Vor 300 Jahren begann die Personalunion der Welfen mit Großbritannien – Das Kurfürstentum Hannover stellte über einen Zeitraum von 123 Jahren die englischen Könige

300 Jahre Personalunion. Ein Grund für einen Rückblick auf die hannoverschen Welfen.
 
Die Welfen sind das älteste Adelsgeschlecht Europas. Über 1200 Jahre reicht ihr Stammbaum zurück. Zur Verdeutlichung: Das sind etwa 50 Generationen. Welcher Ahnenforscher kann da schon mithalten.
 
Einer der früheren Welfen und wohl der populärste überhaupt, war Heinrich der Löwe, der 1142 bis 1180 gelebt hat. Er war Herzog von Sachsen und Bayern. Doch da er sich mit Kaiser Barbarossa anlegte, wurde er gestürzt.
 
Der Welfenlöwe - eine Kopie des Braunschweiger Löwen - mit dem Welfenschloss in Blankenburg. (Foto: Gerlinde Thiem)
 
Vor gut 600 Jahren wurde Celle zur Residenzsstadt. Ab 1433 regierten dort die Fürsten von Lüneburg.
 
Unter Herzog Georg Wilhelm, einem Sohn von Georg (Calenberg) und Bruder des hannoverschen Kurfürsten Ernst August, erlebte die Stadt zwischen 1665 und 1705 ihre Blütezeit.
 
Ein anderer Familienzweig der Welfen, die durch Erbteilung zersplittert waren, regierte in Hannover. Dabei handelte es sich um die Residenz des Fürstentums Calenberg-Göttingen und Grubenhagen.
 
Johann Friedrich, Herzog von Braunschweig-Lüneburg (1625-1679), war der erste Fürst der neuen Residenz. (Fotografien aller folgenden Gemälde sind im Schlossmuseum Herrenhausen entstanden.)
 
Er ließ seinen Regierungssitz, das Schloss an der Leine, auf dem Boden eines ehemaligen Klosters zunächst als Fachwerkbau errichten.
Hannover: Leineschloss (Startpunkt) | Der Weg zur Personalunion

