Kindheitslexikon: Kölledaer Flurbezeichnungen

Ich mit neun Jahren auf der Kölledaer Froschwiese. Im Hintergrund die Gebösestraße.
 
Der seinerzeitige Kölledaer Stadtgraben auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2010. (© 2010 by Edelgard Koch, Kölleda. Bild wurde im Auftrag des Autors erstellt.) Auf dem linken Bildrand sind Zäune zu erkennen. Sie gehören zu einer dort befindlichen Schrebergärtenkolonie. Einer der Gärten gehörte unserem Bekannten Herrn Heim, der uns immer mit Honig belieferte. Ich war als Kind und Jugendlicher ein paar Mal mit in seinem Garten, bekam dort auch seine Bienenzucht zu sehen.
 
Blick von der Weimarischen Straße aus auf den Beginn des Vogelsberger Weges. (Aufnahme aus dem Frühherbst des Jahres 1992.) Am rechten Bildrand, da wo die Büsche davorstehen, befindet sich kurz darauf der Kölledaer Bahnhof. (Wenn wir genau hinsehen, finden wir dort auch ein Flügelsignal. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein verdorrter Baum.) An dieser Stelle, welche wir im nächsten Bild sehen werden, nimmt der Weg seinen Ausgangspunkt.
 
Und hier sieht man dieselbe Baumreihe aus unmittelbarer Nähe. (Aufnahme aus dem Frühherbst des Jahres 1992.)
Frauenbach: In Kölleda beginnt in Bahnhofsnähe ein Bach namens Frauenbach. Über die Entstehung dieses Namens habe ich als Kind eine Menge abenteuerliche Geschichten gehört, von denen allerdings keine einzige der Wahrheit entsprechen dürfte. So hörte ich einmal, der Bach hieße so, weil dort mal eine Frau ertrunken sei. Eine andere Version ging dahin, dass in vergangenen Jahrhunderten dort Frauen zum Baden gingen. Aber das dürften mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alles Legenden sein. Wenn man ein wenig über die Entstehung von Flurnamen Bescheid weiß, halte ich es eher für plausibel, dass es sich dabei um die Volksmund-Verballhornung irgendeines völlig anderen Wortes handeln könnte; also dass der Name mit Frauen an sich gar nichts zu tun hat.

Über die geomorphologische Einbindung dieses Baches bekam ich als Kind zuhause folgenden Vers gelehrt (Allerdings ohne die Angaben in den Klammern, die habe ich zur besseren Orientierung für den Nichtortskundigen hinzugefügt.):


"Der Frauenbach fließt in die Lossa (kurz vor Frohndorf).
Die Lossa fließt in die Unstrut (bei Leubingen).
Die Unstrut fließt in die Saale (bei Naumburg).
Die Saale fließt in die Elbe (bei Barby).
Die Elbe fließt in die Nordsee (bei Cuxhaven).
Und die Nordsee fließt in den Atlantik."


In der Vergangenheit fand der Bach einmal Erwähnung in dem großangelegten lexikalischen Werk von Karl Friedrich Vollrath Hoffmann: "Deutschland und seine Bewohner: Ein Handbuch der Vaterlandskunde für alle Stände." Band 1. J. Scheible's Buchhandlung, Stuttgart, 1835.

In direkter Bachnähe gibt es einen eingetragenen Kleingartenverein mit dem Namen, wen überrascht es groß, "Am Frauenbach". Ich kenne die Gärten vom Vorbeigehen ganz gut.

Froschwiese: Biotopartiges Gelände in Kölleda mit Schilfgürteln, Wiesen und einem Abenteuerspielplatz. Eingefasst im Westen von der Gebösestraße, im Osten von der Großneuhausener Landstraße (Die beiden Straßen bilden auf der Höhe der Schillerstraße ein sehr spitzes, nach unten zeigendes Dreieck.) sowie einer (meines Wissens nach) namenlosen Verbindungsstraße zwischen den beiden zuvor genannten im Süden. Welche die dritte Seite des Dreiecks bildet.

Galgenhügel: Vermutlich ein alter Grabhügel. Ein Kilometer nordwestlich von Kölleda und ein halber Kilometer westlich der Straße nach Nordhausen gelegen.

Kiesgrube: Die Kölledaer Kiesgrube lag ungefähr auf halber Strecke zwischen der Straße des Friedens und der Kiebitzhöhe. Ungefähr nach einem Drittel der Straße des Friedens, wenn man vom Johannistor her kam, zweigte westlich ein Weg dorthin ab.

