„Es wurde von Anfang an nichts ausgeschlossen“ – Ein Interview mit Slut
Nachdem sie mit ihrem letzten Album „All we need is silence“ auf der Suche nach dem „Destillat“ ihrer Musik waren, wurde auf ihrer neuen Platte an der Produktion nicht gespart. „Es wurde von Anfang an nichts ausgeschlossen“, erklärte Schlagzeuger Matthias Neuburger. Außerdem sprach er von den Vorteilen auf Englisch zu singen und der Herausforderung des brechtschen Deutsch.
Euer neues Album Still No. 1 klingt pompöser, auch weil es mit mehr Instrumenten aufgenommen wurde. Hat sich das im Vorfeld schon auf das Songwriting ausgewirkt?
Neuburger: Das kann man auf jeden Fall sagen. Wir kommen ja von einem Album, das All we need is silence hieß, das sehr reduziert war, weil wir versucht haben herauszufinden, was das Destillat unserer Musik ist. Durch die Drei Groschenoper und mit Beginn des Prozesses am neuen Album, war klar, jetzt müssen wieder alle Möglichkeiten da sein. Wir sind nun quasi mit einer ganz neuen Freiheit ans Liedermachen und –schreiben herangegangen. Es wurde von Anfang an nichts ausgeschlossen und alles was dazu gedient hat ein Lied in der besten Art und Weise zu füllen, wurde auch verwendet.
Auf der Internetseite vom Atomic Café wurdet ihr als Flaggschiff der deutschen Gitarrenfraktion angekündigt. Lässt dieser Anspruch der Öffentlichkeit nicht eine gewisse Drucksituation entstehen, wenn man ein neues Album aufnehmen will?
Neuburger: Es kommt immer darauf an wie man damit umgeht. Ich glaube, dass wir uns immer schon durch eine gewisse Zurückhaltung, auch durch eine gewisse Abgeschiedenheit – nicht nur geographisch – ausgezeichnet haben, vielleicht sogar durch eine gewisse Dreistigkeit in unserem Denken und Handeln. Deshalb beschäftigt uns so was sehr, sehr wenig und wir machen auch allen Beteiligten, wie z. B. der Plattenfirma, ziemlich schnell klar, dass wir darauf keinen Wert legen.
Hat man denn noch diese Freiheit, wenn man bei einer großen Plattenfirma ist und viele CD’s verkauft?
Neuburger: Ja, die hat man. Ich weiß nicht ob es jedem so geht, aber bei uns ist das immer so gewesen. Ich kann mich an keinen Zeitpunkt erinnern, an dem schon während des Prozesses mitgeredet worden wäre. Sie haben uns von Anfang an blind vertraut, so wie wir auch ihnen blind vertraut haben, insofern hatten wir ein gutes Verhältnis. Es ist möglich, dass sich die Virgin auch gegenüber anderen Major Labels, die da vielleicht anders vorgehen, besonders auszeichnet.
Ihr habt dann den Schritt, zu einer großen Plattenfirma zu wechseln, auch nie bereut?
Neuburger: Auf keinen Fall. Nein.
Apropros große Plattenfirma: ihr singt auf Englisch und habt wahrscheinlich auch den Anspruch möglichst viele Leute zu erreichen, wenn möglich auch im Ausland. Was kann eine Band wie Slut einem 18jährigen Norweger, Schweden oder Italiener geben?
Neuburger: Wohl genauso viel oder wenig, wie einem 18jährigen Deutschen oder Schotten. Ich glaube schon, dass unsere Musik kompatibel ist, womöglich auch in vielen unterschiedlichen Ländern. Und natürlich ist sie durch das Englische auch zugänglich für sehr viele Hörer. Das ist aber nicht der Grund, warum wir uns entschieden haben englisch zu singen. Eigentlich hatte es musikalische Gründe. Vielleicht kommt es uns jetzt auch durch das Internet zugute, dass eine größere Hörerschaft überhaupt die Möglichkeit hat, Musik von uns zu hören und uns als Band zu entdecken. Insofern könnte sich das noch mal rechnen. Aber wie gesagt, nichts davon haben wir im Vorfeld geplant. Was es jemandem geben kann, wenn er 18 ist und Musik mag, das ist eine ganz schwierige Frage.
Und was waren die musikalischen Gründe?
Neuburger: Es klingt besser. Ich finde, dass die englische Sprache einer härteren oder gröberen Musik, wie wir sie am Anfang gemacht haben, besser steht. Es war vor allem eine Entscheidung meines Bruders, der sich dadurch auch ein bisschen selbst zurück nehmen konnte und nicht ganz so offensiv verstanden werden musste. Zudem hat er schon immer gern mit der Sprache gespielt.
Kann man das, wenn es nicht die Muttersprache ist?
