Kindheitslexikon: Einheit

Auf dieser und der nächsten Grafik eine kleine größenwahnsinnige Phantasie des Autors, die er um den Zeitpunkt der Wiedervereinigung angefertigt hat: Die ganze Welt in deutscher Hand! Und dreimal dürfen Sie raten, unter der Führung von wem!
     

Geschichtliches


Der 3. Oktober 1990 ging als der Tag der deutschen Wiedervereinigung in die Geschichte ein. Die DDR trat aufgrund eines vorangegangenen Beschlusses ihres Parlaments, der Volkskammer, dem Geltungsbereich des Grundgesetzes, der westdeutschen Verfassung, bei. Nachdem im Rahmen der im Juli vollzogenen Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion die DDR ihre Souveränität bereits teilweise aufgegeben hatte, verfügte die Bundesrepublik nunmehr über die volle Souveränität auf gesamtdeutschem Territorium.
Bundeskanzler Helmut Kohl erklärte in einer Botschaft an alle Regierungen der Welt, dass von deutschem Boden in Zukunft nur Frieden ausgehen werde und Deutschland keinerlei Gebietsansprüche gegen Irgendjemanden erheben würde.
Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte beim Staatsakt in der Berliner Philharmonie: "Sich vereinigen heißt, teilen lernen."
Die Bundespräsidenten der BRD bis zu diesem Zeitpunkt:
- 1949 – 1959 Theodor Heuss (F. D. P.)
- 1959 – 1969 Heinrich Lübke (CDU)
- 1969 – 1974 Gustav Heinemann (SPD)
- 1974 – 1979 Walter Scheel (F. D. P.)
- 1979 – 1984 Karl Carstens (CDU)
- ab 1984 Richard von Weizsäcker (CDU).
Die Bundeskanzler:
- 1949 – 1963 Konrad Adenauer (CDU)
- 1963 – 1966 Ludwig Erhard (CDU)
- 1966 – 1969 Kurt Georg Kiesinger (CDU)
- 1969 – 1974 Willy Brandt (SPD)
- 1974 – 1982 Helmut Schmidt (SPD)
- ab 1982 Helmut Kohl (CDU).
Folgende Staatsoberhäupter regierten die DDR in den knapp 41 Jahren ihrer Existenz:
- 1949 – 60 Wilhelm Pieck (Anmerkung: Da für die erste Verfassung der DDR im Großen und Ganzen die bürgerliche Verfassung der Weimarer Republik als Modell diente, trug Pieck als einziges Staatsoberhaupt den Titel "Präsident". Alle seine Nachfolger nannten sich dann auf Basis einer eigenen DDR-Verfassung "Staatsratsvorsitzender".)
- 1960 – 73 Walter Ulbricht
- 1973 – 76 Willi Stoph
- 1976 – 89 Erich Honecker
- 18. 10. – 06. 12. 1989 Egon Krenz
- 06. 12. 1989 – 10. 04. 1990 Manfred Gerlach (Vorsitzender der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands, der Liberalen Partei der DDR. Erstes nichtkommunistisches Staatsoberhaupt der DDR.)
- 10. 04. – 03. 10. 1990 Sabine Bergmann-Pohl (Erstes weibliches Staatsoberhaupt auf deutschem Boden. Die Ernennung erfolgte allerdings nur pro forma, da in dieser Zeit alle Agenden des Staatsoberhauptes von Ministerpräsident Lothar de Maiziere mit wahrgenommen wurden.)
Die DDR wurde nach einer Art Präsidialrepublik-System – also mit einer starken Machtkonzentration in den Händen des Staatsoberhauptes – regiert, sodass eine Aufzählung der Ministerpräsidenten (Amtstitel des Regierungsoberhauptes der DDR) an dieser Stelle nicht sinnvoll wäre.

Das wahrscheinlich bekannteste Zitat in dem Zusammenhang, das bereits im Vorfeld des Ereignisses entstand, tätigte Willy Brand: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört."

So erlebte ich diesen Tag

1.: Rummel im Stadtzentrum


Noch bevor ich das Ende der Prof.-Hofmann-Straße erreicht hatte, vernahm ich bereits von Weiten Musik aus Lautsprecherboxen. Die Feiern zum Countdown der Einheit schienen schon voll im Gang zu sein. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Noch zehn Stunden, dachte ich, dann ist es soweit. Dann hört dieser Staat auf zu existieren.
Ich kam am Roßplatz an. Auf dem Parkplatz vor der Gaststätte hatte man einen Autoscooter aufgebaut. Fahrgäste drängten sich am Rande der Fläche. In einem der Fahrzeuge machte ich Tony aus. Er winkte mir zu, als er mich ebenfalls entdeckte. Lange haben wir uns nicht mehr gesehen, dachte ich. Eigentlich seit dem letzten Schultag in der Achten Klasse. Ich erinnerte mich wieder daran, wie er mir einige Wochen vor Schuljahresende eröffnete, dass er die Schule verlassen und eine Lehre als Kfz-Mechaniker beginnen werde. Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte mir immer vorgestellt, wie wir mal gemeinsam zu unserer Abschlussfeier nach der Zehnten Klasse gehen würden.
Ich lief weiter über den Platz. Ein paar Glücksspielbuden, Schießbuden und Karussells zogen vorbei. Am Ende des Rummelgeländes entdeckte ich etwas, was mir neu war: ein Horoskop-Automat. Mit Einwurf einer D-Mark und Druck auf die entsprechende Sternzeichen-Taste erhielt man ein ausgedrucktes Tages-Horoskop. Ich beschloss, das Gerät einmal auszuprobieren.
Nachdem ich den Zettel gelesen und in die Jackentasche gesteckt hatte, setzte ich den Weg durch das Zentrum weiter fort.
Bereits von weitem stellte ich fest, dass sich in der verkehrsberuhigten Zone rings um das Rathaus anlässlich des Festtages außer der Reihe all die Händler niedergelassen hatten, die sonst immer nur zum wöchentlichen Markt am Donnerstag erschienen. Der Werkzeug-, der Gardinen- und der Blumenhändler hatten mit ihren zu fahrbaren Markständen umgebauten Klein-Trucks wieder ihre gewohnten Plätze rings um den Marktbrunnen eingenommen und boten von dort aus ihre Waren an. Entlang der Bordsteige dahinter waren auch die lokalen Geschäftsleute wieder mit ihren Marktständen vertreten.
Am Straßenrand direkt neben mir stand ein Auto, auf dessen Rückfront ich den Einheitsaufkleber der Bild-Zeitung entdeckte. "Ein" – dann kam ein schwarz-rot-goldenes Herz – "für Deutschland". Auch der dünne Rahmen um die Grafik war schwarz-rot-gold gehalten. Einer der verbreitetsten Aufkleber dieser Tage.
An der Stelle, wo die Straße der DSF vom Marktplatz abzweigte, blieb ich kurz stehen, da sich ein Mercedes-Lkw näherte. "Mattmann und Kirchner. Europaweite Transporte. Täglich Mailand" stand auf seinem Containeraufsatz geschrieben. Ich war erstaunt, wie sehr sich die kleine, ehemals volkseigene Spedition am Bahnhof, die all die Jahre irgendwie verlassen wirkte, weiterentwickelt hatte, nachdem sie mit ihrem westdeutschen Partner Kirchner zu Beginn des Jahres eine Kooperation eingegangen war.
Als er vorüber war, überquerte ich die Straße. Danach bewegte ich mich gezielt in den hinteren Bereich des Marktes, da ich dort von weitem ebenfalls Rummeleinrichtungen wahrgenommen hatte. Diverse weitere Karusells und Glücksspielstände tauchten auf, Richtung Thälmannstraße hin auch eine Luftschaukel. Aus irgendeinem versteckten Radio war "Infinity" von Guru Josh zu hören.
Plötzlich vernahm ich von weitem Krawall, der sich entfernt wie irgendein Schlachtgesang anhörte. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Gleich darauf erledigte sich das Ansinnen jedoch von selbst: Eine Gruppe Jugendlicher torkelte aus der Hundt-Gasse auf den Marktplatz, einige von ihnen mit Bierflaschen in der Hand. Alle schienen sie schon am frühen Nachmittag völlig betrunken zu sein. Ihr Anführer war dieser Jens Baumeister, ein stadtbekannter Schlägertyp von der anderen Schule. Ich erinnerte mich, wie er zu Anfang seiner Schullaufbahn mal kurz in unsere Schule ging. Gerade sangen sie die letzten Zeilen eines alten Nazi-Liedes: "... Wir werden weiter marschieren …"
Danach schrien sie kurz alle durcheinander, bis einige von ihnen die erste Strophe des Deutschlandliedes anstimmten, in welche bald darauf der Rest der Mannschaft mit einfiel:

