Abschied von Celly: Unsere Geschichte

Vor wenigen Tagen war ich dort, wo wir uns kennen gelernt haben, liebe Celly. Und es hat mir fast das Herz zerrissen. Es tut weh, dort zu sein, nach dir Ausschau zu halten, und genau zu wissen, dass ich dich dort nicht sehen werde.

Ich hätte gern deine Geschichte erfahren, die Geschichte aus der Zeit, bevor wir uns kennen lernen durften. Doch diese wird mir niemand erzählen.

Dies jedoch ist unsere Geschichte:

Ein Samstag im Oktober 2012.
Ich drehte meine Laufrunde, war etwas spät dran. Wir waren mit Freunden verabredet, und ich musste mich beeilen, um pünktlich daheim zu sein. Da die Zeit knapp wurde, beschloss ich, meine Laufstrecke abzukürzen, einen Feldweg eher in Richtung Zuhause abzubiegen.

Plötzlich saßest du vor mir, auf einem Feldweg in der Marbeck: Du warst ganz klein, doch du bautest dich mutig vor mir auf, maunztest mich bittend an. Ich stoppte meinen Lauf, kniete nieder – und schwupps, saßest du auf meinen Knien, dann auf meiner Schulter. Ein Teil von mir hat sich vor dir geekelt – wer weiß, welches Ungeziffer in und an dir steckte. Aber ein anderer Teil von mir hatte den Wunsch, dir zu helfen. Denn dass du Hilfe brauchtest und wolltest, war klar.
Kurzentschlossen rief ich meine Eltern an und bat sie, mich im Feld abzuholen – der Heimweg erschien mir mit dir auf dem Arm zu lang.

Wir hatten Glück – wenige Minuten später hielt das Auto meiner Eltern neben uns – diese in heller Aufregung, weil sie dachten, mir sei etwas geschehen. Zum Glück war das ja nicht der Fall.
Die Beifahrertür öffnete sich – und du sprangest wie selbstverständlich, als sei nun endlich das gerufene Taxi da, in den Wagen und machtest es dir auf dem Rücksitz bequem.
Meine Eltern verzogen nur das Gesicht, denn auch sie ekelten sich vor dir.

Zu Hause stellten wir fest, dass du wirklich keine Schönheit warst. Ein winziges Etwas mit kugelrundem Bauch (vermutlich voll mit Würmern), Flöhen im Fell, verrotzter Nase, einem kaputten Auge und verkotetem Schwanz. Na, was für ein tolles Mitbringsel! Überlebenschancen gab man dir nicht – und vielleicht hat genau DAS mich herausgefordert, für dich zu kämpfen und zu sorgen.

Bloß… wie? Katzen mochte ich bis dahin nicht. Und natürlich hatte ich keine Ahnung davon, was eine Katze braucht und will. Da du mir für die Wohnung zu ekelhaft warst, musstest du in deiner ersten Nacht mit einem ausrangierten Kaninchenstall Vorlieb nehmen – und teiltest mir am nächsten Morgen lautstark mit, dass das keinesfalls das richtige Quartier für dich war.
Aufgrund der widrigen Witterungsbedingungen -in der Nacht war es stürmisch, kalt und hat viel geregnet- sah ich dies ein und gewährte dir Zugang in den Keller. Hier richtete ich dir ein halbwegs gemütliches Lager ein: Stroh zum Schlafen, etwas zum Spielen, Katzenmilch, Wasser und Futter.

Der Besuch beim Tierarzt bestätigte, dass du alles mit dir herum schlepptest, was man sich so denken konnte: Würmer, Milben, Flöhe, und dazu noch einen Katzenschnupfen. Auch hier zweifelte man dein Überleben an.

Behalten wollte ich dich keinesfalls – schließlich war mein Haushalt nicht auf eine Katze eingerichtet. Ich mag zwar Tiere, aber mit Katzen konnte ich überhaupt nichts anfangen. Ich wollte dich aufpäppeln und dann ein neues Zuhause für dich suchen.
Die nächsten Tage waren bestimmt von deinem Zeitplan: Regelmäßig Medizin verabreichen, Augentropfen geben, Futter bringen und und und. Da ich mich immer noch vor dir ekelte, kostete dies einiges an Überwindung, aber mein Ziel war es, dich in ein gesundes Leben zu führen.