Manchmal schreibt das Weltgeschehen kuriose Geschichten. Dass einem Land die Könige ausgehen, ist eigentlich unvorstellbar. Doch genau das ist passiert. Und das nicht irgendeinem Land, sondern dem, dass ein halbes Jahrhundert später durch seine Kolonialpolitik zum größten Weltreich aufsteigen sollte, das die Welt je gesehen hat. Fast ein Drittel der Erde sollte es für sich einnehmen. Dieses Missgeschick ereignete sich im 18. Jahrhundert im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland. Doch wie konnte es dazu kommen?
Grund dafür war in Großbritannien in den Jahren 1688/89 die sogenannte Glorreiche Revolution. In deren Verlauf wurde der katholische König Jakob II. aus verschiedenen Gründen abgesetzt und aus dem Lande gejagt. Stattdessen wurden Jakobs protestantische Tochter Maria und deren Ehemann Wilhelm von Oranien, der Statthalter der protestantischen Niederlande war, auf den Thron gesetzt. Nun hatte das britische Parlament mehrheitlich mit der „Declaration of Rights“ und der „Bill of Rights“ die englische Thronfolge festgelegt. Darin stand wie in Stein gemeißelt geschrieben, dass nur protestantische Mitglieder des Hauses Stuart die Thronfolge antreten durften. Die Erben waren Maria und Wilhelm III., deren Nachkommen und Marias jüngere Schwester Anne und deren Nachkommen. Eigentlich hätte auch Herzogin Sophie von der Pfalz aus dem Fürstentum Hannover ein Anrecht darauf gehabt, war sie doch eine Enkelin des englischen Königs Jacob I. Doch hannoversche Bemühungen, dieses zu erreichen, verliefen zunächst im Sande.
Thronfolgerin Anne, die mit einem dänischen Prinzen verheiratet war, brachte 1689 einen Sohn zur Welt, und damit schien die Thronfolge gesichert zu sein. Doch dieser sollte nicht lange leben. Als er im Jahr 1700 im Alter von 11 Jahren starb, gab es ein Thronfolgeproblem. Zwar hätte es genug Thronfolger des Stuart-Hauses gegeben, doch die waren eben alle katholisch und schieden damit aus. Daraufhin beschloss das englische Parlament ein Jahr später mit dem „Act of Settlement“, dass die verwitwete Herzogin von Hannover, Sophie, als nächste Anspruch auf die Thronfolge habe.
Die Eltern Sophies, die in Holland im Exil lebten, wo diese auch aufwuchs, waren Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz und Elisabeth Stuart, Tochter des schon erwähnten König Jakobs I. von England, Irland und Schottland. Nach einigen Verwicklungen in der Geschichte, die ich hier im Einzelnen nicht aufführen möchte - der Brauttausch -, heiratete Sophie schließlich im Jahre 1658 den späteren Erben des Kurfürstentums Lüneburg, mit der Residenz Celle, Ernst August. Aus dieser Ehe, in der Ernst August diverse Affären hatte und natürlich auch seine Mätresse (Gräfin Clara Elisabeth von Platen), wie damals üblich in diesen noblen Kreisen, die Sophie aber ertragen musste und scheinbar auch ganz gut ertragen konnte, stammten sieben Kinder. Ein Mädchen war dabei.
Als Ernst August überraschenderweise zusätzlich das Fürstentum Calenberg-Göttingen-Grubenhagen erbte, siedelte die Familie 1680 von Osnabrück nach Hannover über. Die hannoverschen Bürger fanden das nicht besonders gut, wurde doch die Stadt zur Residenz, und sie verloren damit ihre Selbstständigkeit.
Ernst August war sehr zielstrebig und sehr machtbewusst. Um eine spätere Erbteilung seines Fürstentums zu verhindern, führte er trotz der Proteste seiner jüngeren Söhne und auch seiner Frau das Erbfolgerecht des erstgeborenen Sohnes ein. Das sollte über ein Jahrhundert später Folgen haben, denn dadurch verloren die Welfen das Anrecht auf den englischen Thron, gab es doch dann keinen männlichen Nachkommen mehr. Doch andererseits war dieses Erbfolgerecht ein wichtiger Schritt, um die Kurwürde zu erlangen. Und nur dadurch wurde der spätere Anspruch auf den englischen Thron, von dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand etwas ahnen konnte, möglich.
Es war im Jahr 1692, als Ernst August, auch dadurch, dass er den Kaiser mit Truppen und einer halben Million Gulden unterstützte, aber auch durch zähe Verhandlungen und durch Bestechung (die es zu allen Zeiten gab und gibt), die Kurwürde erreichte. Nun gab es, trotz Protestes einiger anderer Kurfürsten, mit Braunschweig-Lüneburg ein neuntes Kurfürstentum im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das durch die spätere Personalunion zu einem der mächtigsten aufsteigen sollte. Inoffiziell war es das Kurfürstentum Hannover, das Kurhannover genannt wurde. So hatte Ernst August also auf diese Art den Weg freigemacht für eine Thronfolge der Welfen in England, ohne sich dessen damals bewusst sein zu können, denn der „Act of Settlement“ wurde ja erst, wie schon erwähnt, im Jahr 1701 erlassen.


Die Zeit der Personalunion

Doch dann starb im Jahr 1714 Königin Anne. Aber Sophie konnte trotzdem nicht deren Thronfolge antreten, da sie einige Wochen vor der englischen Königin bei einem Spaziergang im Großen Garten von Herrenhausen einen Schlaganfall erlitt und kurz darauf daran erlag. So kam es, dass ihr ältester Sohn die Erbfolge in England antrat. Mit König Georg I. sollte nun der erste hannoversche Welfe das mächtige Reich regieren, und damit begann zwischen Hannover und Großbritannien eine Personalunion, die 123 Jahre andauern sollte. In Begleitung eines 70köpfigen Hofstaates, inklusive seiner Mätresse Melusine von der Schulenburg, erreichte er London. Nicht lange danach wurde er in der Westminster Abtei zum König gekrönt. Zwar konnte er als Kurfürst von Hannover auf 15 Jahre Regierungsgeschäfte zurückblicken. Doch in England war es für ihn sicher nicht einfach, kannte er sein neues Land doch kaum. Und auch die englische Sprache beherrschte er nur unzureichend. Besonders beliebt war er auch wegen seiner Zurückhaltung nicht. Doch in der Außenpolitik konnte er durch eine Beteiligung Englands am Nordischen Krieg erreichen, dass sich Kurhannover durch die Herzogtümer Bremen und Verden vergrößerte. Dadurch stieg es neben Preußen zur führenden norddeutschen Macht auf. Sechsmal kam Georg I. in seine Heimat zurück. Beim letzten Besuch starb er in Osnabrück an einem Schlaganfall.

