Kindheitslexikon: Hühner

Ein paar Aufnahmen mit unserer damaligen Kompaktkamera. So setzte sich unser Hühnerbestand im Jahr 1992 vor unserem Wegzug zusammen. Die Weiße hieß Doreen und war die Anführerin der vier Italiener. Immer wenn es Futter gab, hatte zunächst sie den Vortritt und nachdem sie bereits ein bisschen was zu sich genommen hatte, durften die anderen auch ran. Und die respektierten ihre Stellung auch. Hinter der Bretterwand, die in östlicher Richtung lag, befand sich unser Vorgarten mit Steingartengewächsen.
 
Weißes Leghorn und Italiener
 
Weißes Leghorn und Italiener

Die Tiere unseres Hühnerhofes


Über Jahrzehnte hinweg hielten wir uns Hühner. Wie viele etliche andere Bewohner der Stadt auch.

Bis irgendwann nach dem Krieg hielten wir auch noch alles mögliche andere Kleinvieh im Hühnerhof, um uns weitgehend selbst zu versorgen. Um dieses kümmerte sich vorwiegend mein Urgroßvater Hermann Einecke. Denn Großvater arbeitete bis zum Abend im Funkwerk und bearbeitete anschließend noch das gepachtete Stück Land auf dem ehemaligen Flugplatz und das Gartenstück bei Lehmanns am Weimarischen Tor.

Zu Beginn der Fünfziger Jahre lebte für drei Jahre bei uns im Hühnerhof auch mal ein Rabe namens Mohrle, der uns zugeflogen war. Jeden Freitag bekam er Wurstreste von der Fleischerei Stichling, die er sich sichtlich schmecken ließ.
Eine seiner Marotten war es, das Gegacker der Hühner nach dem Legen eines Eies nachzuahmen. Er bekam das auch ziemlich gut hin. So gut, dass unsere Nachbarin südlich, Frieda Müller, schon neidisch wurde auf die vielen Eier, die unsere Hühner angeblich legten!

Zu meiner Zeit hatten wir nur noch Hühner und unter ihnen fast ausschließlich Weißes Leghorn-Hennen. (Unter Hühnerzüchter-Insidern übrigens berüchtigt für ihren stark ausgeprägten Sexualtrieb! Die Boxenluder unter den Hühnern!!! So etwas müsste mir mal in Menschengestalt und in Form einer Zwillingsschwester von Agnetha Fältskog begegnen!)

Teichmanns Bauernhof: Wenn wir uns Junghennen zulegten, dann kauften wir diese immer vom Bauernhof der Familie Teichmann auf dem Kölledaer Roßplatz, auf der westlichen Seite der Bushaltestelle. Wesentlich öfter waren wir dort, um Mist für unseren Garten zu kaufen.
Ich kann mich noch dunkel erinnern, wie dort alles Mögliche an landwirtschaftlichem Getier herumlief – so wie man sich einen Bauernhof vorstellte. Ich bin dort immer sehr gern gewesen.
Zuletzt müssen wir uns irgendwann Anfang/Mitte der Achtziger dort aufgehalten haben.
Die Familie war übrigens, soviel ich weiß, nicht mit der Familie Teichmann in unserer Straße verwandt. Zumindest nicht eng.

1989 flogen uns zwei Italiener zu. Wir wussten nicht, woher sie kamen, sie standen eines Morgens einfach in unserem Garten.
Irgendwann um diese Zeit herum flog auch ein weißes Leghorn zu, welches wir Doreen nannten. Da in beiden Fällen uns der vorherige Halter weder bekannt war, noch von irgendjemandem Besitzansprüche erhoben wurden, behielten wir sie. Wenn jemand gekommen wäre, hätten wir sie natürlich herausgegeben, aber es meldete sich niemand.

Der Hühnerhof war auch ein Anziehungspunkt für sämtliche Tiere aus der Umgebung: Katzen, Igel, Vögel sowieso. Jeder fand dort irgendetwas.