"Deutschland, Deutschland …"

Als sie damit fertig waren, rief ihr Anführer ihnen ein zackig gebrülltes "Sieg – ..." zu.
"Heil!" antworteten ihm seine Kameraden in der gleichen zackigen Tonart. Das Anfeuer-Ritual wiederholte sich noch mehrere Male. "Sieg – Heil! Sieg – Heil! Sieg – Heil! Sieg – Heil!"
Einer von ihnen schrie dazwischen: "Nieder mit der Auschwitzlüge!"
Einige Minuten später hatten sie sich ihre Kehlen offensichtlich heißergebrüllt, da sie mit einem Male wesentlich ruhiger wurden. Ich hörte, wie einer von ihnen sagte: "ch weeß was. Jetz is balde Weihnachten, da kä' mr ooch e'ma e scheenes Weihnachtslied singe. 'ch weeß eens." Er warf sich in Positur und stimmte mit imitiertem Bass ein Lied an:

"Sind die Juden angezündet,
Freude zieht ins Deutsche Reich.
Endsiegfreude wird verkündet
ühüber jede neue Leich.
Brenne, Jud, mit hellem Schein,
Judenschwein,
Judenschwein!"

(Anm.: Der Autor distanziert sich auf das Entschiedenste von den faschistischen und gewaltverherrlichenden Inhalten der Spottlieder. Die Veröffentlichung der Texte dient einzig und allein dem Zweck der Information und der geschichtshistorischen Dokumentation.
Der Text des ersten Liedes ist übrigens eine Verballhornung der ersten Strophe eines neueren deutschen Adventsliedes mit dem Titel "Sind die Lichter angezündet". Text: Erika Engel. Melodie: Hans Sandig.)


Begeistertes Geschrei antwortete ihm.
Eine Parodie auf das Hofbräuhaus-Lied folgte:

"In München brennt ein Türkenhaus,
zick, zack, Sieg Heil,
da kommt kein Türke lebend raus,
zick, zack, Sieg Heil, …"

Johlend begrüßten sie einen ihrer Kameraden, der plötzlich hinter ihnen auftauchte und auf sie zusteuerte: "Da gommt je schonne so e' Judenschwein!"
"Sälwer Jude!" rief der Angesprochene zurück.
Ich kannte diese Typen vom Sehen. Ich wusste, dass sie keine echten Nazis waren. Aber ein paar ziemlich gefährliche Schlägertypen, um die man einen großen Bogen machte, wenn man seine fünf Sinne beisammen hatte. Ich beschloss daher, aus Sicherheitsgründen den Weg nicht geradeaus, sondern nach rechts um das Rathaus herum fortzusetzen.
Nachdem ich ein paar Schritte gegangen war, bekam ich nebenbei mit, wie ein Reporter, begleitet von einem Kameramann, einen Passanten ansprach und sich ihm vorstellte, dass er vom jugoslawischen Fernsehen kommt. Offensichtlich machte das Team eine Umfrage anlässlich des Feiertages. So wie damals die Norweger bei der Währungsunion, erinnerte ich mich.

Ich kam an auf dem Territorium der Kleinhändler hinter dem Rathaus. Alle waren sie gekommen, die Händler, die man für gewöhnlich hier antraf, stellte ich fest. Der Kleiderhändler aus Bayern stand wieder an seinem angestammtem Platz, ebenso der ewig verschlafene hessische Geflügelhändler und die Vietnamesen, die fast den ganzen Rest der Marktleute hier ausmachten. Offensichtlich wollte sich keiner von ihnen das Geschäft an dem besonderen Datum entgehen lassen.
Ich beschloss, mir wieder einmal die Angebote der Vietnamesen etwas näher anzusehen, da ich aus Erfahrung wusste, dass sie oftmals irgendwelche besonderen Sachen sehr günstig anboten.
Der erste hatte nur allen möglichen Schmuck, wie ich schon von weitem registrierte. Dafür war mir fast gleichzeitig bei seinem Nachbarn eine Vielzahl von Musikkassetten aufgefallen. Ich trat etwas näher. Reihe für Reihe ging ich die auf einer Decke auf dem Boden ausgebreiteten Tonträger durch. Ungefähr in der Mitte stieß ich auf die aktuelle Matthias Reim-MC.
"Wieviel verlangen Sie denn für eine?" erkundigte ich mich.
"Drei Mark", antwortete er mir in seinem gebrochenen Deutsch. Die Hälfte weniger als im Geschäft, dachte ich. Da sollte man nicht lange zögern. Ich holte das Portemonnaie aus meiner Jackentasche, öffnete es, entnahm daraus drei Markstücke und gab sie ihm in die Hand. Vom Boden nahm ich mir dafür die gewünschte Kassette weg und steckte sie in den Beutel.
Ich musste plötzlich an Katharina denken. Längst hatten wir uns schon aus den Augen verloren. Sie ging inzwischen auf ein naturwissenschaftliches Gymnasium in Jena und wohnte dort im Internat.
Da ich alles gesehen hatte, was auf dem Markt los war und sich der Großteil der Veranstaltungspunkte ohnehin erst am Tag darauf abspielte, beschloss ich, einen ruhigen Lesenachmittag zu Hause auf dem Sofa zu verbringen. Ich betrat den Lebensmittelladen gleich hinter mir an der Ecke zur Engen Gasse, um mir alles Notwendige dafür zu holen. Aus dem Kühlregal entnahm ich mehrere Bifi im Semmelteig, aus der Süßwarenabteilung ein paar Raider-Schokoladenriegel und eine Schachtel schokoladenglasierte Kekse, zwei Bündel Bananen aus der Obstabteilung, drei Flaschen Fruchtsaft aus der Getränkeabteilung, vom Zeitschriftenregal "Stern", "Spiegel", "Süddeutsche Zeitung", ein "Der unglaubliche Hulk Comic-Taschenbuch", und das neueste Heft vom "Geisterjäger John Sinclair".
Zum Bahnhof könnte ich noch gehen, um den neuen Getränkedosen-Automaten neben der Treppe zum Eingang des Bahnhofsgebäudes auszuprobieren, kam es mir in den Sinn.

