Ein Kirchhainer im Himmel
Wenn man plötzlich aus dem sanftesten Schlummer heraus auf eine weiße Wolke im Himmel gesetzt wird, dann ist das nicht traumhaft schön, sondern fällt erst einmal in die Kategorie Albtraum.
So ist es mir jetzt kürzlich passiert. Plötzlich lauter Harfe spielende und Hosianna frohlockende Engel in weiß um mich herum! Jeder auf seiner Wolke. Nach dem ersten Schrecken kann ich Einzelheiten aufnehmen. Es sind lauter Männer. Zum Glück erkenne ich recht bald wenigstens einen von ihnen. Dieser Mann hat mir zu meiner Schulabschlussfeier „ Grüße im Namen der städtischen Körperschaften“ überbracht.
Endlich habe ich es geschafft, meine Wolke neben die des mir Bekannten zu steuern. So ohne Flügel und Harfe und ohne weißes Hemd falle ich ihm natürlich auf und er spricht mich an. Ich erkläre ihm, woher ich ihn kenne und erfahre, dass ich mitten in der Wolkenschar der ehemaligen Kirchhainer Bürgermeister gelandet bin. Die sind hier alle versammelt, weil sie naturgemäß die Wasserseite des Himmels bevorzugen. So wie mancher noch lebende waschechter Kirchhainer bei Heimspielen des TSV auf der Wasserseite des Platzes das Fußballspiel verfolgt.
Jetzt sind einige der Bürgermeister bei uns. Es ist in erster Linie Neugierde, die ich spüre, aber auch Ablehnung. Ich gehöre ja nicht hierher, schaue aber noch einmal an mir herunter, ob ich wirklich kein Engel geworden bin. Grüner Schlafanzug und keine Engelsflügel und keine Harfe. „Dann kann es doch auch keine echte Himmelswolke sein?“, frage ich mich. Da hat auch schon ein finster dreinblickender Bürgermeisterengel – ich schätze finsteres Mittelalter – mit seiner Harfe zugestochen und mir meine Wolke beschädigt. Ganz langsam verliert sie Luft und mir wird klar, dass ich auf diese Weise wieder gefahrlos auf die Erde in mein Bettchen sinken werde.
Ich will aber schnell noch einige Informationen. Eine einmalige Gelegenheit, zu erfahren, was der Erschaffer der Wohn- und Schulstadt Kirchhain über die heutigen städtischen Körperschaften so denkt. Hoffentlich hält die Luft in meiner Wolke noch etwas.
„Herr Bürgermeister, was halten Sie von den verkehrsbezogenen Änderungen der letzten Zeit?“
„Wenn das Frohlocken zu langweilig wird, haben einige von uns einen spannenden Ausgleich entdeckt. Man nennt sie die „Brießelstraßenbeobachter“. Sie freuen sich daran, wenn wieder einmal nichts geht an der Einmündung zur Borngasse und wenn durch das Umfahren der Schikanen ein Stau aufkommt. Einige Brießelstraßenbeobachter machen dazu „Brumm-Brumm“ und imitieren das ständige Anfahren und Anhalten und sie halten sich die Nase zu, weil sie sich die Abgase vorstellen. Besonders beliebt sind die verunsicherten Fußgänger zwischen Bahnhofsstraße und Groth, wenn sie nicht wissen, ob sie oder das Auto zuerst los dürfen. Ich persönlich wundere mich auch über die vielen Zonen mit 30 km/h und die gelben Wegweiser, welche Straßen, wie zum Beispiel die Ziegelgartenstraße, plötzlich zu Hauptdurchgangsstraßen machen. Für mich und meine städtischen Körperschaften waren diese Straßen streng tabu. Jetzt missbraucht man sie als Notlösungen. Noch etwas, was mir auffällt: Meine städtischen Körperschaften und ich haben durch unseren großzügigen Bürgersteigbau dafür gesorgt, dass sich alle Bürger auch bei den üblichen 50 km/h sicher bewegen können. Wegen ein paar undisziplinierten Schulkindern eine solche Beschränkung, ich weiß nicht. Wenn ich von hier oben beobachte, wie sich ein Autofahrer wirklich streng an 30 km/h hält, dann ist das arg langsam. Bürgermeister und Ordnungsamtsbedienstete sollten sich einmal auferlegen, längere Zeit mit 30 km/h zu fahren, bevor sie Kirchhain flächendeckend in eine 30-km/h-Zone verwandeln. Wenn man es im Namen von Sicherheit und Verkehrsberuhigung besonders gut machen will ist leicht die Grenze zur Gängelei überschritten.“
Meiner Wolke geht ganz schön die Luft aus.
„Was halten Sie denn vom momentanen Bürgermeister?“
„Ein ganz rühriger Mann, der viel anpackt und in finanziell schwierigen Zeiten tätig sein muss. Er hat es aber auch leicht, weil er der Bürgermeister des Bündnisses ist, leicht auch bei Bürgermeisterwahlen. Jeder weitere Kandidat ist bei dieser Konstellation nur Staffage. Persönlichkeitswahl hin und her – auch auf kommunaler Ebene wird in erster Linie nach dem Parteibuch gewählt. Übrigens, wir nennen den Bürgermeister „den Erzieher“.“ „Erzieher – warum denn das?“ „Na ja, denken Sie doch mal an die Kindergärtnerinnen und die Badenden am Baggersee oder an die Nicht-Schneeräumer. Da die Abmahnungen, dort das Unbrauchbarmachen der Parkplätze und dann die Bußgelder. Der Bürgermeister mag ja in den beiden letztgenannten Fällen das Recht auf seiner Seite haben, aber er hat dabei das Talent, irgendwie immer in ein Fettnäpfchen zu treten und heftige Reaktionen in der Bevölkerung hervorzurufen. Eine wahre Bereicherung unseres Hosianna-Lebens und wir warten gespannt auf die nächste Aktion.“
„Tsch……………“ Aus meiner Wolke entweicht die letzte Luft…..



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