Nach der Wende übernahmen wir dann noch einen ganzen Schwung Italiener von einer Nachbarin, die sie aus Kostengründen abschaffte.

Dabei war auch ein junger Hahn. Der versuchte eines Tages mal, Eier legen!
Ich dachte, ich sehe nicht richtig, als ich das vom Fenster aus beobachtete. Er scharrte sich ein Loch, wie es die Hennen in der Streu im Hühnerstall taten, wenn sie legten, und setzte sich drauf. Nach einer ganzen Weile stand er auf, starrte in das Loch und konnte es nicht fassen, dass da nichts drin lag!!!
Ich fragte mich: War er feministisch, schwul oder ein Transvestit?

Thema Hahn. In Medienbeiträgen hört man ja oft Formulierungen wie "Der Hahn – der Boss des Hühnerhofes". Ist ein Mythos. Ich bin als Kind auf genügend Hühnerhöfen gewesen, um das beurteilen zu können. Bei praktisch allen Hühnervölkern, die ich beobachtet habe, verhielt es sich so – das ist jetzt wirklich kein Witz – dass der Hahn regelrecht unter dem Pantoffel seiner Hennen stand. (Also wie bei den Menschen auch.) Das merkte man vor allem an der Hackordnung am Futternapf. Wenn es frisches Futter gab, da drängelte sich zunächst der weibliche Teil des Hühnerhofes rund um den Napf. Der währenddessen im Hintergrund laut schimpfend im Kreis herum marschierende Hahn hatte keine Chance, sich irgendwie Respekt zu verschaffen. Erst wenn seine Damen sich gestärkt hatten und weggingen, durfte er dann auch.
Auch, dass sie ihn "drüber ließen" – das war, von den permanent notgeilen Weißen Leghörnern mal abgesehen, eher ein Gnadenakt.

Das Hühnerhofgelände


Zunächst zur "Vorgeschichte" des Hühnerhofes. Dort, wo später der quadratische Hühnerhof entstand, befand sich früher eine Wiese. In dessen Zentrum der Boskop stand, der später auch all die Jahrzehnte das Zentrum des Hühnerhofes bildete. Um diesen Baum herum hatte mein Großvater mal zusammen mit dem Tischler Dahmert einen runden Tisch gebaut. Sodass man an warmen Sommertagen draußen sitzen konnte. Zu meiner Zeit war dieser Tisch allerdings längst verschwunden.

Nun zur Hühnerhof-Ära. Aufgehalten hatten sich die Hühner in zwei aneinanderliegenden Hühnerhöfen direkt hinter dem Haus. Einem etwas größeren, quadratischen, und einem etwas kleineren, länglichen.
Übernachtet haben sie im Hühnerstall, der den quadratischen Hühnerhof in nördlicher Richtung begrenzte. Im Februar 1990, kann ich mich erinnern, habe ich mal neue Teerpappe auf dem ziemlich flachen Satteldach vom Stall verlegt.

In unseren letzten zwei Jahren in Deutschland ließen wir sie dann im ganzen Garten herumlaufen. Wo sie sich zusätzlich zu unserer täglichen Fütterung ihren Speiseplan noch artgerecht ergänzen konnten. Und es hatte Auswirkungen auf die Qualität der Eier. Man schmeckte wirklich das Grünzeug heraus, das sie im ganzen Garten pickten! Die Eier hatten mit einem Male eine Geschmacksnote, die ich eigentlich nur mit einem Wort umschreiben kann: krautig. Ich weiß nicht, ob ein solches Wort laut Duden existiert.
Äußerst bemerkenswert war auch deren Größe; richtige Geschosse, wenn ich es vergleiche mit den mickrigen agroindustriell erzeugten Eiern, die man in heutigen Supermärkten kaufen kann.
Die Hühner unternahmen im Garten übrigens keinerlei Anstalten, über die Zäune zu fliehen, obwohl es für sie ein Leichtes gewesen wäre, diese zu überwinden. Jeden Abend, wenn es dämmrig wurde, begaben sie sich wieder in ihren Stall.
Auch irgendwelche Schäden entstanden nicht dadurch. Höchstens, dass sie mal ein bisschen Erde auf den gepflasterten Mittelweg gescharrt hatten, aber, mein Gott, da nahm man den Hofbesen und kehrte es wieder weg.