2.: Am Bahnhof


Polternd fiel die Büchse Coca-Cola in das Ausgabefach, nachdem ich das Markstück eingeworfen und die entsprechende Taste gedrückt hatte. Ich schob die Klappe nach hinten und griff in das Fach hinein. Vorsichtig ertastete ich die Blechbüchse mit den Fingern. Sie fasste sich angenehm kühl an.
Nachdem ich sie entnommen hatte, zog ich den Verschluss zunächst vorsichtig nur ein Stück weit auf, da ich bereits aus Erfahrung wusste, dass Büchsen und Flaschen aus Automaten oftmals einen Überdruck aufgebaut hatten. Zischend entwich die Luft.
Ich setzte an und nahm die ersten Schlucke. Unglaublich, dachte ich. Wie in der Fernsehreklame.

3.: Die Deutsche Einheit in der Numismatik


Ich las seit einiger Zeit das "Deutsche Münzenmagazin". Das alles beherrschende Thema war auch hier seit Monaten die deutsche Wiedervereinigung:

"Die deutsche Einheit schreitet mit Riesenschritten voran. Nach der Währungsunion gewinnt das abgeschlossene Sammelgebiet DDR ständig neue Freunde. Die Beliebtheit deutscher Münzen weckt aber auch das Interesse für die bundesdeutschen Prägungen, die Münzen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Interessante Entwicklungen sind hier in den kommenden Wochen und Monaten zu erwarten.

'Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben'

Dabei wird man an den Ausspruch des sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow erinnert, als er die frühere Herrschergarde der Ostblockstaaten zu Reformen ermahnte, wenn er sagte 'Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben'. Auch für so manchen noch unentschlossenen Sammler könnte eines Tages dieser Satz gelten, wenn ihm die Preise davonlaufen.

(…)

Der Aufwärtstrend für Gedenkmünzen der DDR hält ungebrochen an. (…) Spitzenreiter: Brandenburger Tor. Ungebrochen ist nach wie vor die Nachfrage nach einer der letzten DDR-Gedenkmünzen, dem 'Brandenburger Tor'. Vor allem die Silbermünze in Polierte Platte erlebt einen Boom, der nur noch mit den Preissteigerungen für die Schinkel-Münze vergleichbar ist. Vierstellige Preise für diese Münze werden schon jetzt gemeldet.

(…)

Niedrige Auflagen aus Weimar und Eisenach

Jahrzehntelang erinnerte sich kaum mehr jemand an das einstige Großherzogtum Sachsen-Weimar und Eisenach. Nach der Öffnung der Grenzen strömten nicht nur Zehntausende von Besuchern auf die Wartburg und in die Schiller- und Goethemetropole. Die Sammler haben die Münzen des Großherzogtums aus der Kaiserzeit wieder entdeckt. Vor allem die Zwei- und Fünf-Mark-Stücke von 1903 in sehr niedriger Auflage.

(…)

Nachholbedarf bei Sammlern aus der DDR

Einen anderen Grund für die zu erwartenden Wertsteigerungen sehen die Fachleute in der seit 1. Juli 1990 vollzogenen deutschen Währungsunion. Denn nun haben auch Sammler aus der DDR die Möglichkeit, deutsche Numisbriefe zu kaufen. Und der Nachholbedarf der ostdeutschen Sammler ist enorm groß. Derzeit versuchen bereits viele Tausend Sammler aus der DDR deutsche Numisbriefe aus Ost und West zu bekommen.

(…)

DDR-Numisbriefe: ein abgeschlossenes Sammelgebiet

Nach der Währungsunion sind die Numisbriefe der DDR ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Viele Sammler aus dem deutschen Osten möchten die ihnen bisher kaum zugänglichen Dokumente ihrer Geschichte ebenfalls besitzen. Deshalb steigen auch neuere Numisbriefe im Wert stark an. Fachhändler erwarten in absehbarer Zeit Wertsteigerungen von mehreren Hundert Prozent, ähnlich wie für die seltenen Numisbriefe von 1982 und 1983.

Von Goethe bis zur Mauer

Das aktuellste Sammelthema ist die Öffnung des Brandenburger Tores am 22. Dezember 1989 mit entsprechender DDR-Münze und Poststempel dieses Tages.
(…)
Aus der DDR kam ein Umschlag mit vier Briefmarken, die wichtige Stationen aus dem Leben des Reformators zeigen, der Münze mit der Schloßkirche in Wittenberg und einem Sonderstempel. Auch die 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 wurde von Ost und West mit Numisbriefen bedacht.

40 Jahre Deutschland

1989 feierten die DDR und die Bundesrepublik ihr 40jähriges Bestehen. Die aus diesem Anlaß geprägten Gedenkmünzen wurden zusammen mit Briefmarken beider Staaten in einem Numisbrief vereint. Ein weiteres Thema für einen interessanten Numisbrief in der DDR war 1985 die Fertigstellung der Semperoper in Dresden.

Ehrung von Persönlichkeiten

(…)
Aus der DDR erinnern uns die gekreuzten Schwerter auf einem reich verzierten Brief mit der mächtigen Burg über der Elbe und Briefmarken von künstlerisch gelungenen Figuren an die Bedeutung des Meissner Porzellans.

