Kindheitslexikon: Kirche in Kölleda

Die St. Wippertikirche auf zwei Aufnahmen aus dem Jahr 2010. (© 2010 by Edelgard Koch, Kölleda. Bilder wurden im Auftrag des Autors erstellt.)
 
Die St. Wippertikirche auf zwei Aufnahmen aus dem Jahr 2010. (© 2010 by Edelgard Koch, Kölleda. Bilder wurden im Auftrag des Autors erstellt.)
Zwei Kirchen existierten in unserer Stadt.

Die größere und für das Gemeindeleben bedeutendere war die St. Wippertikirche, auch Wippertuskirche genannt. (In der heimatgeschichtlichen Literatur teilweise auch "St. Wigbert" genannt.) Gelegen auf dem Marktplatz, südöstlich des Rathauses.
Westturm mit achteckigem Spitzhelm, 35 Meter hoch. Innen Epitaph. 1580 von der Familie von Werther aus Beichlingen gestiftet. War bereits zu DDR-Zeiten Bestandteil der Bezirksdenkmalliste.
Geschichte:
- Ungefähr zu der Zeit, als Kölleda die Stadtrechte verliehen bekam, auf jeden Fall aber vor 1404:
Errichtung der Kirche als Stadtkirche.
Die Inschrift über der dem Marktplatz zugewandten Kirchentür jedoch gibt das Jahr der Einweihung mit 1496 an.
Ursprünglich gotischer Stil.
- 1538:
Die Kirche brennt ab.
- 1542:
Eröffnung des Wiederaufbaus. Auch über der alten Sakristeitür als Wiederaufbaudatum und Zeitpunkt der Einführung der Reformation vermerkt.
- 1850:
Aufstellung der Epitaphe der Herren von Werthern.
(Quelle: https://www.thueringen-entdecken.de/urlaub-hotel-reisen/st.-wipperti-kirche-104262.html, Abruf vom 10. Mai 2016)
Ein paar lose persönliche Erinnerungen an das kirchliche Leben damals:
- Einmal im Jahr wurde in der Kirche "großreine" gemacht. Stets im Hochsommer, damit das Trocknen leichter voranging. Die Prozedur zog sich dabei über mehrere Tage. Auch meine Großmutter, die Jahrzehnte lang in der Kirchengemeinde engagiert war, beteiligte sich jedes Mal daran.
- An einem Nachmittag um meinen sechsten Geburtstag 1982, an dem die Nachbarn zu Kaffee und Kuchen da waren, kam auch unser damaliger Pfarrer vorbei. Er brachte irgendwelchen Süßkram und einen künstlerisch gestalteten Bilderbogen mit lauter Darstellungen aus der Bibel, bei denen die Inhalte auf der Rückseite in kindgerechter Sprache erklärt waren. Die Bilder sahen entfernt ein wenig aus wie Edvard-Munch-Gemälde, nur mit schwarzen Linien an den Rändern der Bildelemente. Schon als Kind hatte mich die künstlerische Gestaltung total fasziniert.
- Ich muss wohl gerade erst in die Schule gekommen sein, als ich mit meiner Großmutter mal zu einer Adventveranstaltung im Diakonat war. Kinder sangen und musizierten dort vor den Anwesenden. Dann bastelten alle Kinder gemeinsam mit ihren erwachsenen Begleitern Adventsachen.
- Ab Mitte der Achtziger Jahre schickte mir jedes Jahr Schwester Martha, die ehemalige Gemeindeschwester von Gorsleben, eine ganz reizende ältere Dame, die ihren Lebensabend im katholischen Altersheim St. Elisabeth in Weimar verbrachte, den "Christlichen Kinderkalender" zu.
- Im Juli 1988 war ich mit Großmutter an einem ziemlich warmen Abend zu einem Konzert in der Kirche. Geistliche Abendmusik barocker Komponisten wurde gespielt.
- Ich kann mich dunkel erinnern, dass, als ich Kind war, eine kleinwüchsige Frau namens Anita in der Kirche irgendwelche Funktionen wahrnahm. Ich sah sie manchmal im Diakonat etwas hantieren.
- Gegen Ende der Achtziger Jahre, kann ich mich noch erinnern, lagen auf dem Info-Materialien-Tisch im Gemeindesaal im Diakonat auch Schriften des sehr bekannten Missionswerkes Werner Heukelbach in Westdeutschland aus. Auf irgendwelchen Kanälen waren diese in die DDR gelangt.

Daneben gab es noch die Kirche St. Johannes, auf dem Friedhof der Stadt gelegen. Wurde von der sehr kleinen katholischen Gemeinde der Stadt benutzt, früher im wöchentlichen Wechsel mit einer evangelischen Gemeinde.
Einschiffige Saalkirche. Arkaden zu den ehemaligen Seitenschiffen außen sichtbar. Turm im Westen. Architektonische Besonderheit: In der Nordwand des Chorraumes der einfach gebauten Kirche befindet sich ein Bogen, in dem die Sitzplätze der Nonnen waren.
Geschichte:
- Zuvor befand sich an gleicher Stelle die Peter-Paul-Kirche. Diese wurde jedoch mit der Zeit zu klein.
- 1266:
Errichtung der neuen Klosterkirche St. Johannes, Johannes dem Täufer geweiht.
- 1393:
Widmung eines Grabdenkmales für Helene Gräfin von Beichlingen und ihre beiden Kinder.
- Etwa um 1462:
Errichtung eines freistehenden Turmes südlich der Kirche.
- 1825:
Errichtung des heutigen Turmes.
- 1965:
Umbau innen.

Zum Thema Konfirmation:
Sehr lange vor meiner Zeit gab es in unserer Stadt den Brauch, dass zur Konfirmation um die Haustür eine Girlande aus Tannengrün und weißen, künstlichen Blumen gehängt wurde.
Außerdem wurde der gesamte Fußweg von dem entferntesten Konfirmanden bis zur Kirche leicht, aber doch gut sichtbar mit kleinen Tannengrünstückchen gestreut. Der jeweils weiteste musste dabei bis zur Gartentür des nächsten Konfirmanden streuen.
Als meine Mutter konfirmiert wurde, musste sie von uns aus bis zur Schillerstraße, über die Straße hinweg bis zu Winzers streuen, wo Siegmar Winzer Konfirmand war.
Er musste dann bis zur nächsten Adresse streuen, wo die Konfirmandin die Tochter von Dr. Bartholomä war. Den Fußweg die gesamte Schillerstraße entlang, dann um die Eckvilla herum, das Weimarsche Tor weiter, bis zur nächsten Doppelhausvilla, wo der Doktor seine Praxis hatte.
Die Tochter wiederum musste dann weiterstreuen auf dem Fußweg am Stadtbad vorbei, unter den Kastanien entlang, auf die linke Seite vom Roßplatz, bis zum Bauernhof Teichmann, wo die Konfirmandin Monika Teichmann lebte. Und so ging es aus allen Ecken der Stadt strahlenförmig hin zur Kirche.
In früheren Zeiten war das Alpenveilchen mal ein ganz typisches Blumengeschenk zur Konfirmation. Das hatte sich irgendwie durch Angebot und Nachfrage mit der Zeit so eingebürgert. Wenn man im Frühjahr durch die Stadt ging und Ausschau hielt, in welchen Fenstern Alpenveilchen standen, konnte man mit einer ziemlich hohen Trefferquote ermitteln, in welchen Häusern gerade eine Konfirmation stattgefunden hatte.

Ich selbst bin übrigens nicht konfirmiert worden, sondern nur getauft. Mit 19 habe ich dann die katholische Firmung nachgeholt.
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