Kindheitslexikon: Geräusche

Eine intensive Kindheitserinnerung war das Rattern des DDR-Baggers vom Typ T 174. Es war ein sehr gleichmäßiges, monotones Geräusch, ungefähr so, als würde man das Rattern eines Maschinengewehrs auf einem Tonband sehr, sehr langsam abspielen.
Jedes Mal, wenn ich an diesen Bagger denke, habe ich ein bestimmtes Bild vor Augen. Es ist Mittag an einem Sommer- oder auch Frühherbsttag. Ich stehe in unserem Garten. Der Geräuschpegel im Stadtviertel hat sich auf ein gewisses Minimum gesenkt. Verworren nur einige Verkehrsgeräusche von Ferne. Das Einzige, was sehr intensiv, alles durchdringend wirkt – ist dieses Rattern von irgendwoher. Man mag mich für verrückt erklären – aber das Rattern dieses Baggers in der sommerlichen Mittagsruhe hatte etwas zutiefst Spirituelles an sich!

Bekanntlich quieken kleine Mädchen beim Spielen oft, als würden sie mit einem Fleischermesser abgeschlachtet. Ich kann mich noch erinnern, als ich noch selbst in dem Alter war und irgendwo im Freien dieses Gequieke vernommen habe, dachte ich jedes Mal, dass da gerade sonst was Dramatisches geschieht … Bis ich dann eines Tages mal mitbekommen habe, dass sie das einfach nur aus Jux und Tollerei tun.
Wenn ich heute in meinem Arbeitszimmer in meiner Wohnung im 16. Wiener Gemeindebezirk sitze und auf dem Spielplatz draußen vor dem Fenster die kleinen türkischen Mädchen genauso quieken höre wie damals, muss ich oft an diese Zeit zurückdenken.

Die folgende, sehr intensive Kindheitserinnerung habe ich aus dem Frühsommer 1982:
Mittag. Meine Mutter und ich betreten aus dem westlichen Teil der Schillerstraße kommend die Albert-Träger-Straße. Unser rot gestrichenes Zweifamilienhaus taucht mit seiner Nordseite auf. In der gesamten Straße und darüber hinaus ist es vollkommen still. Mit einer Ausnahme. Irgendwo über den Wolken hörte man das beständige, elektrisch klingende Brummen eines tief fliegenden Flugzeuges.
Die Szene hatte irgendwie etwas Spirituelles.
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2 Kommentare
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Ralf Springer aus Aschersleben | 27.08.2016 | 00:13  
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Christoph Altrogge aus Kölleda | 27.08.2016 | 12:13  
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