Von links oben nach rechts unten deutsche Numisbriefe aus Ost und West: 'Gottfried Schadow' mit der 'Brandenburger-Tor-Münze' aus der DDR. (…) '500. Geburtstag Martin Luther' in der Ausführung der DDR mit der Fünf-Mark-Münze 'Wartburg'. (…) Darunter zweimal Numisbriefe zum Stadtjubiläum '750 Jahre Berlin' aus West und Ost. (…) Unten der Numisbrief zum 150. Todestag von Johann Wolfgang von Goethe in der DDR-Ausführung.

(…)

Meilensteine deutscher Geschichte in Silber

1989, als die beiden deutschen Staaten auf ihr 40jähriges Bestehen zurückblicken konnten, nahm die deutsch-deutsche Geschichte eine unerwartete Wende: Am 9. November beugte sich die Regierung der DDR dem Willen des Volkes und öffnete die Grenzen nach Westen. 28 Jahre nach dem Bau der Mauer feierte ganz Deutschland das Fest des Wiedersehens!
'Wir sind ein Volk' riefen die Menschen der DDR im historischen Winter 1989.

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Kauf ohne Risiko
Jede Silbermedaille für 10 Tage zur Ansicht
Konrad Adenauer. 1. Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (1949 – 1963).
Deutsch-deutsche Teilung. Am 13. 8. 1961 errichtete die DDR die Berliner Mauer.
Theodor Heuss. 1. Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland (1949 – 1959).
Heimkehr der Kriegsgefangenen. 1955 kehrten die letzten Soldaten aus Rußland zurück.
Richard von Weizsäcker. Der 6. Bundespräsident wurde im Mai '89 mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt.

(…)

Wurzeln der staatlichen Einheit

Münzen als geprägte Geschichte waren trotz 45jähriger Trennung stets ein Bindeglied für die Sammler. Anfangs unter dem Vorzeichen der gemeinsamen kulturellen Vergangenheit, heute durch die neuen Bundesländer, auch in der Rückbesinnung auf die Kleinstaaterei im 19. Jahrhundert und damit die Wurzeln der staatlichen Einheit.

(…)

Die Aktion 'Freiabonnement für Leser aus der DDR' ist auf lebhaftes Interesse gestoßen. Schon nach kurzer Zeit waren die von der Münzhandelsgesellschaft Deutsche Münze in Braunschweig zur Verfügung gestellten 5000 Abonnements vergeben.

(…)

In weniger als einem Jahr, am 3. Oktober 1990, hat sich dieser Ruf nach Einheit erfüllt. Nach über 40-jähriger Trennung gibt es wieder einen deutschen Staat.
9. November 1989. Einer der bewegendsten Augenblicke deutscher Geschichte: Die Öffnung der Grenze nach 40 Jahren der Trennung.
1. Juli 1990. Mit der Einführung der D-Mark in der DDR wurde am 1. Juli 1990 die wirtschaftliche Grundlage für ein geeintes Deutschland geschaffen.
12. November 1989. Drei Tage nach Öffnung der Mauer besucht Bundespräsident Richard von Weizsäcker Berlin.
3. Oktober 1990. Die Wegbereiter der deutschen Einheit: Helmut Kohl, George Bush, Michail Gorbatschow.
Historische Augenblicke – unvergängliches Silber
Nur 10.000 Münzensammler in Ost und West können die weltbewegenden historischen Augenblicke auf dem Weg zur deutschen Einheit wertbeständig festhalten: Geprägt in reinem Silber und der höchsten Prägequalität 'Polierte Platte'.
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(…)

Neue Chancen im geeinten Deutschland

(…)

DDR-Münzen gehören in jede Deutschlandsammlung
Nach der Öffnung der Grenzen und demokratischen Wahlen in der ehemaligen DDR änderte sich bei den meisten Sammlern im Westen die Einstellung gegenüber den vorher vor allem politisch geprägten Gedenkmünzen der DDR. Während man im Osten einen riesigen Nachholbedarf zu stillen begann, setzte sich im Westen die Überzeugung durch, dass die Gedenkmünzen im Osten ein abgeschlossenes Sammelgebiet von großem Reiz darstellen, das unbedingt in eine deutsche Sammlung gehört. Dieser Ansturm auf die Münzen der letzten 20 Jahre dauerte bis in die Gegenwart. Die Preise haben sich jetzt auf einem hohen Niveau stabilisiert.

(…)

Neuer Anreiz zum Sammeln
Durch die deutsche Einheit wurde aber auch ein Nachfrageschub nach Münzen und dem Sammeln ausgelöst. Viele Menschen in Ost und West, die bisher abseits standen, haben ihr Interesse an Münzen neu entdeckt. Ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl, aber auch ein neues Verständnis für das in Münzen geprägte Geschichtsbild ist die Ursache dafür.

(…)

Als König Friedrich Wilhelm II. 1791 das von C. G. Langhans errichtete Brandenburger Tor seiner Bestimmung übergab, ahnte noch niemand, welche wechselvolle Geschichte es einmal erleben würde: Es sah nicht nur den Einzug der siegreichen preußischen Truppen 1871, den Einmarsch Napoleons und zwei Weltkriege, auch zu Beginn des Mauerbaus 1961 und bei der Öffnung der Mauer am 9. November 1989 stand das alte 'Friedenstor' im Mittelpunkt des Weltinteresses.

(…)

Unter den in den letzten 40 Jahren in beiden Teilen Deutschlands erschienenen Gedenkmünzen waren immerhin 20 Themen mit rund 50 Münzen gleichen Ursprungs. Das bedeutet, dass fast die Hälfte der bundesdeutschen Gedenkprägungen auch ihr Gegenstück im Osten gefunden haben."

4.: Die Feierlichkeiten in Berlin


Gleich als wir nach dem Abendessen in der Stube Platz genommen hatten, schaltete ich das Fernsehen an. Im ZDF lief bereits seit einigen Stunden die Übertragung der Ereignisse in Berlin. Klaus Bresser und Klaus-Peter Siegloch führten vom Studio aus durch den Abend.
Ich legte mich wieder aufs Sofa, wo ich mich schon den Nachmittag über befunden hatte und nahm den "Stern" zur Hand.

Unmerklich verging die Zeit. Während des Lesens bekam ich nebenbei mit, was im Fernsehen so lief. Kurzberichte, Interviews mit Prominenten und mit einfachen Bürgern und Diskussionsrunden wechselten einander ab. Politiker betonten, dass die Einheit Teil des gesamteuropäischen Einigungsprozesses sei. Sie sagten auch, dass die Einigung in erster Linie den Ostdeutschen zu verdanken sei, die den Mut aufbrachten, das alte System zu stürzen.
Journalisten hielten rückblickend fest, dass die wichtigsten politischen Probleme bei der Einigung die Festlegung der Oder-Neiße-Linie als endgültige deutsche Ostgrenze, die Angleichung des Abtreibungsrechtes, des Paragraphen 218, und die Frage des Beitrittstermins waren. Einige Politiker gaben zähneknirschend zu, dass es bei der Umstellung der DDR-Betriebe auf marktwirtschaftliche Prinzipien größere Schwierigkeiten gäbe als bisher angenommen und dass das zu beträchtlichen sozialen Spannungen führen könnte.
Ein wenig später rückten ostdeutsche Sprechchöre auf den Straßen, Noch-DDR-Bürger, ins Bild, welche skandierten: "Wir haben's geschafft! Wir haben's geschafft!"

