Kindheitslexikon: Grenze

   

Die Geschichte der Mauer


In der Jahnstraße in Kölleda, unserer seinerzeitigen Parallelstraße, lebte eine Frau, die bis zum Bau der Berliner Mauer Ausreisewillige in den Westen schleuste.

Von der Staatsgründung der DDR im Jahr 1949 an bis zum Mauerbau 1961 verließen 2,7 Millionen DDR-Bürger das Land. In den letzten Jahren vor dem Mauerbau eskalierte die Flüchtlingssituation. 1959 waren es fast 150.000 DDR-Bürger, die ihrem Land den Rücken kehrten. 1960 bereits an die 200.000. Allein während der Weihnachtsfeiertage 1960 waren 3.000 Menschen aus dem Osten geflohen. 1961 waren es schließlich täglich an die 1.000 DDR-Bürger, die allein nach West-Berlin gingen. Über die Osterfeiertage des Jahres 1961 flüchteten 2.500 Menschen aus der DDR. Die meisten Flüchtlinge waren unter 25 und gut ausgebildet.

Bezeichnungen, die die DDR-Propaganda in der Zeit vor dem Mauerbau für westdeutsche Politiker verwendete: "Kriegstreiber", "Militaristen", "Imperialisten", "Revanchisten", "Bonner Ultras".

Um die Zeit des Mauerbaus überschritten im normalen Grenzverkehr täglich etwa 500.000 Menschen die Sektorengrenzen in Berlin. Ebenfalls in jener Zeit gab es 53.000 so genannter Grenzgänger, Arbeitnehmer, die im Westen tätig waren und im Osten ihren Wohnsitz hatten. Was den Doppelvorteil westliches Einkommen gepaart mit östlichen Lebenshaltungskosten bedeutete.

Vor dem Mauerbau herrschten in der Bevölkerung erhebliche Zweifel, ob eine völlige Trennung der Infrastrukturen in Berlin wie U-Bahn, S-Bahn, Schifffahrt, Strom, Gas oder Kanalisation technisch überhaupt möglich wäre.

Am 12. August 1961, einen Tag vor dem "Tag X", gab das DDR-Innenministerium eine Erklärung heraus: "Solange West-Berlin nicht in eine entmilitarisierte neutrale Freie Stadt verwandelt ist, bedürfen die Bürger der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik für das Überschreiten der Grenzen nach West-Berlin einer besonderen Bescheinigung."

Auszug aus einem Beschluss des Ministerrats der DDR vom 12. August 1961:
"Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militaristischen Kräfte Westdeutschlands und West-Berlins wird eine solche Kontrolle an den Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik einschließlich der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist. Es ist an den West-Berliner Grenzen eine verlässliche Bewachung und eine wirksame Kontrolle zu gewährleisten, um der Wühltätigkeit den Weg zu verlegen. Diese Grenzen dürfen von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik nur noch mit besonderer Genehmigung passiert werden."

Die Titelschlagzeile des "Neuen Deutschland" vom 14. August 1961: "Maßnahmen zum Schutze des Friedens und zur Sicherung der Deutschen Demokratischen Republik in Kraft."

Der prominente Leipziger Kabarettist Bernd-Lutz Lange, zu jener Zeit Sänger im Chor der Leipziger Methodistenkirche, schrieb in seinen Jugenderinnerungen "Mauer, Jeans und Prager Frühling", erschienen im Gustav Kiepenheuer Verlag, über den 14. August 1961: "Am nächsten Tag standen in Schulen Thälmann-Pioniere neben der Büste des Arbeiterführers (Thälmann, Anm.) Wache – mit einem Luftgewehr."
Und über die soziale Situation von Menschen, die um den 13. August herum ihre Flucht in den Westen geplant hatten, die jedoch von dem welthistorischen Ereignis überrascht wurden:
"Man erzählte über solche Leute:
Die hatten schon alles weggegeben!
Die hatten nichts mehr!
Die schliefen zu Hause nur noch auf Luftmatratzen.
Die haben sich bei ihren Verwandten erst mal bißl Geschirr geholt."

Auszug aus einem Soldatenlied der Kampfgruppen zum Thema Mauerbau: "Im Sommer Einundsechzig,/am dreizehnten August,/da schlossen wir die Grenze,/und keiner hat's gewusst."

Bewacht wurde der Vorgang in geschlossener Abwehrfront von der Roten Armee, der NVA, der Grenzpolizei, der Bereitschaftspolizei und den Kampfgruppen.

Der Stacheldraht für die erste provisorische Grenzbefestigung 1961 wurde kompromitierenderweise von einer Firma aus Westdeutschland geliefert.

Weltweit bekannt und zu einem starken Symbol für die deutsche Teilung wurde jene legendäre Filmaufnahme des Soldaten, der über den damals noch niedrigen, quer über die Straße gezogenen Stacheldrahtzaun sprang und sofort in der West-Berliner Straßenbahn verschwand. Es handelte sich dabei um den 18-jährigen Unteroffizier der NVA, Konrad Schuhmann. Das Ereignis geschah am 15. August 1961 in der Bernauer Straße, zwei Tage nach der Schließung der Grenzen.

West-Berliner stellten 1961 direkt hinter der Mauer eine Tafel auf, auf der sich ein Plakat mit einem riesigen Faksimile eines Artikels aus dem "Neues Deutschland" befand. In ihm wurde über eine Pressekonferenz im Juni 1961 berichtet, auf der Ulbricht jede Mauerbauabsicht noch konsequent abstritt. Links auf dem Plakat befand sich ein Bild Ulbrichts während des Haltens einer Rede, rechts daneben der Text: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht. Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt." Sein letzter Satz war in sehr viel größerer Schrift abgebildet und ging unter dem Bild und dem anderen Text quer über das ganze Plakat: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."
Ulbricht "verplapperte" sich hier übrigens. In der von einer Frankfurter Journalistin gestellten Frage, auf die sich die Antwort bezog, kam das Wort Mauer nicht vor. Es war lediglich sehr allgemein die Rede von Grenzsicherungsmaßnahmen.

Bundeskanzler Konrad Adenauer: "Im Verein mit unseren Alliierten werden die erforderlichen Gegenmaßnahmen getroffen."

Aus einem Brief von US-Präsident John F. Kennedy an den damaligen West-Berliner Oberbürgermeister Willy Brandt: "Weder Sie noch wir noch irgendeiner unserer Verbündeten haben je angenommen, dass wir wegen dieses Streitpunkts einen Krieg beginnen sollten." Ein noch deutlicheres Zitat Kennedys zum Mauerbau: "Es ist keine schöne Lösung, aber eine Mauer ist, verdammt noch mal, besser als ein Krieg."

