Mein Klützer Winkel - Gedanken im 9. Jahrzehnt meines Lebens

        Klütz: Grebin | Hineingeboren bin ich 1932 in den Klützer Winkel. Meinen Geburtsort lernte ich erst 1990 persönlich kennen, vorher gehörte er zum Gebiet der DDR - Grenzsicherungsmaßnahmen und blieb mir daher verschlossen. Die Umgebung bestimmte in den Kinderjahren meinen Blick von der Welt. Es war eine hügelige Landschaft mit äußerst schlechten Straßen, einem großen Wald, Hecken, Teichen, Tümpel und eine sehr gute Fernsicht über weite Felder.

Ob diese Landschaft meine Liebe zur Natur beeinflußt hat? Ganz bestimmt, das Übrige tat unsere liebe Mutter ganz selbstverständlich bei unseren Fahrten und Gängen durch die Landschaft, wenn sie uns Tier - und Pflanzenwelt erklärte. Bestimmt wäre aus ihr eine sehr gute Lehrerin geworden, doch die Zeit war nicht so beschaffen, ihr diesen Wunsch zu erfüllen.
Aus dem großen Buchenmischwald bei Kühlenstein holten wir uns im Winter ganz selbstverständlich den Tannenbaum, der wie ich es später lernte, ein „Fichtenbaum“ war. Über eine Koppel, vorbei am baumbestandenen Teich (Soll), gingen wir zum Kühlensteiner Wald, wie wir ihn nannten. Auch Feuerholz suchten wir uns hier, besonders nach dem Ende das II. Weltkrieges bot er uns das einzige Heizmaterial. Durch ihn gingen wir mit unserer Mutter und dem Fahrrad, wenn wir zu unseren Verwandten nach Gr. Schwansee über Kalkhorst fuhren. Dabei machten wir immer eine Rast „hinter dem Wald“ in Borkenhagen bei „Onkel Schröder“, den leider die Gier eines Mörders nach seiner Rente, den Tod kostete.
Ich kannte bis 1950, als ich mein Heimatdorf verließ, nur den Wald mit Buchen bestanden. Von einem Kiefern - oder Fichtenwald wußte ich nichts. Der Kühlensteiner Wald ist mit dem Leonorenwald verbunden und das größte zusammenhängende Waldgebiet im Klützer Winkel. Er blieb der Rodung seit dem Mittelalter (Endmoränenlandschaft) verschont, weil sich zu große Höhenunterschiede und morastig-moorige Flächen nicht für die landwirtschaftliche Nutzung anboten.
Wir Jungen erkundeten ihn ströpend während der Tage Anfang Mai 1945, als die Soldaten der Hitler-Wehrmacht vor den Truppen der Roten Armee aus Richtung Wismar kommend über Klütz – Goldbeck – Kühlenstein gen Lübeck flüchteten. Sicher hatten sie bei einer Rast, hier Munition hinterlassen. Wir fanden sie und nahmen sie „natürlich“ mit, um Schwarzpulver zum „Experimentieren“ zu gewinnen. Weiter drangen wir in diesen Wald nicht ein. Wir hörten nur von einer TWAELT - BEUK (Geteilte Buche), die hier irgendwo stehen sollte und ein Treffpunkt für Waldarbeiter war. Das machte Eindruck auf uns. Im Leonorenwald entdeckte ich später 2 Riesenmammutbäume, die wahrscheinlich 1871 in dem Forst gepflanzt wurden, um ihre Wuchsfähigkeit zu prüfen und auch den Standort der TWAELTBÄUK.
Genaues ist zu den beiden Mammutbäumen im Leonorenwald nicht bekannt. Man soll seinerzeit eine forstwirtschaftliche Nutzung der Anpflanzung von Mammutbäumen in Erwägung gezogen haben. Die beiden im Leonorenwald waren sozusagen eine „Testpflanzung“ Es wird angenommen, dass sie zur gleichen Zeit wie der im Schlosspark (durch von Biel) gepflanzt wurden, das wäre dann 1871. Sie sind allerdings nicht so gewaltig, wie der (solitär) im Park, da sie doch etwas beengt stehen. (Information durch Herrn Rohde, Schloß Kalkhorst am 30.03.2013)

Die schmalen Straßen waren in der Regel mit Hecken bestanden. Diese sollten sie im Winter vor Schneeverwehungen schützen. Sie boten uns Verstecke und ließen uns Haselnüsse im Herbst finden, die wir für die Weihnachtszeit gut gebrauchen konnten. Sie schützten aber auch vor heftigen Winden und so auch unser Haus in Dorf Reppenhagen, up´ n Barch, vor dem Nordwind.