Wieder kurze Zeit später wurde die Live-Berichterstattung plötzlich unterbrochen. Ich sah von dem Gelesenen auf. Dabei gerieten mir auf dem Tisch zwischen den am Nachmittag gekauften Essereien und Zeitschriften die drei Ägyptenbildbände ins Blickfeld, die ich mir gleich nach der Währungsunion von meinen ersten D-Mark bei Mail Order Kaiser in München bestellt hatte. Unglaublich, dachte ich. Noch vor einem Jahr hätte sich von uns niemand vorstellen können, dass wir einmal Bildbände in solch traumhafter Aufmachung besitzen würden.
Im Fernsehen begann derweil, wie schon am Abend des 9. November, ein historischer Rückblick, diesmal auf die zahlreichen Spaltungen der territorialen Einheit Deutschlands in den letzten 200 Jahren. Ein Sprecher verlas aus dem Off Goethes legendäres Zitat zum Thema:

"Mir ist nicht bange,
daß Deutschland
nicht eins werde,
vor allem sei es
eins in Liebe unter-
einander – und immer
sei es eins, daß der
deutsche Thaler und
Groschen im ganzen
Reiche gleichen Wert
habe – eins, daß mein
Reisekoffer durch
alle deutschen
Länder ungeöffnet
passieren könnte."

Johann Wolfgang von Goethe, 1828".

Kurz darauf folgten Betrachtungen Heinrich Heines über das Brandenburger Tor:

"Hier wollen wir stille stehen und das Brandenburger Tor und die darauf stehende Viktoria betrachten … Die Göttin da oben wird Ihnen aus der neuesten Geschichte genugsam bekannt sein. Die gute Frau hat auch ihre Schicksale gehabt: Man siehts ihr nicht an, der mutigen Wagenlenkerin."

Und schließlich ein Zitat Thomas Manns:

"… wer sollte die Einheit Deutschlands gewährleisten und darstellen, wenn nicht ein unabhängiger Schriftsteller, dessen wahre Heimat … die freie, von Besatzungszonen unberührte deutsche Sprache ist?"

Wieder hatte ich im "Stern" ein paar Seiten gelesen und legte das Heft für einen Augenblick aus der Hand, um die Arme auszustrecken. Im Fernsehen wurde gerade die der Aufmachung der Leute nach zu urteilen bereits jahrzehntealte Aufnahme eines Chores eingeblendet. Kurz nachdem er auf der Bildfläche erschienen war, stimmte er "Auferstanden aus Ruinen" an, die Nationalhymne der DDR: "…"

Eine Stunde mit mehreren Interviews und einer prominent besetzten Podiumsdiskussion war vergangen. Die Kamera hatte inzwischen zum Platz vor dem Brandenburger Tor umgeschaltet. Nachrichtenmoderator Ruprecht Eser berichtete live. "... Und heute Abend hier zu stehen, das ist eben auch die Erinnerung an schwere und an schöne Stunden deutscher Geschichte ..." Es folgte eine kurze Aufzählung bewusster schweren und schönen Stunden: der Marsch der SA durch das Brandenburger Tor anlässlich der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933, der Sturmangriff der Roten Armee auf den Reichstag im Frühjahr 1945, der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953. In dem Zusammenhang erwähnte er auch, dass während letzteren Ereignisses auch die rote Fahne vom Brandenburger Tor heruntergeholt wurde und spannte einen Bogen zur Gegenwart, indem er im selben Augenblick auf die unzähligen schwarz-rot-gold-enen Fahnen hinter sich aufmerksam machte. Eine weitere geschichtliche Station, die er ins Gedächtnis rief, war der Aufenthalt Ronald Reagans im Jahre 1987 an der Mauer, als er sein schon legendär gewordenes Zitat "Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!" von sich gab. Als Letztes erinnerte er noch an die Öffnung des Brandenburger Tores vor knapp einem Jahr am 22. Dezember 1989. Er zitierte eine an dem Tag gefallene Aussage des damaligen DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow über eine sich erneuernde DDR und wies auf die Ironie hin, dass genau auf dem Platz, auf dem das Zitat fiel, sich heute besonders viele Deutsche trafen, um gemeinsam die Einheit zu feiern.
Die Kamera wechselte zu einem anderen Reporter, welcher auf dem Alexanderplatz stand. Er teilte mit, dass gerade Bühnenumbauten zwischen den Auftritten zweier Rockgruppen stattfänden. Er berichtete weiters über den langsam stärker werdenden Gästezustrom, erste Leuchtraketen, erste Sektflaschen und das Kommen von Gästen aus beiden Teilen der Stadt.
Nach den allgemeinen Schilderungen wies er auf ein neben ihm stehendes Ehepaar aus dem Ostteil der Stadt hin und sprach die Frau an, welche Bedeutung für sie dieser Tag habe. Sie antwortete, dass es für sie auf jeden Fall ein Feiertag sei und die Wiedervereinigung schon viel eher hätte kommen müssen, aber eben erst durch die Grenzöffnung am 9. November und die Volkskammerwahl am 18. März möglich wurde. Sie gehe der Zukunft aber auch mit gemischten Gefühlen entgegen. Auf eine Rückfrage des Reporters präzisierte sie diese dahingehend, in dem sie auf die zahlreichen Arbeitslosen hinwies.
Danach fragte der Reporter den Mann, was er von der Meinung der Einheits-Pessimisten halte, die große wirtschaftliche Probleme auf Gesamtdeutschland zukommen sehen.
"Ich mache mir etwas Gedanken über meinen Arbeitsplatz", schlug er in dieselbe Kerbe. "Wir haben große Probleme in unserem Betrieb, wo ich arbeite. Es werden sehr viele junge und ältere Leute schon entlassen und auf 'Null' gesetzt, wie man sagt bei uns, und ich weiß auch noch nicht recht, wie es weitergehen wird, aber ich hoffe, dass es besser wird. Wir waren beide am 9. November im vorigen Jahr dabei, und hofften von einem Tag zum anderen, dass es immer besser wird, und ich möchte sagen: Man soll die Hoffnung nicht aufgeben. Ich glaube, ganz Deutschland wird sich dann wieder sehr erholen, in kürzester Zeit, hoffe ich jedenfalls."
Die Kamera schaltete zu anderem Standort um.

