Meine Geliebte trägt ein weißes Kleid!
Helgoland: Helgoland | Meine Geliebte hat ein weißes Kleid angelegt. Draußen ist es fast andächtig still. Der Schneehauch kam über Nacht. Das passt in meine Abschiedsstimmung. Es stimmt wieder alles, auch dass mich der Schnee an zu Hause erinnert, wo er schon die ganzen letzten Tage fällt. Die beiden roten Äpfelchen von unserem Baum im Garten waren wie ein Lockruf, den mir meine liebe Frau auf die Insel geschickt hat. Der mich auch erinnert, dass bald wieder Frühling sein wird, so wie in der Blumenvase vor mir, in der mir die gelben Tulpen immer noch zulächeln. Sie sind inzwischen weit geöffnet und sie verströmen ihre Lockstoffe.
Bei der Ankunft auf meiner Insel schrieb ich dieses Gedicht:
„Auf meiner Insel lebt die Welt
Hier ins Meer ist sie gestellt
Ein roter Felsen mit grünem Land
Und in der Sonne weißem Strand
Mein müdes Herz lernt wieder fliegen
Steigt mit den Möwen hoch hinauf
Wird alle Düsternis besiegen
Lässt frohem Leben leichten Lauf“
Meine Hoffnung hatte ich da hinein geschrieben, dass mein Herz nicht mehr so müde sein sollte. Es wollte wieder mit den Möwen hinaufsteigen und alle Schwere zurücklassen. Meine Insel hat mich nicht enttäuscht. Sie hat mir zurückgegeben, was ich fast verloren glaubte. In ihr hat sich meine Welt neu belebt, nicht neu erfunden, aber wieder neu gefunden. Die Zuversicht braucht manchmal solche Impulse.
Zu Hause wartet ein kleines Dorf auf mich, das kaum größer ist als Helgoland. Die Menschen sind dort nicht anders als hier auf der Insel. Vielleicht liegt es an meinem Blick auf sie, der sie etwas anders macht. Das mag mir mit den Helgoländern ebenso gehen. Doch im Grunde haben sie die gleichen großen und kleinen Probleme und ihr großes und kleines Leben. Da ist die junge Frau, die mir erzählte, wie sie hier angekommen sei und die Möbel und Blumen aus dem Container ihnen beim Öffnen entgegenrutschten, weil er schräg stand und eigentlich andersherum stehen sollte. Wie sie sich über eine neue größere Wohnung freuten, die sie vor ein paar Wochen mit ihrem Mann und ihrem Kind bezogen haben. Und dass die neue Pastorin den Kindergarten besuchte und gleich mit drei Containern voller Möbel angereist sei. Davon wusste ich schon vorher, weil man sich davon im Café erzählte. Das war nur eine von den Geschichten des Alltags hier auf der Insel. Und zu Hause geschehen sie so auch.
Trotzdem bleibt hier ein Kern von spürbarer Ruhe, die der Felsen und das Meer zu verströmen scheinen. Doch beide verändern sich ständig und doch bleiben sie beständig. Das prägt auch die Menschen, die hier leben. Sie gleichen uns Festländern mit ihrem Alltag, aber sie haben etwas aufgenommen vom Felsen und dem Meer und dem Wind und den Wolken und der mächtigen Natur. Davon werde ich meinen kleinen Teil in meinen kleinen Alltag hinüberretten und hoffe, dass es nachwirkt und bleibt.
An manchen Tagen später, wenn ich in meinem Zuhause bei meinen Menschen bin, dann wird etwas von meiner Inselgeliebten in meinen Augen leuchten und nur ich werde wissen, warum das so ist. Der Wind wird immer mal wieder ein bisschen nach Meer schmecken und in meinen Ohren wird sich das Rauschen der Wellen einstellen und vielleicht höre ich auch Jonathan*) rufen. Aber die Amsel singt dann ihr Abendlied und das ist gut so!
*)"Die Möwe Jonathan", Richard Bach
http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Bach


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