Eine nachträglich festgehaltene Erinnerung des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt: "Der Tag, an dem der Bau der 'Mauer' befohlen wurde, der 13. August 1961, war ein warmer Sommertag. Viele meiner Mitbürger, die ihre Ferien nicht außerhalb der Stadt verbringen konnten, hatten sich auf einen unbeschwerten Badeausflug zu einem der Seen am Rande der Stadt, vielleicht auch auf ein paar Stunden der Lektüre gefreut. Die Frühnachrichten schreckten sie auf: Die beiden Teile Berlins wurden voneinander abgeriegelt. Der 13. August wurde ein Tag des Entsetzens, der Angst und Verwirrung.
Mich zwang dieser Einschnitt, die äußeren Faktoren zu überdenken, von denen die deutsche und europäische Politik in den nächsten Jahren abhängig sein würde."

Nikita Chruschtschow: "Ich weiß, die Mauer ist eine hässliche Sache. Sie wird auch eines Tages wieder verschwinden. Allerdings erst dann, wenn die Gründe fortgefallen sind, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Was sollte ich denn tun? Mehr als 30.000 Menschen, und zwar mit die besten und tüchtigsten Menschen aus der DDR, verließen im Monat Juli das Land. Man kann sich unschwer ausrechnen, wann die ostdeutsche Wirtschaft zusammengebrochen wäre, wenn wir nicht alsbald etwas gegen die Massenflucht unternommen hätten. Es gab aber nur zwei Arten von Gegenmaßnahmen: die Lufttransportsperre oder die Mauer.
Die erstgenannte hätte uns in einen ernsten Konflikt mit den Vereinigten Staaten gebracht, der möglicherweise zum Krieg geführt hätte. Das konnte und wollte ich nicht riskieren. Also blieb nur die Mauer übrig. Ich möchte Ihnen auch nicht verhehlen, dass ich es gewesen bin, der letzten Endes den Befehl dazu gegeben hat. Ulbricht hat mich zwar seit längerer Zeit und in den letzten Monaten immer heftiger gedrängt, aber ich möchte mich nicht hinter seinem Rücken verstecken. Er ist viel zu schmal für mich. Die Mauer wird, wie ich schon gesagt habe, eines Tages wieder verschwinden, aber erst dann, wenn die Gründe für ihre Errichtung fortgefallen sind."

17. August 1961: Die drei Westmächte legen "feierlichen Protest" gegen die Maßnahmen der DDR-Regierung ein. Das Vorgehen sei illegal.

19. August 1961: Die Grenze in Berlin fordert ihr erstes Opfer: Beim Sprung aus einem Wohnhaus an der Bernauer Straße verletzt sich ein Ost-Berliner tödlich.
US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson erteilt bei seinem Besuch in West-Berlin der Stadt eine Freiheitsgarantie.

23. August 1961: Ab sofort gelangen West-Berliner nur noch mit Aufenthaltsgenehmigung in den Ostteil der Stadt. Die Kontakte zwischen den beiden Stadthälften kommen praktisch zum Erliegen.

Filmaufnahmen von den Fluchtversuchen kurz nach dem Bau der Mauer, welche bereits in größter Verzweiflung geschahen: Leute seilten sich mit Bettlaken aus Fenstern von Häusern ab, die genau auf der Demarkationslinie standen. Andere ließen sich in die Sprungtücher der West-Berliner Polizei fallen. Der Sprecher erwähnte auch, dass nach einer gewissen Zeit bei Fluchtversuchen dieser Art regelmäßig DDR-Polizisten in den Häusern auftauchten und Rauchkerzen in die Tücher fallen ließen.
In den nächsten Monaten, erzählte der Sprecher, wurden fast alle Häuser an der Grenze abgerissen, um sie besser überwachen zu können. Die Bewohner mussten ihre Quartiere oft binnen Stunden räumen.

Tragisch der gescheiterte Fluchtversuch des jungen Bauarbeiters Peter Fechter am 17. August 1962. Von den Kugeln der DDR-Grenzwache getroffen, ließ man ihn solange auf dem so genannten Todesstreifen zwischen der ersten und der letzten Grenzbefestigungslinie vor der eigentlichen Staatsgrenze liegen, bis er verblutet war.

US-Präsident Kennedy hielt sich am 26. Juni 1963 in West-Berlin auf, fuhr dabei im offenen Wagen durch die Straßen und wurde von Tausenden West-Berlinern bejubelt. Ein sehr bekanntes Zitat aus seiner Rede vor 400.000 Menschen vor dem Schöneberger Rathaus, Sitz des West-Berliner Senates, welche im Vergleich zu seinen früheren Aussagen schon etwas parteiergreifender für West-Berlin klang: "All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words 'Ich bin ein Berliner!'" – "Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger von Berlin. Und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: 'Ich bin ein Berliner.'" Jubel und Beifall.

Weihnachten 1963 erstes Passierscheinabkommen zwischen dem West-Berliner Senat und der Regierung der DDR.

24. September 1964: Zweites Passierscheinabkommen.

25. November 1965: Drittes Passierscheinabkommen.

Das Viermächte-Abkommen über Berlin von 1971 und der Verkehrsvertrag vom 17. Oktober 1972 ersetzen die bisherige Regelung des Personenverkehrs. Nunmehr war es den Bewohnern von West-Berlin wieder möglich, nicht nur Verwandte, sondern auch Bekannte im Ostteil der Stadt und auch in der gesamten DDR nach Erteilung eines "Berechtigungsscheins zum Empfang eines Visums" zu besuchen. Es waren damit auch rein touristische Einreisen möglich.

Im Juli 1986 sprengten unbekannte Täter ein etwa ein Quadratmeter großes Loch in die Mauer.

Der Amerikaner John Runnings, auch bekannt als "Mauerläufer", versuchte in den Achtziger Jahren Löcher in die Mauer zu schlagen. Kurz nach Beginn seiner Aktion fiel er jedoch von der Mauer herunter und landete auf der Ostseite, wo er verhaftet und abgeführt wurde.

Ebenfalls 1986 bemalte der bekannte amerikanische Pop-Art-Künstler Keith Harring 200 Meter an der Westseite der Mauer.

Im Mai 1988 besetzten Umweltschützer das so genannte Lenné-Dreieck, ein Areal an der Mauer, das zwar nur von West-Berlin aus zugänglich war, jedoch zum Staatsgebiet der DDR gehörte. Damit sollte gegen den geplanten Bau einer Schnellstraße protestiert werden. Die Polizei ging mit massivem Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas vor.