Ich hatte im "Spiegel" eine kürzere Reportage gelesen und legte ihn wieder auf den Zeitschriftenstapel auf dem Tisch.
Gleich daneben lag einer der Durchschläge des Gedichtes, das ich zu dem Literaturwettbewerb eingesandt hatte, den diese Hamburger Literaturzeitschrift, die ich vor ein paar Wochen entdeckt hatte, gerade zum Thema 'Deutsche Einheit' veranstaltete. Ich nahm den Zettel wieder einmal zur Hand und begann ihn mir durchzulesen, obwohl ich den Inhalt längst auswendig kannte:

"Ich lerne Marktwirtschaft

Ich lerne Marktwirtschaft.
Regierungskoalition und Oppositionsparteien.
Sperrklausel und Zweidrittelmehrheit.
Verfassungskommission und Finanzausschuss.
Ich lerne Marktwirtschaft.
Management und Mehrwertsteuer.
Aktienindex und Dollarkurs.
Binnenmarkt und ECU.
Ich lerne Marktwirtschaft.
Spiderman und Hulk.
RTL und Tele 5.
Mars und Coca Cola.
Vanilla Ice und MC Hammer.
Ford und BMW.
Ich lerne Marktwirtschaft.
Waffenschieberei und Giftgashandel.
Kinderpornographie und Mädchenhandel.
Drogensucht und AIDS.
Arbeitslosenquote und Sozialamt.
'Türken raus!' und Republikaner.
Materialismus und Orientierungslosigkeit.
Ich lerne Marktwirtschaft."

Im Fernsehen wurden die wichtigsten Stationen der DDR seit der Einführung der D-Mark anfang Juli gezeigt:

Juli: Im Juli 1990 ging die industrielle Produktion in der DDR gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr um 42 Prozent zurück, im Vergleich zum Juni um 35 Prozent – laut Statistischem Amt der DDR.
In jenem Monat stimmte die DDR-Regierung einer Verordnung zu, mit der Verfahren zur Liquidation von Betrieben und Unternehmen befristet auf drei Monate unterbrochen werden. Wegen der schwierigen Wirtschaftslage wolle man insolvente Betriebe nicht nach den geltenden Konkursbestimmungen sofort zwangsläufig auflösen, hieß es in einer Erklärung dazu. Ihnen sollte eine Frist für die Sanierung oder Wiederherstellung der Liquidität gewährt werden.

23. August: Noch während der laufenden Verhandlungen zum Einigungsvertrag zwischen den zwei deutschen Staaten beschließt die Volkskammer den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland für den 3. Oktober 1990.

31. August: Der "Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands" wird verabschiedet, welcher den für den 3. Oktober geplanten Beitritt regelt.

12. September: Die Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika, der Sowjetunion, von Großbritannien und Frankreich unterzeichnen den "Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland", umgangssprachlich auch "Zwei-plus-Vier-Vertrag" genannt, und gewähren damit Deutschland die volle Souveränität. Die Wiedervereinigung Deutschlands wird damit auch außenpolitisch bestätigt.

28. September: Aus Anlass der 100. Folge der Sendung "Elf 99" des DDR-Jugendfernsehens sendete man ab 17.00 Uhr live aus Köln, aus der bekannten kölschen Szenekneipe "Stadtgarten". Live berichtete man auch von den in der Stadt gerade laufenden "Kölner Filmfesttagen", dem ersten Filmfestival in Nordrhein-Westfalen. Es dauerte vom 26. September bis zum 2. Oktober.
Die Moderatoren Ines Krüger, Steffen Twadowski und Viktoria Hermann stellten neue Möglichkeiten der Filmförderung vor.
Auch ließ "Elf 99" wie jedes Mal zahlreiche Jugendliche zu Wort kommen. Thema war diesmal die deutsche Vereinigung. Besonderes Augenmerk galt dem Strukturwandel im Ruhrgebiet, der zum Leitbild werden konnte für die von Kohle und Stahl geprägten Länder der Noch-DDR.
Am Rande der Dreharbeiten äußerte Produktionschef Uwe Beier die Hoffnung, dass "Elf 99" nach der Vereinigung beider Staaten in die ARD aufgenommen und somit zu einer gesamtdeutschen Jugendsendung werden könnte.
Bei den "Kölner Filmfesttagen" war übrigens auch die DDR vertreten: "Treffen in Travers" hieß Michael Gwisdeks Film, der 1989 von der DEFA produziert wurde und im Rahmen des "Unabhängigen Europäischen Films" vorgestellt wurde.

