Appetit auf Heringe, aber kein bisschen schwanger!
Helgoland: Düne | Heute habe ich einen großen Appetit auf Hering von der Düne mitgebracht. Ich glaube nicht, dass es damit zusammenhängt, weil ich bereits seit vier Uhr auf den Beinen bin. Es lag ganz sicher an der besonderen Begegnung im frühen Morgennebel.
Ich traf die Düne bei extremem Niedrigwasser an, als ich das Dünenboot verließ, in dem nur zwei weitere Fahrgäste zu dieser frühen Stunde übersetzten. Ein großer Teil der Robben war vom Südstrand an den bei dieser Windrichtung geschützteren Nordstrand gezogen und lag dort auf dem weichen Sand verschlafen herum. Kaum eine hob den Kopf als ich an ihnen vorüberstiefelte. Später am Südoststrand waren sie noch verschlafener, obwohl dort die Wellen vom Wind getrieben an den sanddurchsetzten Kies schlugen und sich vorher weiß brachen. Doch die längste Strecke des Weges lag dann dort keine Robbe mehr.
Als ich mich hin hockte, um mit meiner wasserdichten Kamera ein Bild aus der Perspektive der Kieselsteine zu machen, tauchte plötzlich keine drei Meter vor mir der Kopf einer jungen Robbe auf. Sie schaute mich mit ihren schwarzen Augen an, als wollte sie fragen: Wer bist du denn? Immer wieder schlugen ihr die brechenden Wellen über den Kopf hinweg und ich traute mich nicht aufzustehen. Sie schwamm ein Stück nach links, dann nach rechts und schaute immer wieder fragend zu mir herüber.
Dann stand ich auf und rechnete damit, dass sie nun davon schwimmen würde. Doch sie blieb! Und sie schaute. Und ich schaute. Wir sahen uns in die Augen. Langsam ging ich dicht an der Brandung weiter. Meine Schuhe knirschten laut. Wieder blieb ich stehen und schaute in die Wellen. Aber da war sie schon und beobachtete mich. Nun begann ich mit leisen Tönen die Rufe der Robbenjungen zu imitieren, wie ich sie schon oft belauscht hatte. Eine Robbenmutter wäre vermutlich in lautes Gelächter ausgebrochen, hätte sie das gehört. Doch meine junge Freundin streckte das Köpfchen noch weiter aus dem Wasser und so konnte ich die kleinen Ohrmuscheln sehen, denn sie war nun noch näher herangekommen. Ihr Bauch musste schon den Kiesstrand berühren. Für einen Moment glaubte ich, sie wolle herauskommen und auf den Strand rutschen. Ich ging langsam weiter, weil ich ihr beim Landgang nicht im Wege sein wollte. Aber sie schwamm weiter. Immer wieder machte ich diese Töne. Sie schienen ihr zu gefallen, denn bei jedem Mal reckte sie ihr Köpfchen, über das hinweg die Wellen zum Strand rollten. Im folgenden Wellental sah ich sie dann wieder und sie schaute mich an. Wenn ich stehen blieb, dann blieb sie auch. Wenn ich weiter ging, dann schwamm sie auch. Erst als wir zu einer dicken Robbenfrau mit ihrem Jungen kamen, die in der Brandung lagen und ich nach oben an den Strand ging, verloren wir uns aus den Augen.
Diese Begegnung hat mich stark beeindruckt und ich denke, wir haben uns gut unterhalten auf unserem gemeinsamen Strandspaziergang. Im nächsten Jahr wird sie eine große dicke Robbe sein und zwischen den anderen liegen. Jedes Mal wenn ich die Robben dann betrachte, werde ich darin meine kleine Freundin suchen und vielleicht erkennen wir uns. Wer weiß?
Auf dem Heimweg kaufte ich mir ein Glas mit Heringen und sie haben mir besonders gut geschmeckt!
Copyright Gerhard Falk, 2012

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