Das Futter


An Futter bekamen sie Weichfutter, Grünzeug aus dem Garten und Körner. Dieser Punkt verdient eine etwas nähere Betrachtung.

Das Weichfutter waren gekochte Kartoffeln mit Schrot, wahlweise auch Reis, den wir gekocht hatten und quellen ließen, sowie regelmäßig die Essensreste.

Grünzeug, das ich ihnen oft vorbeibrachte, war die Vogelmiere aus dem Garten, welche gemeinhin als Unkraut gilt. Ich erntete sie gern, da sie sich aufgrund ihrer flachen, schwachen Wurzel sehr leicht pflücken ließ.
Wenn ich sie ihnen dann in den Hühnerhof warf, das war ein Fest!!! Die Hennen stürzten sich drauf wie die Geier!!! Es war richtig lustig anzusehen, wie sie in ihren Schnäbeln die Büschel durch die Luft schleuderten, sodass sie um ihre kleinen Köpfe flogen. Na ja, so frisch und saftig, wie das Zeug war, glaube ich schon, dass das eine Delikatesse für sie war.
Im Frühjahr bekamen sie oft mit dem Spaten ausgegrabene frische Löwenzähne. Mit ähnlichen Reaktionen.
Zusätzlich befanden sich oft noch winzig kleine Insekten in den Wurzeln.
Ansonsten bekamen sie aus dem Garten Kopfsalat und Schnittsalat (Schnittsalat konnte man den ganzen Sommer ernten, da er immer wieder nachwuchs.). Sowie Mangold, der über die gleichen Nachwuchseigenschaften verfügte. Der Mangold wuchs auf der langen Rabatte entlang von Klatts Zaun im Norden, welche sich ohne Unterbrechung von der Laube bis zum Grundstückende an der Arbeiterwohnheim-Garage erstreckte. Eher weiter hinten Richtung Garage hin. Die Blätter warfen wir ihnen so in den Hühnerhof, wie sie waren. Die Stiele schnitten wir, da sie zu hart waren, als dass sie sie im Originalzustand hätten picken können.

Vor meiner Zeit betrieben wir im Hühnerhof eine zusätzliche Futterstelle in Form eines Riesennagels, der weit unten, "in Schnabelhöhe", aus einem Holzpfosten herausragte. An diesem wurde verschiedenes Grünfutter aufgehängt.
Als mein Großvater noch den Garten bei Familie Lehmann hatte, säte er unter anderem ein langes Beet mit Futterrüben. Als die Rüben schon fast ausgewachsen waren, hat er von außen herum immer mal wieder einzelne Blätter abgeschnitten. Diese hängte er dann als Bündel an besagtem Nagel auf – als "Kaltes Buffet". Da auf diese Weise jedoch immer die Stiele übrig blieben, schnitt er später Blätter und Stiele "schnabelgerecht".
Als die Runkeln dann groß genug waren, hat er jeden Tag zwei mit Blättern und Stielen mitgebracht, Blätter und Stiele klein geschnitten, und die Runkel halbiert und hingehängt.
Manche der Runkeln lagerte er im Keller auch als Vorrat für den Winter ein. Sodass die Hühner jahreszeitenunabhängig jeden zweiten Tag eine Runkel zum Auspicken hatten.
An diese Stelle hängten wir manchmal auch ein Bündel reifer Maiskolben. Wurde auch sehr gut angenommen.

