'Teufelsbrückchen' ist Zufluchtsort

Der heute 85-jährige Herr Jakob Dönges erinnert sich noch lebhaft an die Ereignisse der Karwoche des Jahres 1945.
 
Das 'Teufelsbrückchen'
Kirchhain: Hof Netz |

Es sind fast 70 Jahre vergangen seit dem Ende des 2. Weltkrieges. Eine gute Gelegenheit um mit den Erinnerungen eines Zeitzeugen auf die Geschehnisse in der Karwoche des Jahres 1945 zurück zu blicken.

Wir hatten uns für 18.30 Uhr verabredet und ich traf auch pünktlich am Wohnhaus von Herrn Dönges ein. An der Haustüre wurde ich bereits erwartet und freundlich begrüßt. Im Haus setzten wir uns an einen Tisch, auf dem bereits ein säuberlich vorbereiteter Notizzettel lag. Der heute 85-jährige Jakob Dönges nahm ihn zur Hand und sagte: "...Da meine beiden älteren Brüder zum Militärdienst eingezogen waren, wohnten wir nur mit fünf Personen (meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich) auf Hof Netz. Vor allem die letzten Kriegstage waren recht ereignisreich und haben sich fest in mein Gedächtnis eingegraben. ..." Herr Dönges berichtete mir nun über die Geschehnisse in der Karwoche des Jahres 1945, an die er sich noch lebhaft erinnert:

Sonntag, 25.03.1945 - von Langenstein aus liefen einige Kinder in Richtung Hof Netz, während aus Richtung Kirchhain ein Personenzug auf der Main-Weser-Bahnlinie in Richtung Stadtallendorf unterwegs war. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich Tiefflieger auf und feuerten auf die Lokomotive des Personenzuges. Der Tender wurde dabei so schwer getroffen, dass eine Weiterfahrt unmöglich war und der Zug auf dem Bahndamm hinter Hof Netz liegen blieb. Die Menschen flohen aus den Waggons in die umliegenden Felder, während die Tiefflieger wieder abdrehten.

Dienstag, 27.03.1945 - an meinem 15. Geburtstag war ich zur Aussaat mit unserem Pferd auf dem Feld vor dem Waldrand. Am Horizont tauchten plötzlich Tiefflieger auf, und da rannte ich mit dem Pferd in einen Hohlweg. Hier verharrten wir einige Minuten, bis die Flieger wieder abdrehten und nicht mehr zu sehen waren.

Mittwoch, 28.03.1945 - am Abend packten meine Eltern hastig Brot, Wurst und etwas Stroh zusammen, um mit uns Kindern den Hof zu verlassen. Hastig marschierten wir in Richtung Main-Weser-Bahnlinie, bogen kurz vor dem Eisenbahnviadukt nach rechts in einen Feldweg und erreichten so das in einem Wäldchen liegende "Teufelsbrückchen". Meine Eltern legten es mit Stroh aus, und wir zwängten uns schutzsuchend hier hinein. Im Schutz der Dunkelheit war mein Vater noch einmal zurück auf den Hof gelaufen, um nach dem Vieh zu sehen.

Gründonnerstag, 29.03.1945 - deutsche Soldaten brachten sich direkt vor dem Wald unterhalb von Hof Netz in Stellung. Ein Feldwebel beabsichtigte die vor Hof Netz befindliche Brücke zu sprengen, was jedoch mein Vater nach längerer Diskussion gerade noch verhindern konnte. Später brachten sich amerikanische Panzer auf der Langensteiner Höhe in Stellung und feuerten auf die vor dem Wald liegenden deutschen Soldaten. Bei diesen Kampfhandlungen wurde das Forsthaus in Brand geschossen, das jedoch zuvor schon von den Bewohnern verlassen worden war. Bei diesem Gefecht ist ein deutscher Soldat gefallen und ein weiterer schwer verwundet worden. Der schwer verwundete hatte einen Arm verloren und wurde auf unserm Hof Netz so gut es ging versorgt.

Karfreitag, 30.03.1945 - ein weißes Tuch befestigte mein Vater an unserem Leiterwagen, lagerte den verletzten Soldaten auf Stroh und fuhr ihn so in das Lazarett im Schloß Rauischholzhausen. Jahre später haben wir erfahren, dass der Soldat wohl gesund nach Hause kam.

Ostersamstag, 31.03.1945 - der erste Amerikaner, ein farbiger Soldat, kam auf den Hof. Wortlos ging er in das Haus und hier von einem Raum in den anderen. Da mein Vater Schießwart bei den Kyffhäusern war, fand der Soldat natürlich auch das Kleinkalibergewehr und nahm es an sich.

Herr Dönges hat mir auch erzählt, dass er für den Gründonnerstag eine Einberufung zum Volkssturm in das Wehrertüchtigungslager nach Wetter hatte. Auf Grund der Ereignisse ist er aber bei den Eltern und den beiden Schwestern auf Hof Netz geblieben. Auch die Geschehnisse in Kirchhain mit dem Angriff auf den Bahnhof und die katholische Kirche waren von Hof Netz aus zu beobachten, da die Tiefflieger über Langenstein hinweg ihren Angriff auf Kirchhain starteten.

Der Notizzettel vor Herrn Dönges war nun abgearbeitet. Er verabschiedete mich mit den Worten: "Ich bin noch der Einzige, der die damaligen Geschehnisse auf Hof Netz miterlebt hat. Es waren sehr aufregende Kartage und für uns war der Krieg am Gründonnerstag eigentlich vorbei. Auch die nachfolgende Zeit des Jahres 1945 war noch recht unruhig, da das Lager Münchmühle ja aufgelöst war und so Menschen vieler Nationalitäten hier unterwegs waren."

Danken möchte ich Herrn Jakob Dönges dafür, das er mir seine Erinnerungen an die Zeit vor nunmehr 70 Jahren erzählt hat. Nähere Informationen zu Hof Netz finden Sie hier: http://www.myheimat.de/kirchhain/freizeit/zugang-f... !!
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Oberhessische Presse | Erschienen am 25.04.2015
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