Kindheitslexikon: Gideon

Als ich Kind war, zeichnete ich mit dem Kugelschreiber ganz einfache Kritzelcomics. Es waren Fantasy-Geschichten ungefähr im Stile von "Conan, der Barbar" (Den ich damals allerdings noch nicht kannte. Was in Wahrheit der ausschlaggebende Impuls zur Erschaffung dieses Gideon war, kann ich heute nicht mehr sagen. Wahrscheinlich ein sehr unspektakuläres Konglomerat aus einer Vielzahl von Einflüssen, kein prägendes Schlüsselerlebnis.).

Ihre Hauptgestalt hieß Gideon Alexa. Dabei handelte es sich um eine Verballhornung meiner zwei ersten Vornamen Christoph und Alexander. König über ein mythologisches Königreich namens Bursoleukos, dessen technische und gesellschaftliche Entwicklung ungefähr dem Jahr 1500 in Europa entsprach.

Was sein Alter betrifft, so hatte ich mir zunächst keine Gedanken gemacht. Aus heutiger Sicht würde ich ihn auf ungefähr 25 schätzen, als die ersten Geschichten um ihn entstanden. Woran man jedoch keine irdischen Maßstäbe anlegen darf. So hatte er bereits 12 Söhne! Was zweifelsohne auf eine sehr ungewöhnliche Form der Niederkunft bursoleukischer Frauen schließen lässt.
Später legte ich dann den Zeitpunkt seiner Geburt auf das Jahr 1944 irdischer Zeitrechnung fest.

Seine Aufmachung veränderte sich im Laufe der Zeit. Anfangs trug er ein Képi wie die französische Gendarmerie, allerdings blutrot, einen schwarzen Umhang, eine blaue Mao-Jacke und eine blaue Hose. Später erschienen all diese Teile dann einheitlich in Grasgrün. Seine Montur war ein wenig beeinflusst von historischen Darstellungen des slowakischen Militärs und Politikers Milan Štefánik.
Was generell sein Äußeres, also Körperbau, Gesichtszüge, anbelangt, hatte ich in meiner Phantasie ein ziemlich genaues Bild von ihm. Dieses erkannte ich ungefähr 20 Jahre später ziemlich vollständig in dem amerikanischen Schauspieler Tobey Maguire wieder. Also, ungefähr so wie ihn kann man sich Gideon vorstellen. Zu etwa 90 Prozent besteht Übereinstimmung.

Gideon ist ein exzellenter Reiter und Bogenschütze – Fähigkeiten, von denen er in kriegerischen Auseinandersetzungen oft Gebrauch machen musste. Zu seinen Leidenschaften gehört es, geheimnisvolle Verließe zu erkunden.

Ab und zu war ihm ein Terraner aus dem 18. Jahrhundert zur Seite gestellt, ein Dreispitz tragender Engländer namens Francis.

Sein Hauptfeind waren die Kursisten, eine Rebellenarmee benannt nach ihrem Anführer Kurses. Diese hatte weite Teile des Königreiches in einen permanenten Bürgerkrieg verwickelt. Sie war auch verantwortlich für den Mord an seinen Königspaar-Eltern Peter und Vera, sodass er bereits mit 18 Jahren die alleinige Regierungsverantwortung übernehmen musste.
Ein zweiter mächtiger Gegner war Bukres Lekanda. Diabolisch-charismatischer Diktator, welcher in einem Paralleluniversum herrschte. Seinem Volk gegenüber gab er sich als Magier aus. In Wahrheit basierte seine Machte jedoch darauf, dass er sehr fortschrittliche Technologien nutzte.
Zu seinen Schurkentaten gehörte unter anderem, dass er Bewohner des Planeten Erde in seine Welt entführte, um an ihnen bizarre Experimente durchzuführen. Die Entführungen geschahen durch Teleportationsgeräte, die in gewöhnlichen Straßenlaternen auf der Erde versteckt waren!
Gideon hatte eines Tages entdeckt, dass er durch bloße Konzentration auf den Kegel einer Kerzenflamme sich in das Reich Lekandas hinein teleportieren konnte. Und diese Macht fürchtete Lekanda als eine potenzielle Bedrohung für sein Reich.

