Kindheitslexikon: Volkskammerwahlen

Am 18. März 1990 fanden bei einer ungewöhnlich hohen Beteiligung von 93 Prozent aller Wahlberechtigten die ersten freien Wahlen zum Parlament der DDR, der Volkskammer, statt. Als überlegener Sieger ging das konservative Wahlbündnis "Allianz für Deutschland" hervor, bestehend aus der "Christlich-Demokratischen Union" der DDR (CDU), der "Deutschen Sozialen Union" (DSU) und dem "Demokratischen Aufbruch" (DA), welche zusammen 47,8 % aller Stimmen in sich vereinigen konnten. Die Allianz hatte einen baldestmöglichen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik gefordert – und damit auch schnellen Wohlstand für die Noch-DDR versprochen. Politik-Analysten werteten diese Tatsache als Grund für ihren Sieg.
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) musste sich mit 21,8 % begnügen, die Wähler verübelten ihr ihre im Vergleich zur Allianz eher zögernde Haltung zur Deutschen Wiedervereinigung.
Die SED-Nachfolgerin Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) wurde mit 16,3 % drittstärkste Kraft, was als kleine Sensation galt, für die man keine rechte Erklärung fand. Denn gerade zur Zeit der Wahl kamen immer mehr Verbrechen ihrer Vorgängerpartei SED ans Tageslicht.
Für das "Bündnis 90" in dem sich Bürgerrechtsbewegungen zusammengeschlossen hatten, die maßgeblich am Sturz des SED-Regimes beteiligt waren und das der Frage der deutschen Wiedervereinigung sehr kritisch gegenüberstand, stimmten lediglich 2,9 % der Wähler.

Sämtliche Ergebnisse im Überblick, Partei, Stimmen, Prozent, Mandate:

Christlich-Demokratische Union Deutschlands (CDU)
4.710.552
40,8
163

Sozialdemokratische Partei in der DDR (SPD)
2.525.473
21,9
88

Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS)
1.892.329
16,4
66

Deutsche Soziale Union (DSU)
727.716
6,3
25

Bund Freier Demokraten (BFD)
608.918
5,3
21

Bündnis 90 (Bündnis 90)
336.064
2,9
12

Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD)
251.210
2,2
9

Grüne Partei in der DDR/Unabhängiger Frauenverband (Grüne/UFV)
226.921
2,0
8

Demokratischer Aufbruch (DA)
106.146
0,9
4

National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD)
44.296
0,4
2

Demokratischer Frauenbund Deutschlands (DFD)
38.190
0,3
1

Aktionsbündnis Vereinigte Linke (Vereinigte Linke & Die Nelken) (AVL ({VL & Die Nelken})
20.340
0,2
1

Alternative Jugendliste (AJL)
14.615
0,1

Christliche Liga – Die Partei für das Leben (CHRISTLICHE LIGA)
10.691
0,1

Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)
8.819
0,1

Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD)
3.891
0,0

Europäische Föderalistische Partei (EFP)
3.636
0,0

Unabhängige Volkspartei (UVP)
3.007
0,0

Deutsche Biertrinker Union (DBU)
2.534
0,0

Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands (SpAD)
2.417
0,0

Einheit jetzt (Einheit jetzt)
2.396
0,0

Partei für Soziale Gleichheit, Sektion der Vierten Internationale (BSA)
386
0,0

Vereinigung der Arbeitskreise für Arbeitnehmerpolitik und Demokratie (VAA)
380
0,0
(Quelle: Wikipedia)

Da keine Sperrklausel existierte, konnten zwölf Listen eigene Abgeordnete in die Volkskammer entsenden.

Der Zeitplan des Wahlabends sah bei den großen deutschen Fernsehsendern folgendermaßen aus:
- 17:45 Uhr, RTL plus: Erster Bericht aus dem Palast der Republik.
- 17: 55 Uhr: DDR 1, DDR 2, ARD, ZDF und SAT 1 beginnen ihre Wahlberichte. Erste Prognosen.
- 19:30 Uhr: Die einzelnen Sender erwarten zu diesem Zeitpunkt die erste Hochrechnung.
- 21:30 Uhr, DDR 2, ARD, ZDF: "Berliner Runde". Interviews mit Gewinnern und Verlierern.
- 22:00 Uhr, SAT 1: "Talk im Turm". Live-Übertragung aus Berlin.
- 22:15 Uhr, DDR 2, ARD, ZDF: "Bonner Runde". Bonner Politiker mit Stellungnahmen zum Wahlausgang.
- 22:30 Uhr, RTL plus: "Die Woche extra" aus dem Grand Hotel.
- 24:00 Uhr: Bis zum vorläufigen Endergebnis gegen etwa 24:00 Uhr berichten alle Sender.
- Über Satelliten wurde bis in die USA übertragen.
- Die zentrale Stätte für die Berichterstattung war der Palast der Republik.
- 150 Redakteure und Techniker waren allein fürs DDR-Fernsehen unterwegs.