Die Körner waren Weizen. Dafür kauften wir von der örtlichen LPG regelmäßig einen Sack voll, welcher auf dem großen Dachbodenraum lagerte.
Die jeweils zu verbrauchende Menge Körner befand sich in einem ehemaligen Kaninchenstall auf dem Gelände des größeren Hühnerhofes. Er stand dort in der Nordwestecke, mit dem Rücken zum Westen, mit der Stirnseite nach Norden. Nach dem Ende unserer Kaninchenhaltung zum Ablageort umfunktioniert worden. (Ich weiß noch, seine obere Fläche war mit Teerpappe überzogen.) In ihm stand ein sehr großer Emailletopf (Ich glaube, ein blauer.). Aus ihm entnahmen wir beim Füttern dann jeweils ein paar Hände voll. Ich kann mich in dem Zusammenhang an einen länglichen, hölzernen Futtertrog erinnern, der bei der Futterstelle vorn vorm Hühnerstall stand. Irgendwann hatte ich die Hühner mal so weit, dass sie mir aus der Hand pickten, wenn ich ihnen eine Hand voll dieser Körner hinhielt.
Ansonsten bekamen sie zum Picken altes Brot, welches wir in ganz kleine Würfel schnitten.
Später bekam das alte Brot dann unsere Schweine haltende Nachbarfamilie Walter, das wir ihnen immer kommentarlos in einem Eimer an den Zaun hängten. Dafür bekamen wir dann jeden Herbst eine super-super Schlachtschüssel.

Nach dem Krieg und in den Fünfziger Jahren bekamen sie auch Pressrückstände von Mohn und Bucheckern. Das hing eng zusammen mit unseren gartenbaulichen und Küchenaktivitäten.

Als ich Kind war, habe ich oft mit einem Spaten den Boden im Hühnerhof umgegraben, damit die Hühner nach Insekten scharren konnten. Die vorwitzigsten unter den Hennen begannen schon damit, während ich noch grub, und sogar in ziemlicher Nähe meines Spatens.
Aber als ich dann raus war, da flogen die Fetzen!!!

Zu Trinken (Und ich schreibe hier bewusst Trinken und nicht wie bei Tieren üblich Saufen, denn die Eleganz, die diese Vögel beim Aufnehmen des Wassers in ihre Schnäbel an den Tag legten, erinnerte an eine noble Weinverkostung!) bekamen sie aus einem alten, verbeulten, zylindrischen Aluminiumtopf. Früher, vor meiner Zeit, kam da sauer gewordene Milch rein. Das Trinkwasser in ein separates Gefäß. Später dann, als wir Kühlschrank hatten, gab es darin nur noch das Trinkwasser aus der Leitung.

Als mein Großvater in Rente war, lautete sein Wahlspruch immer: "Erst die Tiere!"
Das bedeutete, dass er vor dem Frühstück erst sich um die Hühner kümmerte und dann sich selbst an den Küchentisch setzte. Das war bei ihm ein ehernes Prinzip.

Der Hühnerhof als Komposterde-Spender


Der Boden im Hühnerhof war übrigens ein hervorragender Humusspender für unseren Garten. Denn unzählige Komponenten hatten sich auf ihm angesammelt und waren im Laufe von Jahren darauf verrottet. Da wären zunächst einmal die Hühnerfutterreste aus Jahrzehnten. Dann der Hühnerdung. Die abgefallenen Blätter und Äpfel des Boskops, der in seiner Mitte stand. Außerdem streuten wir immer mal wieder auf der ganzen Fläche Hobelspäne aus, damit die Hühner ein angenehmes Umfeld hatten. Die Hobelspäne bekamen wir in der Tischlerei Sander.
Außerdem grub ich, wie schon erwähnt, den Boden immer mal wieder um, damit die Hennen Insekten fanden. Auf diese Weise wurde dem Boden Sauerstoff zugeführt, was die Kompostierungsprozesse förderte. Überflüssig zu erwähnen, dass die Erde dann wirklich erstklassig war.
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