Krimifestival 2013- Wie ein Märchen entsteht

Oder ist es ein Lehrstück aus der modernen Physik über das universelle Gesetz von Ursache und Wirkung?

Es waren einmal zwei Redakteure, die loszogen, um im Auftrag ihrer Kulturredaktionen über eine Lesung zu schreiben, die am 24. Oktober im Kellergewölbe des Ulenspiegel stattfand. In der lichtdiffusen Atmosphäre und mystischen Kulisse des ausverkauften Hauses ließen sich beide in der ersten Reihe mit Stenoblock nieder.
Während der eine seinen Beruf beherzigt und sich ausgiebig mit dem Buch beschäftigte, bevor er die Autorin und die Lesung auf sich wirken ließ, lümmelte der andere, ein kauziger feindseliger Geselle mit niederen Absichten, auf seinem Stuhl.
Es kam der Tag der Abrechnung. Der 26. Oktober. Die Leser der Giessener Allgemeinen schlugen die Kulturseite auf und führten sich einen objektiv kritischen Bericht über eine Lesung zu Gemüte.
Die Leser der Giessener Allgemeinen schlugen die Kulturseite auf und führten sich einen objektiv kritischen Bericht über eine Lesung zu Gemüte

Die treue Leserschaft des Giessener Anzeiger hingegen sah sich mit einem Totalverriss konfrontiert. Stammleser der Zeitung empörten sich, sprachen von einer Vernichtung, wie es die Kulturredaktion der Zeitung wohl so noch nie zu Papier gebracht haben soll.
Lesung von Heike Nocker-Bayer über das Buch: Tatort-Die Böses säen und Liebe ernten

Bei der Autorin stand das Telefon nicht mehr still. Sie ließ es klingeln. So wie man in den Wald hineinruft, tönt es zurück, dachte sie.
"Waren wir auf einer anderen Veranstaltung?", regten sich nicht wenige auf, die die Lesung besucht und beide Zeitungen im Abo hatten. Die Autorin blieb gelassen: "Was solls, die Geschmäcker sind halt verschieden,...
Doch was danach passierte, beunruhigte auch die Autorin. Veranstaltungsbesucher, die in der Online-Ausgabe den Beitrag der Giessener Anzeiger höflich und sachlich kommentierten, konnten nicht glauben, dass innerhalb einer Stunde des gleichen Tages ihre Meinungen wieder gelöscht wurden.
Könnte es möglich sein, dass sich die Kulturredaktion in einem totalitären Staat sieht, wo Pressezensur gang und gäbe ist? Doch dann verdrängt in den Folgetagen wundersam Märchenhaftes die Schieflage: Die Absatzzahlen des Buches klettern in die Höhe...
Offenbar muss in Augenschein genommen werden, warum das Buch so himmelhoch jauchzend und gleichsam zu Tode betrübt kritisiert worden ist. Und überhaupt,
wußten nicht schon unsere Großeltern: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein?
Die Realsatire folgt auf dem Fuße: Als sich die Autorin am 7. November bei der Kulturredaktion der Giessener Anzeiger für ihre Werbekampagne bedanken will, wurde stattdessen prompt ein kritischer Leserkommentar über den Vernichtungsredakteur Online gestellt mit aktuellem Datum. Beängstigend, wie der Buchtitel "Die Böses säen und Liebe ernten" einen Fluch zu befeuern scheint.
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