Ab und zu tauchte in der Handlung ein Doppelgänger Gideons auf, welcher sich "Gidonius Alexa" nannte und aus dem Hintergrund Intrigen spann. Seine wahre Identität blieb jedoch ungeklärt.

Zu den sozialen Umgangsformen im Reich wäre zu sagen, dass wie in prähistorischen Gesellschaften jeder jeden duzte bis hinauf zum König, es sehr wohl aber Ehrentitel gibt, bei denen die Anrede erfolgt. So wurde Gideon von seinen Untertanen mit "Hoheit – du" angesprochen.

Gideon ist zumindest in Teilen ein Macho. So sagt er offen, dass er überhaupt nichts davon hält, wenn Frauen Raumschiffe steuern. Unter anderem formulierte er mal: "Eine Frau an einer Raumschiffkonsole ist gefährlicher als jedes schwarze Loch im Universum!"
Was Gideon meiner Einschätzung nach ebenfalls ausmacht: Trotz seiner königlichen Herkunft ist er eigentlich ein Underdog …

Detail am Rande: Als ich um das Jahr 2010 herum einmal aus Spaß den Namen googelte, fand ich heraus, dass bei Facebook eine junge Frau mit Namen Alexa Gideon registriert war!

Anschließend ein paar Auszüge aus Gideons Abenteuern. Der Hintergrund: Gideon kämpft im Weltall in einem Bürgerkrieg gegen eine brutale Alienrasse namens Meriden. Diese Rasse, sie besteht übrigens nur aus Frauen, unterdrückt und versklavt die Bevölkerungen von zwei Nachbarplaneten.





Gideon kommt auf die Welt



August 1944. Auf der Erde toben die letzten großen Schlachten des Zweiten Weltkrieges.
In der Hauptstadt Polens bricht in diesen Tagen der Warschauer Aufstand los. Er währt bis zum 3. Oktober desselben Jahres.
Die Rote Armee überquert auf ihrem Vormarsch den Fluss Weichsel in Polen.
Im Rahmen der "totalen Kriegführung" fallen im Deutschen Reich alle Sportmeisterschaften aus.
Im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau werden innerhalb von drei Tagen 6.000 Angehörige der Volksgruppe der Sinti und Roma vergast.
Warschauer Aufständische befreien 348 jüdische Zwangsarbeiter aus einem Arbeitslager.
Der erste Prozess gegen acht Beteiligte am Attentat vom 20. Juli endet mit der Verurteilung zum Tode. Die Todesstrafe wird auf Anordnung Hitlers sofort vollzogen.
Propagandaminister Joseph Goebbels verbietet alle "öffentlichen Veranstaltungen nicht kriegsgemäßen Charakters".
An der südfranzösischen Côte d'Azur beginnt zwischen Toulon und Cannes eine zweite Invasion der Westalliierten. 880 alliierte Seeschiffe und ungefähr 5.000 Flugzeuge sind an der Landung beteiligt.

Bewegen wir uns nun weg von all dem durch die Weiten des Weltalls. Abertausende Himmelskörper vom Blauen Planeten entfernt.
Dies ist der Planet Bursoleukos. Ein Planet, auf dem seit Jahrtausenden Abkömmlinge des Blauen Planeten leben.
In diesen Tagen geht dort ein entscheidendes Ereignis vor sich. In ihrer herrschaftlichen Sänfte lässt sich Königin Vera zum heiligsten Ort des Planeten tragen: auf den I-Berg. Wo sie die nun folgenden Tage in der Königinnenkapelle zubringen wird. Dem Ort, an den sich alle bursoleukischen Herrscherinnen begeben, sobald ihre Mutterschaft in die entscheidende Phase eintritt.
Bald wird sie einen Sohn gebären. Er wird in die interstellare Geschichte eingehen als der letzte König von Bursoleukos: Gideon Alexa. Dies ist seine Geschichte.