Leubinger Hügel: Bedeutende Stätte der Frühzeit in unserer näheren Umgebung. Ziemlich genau ein Kilometer südöstlich von der namensgebenden Ortschaft Leubingen, an der Straße nach Stödten, gelegen.
Gehört zur so genannten "Leubinger Gruppe", einem Teil der entwickelten frühneuzeitlichen "Aunjetitzer Kultur".
1877 von Professor Dr. Friedrich Klopfleisch, salopp formuliert, einer Art mitteldeutschem Indiana Jones des 19. Jahrhunderts, ausgegraben.
Es handelt sich dabei um einen großen Grabhügel, der unter einer Steinpackung eine zeltartige Grabkammer aus Eichenbohlen enthielt. Darin fanden sich das Skelett eines alten Mannes und angeblich quer darüber die Knochen eines zehnjährigen Kindes. An Grabbeigaben fand man außer einem Keramikgefäß und einem Steinbeil mehrere Stücke aus Gold und Bronze.
Die Entstehungszeit dürfte bei ungefähr 1700 v. Chr. liegen.
Aus speziell diesem und weiteren ähnlich reich ausgestatteten Gräbern der Aunjetitzer Kultur schloss man auf einen bereits relativ hohen gesellschaftlichen Entwicklungsstand dieser Epoche.

Schafau: Bach, der im Kölleda nahegelegenen Ort Schafau entspringt. Er durchquert die Talsperre Bachra, den Ort Bachra, dann Ostramondra. Fließt nördlich an Backleben vorbei. Erreicht auf der Battgendorfer Straße besiedeltes Gelände von Kölleda. Schlängelt sich an den Straßen An der Pforte und Promenadenweg vorbei, unterquert die Straße Brückentor, passiert südlich die Straße Wilder Graben, bewegt sich südlich an der Straße Langer Weg vorbei, unterquert die Straße Johannistor, führt südlich an der Angerstraße vorbei und mündet im Bahnhofsgebiet von Kölleda in den Frauenbach.

Stadtgraben: Erstreckt sich zwischen dem Backleber Tor im Norden und der Johann-Sebastian-Bach-Straße im Süden, hinter deren nördlicher Häuserzeile er endet. Er beschreibt mit seiner Ausdehnung nach wie vor exakt die historische Stadtgrenze im Osten.

Vogelsberger Weg: Wenn ich im Sommer mit dem Fahrrad unterwegs war, startete ich meine Touren meistens beim neuen Stellwerk beziehungsweise zehn Meter entfernt liegenden Vogelsberger Weg. Das war für mich sozusagen "das Tor zu Welt".

Ich traf zunächst aus westlicher Richtung kommend vom Jahnplatz her ein. Dann fuhr ich das letzte Stück der Gebösestraße Richtung Süden, Richtung Stellwerk eben.
Am Ende der Gebösestraße zweigte westlich die Karl-Marx-Straße ab.

Geradeaus, quasi als Fortsetzung der Gebösestraße, führte der schmale Erdweg mit den riesigen Schlaglöchern und dem groben Schotter in Richtung Vogelsberger Weg. Und dort verließ man praktisch das besiedelte Stadtgebiet. Das letzte Haus der Karl-Marx-Straße war auch schon das letzte Haus im besiedelten Gebiet.
Wenn ich dort mit dem Rad unterwegs war, hatte ich mich stets auf dem ganz schmalen Betonstreifen auf der linken Seite gehalten. Auf dem groben Schotter konnte man mit einem gewöhnlichen Fahrrad ziemlich schnell wegrutschen.

Nach nur wenigen Metern tat sich auch schon die scharfe Kurve nach links auf, wo es dann genau in östliche Richtung weiterging. Auf der rechten Seite der Biegung wurde gleichzeitig in einiger Entfernung der Bahnsteig sichtbar. Es war nur ein Stück, das man sehen konnte. Zwischen den Gärten hinter den Häusern der Karl-Marx-Straße und der kurzen Reihe Gebüsch entlang der Gleise geradeso erkennbar.

Links, im Norden, zog die multifunktionale Grünfläche am südlichen Ende der Froschwiese vorbei. Jenes von weitem etwas anarchistisch wirkende Gemisch aus Kleingärten, kleinen Äckern und wildem Grüngelände. Ich erinnere mich, wie auf dem Grünstreifen am Beginn der Fläche früher manchmal ein Schaf das Gras abfraß. Es war stets an den einsamen Weidenbaum genau in der Kurve angekettet.

Geradeaus, Richtung Osten, kündigte sich gleich darauf die namenlose Verbindungsstraße zur Weimar'schen Straße an. An ihrem Beginn lag auf der rechten Seite das neuere Stellwerk, davor der beschrankte Bahnübergang. Er war inzwischen nur noch wenige Meter entfernt.