Erich Honecker auf einer Tagung aus Anlass des 500. Geburtstages von Thomas Müntzer am 19. Januar 1989, in dieser Form zitiert in "NEUES DEUTSCHLAND" in der Ausgabe vom 20. Januar 1989: "Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind."

Der 1968 in Pasewalk geborene Berliner Chris Gueffroy wird in der Nacht vom 5. zum 6. Februar 1989 das vorletzte Todesopfer an der Berliner Mauer und das letzte Opfer, das durch den Einsatz von Schusswaffen ums Leben kam.

Am 8. März 1989 verunglückt Winfried Freudenberg bei einem Fluchtversuch mit einem Ballon von Ost- nach West-Berlin tödlich. Er ist somit das letzte Todesopfer an der Berliner Mauer.

Eine Gruppe niederländischer Künstler tapezierte im März 1989 die Mauer in der Nähe des Potsdamer Platzes mit einer Wohnzimmertapete. Hintergrund war ein Ausspruch des Zentralkomitee-Mitgliedes Kurt Hager. Am 9. April 1987 gab Hager in einem Interview mit der bundesdeutschen Illustrierten "Stern" zu den Reformen Gorbatschows in der Sowjetunion die Antwort: "Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?"
Was ihm in der Bevölkerung sehr bald den Spitznamen "Tapetenkutte" eingebracht hatte.

Noch im April 1989 wurden zwei junge Männer bei einem Sprung über den Schlagbaum am Übergang Chausseestraße verhaftet.

Einige Kennzahlen über die Mauer: Die Mauer teilte Berlin 10.315 Tage lang. Länge um West-Berlin: 165,7 Kilometer. Die Mauer bestand aus 45.000 Segmenten, 16.000 im so genannten Außenring, 29.000 innerhalb der Stadt. Jedes davon war 2,75 Tonnen schwer, 3,60 Meter hoch, 1,20 Meter breit und 22 Zentimeter dick.
140 Kilometer Stacheldraht. 500.000 Quadratmeter Schneisen, Todes- und Schussstreifen. 302 Wachtürme, 295 Hundelaufanlagen, 20 Erdbunker. 255 Menschen bei Fluchtversuchen getötet, der Letzte noch im Februar 1989.

Ein kurzer Zusammenschnitt der abenteuerlichsten Fluchtversuche von DDR-Bürgern: im umgebauten Kühlerraum eines Autos, als Sowjetoffiziere verkleidet, in einem flachen Auto unter der Schranke hindurch, per Mauerdurchbruch in einem Panzerspähwagen, durch Tunnel, im Heißluftballon, im Schlauchboot über die Ostsee. Ein Mann durchquerte die Ostsee sogar schwimmend, hielt sich zwischendurch immer wieder an Bojen fest.

"Bodo": Im Slang der Grenzsoldaten gebräuchliche Bezeichnung für Grenzdurchbrecher.

"Ein Volk, ein Raum, ein Raumteiler": Unter den Grenzsoldaten kursierende Spottbemerkung über die Existenz der innerdeutschen Grenze. Der Ausdruck "Raumteiler" war eine der zahlreichen ironischen Bezeichnungen für diese Grenze.

Der Mauerfall


Auf einer Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 gab das DDR-Regierungsmitglied Günter Schabowski die Öffnung der Grenzen zur Bundesrepublik sowie zu West-Berlin mit sofortiger Wirkung bekannt. Auf diese Weise wurde zum ersten Mal seit dem Bau der Mauer an der innerdeutschen Grenze am 13. August 1961 ein reibungsloser Grenzverkehr möglich. Noch in derselben Nacht stürmten Zehntausende Ost-Berliner in den Westteil der Stadt. Bis Monatsende reisten 13 bis 14 Millionen DDR-Bürger (bei einer Gesamtbevölkerung von 17 Millionen) zu Besuchen in den Westen. Bei Postämtern und Banken wurde ihnen pro Kopf ein von der deutschen Bundesregierung finanziertes so genanntes "Begrüßungsgeld" von DM 100,-- ausgezahlt. Dabei handelte es sich um eine an jeden DDR-Bürger gewährte, in der Auszahlung auf einmal pro Jahr beschränkte finanzielle Zuwendung ohne Gegenleistung.

Eine grobe Zeitleiste der Geschehnisse dieses Tages:

Das SED-Zentralkomitee setzt seine Plenartagung fort. Es ist der zweite der insgesamt drei Sitzungstage.
Nur 24 Stunden nach ihrer im Volk umstrittenen Wiederwahl ins Politbüro setzt die Bezirksbasis die 1. Sekretäre Hans-Joachim Böhme in Halle, Werner Walde in Cottbus und Johannes Chemnitzer in Neubrandenburg wieder ab. Auch die langjährige Frauenbeauftragte des SED-Politbüros, Inge Lange, muss von ihrem Posten zurücktreten. Es herrschen allgemeine Auflösungstendenzen.

9:00 Uhr:
Im DDR-Innenministerium in der Ost-Berliner Mauerstraße tritt eine Arbeitsgruppe mit dem Auftrag zusammen, ein neues Ausreisegesetz zu entwerfen. Unter dem Druck von tausenden DDR-Bürgern, die täglich über die ČSSR in den Westen flüchten, sollen alle Einschränkungen bei Anträgen auf ständige Ausreise wegfallen. Auch Privatreisen sollen ohne Schwierigkeiten möglich werden, da es ein fatales Signal wäre, Auswanderer einfach ziehen zu lassen, Touristen aber weiterhin zurückzuhalten. Damit die zuständigen Behörden Zeit haben, sich auf den Ansturm Reisewilliger vorzubereiten, soll die Regelung erst am 10. November bekanntgegeben werden. Ein technisches Problem war vor allem, dass sehr viele DDR-Bürger nicht im Besitz eines Reisepasses waren, hier musste eine kurzfristige Lösung gefunden werden.

12:00 Uhr:
Staats- und Parteichef Egon Krenz nutzt eine Pause bei der Sitzung des Zentralkomitees der SED und liest den Mitgliedern des Politbüros den Reisegesetz-Entwurf vor. Das mächtigste Gremium der DDR stimmt dem Text zu.

15:30 Uhr:
Mit den Worten "Was wir auch machen in dieser Situation, wir machen den falschen Schritt" stellt Egon Krenz das neue Reisegesetz auch dem Zentralkomitee vor. Die Diskussion darüber ist kurz. Keiner scheint die Tragweite des Beschlusses zu begreifen. Beiläufig ordnet Krenz an, die neue Regelung noch an diesem Tag bekanntzugeben.