Der geheimnisvolle Alte



Es war an einem gewöhnlichen Nachmittag. Gideon saß hinter seinem königlichen Schreibtisch und erledigte Routinearbeiten.
Mit einem Male öffnete sich die Tür. Belok, einer der Wachmänner vom Schlosstor erschien.
Er war atemlos. Er wirkte völlig durcheinander, als hätte er einen Geist gesehen.
Als er den Saal betreten hatte, machte er zunächst die Ehrenbezeugung, um dann ebenfalls atemlos auf Gideons Schreibtisch hinzustürzen.
"Hoheit, Hoheit, ich habe dir etwas zu vermelden", platzte es aus ihm heraus, während er die letzten Schritte vor Gideons Schreibtisch zurücklegte. – Auf Bursoleukos duzt jeder jeden. –
Völlig außer Atem blieb er vor Gideon stehen. "Ein Kutschenwagen ist vor dem Schloss gelandet! Ein Kutschenwagen aus Eisen! Er kam aus der Luft! Von den Sternen!!!"
Gideon blieb völlig reglos, während er den aufgeregten Schilderungen seines Wachmannes zuhörte. Er kannte ihn. Daher lautete auch seine erste Frage, die er ihm in aller Ruhe stellte: "Hast du wieder mal während der Dienstzeit Alkohol getrunken, obwohl ich es dir schon mehrfach verboten habe? Hauch mich mal an!"
"Hoheit, ich versichere dir alleruntertänigst, dass meine Worte der Wahrheit entsprechen!"
"Na gut, dann werde ich mal mitkommen." Gideon stand von seinem Stuhl auf und folgte dem Wachsoldaten. Er wusste absolut nicht, was er von den Schilderungen seines Wachmannes halten sollte und hatte daher beschlossen, sich selbst Klarheit zu verschaffen.

Draußen vor dem Schloss dachte Gideon zunächst, er wäre dem Wahn anheimgefallen. Einen solch merkwürdigen Gegenstand hatte er noch nie zuvor gesehen.
Belok hatte korrekt berichtet. Es sah aus wie eine Kutsche. Aber auch wieder nicht. Dazu war es viel zu flach und breit. Und tatsächlich: Es war zur Gänze aus einem glänzenden, blutroten Metall gefertigt. Ein Erdenbewohner hätte den seltsamen Gegenstand sofort als Automobil der Marke Corvette identifiziert. Bei einem Bursoleuken jedoch war der unbekannte Anblick, trotz des Wissens um die Existenz außerirdischer Lebensformen, geeignet, nackte Panik auszulösen.
Auch die Wachmänner standen mit angsterfülltem Blick um das eigentümliche Etwas herum, mit ihren gezückten Lanzen respektvollen Abstand haltend.
Erst jetzt nahm Gideon den Lenker des Gefährtes bewusst wahr. Es war ein steinalter Mann. Dem Äußeren nach konnte es ein Bursoleuke sein. Und es schien ihm schlecht zu gehen. Er lag zurückgelehnt auf seinem Sitz, hatte die Augen halb geschlossen, atmete schwer.
Gideon befahl Belok, seine königlichen Leibärzte herzuholen.

Als sie gekommen waren, befahl er ihnen, sich mit all ihren Fertigkeiten um den Fremden zu kümmern. Hernach wies er seine Torwachmannschaft an, das Gefährt zu einer freien Stelle in einem Raum im Wirtschaftstrakt des Schlosses zu schieben. Er selbst ging wieder ins Schloss zurück, um sich wieder um seine Regierungsgeschäfte zu kümmern. Er hatte beschlossen, diesen eigenartigen Gegenstand erst einmal zu sichern. Um sich dann in aller Ruhe eine Strategie zu überlegen, wie damit weiter zu verfahren sei. Vor allem, weil er nicht wusste, inwieweit eine Gefahr für Leib und Leben seines Volkes von dem merkwürdigen Etwas ausging. Auch wollte er eine Panik vermeiden.