Schnell machtest du Fortschritte in der Genesung. Du blühtest auf, als du deine Parasiten endlich los warst. Und schon bald war ein Quartier für dich gefunden: Eine Kollegin wollte dich auf ihrem Bauernhof aufnehmen. Dort hättest du viel Katzengesellschaft vorgefunden.
Doch inzwischen brachte ich es nicht mehr über´s Herz, dich abzugeben. Wir hatten uns so sehr an dich gewöhnt, dass wir dich behalten wollten. Als Kellerkatze.

Für ein paar Wochen ging das auch gut, doch du wurdest größer, lebhafter und verspielter, so dass dir ein Kellerraum nicht mehr ausreichte. Hartnäckig kämpftest du, und wir kapitulierten. Fortan stand dir auch unsere Wohnung als Revier zur Verfügung.

Anfangs waren wir täglich unsicher: Wie würde die Wohnung aussehen, wenn wir von der Arbeit heim kommen? Doch du hast unser Vertrauen nie enttäuscht; warst eine vorbildliche Wohnungskatze. Nie hast du etwas herunter geworfen, niemals die Gardinen oder die Tapete zerfetzt. Und vom ersten Tag an hast du deine Toilette benutzt.

Wollten wir dich anfangs bloß dulden, hast du dich nach für nach in den Mittelpunkt unseres Lebens geschlichen. Die Gedanken kreisten immer mehr um dich, und die Freude, nach der Arbeit oder einem Ausflug heim zu kommen, wuchs permanent, weil wir wussten, dass du da bist, uns freudig begrüßen und Streicheleinheiten einfordern würdest.
Überhaupt – deine vielen Rituale, die du im Laufe der Zeit entwickelt hast: deine Begrüßung, wenn wir zu dir kamen, deine Blicke, wenn wir uns verabschiedeten. Die vielen Spiele mit dir: Mäusejagd, Fang-den-großen-Onkel, Verstecken oder Heranpirschen. Dies wurde auch unser Spaß, und nicht nur dein Beschäftigungsprogramm. Es war zudem eine Freude, dir zuzusehen, wie du dich allein beschäftigen konntest.

In unserer gemeinsamen Zeit haben wir uns verändert, und wir haben viel von dir gelernt. Wir haben gelernt, wie zufrieden man mit wenig sein kann. Du hast eine enorme Dankbarkeit ausgestrahlt, wenn es nur um so kleine Dinge ging wie beispielsweise dein Lieblingsessen, oder das Genießen von wärmenden Sonnenstrahlen. Damit bist du uns ein Vorbild geworden.

Und du hast uns deine Liebe gezeigt. Hast alles, was wir in der Wohnung taten, begleitet; bist uns nicht von der Seite gewichen. Hast neugierig alles betrachtet und wolltest einfach nur dabei sein. Das hat uns gelehrt, dass es das schönste Geschenk sein kann, mit den Menschen, die man mag, zusammen zu sein – einfach nur zusammen sein. Wie viel mehr braucht man noch?

Natürlich gab es auch Momente, in denen wir (amüsiert) den Kopf über dich geschüttelt haben: Wenn du dich wie eine Katze aufgeführt hast; dein gestriges Lieblingsessen am nächsten Tag verschmähtest oder die Tür geöffnet haben wolltest, nur um im nächsten Moment zu signalisieren, dass sie doch lieber geschlossen sein soll. Typisch Katze.

Du warst nun nicht mehr nur geduldet – du warst heiß und innig geliebt. Nicht nur von uns – mit deinem Charme erobertest du in Sekundenschnelle jeden Menschen, der dir begegnete. Und außerdem warst du inzwischen zu einer bildschönen Katze mit traumhaftem Fell heran gewachsen. Wir wollten dich gern noch als uralte Katzendame bei uns haben. Leider sollte es nicht dazu kommen.