17:30 Uhr:
Günter Schabowski, für die Medien zuständiger Sekretär des Zentralkomitees, bereitet die Pressekonferenz über Verlauf und Ergebnisse der heutigen Sitzung vor. Von Egon Krenz erhält er den Text der neuen Reiseregelung. Ohne zu wissen, was für eine Sensation er da in Händen hält, tritt er mit dem ungelesenen Text im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße vor die Weltöffentlichkeit.

18:53 Uhr:
Die legendäre Pressekonferenz.
Direkt im Anschluss gab Schabowski dem NBC-Chefreporter Tom Brokaw ein Interview. Welches allerdings nicht sonderlich ergiebig war. Brokaw sagte später: "Als ich ihn interviewte, war er noch damit beschäftigt, die neue Politik zu begreifen."
Danach Brokaw live vor dem Brandenburger Tor: "Dies ist eine historische Nacht. Die ostdeutsche Regierung hat soeben erklärt, dass die ostdeutschen Bürger von morgen früh an die Mauer durchqueren können – ohne Einschränkungen."

19:04 Uhr:
Die DDR-Nachrichtenagentur ADN gibt die Pressemitteilung des Ministerrats unverändert an die DDR-Medien weiter.

19:35 Uhr:
Der Regierende West-Berliner Bürgermeister Walter Momper gab dem "Sender Freies Berlin" ein Interview: "Ich glaube, man darf für alle Berlinerinnen und Berliner sagen, es ist ein Tag, den wir uns lange ersehnt haben, seit 28 Jahren. Die Grenze wird uns nicht mehr trennen."
Danach ging er auf den zu erwartenden Ansturm Ost-Berliner ein: "Praktisch ab morgen geht es los." Der Politiker bat die Gäste, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

20:00 Uhr:
Am Grenzübergang Checkpoint Charly gingen ein Kellner und einige Gäste des nahegelegenen West-Berliner "Café Adler" mit einem Tablett voller Sektgläser auf die DDR-Grenzbeamten zu. Diese verweigerten allerding höflich die Einladung.
Düstere Vorahnungen auf das drohende Ende der DDR: Auf der Sitzung des Zentralkomitees referiert der Leiter der Abteilung Planung und Finanzen, Günter Ehrensperger, über die Verschuldung der DDR. Er sagte, "dass wir mindestens seit 1973 über unsere Verhältnisse gelebt haben. (…) Und wenn wir aus dieser Situation herauskommen wollen, müssen wir 15 Jahre mindestens hart arbeiten und weniger verbrauchen als wir produzieren."
Kommentar eines Parteimitgliedes: Sollte das bekannt werden, "dann laufen uns die letzten Leute weg."

20:15 Uhr:
Der Lagebericht der Volkspolizei verzeichnet 80 reisewillige Ost-Berliner Bürger an den Grenzübergängen.

20:34 Uhr:
Die West-Berliner Polizei meldete, dass an der Chausseestraße zwischen Wedding im Westteil der Stadt und Berlin-Mitte im Osten die ersten DDR-Bürger in den Westen gekommen waren.

20:45 Uhr:
Egon Krenz am Ende der Sitzung des Zentralkomitees: "Wir müssen wirklich einen Neuanfang wagen und nicht einfach weitermachen. Wir müssen neu anfangen und das Vertrauen gewinnen."

20:54 Uhr:
Riesige Menschenmenge am Grenzübergang Invalidenstraße. Sprechchöre skandierten: "Macht das Tor auf! Macht das Tor auf!"

21:00 Uhr:
Oberstleutnant Harald Jäger (2014 in dem Film "Bornholmer Straße von Charly Hübner verkörpert.), an jenem Abend diensthabender Offizier am Grenzübergang Bornholmer Straße, fordert Verstärkung an, da seine Mannschaft für einen Massenansturm nicht gerüstet ist.

Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich gerade in Warschau aufhielt, wurde dort von der Nachricht überrascht. Er äußert sich zunächst zurückhaltend und auch ein wenig ungläubig. Jahre später berichteten Personen aus dem damaligen Umfeld Kohls, welche unglaublichen Mühen es bereitete, mit einem Feldtelefon eine stabile Verbindung von Polen in die Bundesrepublik herzustellen, um die Nachricht zu verifizieren.
Bonner Bundestag. Dort wurde gerade über ein neues Vereins-Förderungsgesetz beraten. Der Abgeordnete Karl-Heinz Spilker wollte gerade mit seinem Referat beginnen, übermittelte jedoch zuvor die unglaubliche Botschaft: "Bevor ich zu meinem Thema komme, möchte ich Ihnen eine Meldung vorlesen, die ich im Moment erhalten habe. Von sofort an können DDR-Bürger über alle Grenzstellen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen."
Die Sitzung wurde unterbrochen, die Politiker rannten zu den Radios. Kurze Zeit später gab Kanzleramtsminister Rudolf Seiters eine Regierungserklärung ab, in der es unter anderem hieß: "Wir sind zu umfassender Hilfe bereit." Fast alle Parlamentarier erhoben sich spontan von ihren Plätzen und sangen die bundesrepublikanische Nationalhymne. Nur die Fraktion der Grünen blieb schweigend sitzen.
21:10 Uhr ist die Sitzung beendet.

21:05 Uhr:
Riesige Menschenmenge am Grenzübergang Bornholmer Straße zwischen den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Wedding. Eine über einen Kilometer lange Autoschlange hat sich gebildet. Noch immer wurden Pässe kontrolliert.

21:20 Uhr:
Jäger schildert dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) die prekäre Lage an der Bornholmer Straße. Der Geheimdienst gibt die so genannte "Ventillösung" aus. Personen, die am aufsässigsten und provokativsten in Erscheinung traten, sollte der Grenzübertritt gewährt werden. Allerdings wurde angeordnet, dass diese einen Stempel in den Ausweis bekommen, halb über das Lichtbild – ein Erkennungszeichen, dass diesen Personen die Wiedereinreise in die DDR verweigert würde.

21:30 Uhr:
Tausende Berliner hatten inzwischen die Mauer erklommen, tanzten, stießen mit Sekt an, brannten Wunderkerzen ab.

21:53 Uhr:
Das DDR-Fernsehen unterbricht einen Spielfilm, um die Meldung über den Beschluss des Ministerrates zu verlesen, allerdings ohne Kommentar.
Bei der zweiten Unterbrechung vier Minuten später erläutert der Sprecher: "Also, die Reisen müssen beantragt werden."