Das "Kasseler Sonntagsblatt" analysierte in seiner Ausgabe Nummer 11/1990 die Lage in der DDR vor der Wahl, auch im gesamteuropäischen Kontext:
"Folgte man jüngsten Umfragen, so war allerdings zu erkennen, dass die PDS entgegen solchen Befürchtungen zurückgefallen war auf sieben Prozent. Die "Allianz für Deutschland", mit der hiesigen CDU/CSU eng liiert, lag zum Schluss sogar vor der ursprünglich favorisierten SPD-Ost. Es wird auf jeden Fall sehr spannend.
(…)
In der Bundestagsdebatte machte Helmut Kohl deutlich, dass seine Partei den Anschluss der DDR an die Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes befürworte. Wobei er freilich darauf aufmerksam mache, dass es sich dabei um einen "Beitritt", nicht aber um einen direkten "Anschluss" handle. Hans Dietrich Genscher verwies noch einmal darauf, dass die Einigung in gesamteuropäischem Rahmen zu sehen sei und nicht hinter dem Rücken der Europäer und unter Ausschluss der 35 Unterzeichner von Helsinki geschehen könne.
Gleich im Anschluss an die Bundestagsdebatte begab sich Helmut Kohl ins Nato-Hauptquartier nach Brüssel, um die Botschafter der 16 Nato-Staaten über die Deutschlandpolitik zu informieren. Im April noch werden die Außenminister der Nato eine eigene Konferenz einberufen, die sich ausschließlich mit der Deutschlandfrage befasst. Schon am Montag zuvor hatte Genscher die EG-Außenminister über die deutschen Einigungsbemühungen informiert."

Außergewöhnliches journalistisches Engagement für die Wahl zeigte das Hamburger Nachrichtenmagazin "STERN". Es ließ ein 72-seitiges "STERN-extra" mit einer Auflagenhöhe von einer Million drucken. Und am Wochenende vom 2. bis zum 4. Februar kostenlos in 15 Städten der DDR verteilen, darunter Ost-Berlin, Frankfurt/Oder, Magdeburg, Rostock, Dresden, Leipzig. In größeren Städten waren Sattelschlepper im Einsatz, Kolonnen von "Trabbis" brachten die Extra-Ausgabe auch in entlegenere Orte. Als Helfer waren unter anderem Mitglieder der Oppositionsgruppen und die DDR-Volkspolizei im Einsatz.
Der STERN stellte in der Ausgabe die zehn wichtigsten neuen Oppositionsparteien und –gruppierungen vor und ließ sie auf zehn zentrale Fragen zur Zukunft der DDR antworten.
Das Interesse der DDR-Bürger an politischer Information war zu jener Zeit so enorm hoch, dass es überall zu fast tumultartigen Szenen bei der Verteilung kam. Vor dem Berliner "Grand Hotel" etwa waren am 2. Februar ab 8:00 Uhr nach genau 42 Minuten 100.000 kostenlose Sonderhefte verteilt. Schon ab 6:00 Uhr trafen die Interessenten ein. Noch am Nachmittag desselben Tages warnten Radiosender im Ost- und im Westteil der Stadt vor den durch die Verteilaktion entstandenen Stauungen.
Reaktionen von Medien aus der DDR:
"Neue Zeit": "Vom Informationsgehalt war bei uns nichts Vergleichbares auf dem Markt."
"Neues Deutschland": "Das Interesse an einer solchen kostenlosen Übersicht zur DDR-Wahl ist durchaus verständlich."
Günter Schabowski, letzter Medienbeauftragter der SED-Regierung: "Der STERN hat schnell geschaltet."

Die Ost-Berliner Zeitung "das blatt", entstanden im allgemeinen Zeitungsgründer-Boom während der Wende, veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 20. Februar 1990 folgende Prognose über das Abschneiden der großen Parteien bei der Volkskammerwahl:
SPD: 23,4 % (tatsächlich 21,9 %).
Allianz für Deutschland: 34,3 % (tatsächlich 48 %).
DBD: 8,4 % (tatsächlich 2,2 %).
Bund Freier Demokraten: 17,1 % (tatsächlich 5,3 %).
PDS: 12,5 % (tatsächlich 16,4 %).
Andere: 4,3 %.
Auch wenn einzelne Zahlen stark vom tatsächlichen Endergebnis differieren, lag man damit prinzipiell richtig, was die Einschätzung der Bedeutung der jeweiligen Parteien betraf.
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