Stunden waren vergangen. Der Abend angebrochen. Gideon erledigte seine Regierungsgeschäfte, doch seine Gedanken kreisten einzig allein um das eigenartige gelandete Gefährt. An nichts Anderes konnte er denken.
Abermals kam Belok ins Arbeitszimmer von Gideon. Mit betrübter Miene teilte er Gideon mit, dass es mit dem Fremden zu Ende gehe. Trotz aller ihrer Mühen konnten die Ärzte nichts mehr für ihn tun. Und der Fremde habe gebeten, Gideon noch einmal zu sprechen.

Als Gideon die Lagerstätte des Fremden erreichte, lag dieser bereits mehr tot als lebendig auf dem Bett. Stumm standen die Ärzte um ihn herum.
Gideon trat an das Bett heran. Er werde bald interdimensionieren, teilte ihm der Alte mit. Ganz offensichtlich bezeichnete seine Spezies das Sterben so. Und darum habe er im Kosmos lange gesucht nach jemandem, der es würdig sei, eine so mächtige Technologie zu übernehmen, wie er sie geschaffen habe. Sein Fahrzeug, in dem er gekommen sei, vereine die fortschrittlichsten Technologien des gesamten Universums in sich. Seine größte Sorge sei, dass diese in falsche Hände geraten. Aber bei einem König, der ohne zu zögern einen unbekannten, alten Vagabunden bei sich aufnehme, sei er sich sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben.
Mit zitternden Händen griff er in seine Kleidung. Als er seine Hand wieder hervorgezogen hatte, öffnete er sie. Ein Kristall kam zum Vorschein. "Du musst dich hinter das Rad setzen, das sich im Inneren des Wagens befindet. Dort wirst du ein Loch finden, wo du diesen Kristall hineinstecken musst. Danach wird die Technik nur noch dir gehorchen."
Er übergab Gideon den Kristall. Danach schloss er die Augen.
Danach begann etwas Eigenartiges. Der Körper des Fremden begann sich vor den Augen aller Anwesenden aufzulösen! Aber nicht in irgendein Material, sondern in Tausende und Abertausende winzig kleiner Sterne, die sich im gesamten Raum verteilten. Fassungslos und ungläubig starrten alle dem Phänomen nach.

Eine lange Zeit dauerte der Auflösungsprozess. Dann verschwanden die goldenen Wirbel, als würden sie in irgendetwas Unsichtbares im Raum hinein fliegen.
Gideon, die Wachmänner und Ärzte waren vollkommen fassungslos.