22:00 Uhr:
"Am 9. November 1989 gab es in der morgendlichen Lagebesprechung keine Meldungen von außerordentlicher Bedeutung. Doch zwischen 20.00 und 21.00 Uhr erreichte mich die Meldung, dass sich auf Ost-Berliner Seite an den Kontrollstellen der Mauer in größerer Zahl Menschen sammelten und – unter Hinweis auf Erklärungen Schabowskis – verlangten, die Grenzen nach West-Berlin passieren zu dürfen. Im Bereich Bornholmer Straße sei dem bereits entsprochen worden. Einzelpersonen, aber auch Kraftfahrzeuge (Trabbis) seien schon in West-Berlin eingetroffen.
Nach einer eiligst für 22.00 Uhr einberufenen Senatssitzung fuhr ich zum nächstgelegenen Übergang Invalidenstraße. Auf der Mauerkrone ein West-Berliner Polizist und ein Hauptmann der Grenztruppen, die das sich überschlagende Geschehen gemeinsam zu regeln versuchten. Einen mich begleitenden Kriminalbeamten bat ich, mit dem West-Berliner Polizisten Kontakt aufzunehmen – er stand ja auf Ost-Berliner Gebiet. Der Hauptmann der Grenztruppen, der mich erkannte, rief mir zu, das gehe hier schon alles in Ordnung, man mache das gemeinsam."
(Quelle: Georg Schertz in "Die Öffnung der Mauer". Entnommen aus "Berliner Polizei. Von 1945 bis zur Gegenwart". Jaron Verlag, Berlin, 1999.)

22:45 Uhr:
Nachdem die Nachrichten in ZDF und ARD ausdrücklich von einer Öffnung der Grenzen gesprochen haben, sammelten sich an den Grenzübergängen Bornholmer Straße, Sonnenallee und Invalidenstraße auf Ost-Berliner Seite Hunderte von Menschen, die ihre Ausreise forderten. Mehrere hundert Trabbis und Wartburgs stauten sich auf den Zufahrtsstraßen. Auch auf westlicher Seite der Grenzübergänge haben sich ungefähr 500 Schaulustige eingefunden. Einige von ihnen haben begonnen, mit Spitzhacken und Hämmern auf die Mauer einzuschlagen.

23:15 Uhr:
Vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße befanden sich bereits 20.000 Leute.
Den Abend über waren nur kleine Gruppen von Leuten, die Visa hatten, hinüber gelassen worden, was den Volkszorn schürte. Ausreisewillige drückten den Maschendrahtzaun bei der Wachkabine ein. Der Druck der Massen auf die Grenzübergänge wurde immer stärker, die Stimmung aggressiver, die DDR-Grenzposten dafür immer hilfloser. Deutlich sind "Tor auf! Tor auf!"-Rufe zu vernehmen. Der Zaun im Vorraum des Grenzübergangs wird eingedrückt.

23:30 Uhr:
Bornholmer Straße, Hauptmann Jäger: "Es ist nicht mehr zu halten, wir müssen die Grenzübergangsstelle aufmachen. Ich stelle die Kontrollen ein und lasse die Leute raus."
Sein Kollege meldet: "Wir fluten jetzt!"
Alle Kontrollen wurden einfach eingestellt und erstmals in der Geschichte dieser Grenze ein Schlagbaum an ihr für Alle geöffnet.
Ein Team des DDR-Fernsehens, das zufällig Zeuge der Ereignisse wird, fragt in der Zentrale nach. Dort wird ihnen kategorisch untersagt, von dem historischen Vorgang Aufnahmen zu machen.
Tausende Ost-Berliner strömten in den Westen. Auch in der Invalidenstraße und der Sonnenallee hoben sich die Schlagbäume.

0:02 Uhr:
Der Lagebericht der Volkspolizei verzeichnet: Alle Grenzübergänge zwischen Ost- und West-Berlin sind geöffnet.
In dieser Reihenfolge hoben sich an jenem geschichtsträchtigen Abend die Grenzbalken: Bornholmer Straße, Sonnenallee, Heinrich-Heine-Straße, Invalidenstraße.

So erlebte ich diesen Tag


Ich machte einen Moment Pause, bevor ich die letzte Hausaufgabe für den nächsten Tag begann. Als ich mich von meinem Platz erhob, um dafür das Physikbuch und das Physikheft aus dem Regal zu holen, sah ich per Zufall vom Fenster aus, wie Nachbarin Anne Paul von schräg gegenüber eiligen Schrittes die Straße überquerte. Sie lief nicht, sie rannte, sofern das bei ihren Körpermassen möglich war. "Frau Müller, die Grenze ist offen!" rief sie bereits von der Mitte der Straße aus Großmutter zu, die noch irgendetwas im Vorgarten arbeitete. Dann beobachtete ich, wie sie an den Gartenzaun trat und Großmutter wild gestikulierend etwas erzählte, das ich akustisch nicht verstand.
Wer weiß, was das wieder für eine Ente ist, dachte ich. Natürlich, die Grenze ist offen. Und außerdem ist im Garten hinterm Haus ein UFO gelandet, weil die kleinen, grünen Männchen auf der Milchstraße falsch abgebogen sind und sich jetzt nach dem Weg erkundigen wollen. Politische Umbruchszeiten scheinen ja der ideale Nährboden für Gerüchte und Falschmeldungen zu sein. Ich erinnerte mich, wie Großmutter vor ein paar Tagen erzählt hatte, dass es kurz vor Ende des Krieges und in der Zeit danach genau dasselbe war.
Als ich der Neugier halber ein zweites Mal aus dem Fenster sah, debattierten die beiden immer noch miteinander. Ich bekam nun auch ein paar Satzfetzen mit. Sie handelten von einer Pressekonferenz, während deren Verlauf überhaupt nichts Neues herausgekommen wäre, die jedoch mit einer Riesensensation geendet hätte.
"So, 'ch wille ma wedder newergehe", meinte Frau Paul schließlich. "Vielleicht bringen die ja noch ärchendwas. 'ch ka 's je selwer noch näch ganz gloowe. Also, machen ses gut!"

