Der nackte Strickreiter: Familienforschung und historical fiction
Hildesheim: Moritzberg | Kontakte mit einem Großteil meiner Verwandtschaft verdorrten nach dem Tode meines Vaters. Vor einiger Zeit nahm ich Kontakt mit meiner Cousine Lilo auf. Durch sie wollte ich etwas über die Geschwister und Eltern meines Vaters erfahren. Ein Anflug von Familienforschung nahm seinen Lauf.
Lilo wusste, dass Opa Schulte als Schneidergeselle nach Hildesheim, genauer zum Moritzberg kam, sich dort als Schneidermeister in der Bergstrasse selbstständig machte und mit seiner Familie lebte.
Von der Verwandtschaft seiner Frau, der Tochter des Moritzberger Bürgermeisters Ruthe, wusste Lilo nicht viel mehr zu berichten, als ich bereits aus anderen Quellen erfahren hatte.
Aber eine Aussage erregte meine Neugier, führte zu weitreichenden Recherchen.
Lilo sagte, Opa habe erwähnt, dass es eine dunkle Seite in der Familie gebe. Ein Mitglied habe mit Distriktreitern, also mit Gendarmen, zu tun gehabt.
"Stell Dir vor, solche Leute gehören zu unseren Verwandtschaft. Darüber gibt es sogar ein Buch" habe Opa gesagt.
Wer denn die Strickreiter gewesen seien? Opa sagte Distriktreiter wurde ich korrigiert. Es dauerte einige Wochen bis ich zu beiden Begriffen Erklärungen fand. Zwei oder drei Monate lang beschäftigte mich dann die weitere Spurensuche. Schließlich stieß ich auf eine heiße Spur, die Autobiografie eines Berliner Botanikers. Der Autor Johann Friedrich Ruthe hatte ein Hildesheimer Gymnasium besucht und wurde Anfang des 19. Jahrhunderts als Deserteur von Strickreitern/Distrikreitern ins Gefängnis gesteckt. Wenn das allein schon aus Opa Schultes Sicht eine arge Familienschade bedeutete, dann musste ihn, besonders wegen seiner sehr engen Bindung zur katholischen Kirche, das ruf schädigende Verhalten eines solchen Mannes wie ein Dolch in der Brust stecken. "Stell Dir vor, solche Leute gehören zu unseren Verwandtschaft."
Nach der Lektüre der Autobiografie, ging meinen Fantasie mit mir durch. Aus Fakten und Beiwerk entstand folgende Geschichte. Siehe dazu auch : http://rshornemann.blogspot.com/2011/06/ruthe-und-...
Spät abends, im Juni 1809 reitet ein Gendarm auf der Landstraße von Emmerke nach Hildesheim. Er führt einen gefangenen westphälichen Deserteur ab.
Der in Emmerke gefangene Deserteur trockelt dicht neben dem Pferd her. Mit einen kurzen Strick an den Händen gefesselt, einen zweiten um den Hals gelegten und am Sattelzeug festgebundenem hat er alle Mühe sein Gleichgewicht zu halten. Am Strick ziehend und schimpfend treibt der Gendarm zur Eile an, biegt plötzlich von der Straße nach rechts ab. Dort hinter einem kleinen Hölzchen führt eine Abkürzung direkt zum Moritzberger Schäfertor. Eine knappe Stunde später, noch vor Eintritt völliger Dunkelheit will der Gendarm seinen Häftling sicher im Gefängnis abliefern.
Ausgerechnet an der Abzweigung strauchelt der Gefangene, schimpft lauthals.
Dann spielt sich alles sehr schnell ab. Schneller als dem Strickreiter liebt ist. Aus dem Gebüsch stürzen vier Männer hervor. Sie reißen ihn vom Pferd, noch eher er zum Säbel greifen kann liegt er auf dem Boden. Einer der Männer, allesamt Deserteure, zerschneidet die Fesseln des Gefangenen.
Unter groben Flüchen, mit derben Schimpfwörtern und Drohungen wird der verhasste Gendarm zu einer jungen Eiche gezerrt. Seine Widersacher reißen ihm den Rock von den Schultern, Stiefel und Hosen von den strampelnden Beinen. Dass die Männer dabei feixen und den Hilflosen verspotten, steigert dessen Angst. Einer wirf einen Strick über den Ast der Eiche. Der Gendarm ist starr vor Schreck. Schaudernd blitzt das Bild des erstochen und erschossenen im Haseder Holz aufgefundenen Gendarms vor ihm auf. Er fleht um Verschonung.
Plötzlich schlägt die feindliche Stimmung in ein Räuber-und-Gendarm-Spiel um. Endlich sehen sich die sonst so oft Unterlegenen einmal auf der Gewinnerseite. Genugtuung darüber macht sie übermütig. Sie binden den nackten Strickreiter an den Eichenstamm. Zeigen dem Gedemütigten wie sie mit seinen Kleidungstücken eine Spur bis zur Landstraße markieren. Dort stoßen sie sein Gewehr und den Säbel in die Erde, binden das Pferd daran, als handele es sich um eine Ziege. Bei Tageslicht wird man es vom Krehla-Berg aus sehen können.
Während der eine Deserteur aus Freude über die unverhoffte Befreiung hüpfend, sich in Richtung Himmelstür absetzt, wenden sich die anderen dem Moritzberg zu, nicht ohne ihrem Opfer mehrfach gute Nacht zu zurufen.
Am anderen Morgen sprach sich das Ereignis schnell herum. "Wohl hundert Menschen sollen unter Gelächter, Jubel und Frohlocken von dem nahen Moritzberg nach dem Orte gelaufen seyn, um den Gendarm in dieser Stellung zu begrüßen" schreibt Johann Friedrich Ruthe (*1788,+1859) in seiner Lebenserinnerung. Als Buch mit mehr als 400 Seiten veröffentlicht, erscheint es 1841 in Berlin im Selbstverlag unter dem Titel: Leben, Leiden und Widerwärtigkeiten eines Niedersachsen.
Diese autobiografische Darstellung umfasst im Wesentlichen den Zeitraum von 1788, Ruthes Geburt in Egenstedt, bis zum Jahre 1813, dem Ende der Westphälischen Regierung.
Ruthes liefert lebendige Bilder aus seiner Kindheit in Egenstedt und Marienburg (beides bei Hildesheim gelegen). Die Aussagen über Schulunterricht in Egenstedt und seine Lehrer in Steuerwald, sind als Quelle der Schul- und Ortsgeschichte gleichermaßen wertvoll. Wenn Ruthes "Buch auch manchmal das Spiel der Phantasie verrät und von irrigen, oft selbst abstoßenden und das religiöse Empfinden verletzende Behauptungen nicht frei ist, so enthält es andererseits" auch lobende Abschnitte über seine Lehrer und Erzieher. [Bernhard Gerlach, Hermann Seeland, Geschichte des Bischöflichen Gymnasium Josephinum in Hildesheim, Bd. 2, Hildesheim 1950,S.74]
Lesenswert sind auch seine Nachrichten über Gegenden, die Ruthe freiwillig oder als Soldat und Deserteur gezwungener maßen durchwanderte.
Vielfach hört man Klagen über den ungebremsten Drang nach Daten, den Google kennzeichnet. Als ich unter http://books.google.de/
das vollständige Digitalisat von Ruthes Autobiografie fand, war ich begeistert.


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