Pubertät, Sexualität und schulischer Leistungsdruck - wie aus dem Leben - "Frühlings Erwachen" – damals so aktuell wie heute – Ein facettenreiches gesellschaftskritisches Theaterstück

(Foto: Hermann Schmid)
  Ob Jugendliche Anfang des 19. Jahrhunderts ein einfacheres Leben hatten als die pubertierende Jugend von heute? Definitiv nicht. Das Mittelstufentheater "Dramalution Kids" brachte mit einer packenden Inszenierung Frank Wedekinds Kindertragödie "Frühlings Erwachen" die Sehnsüchte, Nöte und Probleme von Jugendlichen auf dem Weg in die Erwachsenenwelt eindrucksvoll auf die Bühne. Die knapp 300 Zuschauer an den vier Aufführungstagen im Saal des Jugendzentrums MATRIX wurden tief in die Gefühlswelt der Jugendlichen hineingezogen, konnten aber auch Hilflosigkeit und Bestürzung, übertriebene Tabus und die Verklemmtheit der Erwachsenen vor über 100 Jahren erleben. An Aktualität mangelt das Thema Pubertät, Aufklärung, Sexualität, schulischer Leistungsdruck aber nicht – weder bei Jugendlichen noch bei Erwachsenen.

Das Stück zeigt den schwierigen Aufbruch junger Menschen ins Leben, wobei sie von den Erwachsenen mit ihren Fragen, Gefühlen und Problemen alleine gelassen werden. Ganz auf sich gestellt bewegen sie sich direkt auf eine Katastrophe zu.
Die Gymnasiasten Melchior und Moritz, beide an der Schwelle zum Erwachsenwerden, sind beste Freunde – obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Melchior der freiheitsliebende abenteuerlustige Draufgänger und Moritz, der sich nichts zutraut und somit der geborene Luser ist. Zögerlich und verschämt gestehen sich die Freunde ihre männlichen Regungen. Beide unklar über diese "gewissen Phantome" versuchen sie sich selbst über das klar zu werden was das ist, was sie verändert und gedanklich nicht mehr loslässt. Moritz bittet seinen Freund Melchior eine "Abhandlung" für ihn zu verfassen, gerne auch mit vielen Skizzen. Den Mädchen geht es ähnlich. Die 14jährige Wendla gesteht ihren Freundinnen ihre sündhaften Gedanken und sie fragen sich, ob ein notwendiger Zusammenhang zwischen Ehe und Sexualität besteht. Martha erzählt von körperlicher Züchtigung ihrer strengen Eltern. Trotz bitterlichem Drängen Wendlas nach sexueller Aufklärung und fast platzenden vor Neugier vertröstet ihre Mutter sie hartnäckig und weicht aus. Auf dem Heuboden geben sich Melchior und Wendla ihren Gefühlen hin und es passiert, was passieren musste. Auch Klassenkamerad Hänschen lüstert mit Bildern weiblicher Pracht, kämpft mit seinen sexuellen Fantasien und entdeckt Gefühle für einen Mitschüler. Gleichzeitig verzweifelt Melchiors Freund Moritz bei den Bemühungen, den Ansprüchen der Schule – und damit auch seinen Eltern – gerecht zu werden. Dies klingt alles nach mittäglicher Talkshow Szenerie, jedoch finden die Handlungen ein tragisches Ende. Aufgrund der abgelehnten Hilfe Melchiors Mutter und der ungenutzten Gelegenheit mit der lebensfrohen und voller Sexappeal sprühenden Ilse das "Unbekannte" zu erleben, erschießt sich Moritz. Da man in Moritz Schulsachen Melchior's obszön illustrierte Abhandlung zum Beischlaf findet, hält man dies für die Ursache des Selbstmordes. Melchior wird vom Lehrerkollegium der Schule verwiesen. Die Tatsache, dass ihr Sohn Wendla geschwängert hat, bringt den Entschluss der verzweifelten Eltern, ihn in eine Besserungsanstalt zu bringen. Wendla wirft ihrer Mutter vor, sie unwissend gehalten zu haben. Sie stirbt beim Versuch der Abreibung. Absolut verzweifelt und voller Schuld verantwortlich an dem Tod seines besten Freundes und seiner Freundin zu sein, erscheint ihm Moritz und versucht ihn ins Reich der Toten zu locken. Da erscheint ihm ein schwarzer vermummter Herr, stellt sich zwischen die beiden und bittet Melchior sich ihm anzuvertrauen und zurück in die Welt führen zu lassen.

Theaterpädagogin Angie Klecker vom Matrix-Team hat es geschafft, eine zeitlos wirkende Inszenierung von Wedekinds Klassiker mit altersgerechten Schauspielern auf die Bühne zu bringen, wobei bei den jüngeren gerade selbst die Gefühlswelt Kopf steht. Alle schlagen sich mit denselben pubertären Problemen herum: Schule, Elternhaus und erste Liebe. Knapp ein Jahr studierten die zahlreichen Akteure unter der Regie von Angie Klecker das Stück ein, wobei es unendlich viele Gespräche neben den Bühnenbrettern um die Thematik gab. Das trug selbstverständlich dazu bei, dass das junge Ensemble eine sehr eindringliche schauspielerische Leistung auf die Bühne bringen konnte. Egal ob Erstbesetzung oder Zweitbesetzung - ausdrucksstark und voller Emotionen stellten die jungen Schauspieler Erziehungsmethoden der Eltern in Frage, ebenso den schulischen Leistungsdruck, zeigten Sehnsüchte sowie Verzweiflung und vor allem die Notwendigkeit einer rechtzeitigen sexuellen Aufklärung. Die Tabus von damals scheinen heute keine mehr zu sein – doch ist es in unseren Tagen leichter, erwachsen zu werden?


Die Fotos sind eine Zusammenstellung aus mehreren Aufführungen, also mit Erst- und mit Zweitbesetzung !

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