Kurz vor um Acht saßen wir bei Großmutter in der Stube, wo im Fernsehen der ARD lief. Wie üblich beim Fernsehen Großmutter auf dem Sofa, Mutter im Sessel unter dem Fenster und ich in Großvaters altem Sessel.
Auf dem Bildschirm erschien die Fernsehuhr, welche die letzten Sekunden bis zur vollen Stunde abzählte. Gongschlag. Der Schriftzug "Tagesschau" vor der Weltkarte im Hintergrund erschien. "Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau."
Es folgte die Signation. Gleich als Erstes kam ein Beitrag über eine Pressekonferenz im Internationalen Pressezentrum in der Ost-Berliner Mohrenstraße. Exakt um 18:53 Uhr soll es eine Meldung über die sofortige Öffnung der Grenzen zur Bundesrepublik und West-Berlin gegeben haben, welche um 18:57 Uhr erstmals vom DDR-Fernsehen übertragen wurde.
Der entsprechende Beitrag wurde eingespielt. Kurz vor Schluss der bis dahin laut Meldung unspektakulären Pressekonferenz bringt der Vertreter der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, Riccardo Ehrmann, das Thema Reisegesetzgebung auf.
Schwenk der Kamera auf Schabowski, welcher in der Mitte eines Präsidiumstischs zu sehen war. "Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen", verkündete er, "heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen."
Das ist doch nicht wahr, dachte ich.
Frage eines Journalisten: "Ab wann tritt das in Kraft?"
Schabowski: "Bitte?"
Frage: "Ab sofort?"
Schabowski: "Also, Genossen, mir ist das hier also mitgeteilt worden" – er setzte seine Brille auf, blätterte in seinen Unterlagen und zog einen Zettel hervor – "dass eine solche Mitteilung heute schon verbreitet worden ist. Sie müsste eigentlich in Ihrem Besitz sein. Also:
'Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VPKÄ – der Volkspolizei-Kreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dabei noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen. Damit entfällt die vorübergehend ermöglichte Erteilung von entsprechenden Genehmigungen in Auslandsvertretungen der DDR bzw. die ständige Ausreise mit dem Personalausweis der DDR über Drittstaaten.'
Die Passfrage kann ich jetzt nicht beantworten. Das ist auch eine technische Frage. Ich weiß ja nicht, die Pässe müssen ja, ... also damit jeder im Besitz eines Passes ist, überhaupt erst mal ausgegeben werden. Wir wollten aber ..."
Ein anderes Mitglied des Präsidiums fiel ihm unverständlich ins Wort.
Frage: "Wann tritt das in Kraft?"
Schabowski blätterte laut raschelnd und sichtlich nervös in seinen Papieren. "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich", stammelte er. Danach blätterte er wieder in seinen Unterlagen.
Im Saal entstand ein leiser Tumult. Eine neue Frage tauchte auf: "Sie haben nur BRD gesagt, gilt das auch für West-Berlin?"
Schabowski nahm wieder das Blatt zur Hand "Wie die Presseabteilung des Ministeriums ..., hat der Ministerrat beschlossen, dass bis zum Inkrafttreten einer entsprechenden gesetzlichen Regelung durch die Volkskammer diese Übergangsregelung in Kraft gesetzt wird", teilte er mit.
Frage aus dem Podium: "Gilt das auch für West-Berlin?"
Schabowski zuckte mit den Schultern, sah wieder in seine Papiere: "Also, ..., doch, doch: 'Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Berlin-West erfolgen.'"

Die Nachrichtensendung, welche sich nur mit dem einen Thema beschäftigt hatte, war vorüber. Ich stand auf und schaltete den Fernseher aus. "Na, dürfen wir denn da jetzt einfach so in den Westen?" stellte Großmutter anschließend eine Frage, auf die sie vermutlich keine Antwort erwartete.

"Wie war das damals eigentlich an jenem legendären 13. August 1961?" fragte ich Mutter, als wir wieder unten in der Küche waren.
"Es war ein Sonntag wie jeder andere. August, Sommer, Ferien. Ich hatte das Abitur gut bestanden und genoss die Ferien in vollen Zügen. Frei von allem Prüfungsdruck, frei von dem Schulstress. Wir waren in der Küche. Opa, Oma und ich hatten gemeinsam gefrühstückt und räumten nun alles weg. Später Vormittag. Das Radio lief nebenbei, sonntägliche Sendungen mit musikalischen Ohrwürmern für jedermann, Rudolf Schock, Willi Schneider, 'Glocken läuten, Sonntag ist ...', ein Lied, das jeden Sonntag die gleiche Stimmung herüberbrachte. Hessischer Rundfunk, Norddeutscher Rundfunk, unsere 'Haus-Sender', die wir täglich hörten, die wir liebten und wegen der realistischen Berichterstattung sehr schätzten. Gongschlag. 'Sie hören die Nachrichten.' Mich interessierten sie nicht sonderlich – ich war in Ferienstimmung und in Sonntagslaune! 'Berlin. In Ost-Berlin hat man heute Morgen begonnen, an der Zonengrenze eine Mauer zu setzen. ...'
Ich hörte es ... und begriff nicht, sah ratlos Oma und Opa an. Ich stand neben dem Radio, stellte das Geschirr ab, wagte kaum zu atmen, hörte zu. Auch Oma und Opa standen wie versteinert in der Küche. Detailliert berichtete der Nachrichtensprecher über den Fortgang des Mauerbaues.
Themawechsel im Radio. Wir hörten nichts, standen wie erstarrt und sahen uns wortlos an. 'Eine Mauer durch Berlin?' brachte ich heraus.
Oma kamen die Tränen: 'Die können uns doch nicht einmauern! Walter, sag' du doch was!'
'Ach, es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird', meinte Opa in seiner legendären Ruhe. Aber dann zog es ihn doch in den Garten, und er hielt nach dem Nachbar Wilhelm Ausschau. Er hatte gerade die Schweine und die Hühner gefüttert und kam sofort an den Gartenzaun, als er uns sah, denn wir waren Opa gefolgt. 'Wilhelm, hast du das von Berlin gehört???'
'Jo, Wolder, ich haas noch gar nech glowe genne! Enne Mauer! Das lassn de Amis nech zu! Do kaste dich droff verlasse!' schimpfte er in seinem eigentümlichen Dialekt.
'Und wenn die Russen schießen?' warf Oma aufgeregt ein.
'Och was, de Amis lassn das nech zu!' beteuerte Nachbar Wilhelm."
"War Onkel Bernd damals nicht auch dabei?" warf ich eine Zwischenfrage auf.
"Ja, deswegen haben wir uns auch große Sorgen gemacht. Wir debattierten dann noch lange am Gartenzaun. Dann packte Oma wieder die Angst: 'Alle Kampfgruppen sind auch dabei! Wenn Bernd ...' Sie schloss den Satz nicht ab, ging ins Haus. Onkel Bernd lebte damals schon mit Tante Ilse in Berlin und gehörte der Kampfgruppe an. Erst am späten Abend brachte Frau Sönecke, es war eine Nachbarin, die damals in der Straße wohnte und als eine von ganz wenigen schon Telefon hatte, die relativ befreiende Nachricht: 'Bernd ist zwar mit dabei, ist auch bewaffnet, aber die müssen nur den Fortgang der Bauarbeiten schützen.'
'Das können die doch nicht machen!' und 'Das lassen die Amis nicht zu!' waren die Sätze, die wir, jeder von uns, in unregelmäßigen Abständen wiederholten. Am späten Abend brachte uns Frau Sönecke dann noch einmal eine Nachricht: 'Schumanns aus der Schillerstraße sind heute Nachmittag 'in Urlaub an die Ostsee' gefahren, mit allen vier Kindern', und sie blinzelte dabei vielsagend. Nun bangten wir alle, dass ihnen die Flucht nach dem Westen noch gelingen möge."
Mutter hatte knapp aufgehört zu erzählen, da klingelte das Haustelefon. Ich lief hin und nahm den Hörer ab. "Schnell! Kommt rauf zum Fernsehen!" schrie Großmutter. "Ihr ahnt ja gar nicht, was in Berlin los ist!"
Wir ließen alles stehen und liegen, warfen die Tür hinter uns zu und eilten die Treppe hinauf.

