Funkfreunde trauern - NDR schaltet Mittelwellensender in Hemmingen ab

  Hemmingen: Runkfunksendestelle | Den Medien ist sie kaum noch eine Meldung wert: die Einstellung des analogen Rundfunks. Während die Analogabschaltung von UKW-Radio, die eigentlich längst hätte erfolgen sollen, mittlerweile auf unbestimmte Zeit verschoben ist, werden die verbliebenen deutschen Lang-, Mittel- und Kurzwellensender sukzessive abgeschaltet. Einige Landesrundfunkanstalten haben den Sendebetrieb unterhalb 30 MHz bereits eingestellt, die übrigen folgen voraussichtlich im Lauf dieses Jahres.

Am 13. Januar 2015 schaltete nun auch der NDR seine Mittelwellensender ab. Dies besitzt durchaus eine gewisse lokale Relevanz, hatten wir in der Region Hannover mit dem Sender Hemmingen auf 828 kHz einen nicht unbedeutenden Mittelwellensender quasi vor der Haustür.

Zum Abschied von "ihrem" Mittelwellensender trafen sich vergangenen Dienstag rund 20 Funkamateure vor dem Sendergebäude in Hemmingen zu einer symbolischen Kranzniederlegung. Organisiert wurde diese „Trauerfeier“ vom Ortsverband Hannover des Deutschen Amateur-Radio-Clubs e.V. (DARC). Beteiligt haben sich auch Funkamateure aus anderen Ortsverbänden im Bereich der Region Hannover. Alle vereint ein Gedanke: Wir möchten die Mittelwelle nicht ganz sang- und klanglos untergehen lassen! Die Veranstaltung war offiziell angemeldet und auch Pressevertreter waren vor Ort.

Hintergrundinformationen:

Der Sender Hemmingen arbeitete tagsüber mit 20 kW Sendeleistung, nachts mit 5 kW, wäre aber rein technisch auch zu höheren Leistungen fähig. Ausgestrahlt wurde zuletzt das Programm "NDR Info Spezial", welches zum Teil das reguläre Programm von NDR Info übernimmt, teilweise aber auch abweichende Inhalte wie ungekürzte Bundestagsdebatten sendet. Die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) argumentiert primär mit Geldersparnis und unzureichender Qualität sowie mit einer Zitat: "nicht messbarer Zuhörerzahl". Die KEF verweist auf alternative Empfangsmöglichkeiten per Internetradio, Satellit sowie DAB (Digitalradio). Mit den durch die Analogabschaltung gesparten Kosten soll DAB weiter ausgebaut werden. Doch ist DAB wirklich in jeder Hinsicht eine überlegene Alternative? Zunächst einmal kennen Funkamateure sehr genau die Ausbreitungsbedingungen verschiedener Wellenlängen und wissen daher, dass Abschattungen u.ä. bei Mittelwellen keine nennenswerte Rolle spielen. Im UKW-Bereich sieht dies ganz anders aus. Da DAB auf Frequenzen um 200 MHz arbeitet, also noch oberhalb des analogen UKW-Rundfunkbandes, sind Füllsender für einen flächendeckenden Empfang zwingend notwendig. Doch auch diese generieren selbst nicht unerhebliche Kosten! Aber auch unter der zweifelhaften Annahme, dass senderseitig bei gleicher Versorgungsqualität eine nennenswerte Kosteneinsparung möglich wäre, steigt der Stromverbrauch auf Seiten der Empfänger sicher.

Matthias Wendt, Vorsitzender des DARC-Ortsverband Hannover hat die Stromaufnahme seines Mittelwellenradios gemessen, die bei ausreichender Lautstärke bei 45 mA liegt. Bei 3V Versorgungsspannung sind das 135 mW. Weitere Funkamateure haben Vergleichsmessungen durchgeführt. An einem handelsüblichen DAB-Radio werden bei 6V bereits 120 mA benötigt (720 mW); mithin das Fünffache. Ein ebenfalls gemessenes einfaches Selbstbauradio (Conrad-Retroradio) kommt sogar mit nur 8 mA bei 1,5V aus (12 mW). Weiterhin heißt es auf der Internetseite des NDR: "Die Tonqualität der Mittelwellenübertragung ist für die Mehrzahl der Hörerinnen und Hörer heute nicht mehr akzeptabel. Programmbegleitende Dienste und ein Angebot in Stereo sind mit dieser Übertragungstechnik nicht möglich." Dies ist in technischer Hinsicht schlichtweg falsch: AM-Stereo ist mittels getrennter Modulation der beiden Seitenbänder sehr wohl möglich und wird seit Jahrzehnten praktisch eingesetzt. Auch Datendienste ähnlich RDS sind über eine Phasenumtastung des Trägers problemlos möglich. Die Tonqualität nun ist immer eine recht subjektive Sache. Mit den in der Praxis eingesetzten Datenraten von 96 oder sogar nur 72 Kilobit/s (für ein Stereoprogramm!) klingen DAB-Sender trotz moderner Kodierungsverfahren zwar anders als AM auf Mittelwelle, aber wohl keinesfalls besser - nach Meinung von Matthias Wendt eher im Gegenteil. Und die hochfrequenten Anteile, die auf Mittelwelle systembedingt fehlen, werden bei DAB auch nur empfängerseitig synthetisiert. Ein völlig anderer, jedoch nicht minder relevanter Punkt ist der - im hoch technisierten Deutschland nicht ganz auszuschließende - größere Katastrophenfall. Selbst bei einem großflächigen Infrastrukturkollaps wäre es per Mittelwelle problemlos möglich, viele Haushalte - auch in abgelegenen Gebieten - zu erreichen. Trotz aller Kritikpunkte war bzw. ist die Analogabschaltung absehbar und kaum aufzuhalten gewesen. Offen bleibt, was mit den Sendeanlagen geschieht, hier-zu sind noch keine offiziellen Informationen bekannt.

Weitere Bilder und ein Video gibt es auf der Seite vom Ortsverband H13: Link

Deutscher Amateur-Radio-Club e.V.
Ortsverband Hannover (H13)
Freizeitheim Lister Turm
Walderseestraße 100
30177 Hannover
www.darc.de/h13
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