Der kleine Teich im Acker des Bauern Kemps bot uns im Winter die Möglichkeit, Schlittschuh zu laufen. Erst später wußte ich, es war ein Soll (Sölle), von dem es in den Feldern noch so einige gab, allerdings nicht so groß und ohne Wasser. Sie werden auch als die „blauen Augen der Landschaft“ bezeichnet, es sind kleine Biotope, die Kleingetier Vögeln und Pflanzen Lebensraum bieten. Sie bringen Abwechslung in die Ackerflächen und sollten auch daher geschützt werden. Heute ist dieser Teich auf der Ackerflur fast ohne Wasser und wird sicher weiter zuwachsen, weil die Meliorierung ihr Übriges getan hat. In diesem Fall schade für die Natur.

In einer größeren Bodensenke, westlich der Häuslerreihe, hat sich nach dem Ende des Pleistozäns (Eiszeit) vor rund 15.000 Jahren ein kleines mooriges Gebiet entwickelt. Es bietet der Tierwelt Unterschlupf zwischen den landwirtschaftlich genutzten Flächen. Zum Glück ist es noch in alter Situation vorhanden. Hier liegt seit 1945 unser 9 - mm -Tesching, weil wir nicht mit Waffen im Haus von den Alliierten erwischt werden wollten. Bruder Martin hat ihn auf einem großen Stein zerschlagen und dann in den Moorgraben geworfen.

Dorf Reppenhagen liegt mit seinen zwei alten Bauernstellen und 7 Häuslereien auf einem Hügel. Es bietet daher eine schöne Fernsicht - z. B. nach Klütz, zur Strasse nach Boltenhagen, zum Iserberg bei Grevesmühlen und nach Wismar, nach Grevenstein mit seinem Mühlenrest, zum Galgenberg im Westen, hinter dem immer im Herbst und Winter die Sonne unterging. In der Kriegszeit war der Himmel im Westen oft rot gefärbt von einem Hochofenwerk in Lübeck - Schlutup. Nicht umsonst heißt es im Plattdüütschen: Up´n Barch – auf dem Berg. In den neunziger Jahren des 21. Jahrhunderts kam jemand auf die Idee für das kleine Dorf den Namen „Berg - und Talstrasse“ zu erfinden.
Aufgewachsen bin ich im Elternhaus mit „dei plattdüütsch Spraak“. Daher fällt es mir auch heute nicht schwer, mich noch plattdeutsch auszudrücken. Gelernt habe ich hochdeutsch in der Volksschule Welzin, ganz selbstverständlich. Die Einschulung erfolgte ohne besondere Umstände, wenn man es mit der heutigen Zeit vergleicht. Man ging mit den Größeren einfach nach den Osterferien zur Einschulung und damit zur Schule, es war die einklassige Volksschule in Welzin. Mir blieb aber die Erinnerung an die von Lehrer O. vorgetragene Geschichte vom „Heinerle im Storchennest“ Durch das Internet habe ich im 80. Lebensjahr den Text gefunden und konnte ihn mir ausdrucken. Ein besonderer Mecklenburger wurde für mich der alte Glaser, Bernhard Dücker aus Rühn, bei Bützow. („Dei oll Glaser uut Rühn“)

Wir lernten ihn mit unserem Reiseklub 55PLUS in der „Gemeinschaft der Jahresringe Rostock“ kennen und schätzen. Des Öfteren waren wir bei ihm in seinem Haus am Langen See in Rühn und gratulierten zu Geburtstagen, trafen ihn zu Lesungen in Bützow und in seinem Garten. Sein Motto: „Ick schriew so, wie ick spraek“ habe ich mir zu Herzen genommen, weil es einleuchtend ist, zum besseren Verständnis der Sprache beiträgt und zu meiner Schreibweise gemacht. Das inzwischen sogenannte Reformer in Bayern und Hamburg im Jahr 2012 auf die Idee gekommen sind, Schulanfänger durch Schreiben wie sie sprechen die deutsche Sprache beibringen wollen, bleibt mir völlig unverständlich. Man bedenke, die Kinder dürfen falsch schreiben, sich dadurch das Falsche einprägen und im folgenden Jahr dann die richtige Schreibweise beigebracht zu bekommen.