Einige Stunden später. Berlin war nicht mehr wiederzuerkennen. Leute sangen auf den Straßen: "So ein Tag, so wunderschön wie heute ..." Sekt schoss aus unzähligen Flaschen, hinterließ sprudelnde Fontänen. Unzählige Feuer spritzende Wunderkerzen erleuchteten die Nacht.
Die Kamera schaltete zum Grenzübergang Bornholmer Straße. Wieder passierte ein Trabbi die Kontrollstelle. Ein Westdeutscher sprang auf die Kühlerhaube und fuhr im Schneidersitz als eine Art lebende Kühlerfigur wenige Meter darauf mit.
Ihm folgte ein weiterer Trabant-Fahrer. Er fragte aus dem Autofenster heraus einen West-Berliner Zollbeamten etwas ungläubig: "Bin ich wirklich im Westen?"
Das Bild wechselte. Eine Frau auf dem Platz vor dem Reichstagsgebäude, die offensichtlich von dem Reporter zuvor gefragt wurde, ob sie im Westen bleibt, sagte: "Ich gehe auf jeden Fall zurück, weil ich an dieses Land glaube und ich will es einfach bloß sehen, die wunderbare Stimmung hier und diese Stadt, die ich all diese Jahre vermisst habe."
Eine andere Frau brach in Tränen aus: "Die ganzen Demütigungen der Jahre, alles ist vorbei. Wir haben uns nun wiedergefunden."
Ein Mann stammelte völlig kopflos: "Ich habe davon gehört, bin ins Auto gestiegen, hierhergefahren, ..." Weiter kam er nicht.
"Ich glaub, ich träume, das kann doch alles nicht wahr sein", brach es aus einer Frau Mitte Zwanzig völlig atemlos vor der Kamera heraus.
"Wahnsinn, Waaaahnsinn!!!" brüllten ein paar Leute in das Objektiv hinein.
"28 Jahre – det is die Stunde!" rief ein junger Mann die Existenzdauer des Bauwerkes in Gedächtnis.
"Auf einmal waren wir auf dem Ku'damm, keine Ahnung, wie wir da hingekommen sind. Es war wie im Film, wir konnten es gar nicht fassen", erzählte eine Frau Mitte Dreißig, die mit ihrem Ehemann da war. Und nach einem kurzen Moment des Schweigens: "Unsere kleinen Kinder sind noch drüben. Wenn die jetzt die Grenzstellen wieder schließen, dann sehen wir sie nie wieder."
Die Frau hat Unrecht, ging es mir in diesem Moment durch den Kopf. Was da passiert ist, kann keine Regierung und keine Stasi mehr rückgängig machen.
Die Kamera schaltete wieder auf den Platz vor dem Reichstagsgebäude um. "Was haben Sie heute Abend denn schon alles gemacht?" sprach der Reporter ein Ehepaar an.
Die Frau antwortete: "Anderthalb Stunden sind wir in West-Berlin gewesen. Wir sind mit vielen Hinweisen zum Ku'damm gefahren und bis zur Gedächtniskirche gelaufen. Dann haben wir uns am Kranzler Eck umgesehen, wie die Stimmung so ist. Es hat uns phantastisch gefallen!"
"Und werden Sie auch wieder in die DDR zurückkehren?" fragte dann der Journalist.
"Ja, natürlich. Unsere Kinder warten zu Hause. Aber erstmal schauen wir uns Berlin an."
"Waaaahnsinn!!! Waaaaaahnsinn!!!"
"Wir hatten drüben erst ein paar Probleme gehabt. Sie wollten das Tor vor Mitternacht nicht aufmachen. Einige Tausend warteten. Die ersten mussten Zählkarten ausfüllen, die nächsten bekamen noch einen Stempel in den Personalausweis, die übrigen wurden nur noch durchgewunken. Es gab überhaupt keine Kontrollen mehr", schilderte der Mann von einem Ehepaar um die Fünfzig den Verlauf der Grenzöffnung.
Ein Taxi-Fahrer, der der Automarke nach auch aus der DDR zu kommen schien, erzählte aus seinem Fahrzeug heraus: "Iwa Funk hab ick jehört, dass man an der Bornholmer Straße und der Sonnenallee riwakommt. Der Grenzer hat einfach einen Stempel in den Ausweis gemacht. Dann hab ick jefragt: Darf ick denn ooch wieda zurück? Na wenn Se möchten, hat er jesagt." "Mensch, ick gloob, ick spinne!" rief jemand, der nur ganz kurz im Bild war.
"So was habe ich noch nicht erlebt!" hielt die Kamera ebenfalls nur ganz kurz ein weiteres Statement fest.
Wieder hörte man: "So ein Tag, so wunderschön wie heute …"
Ein älterer Mann brach vor der Kamera in Tränen aus: "Ich habe gesehen, wie die Mauer gebaut worden ist – und jetzt erlebe ich, wie sie wieder abgerissen wird."
Die West-Berliner Nahverkehrslinien fuhren die ganze Nacht gratis, erfuhren die Zuschauer vor den Bildschirmen. Auch McDonalds legte Sonderschichten ein, die bis zum nächsten Morgen andauern sollten.
Auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor fragte der Journalist ein Ehepaar, ob es die Grenzöffnung nutzen will, um drüben zu bleiben. Die Frau antwortete: "Nee, nur mal rüwa un kieken, 'n Kudamm seh'n. Morjen jehts wieda in de Arweed."
"Waaaahnsinn, Waaaaahnsinn, Waaaahnsinn!!!! brüllten gleich mehrere Leute, bis ihre Kehlen heiser waren.
"Komisch, de Maua is viel weenija breet, als ma det frija imma jegloobt haam", rief als nächstes ein Mann.
Erneut hörte man "So ein Tag, so wunderschön wie heute". Das Lied schien die Hymne des Tages zu sein, dachte ich. In West-Berlin gab es Gratis-Würstchen gegen das Vorzeigen des DDR-Ausweises, berichtete derweil der Journalist.
Die Straße am Brandenburger Tor auf westlicher Seite, die zum Gedenken an den Aufstand von 1953 im Ostteil der Stadt "Straße des 17. Juni" hieß, wurde kurzerhand in "Straße des 9. November" umbenannt. An mehreren Laternenmasten wurden Schilder mit dieser Aufschrift angebracht.
"Zuerst hamm wa een bisken Angst jehabt, dat die schießen", erzählte eine Frau. "Awa die denkn jar nich dran."
Bildwechsel zur Mauer. Unzählige Menschen waren inzwischen auf den breiten Streifen auf ihr geklettert, die so genannte "Mauerkrone", wie dem Reporter zufolge die exakte architektonische Bezeichnung lautete. Laut seiner Angabe waren es mittlerweile Tausende Berliner aus Ost und West, die sich über die gesamte Länge des Bauwerks rund um Berlin verteilten. Sie stießen mit russischem Sekt aus der DDR und Champagner aus dem Westen an, hatte der Journalist inzwischen auch schon erfahren.
Wieder kam ein Grenzübergang ins Bild. Westler bespritzten die DDR-Autos, die ihn passierten, mit riesigen Flaschen Sekt, trommelten begeistert mit den flachen Händen auf die Dächer der Fahrzeuge. Auch schwarz-rot-goldene Fahnen wurden in diesen Augenblicken auf westlicher Seite geschwenkt. Im Gegenzug hupte jedes DDR-Auto laut, nachdem es die Grenzlinie überschritten hatte.
Die Kamera schaltete auf den Kurfürstendamm, das dreikommafünf Kilometer lange "Schaufenster des Westens", eines der Zentren dieser Nacht. Ein paar Bürger der DDR wurden gefragt, welche Einkäufe sie in den nächsten Tagen im Westen tätigen werden. Südfrüchte, Schmuck, Kosmetikartikel und Elektrogeräte fielen als Antworten.
Wieder schaltete die Kamera zu einem Grenzübergang um. Die ersten Worte einer Frau nach dem Übertritt in den Westen: "Guten Abend – ich werd' verrückt!"
70.000 Leute sollen in dieser Nacht unterwegs sein, erzählte der Sprecher als Nächstes.
Aus der allgemeinen Jubelstimmung heraus war auf einmal eine Parole zu vernehmen: "Visafrei bis Hawaii! Visafrei bis Hawaii!"
Wieder gab es ein Bild auf die Mauer, auf der sich immer mehr Menschen zu versammeln schienen. Gerade wurden an verschiedenen Stellen wieder ein paar Leute von denen hoch gezerrt, die bereits oben standen. "Vier Meter ist die Mauer hoch", kommentierte es der Reporter, "doch das hält in dieser Nacht die Menschen nicht davon ab, sie in Unmassen zu besteigen."
"So ein Tag, so wunderschön wie heute ..."
Erneut stellte der Reporter die Frage an ein Ehepaar, ob es die Gelegenheit nutzen will, gleich im Westen zu bleiben. "Bloß schnell ma rüwakieken", antwortete die Frau, "bevoa die sich det andas üwalejen un die Grenze wieda dicht machen!"
"Mensch, ick werd' wahnsinnig, ick werd' verrückt!" wurde in die Kamera gerufen, gefolgt von "Wahnsinn, ick gloob's nich!"
Feuerwerksraketen explodierten in der Luft.
"So ein Tag, so wunderschön wie heute ..."
Immer paradoxere Bilder waren im Fernsehen zu sehen. Leute kletterten über Absperrzäune, Grenzpolizisten standen reglos daneben und taten so, als würden sie es nicht sehen. Berliner stiegen auf das Dach einer Ost-Berliner Wachkabine. Der diensthabende Grenzpolizist nahm es ohne Regung zur Kenntnis.
Wieder schaltete die Kamera zur Mauer. Es wurde eine Szene eingeblendet, die all das Unglaubliche des Abends, das bisher schon jedes Fassungsvermögen bei weitem überstieg, noch einmal in den Schatten stellte. Ich stand kurz davor, wie ein Geistesgestörter loszulachen. Etliche Männer hatten sich von irgendwoher Spitzhacken besorgt und schlugen damit wie besessen auf das verhasste Bauwerk ein. Laut hörte man die Metallwerkzeuge klimpern, trotz des hohen Lärmpegels herum. Das ist doch nicht wahr, dachte ich. Das ist doch nicht wahr. Das ist vollkommen verrückt. Das kann doch einfach nicht möglich sein. Das ist doch völlig außerhalb jeglichen Vorstellungsvermögens.
Der Berichterstatter vor Ort hatte inzwischen aufgehört, zu kommentieren. Stattdessen zeigte man nur Menschenmassen, wie sie in den Westen strömen, ohne ein einziges Wort, musikalisch unterlegt von "What A Wounderful World" von Louis Armstrong.

