Kindheitslexikon: Kulturhaus in Kölleda

Die zentrale Einrichtung für Großveranstaltungen aller Art in unserer Ortschaft war das Kulturhaus in der Erfurter Straße, nahe der Straße Im Kloster.

Von der Funktion her im Grunde genau das, was etwa in einer durchschnittlichen österreichischen Gemeinde (Wo ich heute lebe.) der Stadtsaal ist.
Oder das, was man aus amerikanischen Filmen als den Gemeindesaal kennt, wo die Lokalpolitiker die Ortsbevölkerung zusammenrufen, wenn die Stadt gerade von kleinen, grünen Männchen belagert wird und der alte, griesgrämige Sonderling-Bauer vom Stadtrand damit herausrückt, dass er noch eine alte Anti-UFO-Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg besitzt.

1837 errichtet unter dem Namen "Schützenhaus" diente es als Vereinslokal für den örtlichen Schützenverein. Historischen Dokumenten zufolge stand es aber auch damals schon für öffentliche Veranstaltungen aller Art offen.

So berichtete meine Großmutter, dass während ihrer Kindheit (Geburtsjahrgang 1904.) in den Räumlichkeiten Zigeuner-Clans rauschende, pompöse Hochzeitsfeiern abhielten, die noch lange Stadtgespräch waren.

Nach dem Krieg wurde es dann umbenannt in Kulturhaus. Eine Bezeichnung, wie sie für Einrichtungen dieser Art im gesamten damaligen Ostblock Standard war.

Nach der Wende 1989 hieß es wieder Schützenhaus.
Meine Großmutter hat übrigens ihr Leben lang Schützenhaus gesagt. Kurz vor Ende ihres Lebens hat ihr die Geschichte dann doch noch Recht gegeben!

Im Erdgeschoss befand sich eine kleine Gaststätte. Diese verfügte ungefähr bis 1940 auch über eine Einbahn-Kegelanlage.

Wenn man zum Haupteingang hineinging, befand sich rechts, hinter der einzigen Tür dort, früher einmal die städtische Bibliothek. Von der Zeit nach dem Krieg bis zum Umzug auf den Markt, wahrscheinlich irgendwann in den Fünfziger Jahren.

Nach hinten raus, Richtung Süden, verfügt das Gebäude über einen sehr großen Garten im Stil eines englischen Parks. Das Gelände stößt im Süden an den benachbarten Friedhof.

Ich erinnere mich aktiv daran, fünfmal in dem großen Saal im Gebäude gewesen zu sein. Da gewesen bin ich bestimmt öfter, mit Sicherheit, aber an diese fünf Male kann ich mich noch erinnern.
Bezüglich der Termine muss ich allerdings schon raten, hier verschwimmt die Erinnerung bereits sehr stark.

In der Vorweihnachtszeit 1984 – da bin ich mir ziemlich sicher – trat in dem Saal das in der Region sehr populäre Kabarett "Ehringsdorfer Trümpfe" aus dem gleichnamigen Ort bei Weimar auf. Das Ensemble feierte in dem Jahr sein zwanzigjähriges Bestehen.

Im Rahmen des Ferienspiels an unserer Schule sah ich dort – höchstwahrscheinlich im Sommer 1985 – eine Kaspertheatervorstellung.

Dann war ich dort mal anlässlich der Vorführung eines Magiers und eines Feuerspuckers. Der zeitliche Rahmen ist mir entfallen. Was ich noch genau weiß, ist, dass das in der Zeit war, als bei uns in der Stadt der psychopathische Brandstifter sein Unwesen trieb. Die Feuerschlucker-Darbietung wurde daher von einigen Zuschauern mit Schwarzem Humor, von anderen mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen.

Gründonnerstagabend 1987 zu einem Estradenprogramm (Kulturprogramm, das thematisch "quer durch den Gemüsegarten" geht.), das Schülerinnen und Schüler unserer Schule gestaltet hatten.

Und das letzte Mal war ich dort bei meiner Jugendweihe im Mai 1990.

Eine etwas "pikante" Anekdote über das Kulturhaus: Es war dort ein Allen bekanntes, stillschweigendes Übereinkommen, dass das Paar, das auf Tanzveranstaltungen den letzten Tanz tanzte, hinterher miteinander Geschlechtsverkehr hatte.

Vier Erinnerungen an den Garten:

In den Ferienmonaten Juli und August fand in diesem Garten an lauen Sommerabenden oft Freiluftkino statt. Wir waren allerdings nie dort gewesen. Wir bekamen bloß immer die Beschallung mit, welche sich über das gesamte Stadtviertel verteilte.

Im Rahmen der 1200-Jahr-Feier des Ortes im Juni 1986 fand dort am Sonnabend des Festwochen-Beginns eine Veranstaltung namens "Knirpsen-Kirmes" statt. Ein typisches Kinderfest eben mit allem, was so dazugehört. Mutter und ich waren auch dort.

Im Frühjahr 1987, kurz nach Ostern, führte ebenda der damalige Bürgermeister Zirnik einen Dia- oder Super-8-Schmalfilmvortrag, so genau weiß ich das nicht mehr, vor. Thema war die im Jahr zuvor abgehaltene 1200-Jahr-Feier. Besonders in Erinnerung geblieben davon ist mir, dass während der Erläuterungen des Bürgermeisters ein Mann im Publikum, der stadtweit für seinen, nun ja, etwas lockeren Umgang mit dem Alkohol bekannt war, ständig irgendwelche lustigen Bemerkungen dazwischenbrüllte. Teilweise auch einige mit politischer Brisanz.

Vom 13. bis 15. Juli 1990 fand dort erstmals seit dem politischen Umbruch wieder ein Schützenfest statt. Eine alte Kölledaer Tradition lebte somit wieder auf. (Persönliche Erinnerung: Hier habe ich im Flohmarktsbereich meine erste West-Schallplatte gekauft, und zwar mit den Musikeinlagen der Rudi-Carrell-Show.)
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