Geschichtliches aus Döhren-Wülfel: Ein Denkmal erinnert an die toten Fremdarbeiter

Denkmal für die toten Zwangsarbeiter auf dem Seelhorster Friedhof.
Hannover: Seelhorst | Der Seelhorster Friedhof weist eine beeindruckende doppelte Lindenallee auf, die den (alten) Eingangsbereich mit der Kapelle und dem Krematorium verbindet. Auf einem Viertel der Strecke wird diese Achse durch eine Gedenkstätte ganz besonderer Art unterbrochen. Hier erinnert ein Denkmal an ein düsteres Kapitel deutscher Vergangenheit: an Zwangsarbeiter, die während des letzten Krieges umkamen.

Hier auf der Seelhorst sind 390 Opfer der KZ-Außenkommandos Mühlenberg, Ahlem und Stöcken beigesetzt. Sie stammen aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Jugoslawien, Lettland und anderen Ländern. In einer zweiten Ehrenanlage (Abteilung 18 und 19) ruhen weitere Zwangsarbeiter und Verschleppte. Opfer aus den Niederlanden wurden später in ein eigenes Ehrenfeld auf dem Seelhorster Friedhof umgebettet.

Auch in im Stadtbezirk Döhren-Wülfel mußten viele dieser - damals so genannten - „Fremdarbeiter“ schuften. Einer von ihnen gelangte mit seinen Erlebnissen in Döhren sogar zu einem gewissen literaischen Ruhm. Der Italiener Pietro Sissa schrieb über seine Döhrener Zeit ein Buch und betitelte es „Labanda die Döhren“. Für dieses Werk erhielt er in Italien den Literaturpreis Prämio Viareggio. In Deutschland ist das Buch unter dem Titel „Cassanova im Hühnerstall“ erschienen.

Der genaue Umfang des „Sklavenprogramms“ der Nationalsozialisten in Döhren und Wülfel läßt sich nicht mehr rekonstruieren. Für das Unternehmen Robert Grasdorf in Wülfel sind 150 Zwangsarbeiter bekannt, bei den Eisenwerken Wülfel sollen es nach einer Quelle 350, nach anderen Berichten jedoch bedeutend mehr gewesen sein. Laut dem „Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung -“ (1), waren darüber hinaus auf dem Werksgelände in Baracken aber auch Kriegsgefangene untergebracht. Die Autoren des „Wegweisers“ sprechen von 1449 Belgier und Franzosen sowie 3341 Russen, die dort arbeiten mußten. Hunderte von Zwangsarbeitern wurden natürlich bei der Döhrener Wolle eingesetzt

Es gab verschiedene Lager für die Fremdarbeiter im Stadtbezirk Döhren -Wülfel. Nach Erzählungen alter Döhrener existierten bei der „Sonnenwende“ in Seelhorst und in Mittelfeld, dort wo heute das Üstra-Busdepot ist derartige Lager. Der „Wegweiser“ erzählt von einem „Zivilarbeitslager“ für 900 sowjetische Zwangsarbeiter, das am 1. Dezember 1942 „Am Mittelfelde“ eröffnet wurde. Im Haus Am Mittelfeld 38 waren polnische Fremdarbeiter untergebracht. Während die Insassen beider Lager ebenso wie die Leute von den Zivilarbeitslagern Garvensstraße 8 und Erythropelstraße für die Eisenwerke Wülfel arbeiteten, schufteten italienische Internierte Am Mittelfeld 61 für die Mehmel AG. Die Garvenswerke unterhielten ebenfalls mehrere Zivilarbeitslager für sowjetische Zwangsarbeiterinnen und französische Zwangsarbeiter am Brabrinke. Das Lager Am Brabrinke könnte mit den in anderen Quellen erwähnten Lager Wülfel identisch sein. Weitere Gefangene waren in der Hildesheimer Straße in Wülfel untergebracht (u.a. auch auf dem Platz der heutigen St. Michael-Kirche) und die Firma Robert Grasdorf unterhielt ein Lager an der Eichelkampstraße. Die in der Döhrener Warte einquartierten Arbeiter wurden bei der Maschinenfabrik Niedersachsen-Hannover GmbH in Wülfel eingesetzt, in der Schule Döhren lebten italienische Militärinternierte.

Viele dieser Zwangsarbeiter überlebten den Krieg nicht. Sie starben an den entsetzlichen Arbeits- und Lebensbedingungen oder kamen bei Fliegerangriffen ums Leben. Besonders viele fanden bei dem Angriff am 30. Januar 1944 auf die Wülfeler Eisenwerke den Tod.

Anmerkungen:
1) Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1986, S. 35
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Wilhelm Bauer aus Hannover-Südstadt | 19.10.2015 | 19:59  
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