Neuburger: Sicher ist es schwierig, aber er kann es offenbar. Ich tue mir manchmal ein bisschen schwer mit den Texten und muss immer wieder mal nachschauen, aber ich glaube, mein Bruder ist da ziemlich fit. Man hört immer wieder von anderen Leuten, die Englisch als Muttersprache haben, dass das, was da gesungen wird, auch funktioniert.
Wenn ihr nur auf Englisch singt, wie geht ihr dann an einen deutschen Text, wie die Drei Groschenoper heran? Zumal dieser Text 80 Jahre alt ist?
Neuburger: Das war ganz interessant. Wir haben uns zwar nie komplett geweigert deutsch zu singen, trotzdem haben wir es nie gemacht. Aber das, was es dann doch möglich gemacht hat, deutsch zu singen, ist die Tatsache, dass der Text eben nicht von uns ist und dass er einen so hohen artifiziellen Wert hat. Insofern kann man den Text auch wieder ganz klar von Chris als Person trennen, was ihm, glaube ich, auch sehr wichtig ist. Er kann sich dann wieder so zu ihm verhalten, wie er es im Umgang mit dem Englischen, wenn auch auf eine andere Art, gewohnt ist.
Und wie sah die praktische Umsetzung aus?
Neuburger: Das war eine große Herausforderung. Wir haben uns mit allem nötigen Respekt dem Werk, das sehr opulent und virtuos ist, genähert. Wir wussten von Anfang an, dass wir dem nichts Gleichwertiges entgegensetzen können, sondern wir das Stück nur soweit verändern können, dass die Grundstimmungen, also die Destillate der Musik, erhalten bleiben. Ich glaube, das ist uns bei einigen Stücken gelungen.
Habt ihr jemals einen Grund gehört, warum nur fünf Stücke von euch veröffentlicht werden durften?
Neuburger: Das Verbot kam ja von der Kurt Weil Foundation in New York und es ist wohl so, dass er selbst vor seinem Tod verfügt hat, dass das Werk niemals auch nur in einer Note verändert werden darf. Zwar hat sie diese Verfügung eh schon gelockert – man kennt ja viele Cover-Versionen und andere Interpretationen – es darf aber nach wie vor nicht das Gesamtwerk verändert werden. Also wenn dann auch das Dramaturgische transportiert werden soll, dann ist es nicht erlaubt.
Eine EP ist deswegen erlaubt?
Neuburger: Ja, weil man nicht diesen ganzen Bogen spannen kann. Was schade ist, weil das komplette Album wirklich sehr, sehr gut funktionieren hat, man es leider aber nicht hören darf. Wir hatten auch schon eine Tour geplant in lauter schönen Theatern, wie z. B. der Volksbühne in Berlin. Das musste leider alles abgesagt werden.
Wenn 2020 die Rechte verfallen, dann könntet ihr das ja machen.
Neuburger: (lacht) Wenn wir dann überhaupt noch wollen!
Waren Euch diese Auflagen eigentlich bekannt?
Neuburger: Ehrlich gesagt waren wir da ein bisschen blauäugig. Wir hätten nicht gedacht, dass sich dafür jemand interessiert, wenn eine Band wie wir das macht. Wenn wir Radiohead wären, dann wäre das sicher etwas anderes gewesen.
Und habt ihr euch nach diesem Projekt nie überlegt vielleicht doch deutsch zu singen? Brecht hat eine ganze Welt mit seinen Texten erreicht.
Neuburger: Ja, hat er schon. Ich finde auch, dass das Deutsch, das Brecht schreibt und verwendet eines der großartigsten des letzten Jahrhunderts ist. Insofern ist es für uns auch gar keine Frage gewesen, uns damit auseinander zusetzten, weil wir uns gern in diesen Gefilden bewegen. Wenn es in Richtung Kunst und Theater geht, das steht uns irgendwie, weil wir dazu einen Zugang haben. Aber deshalb jetzt deutsch zu singen, würde ja bedeuten, dass man es vielleicht in einer ähnlichen Qualität machen müsste. Es ist anmaßend, das überhaupt nur zu denken. Ich will damit auch nicht sagen, dass alle deutschen Texte schlecht sind, aber ich finde, dass die Sprache phonetisch auch nicht unbedingt hundertprozentig passt. Darüber hinaus klingt vieles plump, auch weil die deutschen Texte der neueren Zeit nicht unbedingt die gelungensten sind. Da fehlt mir ein bisschen Niveau und Qualität.
Und bei welchen Bands genau?
Neuburger: Das will ich jetzt hier nicht sagen.
Offizielle Webseite: http://www.slut-music.de/
Slut auf MySpace: http://www.myspace.com/slut
Interview: Leo Maier und Sven Mesch
Bilder: Pressephotos Slut, Leo Maier und Sven Mesch
Musikvideo "If I had a heart"
Musikvideo "Easy to love"
Das Moritat von Mackie Messer (live)
Musikvideo "Why Pourquoi (I Think I Like You)"




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