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Ein ungewöhnliches Naturereignis überraschte uns im Juli 1945.
Ich erinnere mich an die partielle (teilweise) Sonnenfinsternis vom 09. Juli 1945 im heutigen Kreis Nordwestmecklenburg, in Dorf Reppenhagen. Sie begann nach „Greenwich - Zeit“ um 12:56:20 Uhr. Die Sonnenhöhe betrug zu diesem Zeitpunkt 53,8°. Das Maximum der Finsternis war um 14:10:10 Uhr. Sie dauerte insgesamt 142 Minuten. Der Bezugspunkt sind die geographischen Koordinaten von Lübeck: 10.7° E; 53.9° N
(Erst nach 54 Jahren war ich in der Lage, durch die Nutzung des Internets, diese exakten Zeitangaben zu machen. (http://eclipse.astronomie.info/sofi/sofi.txt/LUEBE...))

Es war ein sehr warmer Sommertag. Mit Eintreten der „Verdunkelung“ wurden die Tiere, insbesondere die Kühe unruhig. Die Vögel flatterten aufgeregt umher. Ein kräftiger Wind kam auf. Es wurde eigenartig schummerig dunkel und kühl. Alles war unheimlich, denn auf diese Erscheinung waren wir nicht vorbereitet, wie heute durch die Zeitung, Rundfunk und das Fernsehen. Zeitung und Rundfunk standen uns in den Nachkriegsmonaten nicht zur Verfügung.
Wir erlebten dieses Naturschauspiel, im wahrsten Sinne des Wortes. Es kam über uns, wie man so sagt. Es hat sich tief in meinem Gedächtnis erhalten.
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Der Klützer Winkel ist (besonders in den Jahren nach 1945 und dann nach der Wende ab 1990) straßenseitig sehr gut erschlossen worden. So beispielsweise die Ende der 50er Jahre gebaute Straße von Roggenstorf über Grevenstein, Welzin, Hof Reppenhagen bis Damshagen. Sie schloß an die befestigte Straße Grevesmühlen – Klütz an. Alle Dörfer, die früher nur mühselig über schlaglochreiche Wege zu erreichen waren, sind heute durch feste Straßen miteinander verbunden.