Man überquert die Gleise. Gleich dahinter verlief der Weg wieder parallel zu den Schienen, genau in Richtung Westen. Es war das etwa zehn Meter lange Wegstück zwischen Stellwerk und Beginn Vogelsberger Weg.

Nach ein paar Sekunden kam man auch schon am Vogelsberger Weg an. Dieser zweigte im Winkel von 90 Grad in Richtung Süden ab.

Ging man geradeaus in Richtung Westen weiter, schloss sich der Feldweg längsseits des Bahndammes an.

Dazwischen eröffnete sich das riesige, kilometerweite Äckersystem Richtung Frohndorf. Rechtwinklig eingeschlossen zwischen dem Feldweg nach Westen und den Pappeln des Vogelsberger Weges Richtung Süden.

Ich fuhr in der Regel dann den Vogelsberger Weg entlang.

Wallendorf: Wenn man vom Kölledaer Bahnhof aus den Vogelsberger Weg losfährt, dann liegt ungefähr auf der Höhe der Abzweigung nach Großneuhausen die Wüstung Wallendorf. Ein Dorf, das nicht mehr existiert.



Nun noch allgemein ein bisschen was zum Thema Geografie:

"Zwischen Fichtelberg und Kap Arkona" war zu DDR-Zeiten ein gängiges Sprachbild, um irgendeinen Zustand zu beschreiben, der für das ganze Land zutraf.
Fichtelberg: Bei der Ortschaft Oberwiesenthal im Erzgebirge gelegen. Ist mit 1.214,79 Meter über dem Meeresspiegel der höchste Berg in Sachsen. Gemeinsam mit dem nahe gelegenen Klínovec (Keilberg, 1.244 Meter) auf tschechischer Seite bildet er das bedeutendste Wintersportzentrum des Erzgebirges.
Kap Arkona: 45 Meter hohe, aus Kreide und Geschiebemergel bestehende Steilküste auf der Halbinsel Wittow im Norden der Insel Rügen an der Ostsee. Galt als der annähernd nördlichste Punkt der DDR. Gehört neben dem Fischerdorf Vitt zur Gemeinde Putgarten. Flächendenkmal. Eines der beliebtesten Ausflugsziele auf Rügen mit jährlich ungefähr 800.000 Besuchern.
Am Kap befinden sich zwei Leuchttürme, ein Peilturm, zwei Militärbunker, die slawische Jaromarsburg und einige touristische Infrastruktur.


Elbe: Mitteleuropäischer Fluss, der im tschechischen Riesengebirge entspringt und bei Cuxhaven in die Nordsee mündet.
Daher einer der ganz zentralen Flüsse auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.
So ungewöhnlich das klingt, aber im Flussbett der Elbe gibt es große Vorkommen an Kohle. Dies kommt daher, weil die Elbe in den vergangenen Jahrhunderten sehr viel als Binnenschifffahrtsweg für Kohletransporte genutzt wurde. Und dabei gingen immer wieder Teile der Ladung über Bord. Sei es durch Havarien oder um fest sitzende Boote wieder zum Fahren zu bringen.


Höhenzüge: Drei bedeutende Höhenzüge in meiner unmittelbaren Umgebung waren die Hainleite, die Schmücke und die Finne.


Thüringische Staaten: Meine Großmutter konnte aus ihrer Schulzeit noch die so genannten "Thüringischen Staaten" aus dem Kopf aufzählen:
"Als Thüringische Staaten werden die folgenden deutschen Bundesstaaten des Deutschen Reiches bezeichnet:
- Das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach (amtliche Bezeichnung seit 1903 Großherzogtum Sachsen).
- Die Herzogtümer Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg und Gotha und Sachsen-Meiningen.
- Die Fürstentümer Reuß ältere Linie, Reuß jüngere Linie, Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen."
(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Th%C3%BCringische_Sta... Abruf vom 30. März 2013)
Wir waren in jener vergangenen Epoche übrigens beim Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach mit dabei.


Als Kind hatte ich mal als Jux die folgende raumplanerische Beschreibung meines Zimmers verfasst:
Sonnensystem: Je nachdem, welche außerirdische Rasse ihm nun welchen Namen gibt.
Planet: Erde.
Kontinent: Europa.
Kontinentalregion: Mitteleuropa.
Land: DDR.
Bezirk: Erfurt.
Kreis: Sömmerda.
Stadt: Kölleda.
Wohnbezirk: IV.
Straße: Albert-Träger-Straße.
Haus Nummer: 1.
Stockwerk: Erdgeschoss.
Zimmer: Nordost.
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