Am nächsten Tag begann Gideon die Anweisungen des Geheimnisvollen in die Tat umzusetzen. Er hatte seinem Personal befohlen, den Wagen wieder vor das Schlosstor zu rollen, wo man ihn am Tag zuvor aufgefunden hatte. Den Wachsoldaten vom Tor hatte er eingeschärft, egal was nun geschehe, nur im äußersten Notfall einzugreifen.
Danach setzte er sich, wie ihm mitgeteilt worden war, auf den Platz hinter dem eigenartigen fünften Rad. Sofort entdeckte er auch die erwähnte Vertiefung für den Kristall. Gideon führte ihn ein.
Danach schrie er vor Schmerz. Ein Blitz hatte ihn getroffen. Oder waren es Tausende kleiner Blitze? Niemand der Anwesenden konnte genau beschreiben, was da vor sich ging.
Ein gar groteskes Bild bot sich den Wachsoldaten. Ein bläulich-violettes Licht, das wie Wasser durch die Luft schwamm, war aus dem Inneren des Wagens herausgeschossen gekommen. An seinem anderen Ende hielt es den Kopf des Königs fest. Dessen fassungslosentsetztes Gesicht zu einer Maske gefroren war. Nicht die kleinste Regung war in ihm zu erkennen.
Die Soldaten griffen jedoch nicht ein, wie es ihnen befohlen worden war.
Ruckartig verschwand das Licht. Gideon rutschte nach hinten zusammen.
Die Wachsoldaten stürzten auf Gideon, um das Befinden ihres Königs festzustellen.
Erleichtert stellten sie fest, dass er am Leben war.
Leise stöhnend erwachte Gideon. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte man mit aller Kraft mit einer Holzkeule darauf geschlagen.
Als er sich irgendwann einigermaßen erholt hatte, platzte es erstaunt klingend aus ihm heraus: "Ich weiß es!"
"Was, Hoheit?"
"Ich weiß einfach alles! Über dieses Gefährt!"





Rettung am Kirschberg



Verzweifelt rannte Gideon über den unbekannten Planeten. Er rannte um sein Leben. Bereits seit einer Weile verfolgten ihn die meridischen Soldatinnen. Gleich haben sie dich, dachte Gideon. Und dann ist es aus …
Urplötzlich geschah etwas ganz Eigenartiges. Auf dem kleinen Hügel vor ihm war plötzlich das Gesicht einer Frau erschienen. Das Bizarrste an ihm war zweifellos seine Größe. In irdischen Dimensionen maß es bestimmt zehn Meter Höhe. Damit des Merkwürdigen nicht genug. Es erschien irgendwie auf eine sehr ätherische Weise "zwischen" den Bäumen, den Sträuchern und dem Gras des Hügels. Halb durchsichtig, wie ein Geist.
Es war eine sehr schöne Frau. Sie schien so um die 40 zu sein, wirkte aber noch sehr jugendfrisch. Ihr Haar schien aus lauter Zweigen mit Blättern zu bestehen. Nachdem Gideon seine erste Konfusion überwunden hatte, erinnerte ihn der Anblick an Darstellungen von Frauen der Jugendstilepoche auf Terra.
Auch die Meridinnen, inzwischen ebenfalls an der Stelle angekommen, waren vor Schreck erstarrt.
Und dann begann die Erscheinung auf einmal zu den Soldatinnen zu sprechen. "Ihr habt meinen heiligen Kirschberg geschändet!" warf sie ihnen mit dröhnender Stimme vor.
Gideon rührte nicht einmal den kleinen Finger, so gebannt war er, was nun geschehen würde.
Die Erscheinung schloss ihren Mund wieder. Scheinbar teilnahmslos sah sie geradeaus.
Dann setzte urplötzlich ein riesiger Sturm ein. Er wirbelte die Meridinnen in die Luft. Verzweifelt schrien diese. Es nutzte ihnen nichts. Der Sturm trug sie mit sich fort. Schon nach einer kurzen Zeit war nichts mehr von ihnen zu hören.
Gideon brauchte eine Weile, all das zu verarbeiten. Schließlich sagte er mit abgehackter Stimme: "Danke, dass du mich vor denen gerettet hast. Doch sag, wer bist du?"
Die Erscheinung sah ihn an und schwieg geheimnisvoll. Danach verschwand sie wieder.





