Kommentar zum Bericht "Gymnasium setzt Klassenfahrten aus"

Eines vorweg: Ich unterstütze die Aussage der Schulleitung, den Schulen und damit den Lehrern würde immer mehr aufgebürdet und es könne keine Stunde mehr Unterrichtet werden, ohne einen Qualitätsverlust zu erleiden. Dennoch halte ich die Reaktion des Kollegiums, bei den Klassenfahrten zu kürzen, für verfehlt und deutlich zu kurz gesprungen.
Warum? Die Mehrarbeit der letzten Jahre entsteht zu einem guten Teil durch den Versuch, die Schulzeit auf 12 Jahre zu begrenzen, ohne dass hierfür die notwendigen Änderungen an der zu unterrichtenden Stoffmenge und an den entsprechenden Curricula vorgenommen wurden. Wenn nun in dem Artikel die Entwicklung schuleigener Curricula und der damit verbundene Mehraufwand als ein Argument für die Überlastung der Lehrer herangezogen wird, so kann ich – als betroffenes Elternteil mit einer Tochter am Gymnasium – hier nur einen Totalausfall feststellen. Die Unterrichtsqualität ist durch Fehlentwicklungen wie dem epochalen Unterricht in den Naturwissenschaften, dem dauernden Hin- und Her-Springen zwischen unterschiedlichsten Themengebieten, dem Fehlen jeglicher Vertiefung elementarer Wissensgebiete und dem nicht vorhandenen Vermitteln von Zusammenhängen zwischen einzelnen Stoffgebieten meiner Meinung nach eh schon auf einem Tiefstniveau, sodass hier kein Qualitätsverlust mehr möglich ist.
Hinzu kommt der ständige Unterrichtsausfall, der nicht ausschließlich durch die Krankheit einer Lehrkraft begründet ist. Warum müssen eigentlich Fortbildungen für Lehrkräfte in der Unterrichtszeit stattfinden, anstatt diese in die unterrichtsfreie Zeit zu verlegen?
Als weiterer Punkt seien die anderen Teilnehmer am System Schule genannt: Die Klage der Lehrer über Überlastung bekommt angesichts der Tatsache, dass heutzutage 15-jährige SchülerInnen in der 10. Klasse bis zu 38 Wochenstunden (!!) Unterricht haben – zuzüglich etlicher Stunden Heimarbeit für Hausaufgaben, Referate, Klausurvorbereitungen – einen ziemlich schalen Beigeschmack. Dieses ungute Gefühl verstärkt sich bei mir, wenn nun als „Lösung“ des Überlastungsproblems ausgerechnet bei den Schülern gekürzt werden soll. Ein kleiner Einschub: Ich möchte mal den Beamten im Kultusministerium sehen, der eine ähnliche Arbeitsleistung bewältigt, wie sie durch die meiner Meinung nach hirnrissige Schulzeitverkürzung den Schülern abverlangt wird!
Zurück zur Streichung der Klassenfahrten als Lösung des gewiss existierenden Überlastungsproblems: Protest gegen eine Überfrachtung der Schule mit immer neuen Experimenten wie Schulzeitverkürzung oder Inklusion ohne eine langfristige und gründliche Vorbereitung auf derartige Abenteuer und ohne Mehranstellung von Lehrkräften ist gewiss angebracht und richtig. Dieser Protest muss aber an der richtigen Stelle angebracht werden – im Kultusministerium und in der Landesregierung allgemein. Dort muss Lobbyarbeit geleistet werden dafür, dass die von einer Wirtschaftslobby als alternativlos gepriesene Schulzeitverkürzung umgehend zurückgenommen wird; dort muss Lobbyarbeit dafür geleistet werden, dass mehr Lehrkräfte eingestellt werden, um von den irrsinnigen Klassengrößen herunter zu kommen und um zusätzliche soziale Leistungen innerhalb des Systems Schule auch ohne Qualitätsverluste im Unterrichtsbereich zu erbringen.
Darum: Weg von effekthaschenden Kürzungen bei den schwächsten in diesem System, bei den Schülern! Hin zu einer zielgerichteten Arbeit innerhalb unseres demokratischen Systems, um den Kindern wieder ausreichend Zeit zum Erwachsenwerden und zu eine qualitativ deutlich verbesserte Schulausbildung bieten zu können! Dabei dürfen die Interessen einer Wirtschaftslobby an verkürzten Ausbildungszeiten keine Rolle mehr spielen – die Themengebiete und Herausforderungen der Zukunft bedingen eine vertiefte, gründliche Vermittlung nicht nur von abfragbarem Wissen, sondern auch von Zusammenhängen zwischen unterschiedlichen Themengebieten. Mit der Streichung von Klassenfahrten wird dies nicht erreicht, damit wird nur den Schülern ein wertvoller Freiraum für kulturelles und soziales Lernen genommen.
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1 Kommentar
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 04.11.2013 | 17:14  
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