichen Dienst, in den Schulen, in den Fabriken, in der Landwirtschaft, als Straßenbahnfahrerin, bei der Müllabfuhr, im Handwerk, aber auch als Krankenschwestern in Frontnähe, und nicht erst nach gründlicher Einarbeitung, sondern von gleich auf jetzt,

dabei wurde sehr schnell klar. dass die Heimatfront aus zwei Lagern bestand, da war auf der einen Seite das bürgerliche Lager mit Frauen und Töchtern aus guten Hause, die sich zwar auch für die große Sache einsetzen wollten, doch, so hieß es sehr schnell sarkastisch, mehr so in Richtung Klavier spielen wenn die Soldaten auf Heimaturlaub kommen, und auf der anderen Seite Frauen aus der Arbeiter- und Landwirtschaft fürs grobe, denn das sei ja ihr Metier, allen gemeinsam war allerdings die Hilflosigkeit gegenüber den über sie hereinbrechenden Ereignissen, und niemals zuvor waren die Kirchen so gut gefüllt wie zu Beginn des Krieges, spezielle Bittgottesdienste wurden gehalten, hier ging es jedoch eher um die glückliche Heimkehr ihrer Männer von der Front, aber es gab auch die Bitte an den lieben Gott, den Feind zu zerschmettern,

(solche Gottesdienste gab es auf beiden Seiten der Front),

an einem gerechten Sieg der deutschen Truppen über Frankreich und England zweifelte hier jedoch kaum jemand, zumal eigentlich alle politischen Kräfte und Meinungsträger in Deutschland Zustimmung zum Krieg signalisierten aus unterschiedlichen Gründen,

so soll der Schriftsteller Thomas Mann den Krieg als eine "vielleicht notwendige, allerdings bedenkliche Reinigung von der satten Friedenswelt" betrachtet haben, während Teile der SPD sich mit deutscher Hilfe eine Abschaffung fortschrittsfeindlicher Ideologien in Europa und vor allem in Russland erhofften und die Reichsregierung wollte eine Vormachtstellung im nahen Osten, in Afrika und Asien und natürlich in Europa erzwingen, das erste Opfer sollte Belgien sein.
.
Schriftsteller und Künstler bekannten sich zum Patriotismus, Begriffe wie Kriegssozialismus Staatssozialismus und Nationalsozialismus kamen auf.

es war eine Zeit, in der die Menschen gefühlsmäßig hin- und hergerissen wurden,

der Dichter Rudolf Alexander Schröder schrieb spontan:

„Deutschland, für dich will ich leben, für dich will ich sterben"

Aber es gab auch, wenn auch wenige, Kundgebungen und Versammlungen gegen den Krieg, durchgeführt von Sozialdemokraten, in Berlin wurden bis Anfang August wiederholt Frauen und Männer verhaftet wegen "Ausbringens von dem Feind dienender Propaganda".
worüber die inzwischen zensierte Presse nicht berichten durfte.

Die Propaganda in eigener Sache lief dagegen auf Hochtouren und traf den Nerv der Menschen, Plakate mit Kampfparolen auf den "Annoncier-Säulen" sollten den Siegeswillen der Deutschen stärken, kriegsverherrlichende Bücher einschließlich entsprechender Bilderbücher für Kinder wurden angeboten und gekauft, genauso wie Soldatenpuppen.

Der Krieg hatte bereits in den ersten Tagen des August alle Lebensbereiche der Menschen erreicht, und sie nahmen diese Herausforderung an, zumal von der Front nur Siegesmeldungen kamen, und sie glaubten genau wie die Soldaten selbst, an das Versprechen, das man ihnen gab:

"und Weihnachten sind wir alle wieder zu Haus"


Ende des 2. Teils


Gerd Szallies
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2 Kommentare
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Heike L. aus Springe | 02.08.2014 | 21:18  
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Hans-Joachim Zeller aus Marburg | 03.08.2014 | 01:23  
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