Der Lehrfilm



Gideon hatte einen auf Speicherkristall gebannten Film in die Hände bekommen, auf welchem die Meriden über einen langen Zeitraum hinweg – was nicht zuletzt auch der Langlebigkeit ihrer Spezies geschuldet war – ihre politischen Aktivitäten auf Terra dokumentiert hatten.
Gideons erster Schritt bei der Auswertung bestand darin, dass er über Hyperraum-Kanal die Computernetze der Erde anzapfte, um die Personen in dem Film via biometrischen Abgleich zu identifizieren. Mit Hilfe einer gefangenen Meridin konnten außerdem die akustischen Untertitel des Films übersetzt werden. – Gideons telepathische Fähigkeiten bei der Fremdsprachenkommunikation funktionierten nicht bei technischen Geräten. – Somit konnte der Filminhalt schließlich lückenlos geklärt werden.
Es schien eine Art Lehrfilm für zukünftige Meriden-Offizierinnen zu sein. Aus dem Video ging hervor, dass die Meriden immer wieder mit politischen Herrschern auf Terra paktiert hatten, weil sie auf bestimmte Rohstoffe des Planeten angewiesen waren.
Meridenführerinnen waren nun bei ihren Gipfeltreffen mit verschiedenen irdischen Staatenlenkern zu sehen. Jemand aus der meridischen Gesandtschaft musste jedes Mal unbemerkt mit einer Minikamera mitgefilmt haben.
Sie unterstützten Qín Shǐhuángdì, den ersten Kaiser des chinesischen Kaiserreiches, mit Waffenlieferungen bei dessen militärischer Expansionspolitik.
Mit Hilfe ihrer UFO's halfen sie den alten Pharaonen beim Bau ihrer Pyramiden, welche gleichzeitig auch irgendeine technische Funktion für die Meriden gehabt haben mussten.
Im Konstantinopel des Jahres 1440, kurz vor der Eroberung der Stadt durch die Osmanen, destabilisierten sie die schon fragile politische Lage durch Ränkespiele noch zusätzlich.
Sie führten die Konquistadoren in Südamerika zu den Schätzen der Indios. Gegen entsprechende Anteile bei der Aufteilung der Sklaven und Schürfrechte in den Minen, verstand sich.
Im 30-jährigen Krieg versuchten sie die Stellung von Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz zu stärken, um ihn als eine Art Vasall in dem europäischen Großkonflikt zu installieren. Zusammen mit dem Fürst standen die Frauen in einem barocken Saal.
Man sah sie im Paris der Zeit kurz vor der Französischen Revolution ihre Fäden ziehen.
1855 versuchten sie, in den Krimkrieg einzugreifen, wieder um die europäischen Großmächte zu einer Politik zu ihren Gunsten zu manipulieren.
Im kaiserlichen Wien des Jahres 1912 spannen sie verschiedene politische Intrigen, um die damaligen europäischen Großmächte gegeneinander aufzuhetzen.
Sie trafen 1942 in einem Flugzeughangar in Peenemünde auf Heinrich Himmler, den Anführer des blutigen Ordens der SS.
In den Fünfziger Jahren des aktuellen Jahrhunderts verhandelten sie wechselseitig mit den Amerikanern und den Sowjets.
Ihre vorläufig letzte Spur führte in die DDR, wie die seinerzeitige östliche Hälfte der deutschen Nation genannt wurde. Die Frauen unterhielten sich stehend mit Walter Ulbricht, dem damaligen Anführer des östlichen Staates. Gleich danach sah man sie im Kali-Kombinat Bitterfeld, wo sie sich sehr intensiv für den Stand der Rohstoffförderung interessierten. Als eine Delegation sowjetischer Ingenieurinnen gaben sie sich dabei aus. Im Gegenzug lieferten sie außerirdisches Know-how für die DDR-Elektronik-Schmiede Robotron.
Es gab dann noch eine allerletzte Filmaufnahme, welche die politischen Wirren der Stadt Moskau im Jahr 1991 zeigte. Sie war allerdings stark beschädigt, auch die akustischen Untertitel. Aber Gideon hatte genug gesehen, um Bescheid zu wissen.
Bei all diesen Aktivitäten setzten die Meridinnen nicht selten auch Geschlechtsverkehr als Mittel der Manipulation ein, da terrestrische Männer ihrer enormen sexuellen Anziehungskraft praktisch willenlos ausgeliefert waren.