Rasch waren die wenigen noch verbleibenden Stunden bis Mitternacht vergangen. Ich hatte inzwischen begonnen, einzelne Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen. Die Uhr zeigte Dreiviertel Zwölf, als ich das Blatt aus der Hand legte.
Im Fernsehen wurde zu Klaus Bresser im Studio umgeschaltet: "Ja, bevor es ganz feierlich wird, wollten wir Ihnen noch einen kleinen Ausschnitt zeigen von dem Konzert am Alexanderplatz, wo Chris de Burgh jetzt angefangen hat zu spielen. Aber hier vor dem Reichstag beginnt jetzt das Zeremoniell zur Deutschen Einheit mit Glockenklang, mit Bläserspiel und mit all dem, was vorbereitet worden ist für diesen, nun ja, geschichtlichen Moment."
Die Kamera schaltete auf den Platz vor dem Reichstagsgebäude, wo riesige Menschenmassen versammelt waren. Ein Blechbläser-Ensemble war aus dem Off zu hören.
ZDF-Korrespondent Gustav Trampe begann ebenfalls aus dem Off zu sprechen: "Ja, das Fest der Einheit, das Fest der Einheit, wie die Feiern hier auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag heißen, es geht seinem Höhepunkt entgegen. Um Mitternacht wird dann an dieser Fahnenstange die Bundesflagge gehisst werden zum Zeichen, dass Deutschland wieder vereinigt ist." In seinem nächsten Satz strich er die Tatsache heraus, dass mit diesem Platz vom Geschichtlichen her ein dem Vorgang angemessener Ort gefunden wurde. Wie schon sein Reporterkollege Stunden zuvor begann auch Trampe im Anschluss daran einen Streifzug durch die Geschichte. Er erinnerte an Philipp Scheidemann, der von diesem Platz aus 1918 die erste deutsche Republik ausrief. Er erwähnte den Reichstagsbrand 1933, den Hitler benutzte, um die Demokratie in Deutschland zu ersticken. Kurz schwenkte die Kamera auf das riesige Portal des Reichstagsgebäudes im historistisch-griechischen Stil, unter dessen Giebel der Schriftzug "Dem deutschen Volke" eingemeißelt war. Das nächste Geschichtsereignis in seinen Bemerkungen war die Berlinblockade 1948, während der der seinerzeitige West-Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter in einer legendär gewordenen Rede wörtlich die Völker der Welt aufrief, auf diese Stadt zu schauen. Und ging schließlich zur Gegenwart über, indem er sagte, dass genau das an diesem Abend der Fall ist.
Danach begann er die Zuschauer mit ein paar organisatorischen Details zur Feierstunde vertraut zu machen. Dass die Feier sehr schlicht werde, keine Reden stattfinden werden, es stattdessen nur Glockengeläut, Barockmusik, geistliche Lieder und ein hebräisches Lied gäbe.
Bundespräsident Richard von Weitzsäcker samt Ehrengästen rückte ins Bild. Trampe machte darauf aufmerksam, dass er um Mitternacht nun Präsident aller Deutschen werde und fügte an, dass dieser von den Bewohnern der Noch-DDR längst schon auch als ihr Bundespräsident akzeptiert werde. Danach wies Trampe auf Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg im Hintergrund Weitzsäckers hin, welcher um Mitternacht auch den Befehl über die Nationale Volksarmee der DDR übernehme, welche damit zu existieren aufhöre.
"Diese Bilder gehen in alle Welt. Sie werden auch in Polen gezeigt werden, in Israel, in der Sowjetunion und in Frankreich. Und wenn die Menschen sehen, wie unprätentiös, wie schlicht die Deutschen die Wiedervereinigung ihres Landes feiern, ich denke, dann werden sie erkennen, dass es keinen Grund gibt, vor diesem größeren Deutschland Angst zu haben", ging der Moderator zwischendurch auf anfängliche Sorgen vor einem größer gewordenem Deutschland ein.
Danach setzte er seine Hinweise auf Prominente auf der Ehrentribüne fort. Er nannte Willy Brandt, Hannelore Kohl, Helmut Kohl und noch einmal Gerhard Stoltenberg und Richard von Weitzsäcker. Er berichtete, dass sämtlich 519 Bundestagsabgeordnete zu der Feier eingeladen waren und auch die 400 Abgeordneten der Volkskammer, welche am Nachmittag zum letzten Mal in ihrer Geschichte zusammen kam.
Wieder kamen ein paar Informationen über den organisatorischen Ablauf. Nach der Feierstunde um Mitternacht werde es ein Feuerwerk geben. Zeitgleich würden dann auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude die Bundesflagge gehisst und in Ost-Berlin die Flagge der DDR eingeholt.
Im nächsten Augenblick erschienen auch schon, wie man aus Trampes Kommentaren erfuhr, vierzehn Schülerinnen und Schülern, zu gleichen Teilen aus Berlin-Ost und Berlin-West, welche die Flagge, die um Mitternacht gehisst werden sollte, zeremoniell herein trugen. Es handelte sich um Schülerinnen und Schüler im Alter von 16 bis 22 Jahren von zwei Sportvereinen aus West- und Ost-Berlin.
Wieder folgte ein Stimmungsbericht. "Einige tausend Menschen haben sich hier auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag versammelt. Sie schwenken Fahnen, sympathischerweise auch die Europa-Flagge, wie ich gesehen habe. Es fehlt dieser Feier jeder nationale Überschwung, jede nationale Überspitzung. Vierzig Meter hoch, wie gesagt, ist dieser Fahnenmast, sechzig Quadratmeter misst die Flagge, die hier gehisst werden soll, und die hier ihren ständigen Platz finden soll als Fahne der Einheit."
Künstler aus Deutschland, Belgien, Norwegen und Frankreich würden das musikalische Rahmenprogramm bestreiten, teilte Trampe dann noch mit. Insgesamt gesehen seien jedoch wenige ausländische Gäste anwesend. Jaques Delors, den Präsidenten der Europäischen Kommission erwähnte er in dem Zusammenhang, und unterstrich dessen von Anfang an sehr konstruktive Haltung zur deutschen Wiedervereinigung. Gleich in seiner Nähe, folgte der nächste Personenhinweis, hielt sich Enrique Baron, der Präsident des Europaparlaments, auf.

Ein Riesentransparent mit der Aufschrift "Einheit dank Helmut. Esslingen grüßt Deutschland!" rückte ins Bild.
"Dank an Helmut Kohl, der vorhin davon gesprochen hat, dass dies einer der größten Augenblicke in seinem Leben ist, sicherlich", kommentierte Trampe die Aufnahme.
Im Hintergrund ertönten dabei "Helmut, Helmut"-Rufe.
"Unter den Gästen natürlich Willy Brandt, dessen Ostpolitik sicherlich auch die Grundlage für diesen Tag gelegt hat. Heiner Geißler, Bundesarbeitsminister Blüm. Neben der schwarz-rot-goldenen Flagge die Europafahne, auf dass, auf dass es ein europäisches Deutschland und nicht ein deutsches Europa gibt, um mit Thomas Mann zu sprechen."
Das Posaunen-Orchester, das die ganze Zeit im Hintergrund spielte, verstummte. Danach begann man, die riesige deutsche Fahne am Mast empor zu ziehen. Jubelgeschrei machte sich breit, erste Raketen stiegen auf.
Ich sah auf die Uhr. Nur noch wenige Augenblicke bis Mitternacht. Neben der Uhr standen bereits zwei gefüllte Sektgläser bereit. Der Sprecher hatte aufgehört zu kommentieren. Das Fernsehen zeigte stattdessen Menschenmassen, welche mit Raketen und Wunderkerzen feierten, und Politiker aus beiden Teilen Deutschlands auf der Ehrentribüne. Immer abwechselnd erschienen die inzwischen wehende deutsche Flagge, das Reichstagsgebäude mit der Ehrentribüne davor und die Menschenmassen.
Null Uhr. Die Freiheitsglocke läutete die Geburt eines neuen Staates, einer neuen Epoche ein.
Bei uns klirrten die Sektgläser. "Auf Deutschland!" lautete der Trinkspruch.
"Und nun erklingt die Freiheitsglocke im Schöneberger Rathaus", begann Trampe wieder die Vorgänge in Berlin zu kommentieren. Die Kamera brachte daraufhin die bewusste Glocke ins Bild. "17 Millionen Amerikaner haben für sie gespendet. Sie wurde 1950 nach der Berliner Blockade im Turm des Schöneberger Rathauses aufgehängt. Auf ihr ist zu lesen: 'Möge diese Welt mit Gottes Hilfe eine Wiedergeburt der Freiheit erleben.'"
Sie war nach dem Vorbild der amerikanischen Freiheitsglocke in Philadelphia in England gegossen wurden, erinnerte ich mich an weitere Fakten bezüglich der Glocke, die im Fernsehen nicht gebracht wurden. Als sie fertig war, übergab sie der amerikanische Militärgouverneur General Lucius D. Clay an Berlin.
Es folgte eine lange Pause. Während ihr zeigte die Kamera nur die wehende deutsche Flagge vor dem Reichstagsgebäude und das nicht enden wollende Raketenfeuerwerk dahinter. Auf der Ehrentribüne wurde nun doch eine kurze Ansprache gehalten. Für die Fernsehzuschauer war sie jedoch nicht verständlich. Das Fernsehen schien keine Schaltung dorthin gemacht zu haben.
"Richard von Weizsäcker", machte Trampe auf das Erscheinen des Bundespräsidenten auf dem Bildschirm aufmerksam.
Gleich darauf stimmte ein Chor die deutsche Nationalhymne an: "…"