Nach ungefähr 1 ½ gemeinsamen Jahren gingen Veränderungen mit dir vor. Erst waren sie kaum spürbar, aber rückblickend fügt sich das Bild zusammen.
Du wurdest wählerisch, was das Essen angeht – zumindest haben wir es so interpretiert. Hattest du vorher Heißhunger auf jede Mahlzeit, kam es jetzt immer öfter vor, dass ich das ganze Futter entsorgen musste.
Und deine Lust zu spielen nahm ab. Wir dachten, du seiest nun dem Teeny-Alter entwachsen, seiest eine kleine Dame geworden, und daher nicht mehr der Wildfang, als den wir dich kennen gelernt haben.
Wirklich hellhörig wurde ich, als du einen schier unstillbaren Durst entwickeltest. Danach wurdest du apathisch, träge. Warst zu nichts mehr zu motivieren.

Zahlreiche Tierarztbesuche folgten. Man stellte hohes Fieber fest, tippte auf eine Virusinfektion. Anfangs waren wir voll Hoffnung, wollten dich mit Antibiotika kurieren – doch nichts half.
Für uns war es ein Wechselbad der Gefühle: Mal schien es dir besser zu gehen und du warst fast die Alte, doch kurze Zeit später dominierten wieder Lethargie und Fieberschübe.

Nach einer Woche bestätigte eine Laboruntersuchung unsere Befürchtungen: FIP. Eine unheilbare, tödlich verlaufende Katzenkrankheit.

In dem Moment, in dem die Diagnose kam, war Leere fühlbar. Zuvor konnte ich noch wie ein Mantra vor mich hinbrummeln „Lieber Gott, mach meine Katze wieder gesund, nimm mir nicht die Celly“, doch das war nun sinnlos. Die Gedanken leer. Was sollten wir nun wünschen? Dass es schnell geht, oder dass uns noch ein paar Tage mit dir bleiben? Ich wusste es nicht.

Natürlich haben wir auch mit Gott gehadert: Warum nimmt er uns unser liebes Kätzchen? Gleichzeitig konnten wir verstehen, dass er dich gern bei sich haben will, weil du so ein liebenswertes Geschöpf bist.

Du schienest nicht zu leiden oder Schmerzen zu haben; warst einfach „nur“ schlapp und ruhebedürftig. Doch deine Kräfte nahmen Tag für Tag ab. In deinen letzten Tagen verließest du dein Ruhekissen kaum noch; ich musste dir den Napf mit Wasser reichen, da du zu schwach warst, um aufzustehen und zu trinken.

Leider musst du heute, am 24. März 2014, zu deiner letzten Reise aufbrechen. Wir können es nicht mehr mit ansehen, wie deine ohnehin schon geringen Kräfte weiterhin schwinden und wollen dir noch schlimmeres Leiden ersparen. Vielleicht beginnt unser eigentliches Leiden dadurch erst recht – denn du wirst uns ungemein fehlen.

Eines weiß ich: Wir haben dir ein schönes Katzenleben geschenkt – du hast uns täglich gezeigt, dass du dich wohl fühlst. Somit war alles richtig, was geschehen ist, auch, wenn wir jetzt alle traurig sind.

Die Freude darüber, dir über 1 ½ Jahre einen Himmel auf Erden beschert zu haben, wiegt mehr als diese Tage der Traurigkeit, Ungewissheit und Leere.

Danke, liebe Celly, dass wir dich kennen und lieben lernen durften. Danke.
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5 Kommentare
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Georg Schmidt aus Diemelstadt | 24.03.2014 | 16:09  
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Aniane Emde aus Korbach | 24.03.2014 | 19:10  
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Miau Wau aus Korbach | 01.04.2014 | 10:45  
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Kirsten Steuer aus Pattensen | 04.04.2014 | 15:59  
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Tamara Schydlowski aus Ebsdorfergrund | 04.06.2014 | 10:32  
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