Das "Phänomen" rettet Gideon



Auf irgendeinem fremden Planeten stießen Gideon und ein paar Mitstreiter von der Widerstandsbewegung in freier Landschaft mit einer meridischen Patrouille zusammen. Eine gefährliche Situation. Beide Fronten hielten sich gegenseitig mit Waffen in Schach.
Plötzlich erschien "das Phänomen". Es hatte die Form eines Rauchringes angenommen. Und es begann sich zu bewegen! Es bewegte sich auf die Konfliktparteien hinzu! In mäßigem, aber doch konstantem Tempo bewegte es sich auf die zwei verfeindeten Gruppen zu.
Diese hatten darüber völlig vergessen, sich gegenseitig mit Waffen zu bedrohen. Sowohl die Männer von der Widerstandsbewegung als auch die Meridinnen standen da wie versteinert! Mit riesengroßen, weitaufgerissenen Augen starrten sie zu der eigenartigen Erscheinung. Jegliche natürliche Fluchtreflexe bei Gefahr schienen bei den Humanoiden außer Kraft gesetzt worden zu sein. Zu überwältigend war der Eindruck, den die Erscheinung hinterließ.
Dann geschah es. Als stünde das Phänomen auf unsichtbaren Schienen, fuhr es durch die verfeindeten Kriegergruppen hindurch.
Danach war etwas höchst Merkwürdiges geschehen. Die Landschaft war auf einmal schwarz-weiß!
Nach wie vor waren alle Beteiligten der Szenerie vollkommen paralysiert.
Es war Gideon, der schließlich nach Augenblicken, die sich wie Stunden ausnahmen, den Anderen sagte: "Hört mal! Was ist das?"
Alle lauschten nun angestrengt in alle Richtungen. Schließlich vernahmen auch sie ein Geräusch, das sich anhörte wie das Brüllen eines wilden Tieres.
Immer näher kam es, näher und näher. Die Krieger auf dem Feld waren völlig erstarrt, wussten nicht, was sie tun sollten.
Immer lauter wurde das Brüllen, lauter und lauter.
Schließlich, als das Gebrüll ohrenbetäubende Ausmaße angenommen hatte, war die Erscheinung da. Sie sah aus wie – ein Sandsturm. Mit einem Sandsturm konnte man sie noch am ehesten vergleichen.
In Gideon war plötzlich eine Erkenntnis vorhanden. Dieser Sturm, oder wie immer man das nennen wollte, waren die Persönlichkeiten der von den Meridinnen gewaltsam zu Tode gebrachten Biharanerinnen. Gideon wusste nicht, woher er das wusste. Er wusste es einfach. Die Erkenntnis war einfach in ihm da.
Die Persönlichkeitengemengelage der Biharanerinnen ließ die Meridinnen telekinetisch in die Luft aufsteigen. Panisch begannen diese zu schreien.
In dieser Dimension waren die Biharanerinnen keine hilflosen Opfer mehr, die man nach Herzenslust abschlachten konnte. Hier waren sie stark und mächtig.
Als nächsten Schritt wurden die Meridinnen telekinetisch in die Rückenlage gebracht. Noch immer schrien sie voller Angst.
Dann begann sich die sandsturmartige Wolke rasend schnell in die Richtung zurückzuziehen, aus der sie gekommen war. Die Hände verzweifelt in Richtung von Gideons Männer ausgestreckt, so als erhofften sie sich Hilfe von ihnen, wurden die Meridinnen verzweifelt schreiend fortgerissen.
Na, die Biharanerinnen werden schon dafür sorgen, dass es ihnen an diesem Ort hier nicht "langweilig" wird, dachte Gideon sarkastisch.
Nachdem das Gebrüll der Erscheinung nicht mehr zu hören war, hatte schlagartig auch die Landschaft wieder ihre normalen Farben angenommen. Gideon und seine Männer waren gerettet.
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