Die Hymne war verklungen. Riesengeschrei machte sich breit. Ein gigantisches Meer schwarz-rot-goldener Fahnen schlug Wellen über den Köpfen der Zuschauermassen.
"Deutschland ist wieder eins. Deutschland ist wieder souverän", gab Trampe das historische Ereignis bekannt.
"Ich würde sagen, wir gehen schnell auf den Boden, damit wir noch ein bisschen was vom Feuerwerk auf dem Marktplatz mitbekommen", schlug ich vor.

(Quelle sämtlicher Moderationsbeiträge: Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF))

5.: Auf dem Dachboden


Kurze Zeit später öffneten wir auch schon die Tür von Großvaters altem Hobbyraum. Es war der gleiche Raum, von dem aus wir vor fast genau einem Jahr die Militärtransporte beobachteten, ging es mir beim Eintreten durch den Kopf.
Ich lief zielstrebig zum Fenster und öffnete es. Der nächtliche Himmel erstrahlte im Licht der Raketen. Ob die Zukunft genauso hell wird? fragte ich mich.

6. Auch so hätte die Wiedervereinigung Deutschlands kommen können!


Es gab konkrete Pläne für einen gewaltsam erzwungenen Anschluss der BRD an die DDR, wie aus der Fachliteratur hervorgeht: "Das MfS (Ministerium für Staatssicherheit, Anmerkung Christoph Altrogge) bildete nicht nur Einsatzgruppen für den Untergrundkampf gegen die Bundesrepublik aus, sondern es unterhielt zu diesem Zweck auch ein spezielles Netz von inoffiziellen Mitarbeitern (IM), die neben den Spionen der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA {DDR-Auslandsgeheimdienst, Anmerkung Christoph Altrogge}) und anderer Diensteinheiten im Bundesgebiet agierten. ... häufig auch als Sprengspezialisten und Einzelkämpfer ausgebildeten Agenten ... Schon ab 1953 hatte sich die Abteilung zur besonderen Verwendung (Abt. z. b. V.) des MfS mit Sabotagevorbereitungen im Bundesgebiet befasst. (...) Auch der 'spezifische Dienst' des sowjetischen KGB unterhielt ein eigenes Agentennetz im Bundesgebiet und bildete Einsatzgruppen zum Angriff auf dortige 'Zielobjekte' aus. Gleiches tat auch die Hauptverwaltung Aufklärung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Dies war ein kleiner, aber effektiver Dienst, dessen Unterlagen 1989/90 vernichtet wurden. (...) Als weiterer 'Partner' ... wurde ... eine Organisation benannt, ... die unter dem Decknamen 'Linie Forster' firmierte. Die Angehörigen der Untergrundorganisation rekrutierten sich aus so genannten patriotischen Kräften und waren an den Parteiapparat der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) angebunden (linksradikale Partei in der BRD, die sich 1990 selbst auflöste, Anmerkung Christoph Altrogge). Ihre Diversantenausbildung hatten sie in der DDR erhalten. (...) Bisher unveröffentlichte Geheimdokumente über Verhandlungen des KGB mit dem MfS belegen, dass sich diese Bemühungen in ein globales Konzept zur gewaltsamen Durchsetzung sowjetischer Interessen gegenüber dem Westen einordneten. (...) Die geplanten Methoden reichten unter anderem von Sprengstoffanschlägen über Mord bis hin zur Vergiftung von Trinkwasser im Bundesgebiet ... Mit Hilfe 'patriotischer Kräfte' sollte durch Sabotage und Terror Panik und Schrecken verbreitet werden, um eine Krisensituation herbeizuführen. Das Endziel war die Errichtung einer kommunistischen Diktatur nach dem Vorbild des SED-Regimes in ganz Deutschland."

Bereits zu DDR-Zeiten hatte man vierspurige Straßen gebaut, die von den sowjetischen Kasernen fast geradlinig durch die Landschaft zur Westgrenze führten. Auf diesen Routen sollten die Truppen im Falle eines Dritten Weltkrieges dann binnen Stunden ins deutsche Nachbarland gelangen. Ein großer Nutznießer in Friedenszeiten jedenfalls waren die ostdeutschen Autofahrer!

Inwieweit diese Pläne tatsächlich in die Praxis umsetzbar gewesen wären, entzieht sich der Kenntnis des Autors und ist im Nachhinein auch durch geschichtshistorische Forschungsarbeit nur noch sehr schwer feststellbar.

(Quelle: Thomas Auerbach: "Einsatzkommandos an der unsichtbaren Front." Terror- und Sabotagevorbereitungen des MfS gegen die Bundesrepublik Deutschland. Analysen und Dokumente. Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Band 17. Herausgegeben von der Abteilung Bildung und Forschung. Christoph Links Verlag – LinksDruck GmbH. Berlin 1999. ISBN 3-86153-183-6.)





Bilduntertitel vom Rathaus-Bild, wegen der Zeichenbeschränkung hier untergebracht:
So sah der Platz um das Rathaus herum, wo sich der Großteil des Volksfestes abspielte, im Jahr 2010 aus. (© 2010 by Edelgard Koch, Kölleda. Bild wurde im Auftrag des Autors erstellt.) Von ein paar Kleinigkeiten abgesehen hat sich optisch in diesen 20 Jahren nichts verändert.
Die augenscheinlichste Veränderung betrifft das Rathaus. Die Fassade war meiner Erinnerung nach damals noch nicht so stark rebarockisiert wie hier. Auch war die Putzfarbe damals noch nicht rosenholzfarben, sondern ein ziemlich kräftiges Samtrot.
Rechts, durch den Baum verdeckt, der Marktbrunnen.
Vor dem hellen, dreistöckigen Haus mit der Sirene auf dem Dach und den zwei dunkelroten Autos davor befand sich der im Text beschriebene Platz der vietnamesischen Händler.
Der Autoscooter stand ungefähr da, wo sich heute das zweifarbig gelblich-graue Haus befindet. Es wurde in den Jahren nach dem Wegzug des Autors errichtet. Zum Zeitpunkt der Handlung war dort noch ein Parkplatz.
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