Den Sätzen von Siegfried Jahnke, 24211 Rönnerholz in Informationen des Heimatvereins Grevesmühlen e.V. 2013 kann ich nur aus eigenem Erleben zustimmen. Es ist aber wohl noch der „alte Weg“ wir ich ihn aus dieser Zeit kenne. Er wurde wie alle anderen Strassen im Klützer Winkel nicht asphaltiert. Keine Gemeinde fühlte sich zuständig und so bleibt uns das Mittelalter im 21. Jahrhundert erhalten – als billiges Anschauungsobjekt.
Dieser Straßenabschnitt von Rankendorf nach Kühlenstein ist eine Besonderheit im Kreis Nordwestmecklenburg – die wohl einzige nicht befestigte Straße! (Siehe Fahrradkarten). Nach meinem Überblick gibt es nur noch diesen „alten grottenschlechten Straßenabschnitt“ zwischen Rankendorf, vorbei am Galgenberg, bis nach Kühlenstein, der wohl vergessen wurde und mich immer wieder an die alte Zeit erinnert. Von Hörensagen soll sie nach dem Willen des Gutsbesitzers in Rankendorf ihren alten Zustand behalten, um eine allzu starke Nutzung durch einen Durchgangsverkehr einzuschränken. Auch eine Möglichkeit!
Ein großer Teil der Straßen sind oft sehr schmal und z. T. beidseitig mit Hecken bestanden. Daher gilt für alle Verkehrsteilnehmer, Vorsicht walten zu lassen und die 50 km/Std einzuhalten.
Seit dem Jahr 1990 und nach Asphaltierung der Strasse zwischen Kühlenstein - Dorf Reppenhagen - Welzin heißt die einzige Dorfstrasse „Berg - und Talstrasse“. So hat auch mein Heimatdorf für alle Welt eine ganz exakte Anschrift erhalten. Doch auch früher gelangte die Post in die Häuser Nr.1-8 (Nr. 7 war nicht vergeben, weil das Grundstück, unbebaut, dem Grundstück Nr. 8 zugeschlagen wurde.)
Für mich sind die Zuführung von elektrischem Strom im Jahr 1938, die Schaffung der Polytechnischen Oberschulen, Kindergärten und Krippen, die landwirtschaftlichen Genossenschaftsbetriebe, sowie die asphaltierten Straßen im Klützer Winkel die größten Errungenschaften. Die Anlage für fließendes Wasser habe ich persönlich nicht erlebt, doch ich kann aus eigenem Erleben den hohen Wert nur allzu gut nachvollziehen. Nicht vergessen kann ich das tägliche Wasserholen mit der Wasserwacht vom einzigen Brunnen bei Schwarz im Haus 8. Deshalb ist das fließende Wasser für die Dorfbewohner eine große Errungenschaft.
Über den Klützer Winkel ist inzwischen sehr viel veröffentlicht worden. Ich habe von den Veröffentlichungen vieles genutzt und mit meinen Gedanken und persönlich Erlebtem ein wenig ergänzt bzw. auf meine Art eingeordnet.
Wie auch Anderen ist mir erst mit zunehmendem Alter bewußt geworden, in welcher schönen Landschaft Nordwestmecklenburgs ich meine Kindheit und Jugend verlebt habe.
Meine Entdeckungen sind zunächst für meine Kinder und Enkel und deren Kinder und Kindeskinder festgehalten. Mögen sie alles Schöne unserer Heimat in Frieden genießen können und sich an die erinnern, die dieses Fleckchen Muttererde vor ihnen erleben durften.
Wie hätte ich je ahnen können, dass sich „mein Klützer Winkel“ aus seiner Randlage einmal zu einem der beliebtesten Urlaubsgebiete in Mecklenburg-Vorpommern und Deutschland entwickeln konnte?
In meinen Erkenntnissen über den Klützer Winkel stütze ich mich insbesondere auf die von mir nachstehend genannten Autoren, danke ihnen für ihre Entdeckungen, Ausführungen, Quellen, Schilderungen Fotoaufnahmen und werde sie nicht immer detailliert nennen können. Zu diesem Kreis von Autoren zähle ich:
1. Pastor Peek- Damshagen : Der Damshäger Bach und die ihm zunächst liegenden Ortschaften, Landesarchiv Schwerin
2. Hans Bernitt; Vom alten und vom neuen Mecklenburg; Petermännchen-Verlag, Schwerin, 1954 – für mich das schönste Buch zu Mecklenburg.
3. Fritz Meyer-Scharfenberg: Wismar, die Insel Poel und der Klützer Winkel, Hinstorff-Verlag Rostock 1962, 1965 und 1990 – ich fand heraus, das er sich bei Pastor Peek kräftig bedient hat, ohne ihn zu erwähnen.
4. Eckart Redersborg in Zeitschriften des Heimatvereins Grevesmühlen; dem ich viele neue Erkenntnisse verdanke und an dieser Stelle besonders danken möchte.
5. Ostsee-Zeitung - Lokalteil Grevesmühlen; Serie über Dörfer im Kreis Grevesmühlen, 2011
6. Manfred Rohde, Veröffentlichungen über Kalkhorst, u. a. Kalkhorster Geschichten, Selbstverlag, 2009
7. Bürger von Dorf Reppenhagen, die mir 2009 und 2012 persönliche Dokumente von ihren Grundstücken zur Verwendung überließen, die ich von Sütterlin in die lateinische Schrift übertragen konnte.
8. Rolf und Hans Grebin: Der Klützer Winkel und sein Umland - eine Handreichung für den Besucher, Selbstverlag, 2009 – ISBN: 987 -3 937431-63-5
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2 Kommentare
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Alter Verwalter aus Naumburg (Saale) | 02.02.2014 | 03:14  
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Ewald Eden aus Wilhelmshaven | 02.02.2014 | 09:54  
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