Die Uhr zeigte bereits kurz nach um Eins, als Mutter und ich wieder in unserer Küche unten ankamen.
Ich ging noch mal in mein Zimmer, entnahm mein altes Geschichtsbuch aus der 5. Klasse aus dem Regal und schlug das Kapitel über Ägypten auf. Es ist komisch, dachte ich. Wer weiß, wann ich da mal hinkomme. Aber irgendwie erscheint jetzt mit einem Schlage alles machbar.


Quellen:
www.berliner-zeitung.de
www.remote.org/frederik/culture/berlin/sz-13-11-03-02.html
"STERN-Zeitgeschichte": "9. November 1989. Die Deutsche Stunde".
Hans-Hermann Hertle: "Chronik des Mauerfalls. Die dramatischen Ereignisse um den 9. No-vember 1989." 7. Auflage. Christoph Links Verlag – LinksDruck GmbH, Berlin, 1996, ISBN 3-86153-113-5.
Der Rest entstammt der persönlichen Erinnerung des Autors.
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5 Kommentare
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Wolfgang H. Zerulla aus Burgwedel | 10.05.2016 | 23:05  
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Christoph Altrogge aus Kölleda | 10.05.2016 | 23:12  
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Ralf Springer aus Aschersleben | 11.08.2016 | 18:34  
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Christoph Altrogge aus Kölleda | 12.08.2016 | 19:59  
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