Damals in Döhren: Die Rückkehr des Wolle-Widders

Ein Kran hievt den Wolle-Widder auf seinen neuen Sockel.
 
Günter Porsiel mit der Gedenkkassette, die gleich im Sockel des Denkmals versenkt wird.
Hannover: Döhren | Großer Bahnhof für einen 117jährigen Schafsbock. Mit einem Straßenfest feierten die Döhrener im Juni 1985 die Heimkehr ihres historischen Wolle-Widders. 1972 war das wertvolle Denkmal im Keller des Historischen Museums verschwunden, in Sicherheit gebracht vor den Baggern und Baumaschinen der Neuen Heimat. Die Döhrener Wollwäscherei und –kämmerei schloss damals für immer ihre Pforten. Auf dem Gelände der alten Fabrik wurde ein neues Wohngebiet aus dem Boden gestampft Für den Wolle-Widder war dort erst einmal kein Platz mehr. Dreizehn Jahre später war sein Exil beendet.

Seit weit über 30 Jahren gehe ich mit der Kamera auf Pirsch und begleite das Geschehen im heutigen Stadtbezirk Döhren-Wülfel fotografisch. Einige der Aufnahmen von damals scanne ich jetzt nach und nach ein, um sie ins digitale Zeitalter herüber zu retten. Unter der Überschrift "Damals in Döhren" bzw. "Damals in ..." möchte ich den myheimat-Usern kleine Einblicke in mein Fotoarchiv geben. Vielleicht erinnert sich ja der eine oder andere noch an die damaligen Ereignisse oder erkennt sich auf einem der alten Fotos sogar wieder. Diesmal: Als die Döhrener die Rückkehr ihres Widders feierten.

Der Widder war das Firmensymbol der Döhrener Wolle. In Berlin 1868 gegossen, wurde er 1893 den „Döhrener Collegen von den Deutschen Wollkämmern“ geschenkt, wie eine am früheren Sockel angebrachte Tafel verriet. Mit dem Denkmal waren auch noch 1985 viele Erinnerungen verbunden. Ein damals 87jähriger ehemaliger Mitarbeiter der Wolle erzählte mir seinerzeit: „Von 1916 an bin ich 47 Jahre lang viermal täglich am Widder vorbeigegangen, habe ihn begrüßt und mich immer wieder gefreut, bei der Wolle beschäftigt zu sein.“
Als der Widder nun an einem Sonnabend Ende Juni 1985 nach Döhren zurückkehrte, herrschte Anfangs großer Trubel auf der, so Günter Porsiel, „Historischen Zeile“ zwischen Uhrturm und Leineinsel. Gewitterschauer fegten dann allerdings die Straßen leer. Dichtes Gedränge herrschte jetzt nur noch an Ständen, wo neben Bier und Bratwurst auch ein trockenes überdachtes Plätzchen geboten wurde.

Initiator der Straßenfete war Döhrens bekannter Hobby-Historiker Günter Porsiel. Er gründete 1984 einen Arbeitskreis zur Wiederaufstellung des Wolle-Widders und holte dank vieler Spenden das Standbilds aus den dunklen Kellerräumen am Hohen Ufer zurück nach Döhren. „Der Wolle-Widder soll das Zeichen aktiven Miteinanders sein. Er ist für alle Bürger und Freunde Döhrens Erinnerung an die Vergangenheit und Symbol für eine neue Zukunft“, begründete Porsiel sein Engagement.

Das Fest begann am späten Nachmittag jenes Sommer-Sonnabends. Während Petrus einen ersten Regenguss niedergehen ließ, wurde eine Dokumentenkassette in den Denkmalsockel eingemauert. Zeitungsausschnitte und Geldmünzen sollten späteren Generationen von den Ereignissen berichten. Der Schlüssel für die Kassette wurde dem Wasser der nahen Leine anvertraut. Ein Kran hievte anschließend den 300 Kilo schweren Schafsbock auf seinen nagelneuen Sockel. Dann wurde das Tier erst einmal mit Planen verhüllt, um zwei Stunden später von Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg wieder entblößt zu werden. „Hier hat man Wert darauf gelegt, Altes mit Neuem zu verbinden. Das ist gelungen“, lobte das damalige Stadtoberhaupt die Bürgeraktion. Im Namen des Bezirksrates Döhren-Wülfel überreichte Vize-Bezirksbürgermeister Bernhard Wedler als Dankeschön eine Nachbildung des Standbildes an Günter Porsiel. Während der Zeremonie erwies auch ein lebender Schafsbock dem in Keramik gegossenen Urahn seine Reverenz.
Für den musikalischen Rahmen des Festaktes sorgten zwei Döhrener Chöre. Während der Frauenchor Döhren ein Mikrofon zur Hilfe nahm, schmetterte der Döhrener Männergesangverein seine Lieder ohne technische Hilfsmittel. Leider reichte die vereinigte Stimmkraft der Männerkehlen dann aber doch nicht aus und so kam nur das Publikum in unmittelbarer Nähe des Chores in den ungeminderten Genuss des Sängergrußes.

Viele Vereine nutzten die Wiederaufstellung des Wolle-Widders zur Selbstdarstellung. Die Döhrener Karnevalsgesellschaft hatte eine Bühne aufgebaut, der Frauenchor warb mit einer Weinlaube, an Info-Ständen machten Mitglieder des Paddelclubs und des Fischereivereines auf sich aufmerksam. Die Friedensinitiative Döhren zeigte eine Ausstellung über die wenig rühmliche Geschichte der Wolle in der Nazi-Zeit und auch die örtlichen Parteien zeigten sich ihren Wählern. Bei der SPD konnten kleine Holzscheiben bemalt werden, der Ortsverband der CDU überraschte mit Zaubereien für Kinder.

Überhaupt war bei dem Fest besonders an den Nachwuchs gedacht. Während Pony Pollux geduldig die Sprösslinge auf seinen Rücken hin- und herschaukelte, luden ein rotes Feuerwehrauto sowie ein Streifenwagen der Polizei zum Anfassen, Erkunden und Ausprobieren ein. Polizeimeister Pervels vom örtlichen Polizeirevier war dazu in eine alte Polizeiuniform aus den 50iger Jahren geschlüpft und stand, geschmückt mit einem respekterheischenden Tschako für alle Fragen rund um die Ordnungskräfte bereit.
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