Jedes Pfund zählt

Cäsar hätte bei einem Bummel durch die Innenstädte wohl recht viel Freude gehabt. Seinen Wunsch, von dicken Männern umgeben zu sein, sähe er hier - geschlechtsübergreifend - in schier unglaublicher Vielfalt verwirklicht.

Bei der Kurzlebigkeit der heutigen Ehen beschränkt man sich offensichtlich auf den Vorsatz, gemeinsam dick und fett zu werden, wobei auch der Nachwuchs - dank einer konsequenten Frühmast - bereits im Einschulungsalter Körpermaße aufweist, die allenfalls der sportlichen Karriere eines Sumo-Ringers nützlich sein könnten. Festgelegte Essenszeiten und Bratensoße auf der Tischdecke gehören längst der Vergangenheit an. Stattdessen schiebt man sich in der Fußgängerzone zusätzlich einen Döner rein, weil sich nach dem kurz zuvor vereinnahmten Cheese-Burger nicht das vertraute Völlegefühl einstellen wollte.

Ohne Bratwurst oder Rosinenschnecke in der Hand fühle ich mich mittlerweile als Sonderling. Überall wird hemmungslos gefuttert, als müsse man körperlich für eine bevorstehende Hungersnot gerüstet sein. Dank der neuerdings nach oben offenen Skala der Konfektionsgrößen muss niemand mehr auf die Kalorienbremse treten. Bekleidungsläden mit den schönfärberischen Namen wie „Pfundskerl“ oder „Happy Size“ sind die Profiteure dieses exzessiven Essverhaltens.

Beim Bezahlen im Supermarkt rätsele ich, wie es wohl der XXL-Kassiererin gelungen sein mag, sich ohne fremde Hilfe in das enge Geviert ihres Arbeitsplatzes zu zwängen und, ob man sie jemals wieder daraus befreien könnte. Oder - ich halte diese Vermutung nicht für abwegig - war sie bereits bei der Montage des Kassenbereichs im Bausatz des Herstellers als optionales Zubehör enthalten?

In der sogenannten Moppel-Liga belegen die US-Amerikaner nach wie vor den ersten Platz, neuerdings dicht gefolgt von Deutschland. Noch nie war die Chance für uns so groß, selbst einmal zur „dicksten Nation der Welt" gekürt zu werden. Brechen Sie also sämtliche Diäten unverzüglich ab und nehmen Sie bei einem eventuellen Gewichtsstillstand Extramahlzeiten zu sich.

Ich hingegen werde meine althergebrachten Essgewohnheiten keineswegs ändern. Hierzu gehört die allnächtliche Plünderung unseres Kühlschranks, dessen schummriges Licht der würdelosen Szenerie einen Hauch von Romantik verleiht. Morgendliche Schuldgefühle werden mich ab sofort nicht mehr plagen, denn schließlich kann ich jetzt meine Essattacken mit meiner patriotischen Einstellung begründen.
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 06.11.2014 | 00:39  
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