Georgs Frau war Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg. Diese junge, lebenslustige Frau kam mit der kühlen Art ihres Mannes, der natürlich zusätzlich seine Mätresse hatte, nicht zurecht. Sie verliebte sich in den jungen Grafen Königsmarck, mit dem sie gemeinsam eine Flucht nach dem verfeindeten Kursachsen plante. Doch das konnte nicht gutgehen. Der Plan wurde aufgedeckt, und Königsmarck verschwand bei einer Nacht- und Nebelaktion im Leineschloss. Vermutlich wurde er durch Mord beseitigt. Und Sophie Dorothea wurde nach Schloss Ahlden verbannt, wo sie ihr Leben, aber auch nicht gerade schlecht, bis zu dessen Ende verbringen musste. Ihren Sohn Georg, den zukünftigen König von England und ihre Tochter, die denselben Namen trug wie sie und die später Königin von Preußen wurde, die Frau von Friedrich dem Großen, durfte sie nie wiedersehen. Diese tragische Liebesgeschichte sorgte für viel Aufsehen und bewegt die Menschen auch heute noch.

Georg II. wurde 1683 in Herrenhausen geboren. Da seine Mutter nach Ahlden verbannt war, wuchs er am Hof seiner Großeltern in Hannover auf. Im Jahr 1714 hatte er seinen Vater zu dessen Amtsantritt nach London begleitet. Er wurde zum Prinz von Wales ernannt und damit zum Thronerben. Seine Frau war Caroline von Brandenburg-Ansbach, und sie war seine große Liebe. Trotzdem hatte er mit Gräfin Amalia Sophie Marianne von Wallmoden eine Mätresse. Wie das manchmal so ist bei Vätern und Söhnen, so hatten diese beiden ein schwieriges Verhältnis, und es kam sogar zum Zerwürfnis. Es kam sogar soweit, dass sein Vater ihn aus dem Residenzpalast verbannte. Daher wird dem Sohn dessen Tod 1727 nicht sonderlich berührt haben. Im Oktober wurde er in der Westminster Abtei zum König gekrönt. Als letzter englischer König führte er im Österreichischen Erbfolgekrieg, bei dem er sich auf die Seite Maria Theresias stellte, seine Truppen noch selber ins Feld. Seine Heimat Hannover besuchte er noch zwölfmal. Diese ausgedehnteren Aufenthalte wurden auf der Insel nicht gern gesehen. Er kümmere sich zu sehr um Hannover, war dort die Meinung. 1760 starb Georg II. und wurde in der Westminster Abtei beigesetzt. 33 Jahre lang hatte er Großbritannien, Irland und Hannover regiert.

Da der ungeliebte und zeitweise ebenfalls verbannte Sohn Georg II., Friedrich Ludwig, früh starb, kam in der Erbfolge nun sein Enkel auf den Thron. Georg III. war der erste Welfenkönig, der nicht mehr in Hannover geboren war. So fühlte er sich England auch mehr verbunden als seinem Stammland. Seine Frau Charlotte von Mecklenburg-Strelitz lernte er erst am Hochzeitstag kennen. Kurz darauf wurden die jungverheirateten in der Westminster Abtei gekrönt. Es soll eine glückliche Ehe gewesen sein, aus der immerhin 15 Kinder hervorgingen. Auch hatte er nie eine Mätresse. Er schätzte eben das Familienleben.
Den schönen Künsten war Georg sehr zugetan. Er beteiligte sich an der Gründung der Königlichen Kunstakademie. Bücher waren seine Welt, und er sammelte wissenschaftliche Instrumente. Er förderte auch den großen Astronomen Friedrich Wilhelm Herschel, der 1757 aus Hannover geflüchtet war, da dieses von französischen Truppen besetzt wurde.
Große Probleme gab es in seiner Amtszeit in Nordamerika. Einige Kolonien begehrten auf. In Boston kam es zur berühmten „Tea Party“. Schließlich musste die amerikanische Unabhängigkeit anerkannt werden. Stattdessen wurde das Kolonialreich Indien aufgebaut, und Australien und Neuseeland wurden kolonisiert.
In den darauffolgenden Jahren überzog Napoleon Europa mit Krieg. Hannoversche und englische Truppen kämpften Seite an Seite. Auch Graf Carl von Alten war mit dabei, über den ich an anderer Stelle berichtet habe (Die Mausoleumsruine Graf Carl von Altens im Naturschutzgebiet Sundern). Nach Napoleons Niederlage und dem Wiener Kongress wurde Europa 1814 neu geordnet. Dadurch kam es auch, dass Georg III. zusätzlich nun auch zum König von Hannover ernannt wurde. Seine beiden Welfenvorgänger in England waren ja „nur“ Kurfürsten von Hannover gewesen. Doch niemals besuchte er sein Stammland. In seinen letzten Lebensjahren wurde er von einer Geisteskrankheit (Demenz?) befallen. Nachdem er zuletzt zurückgezogen in Schloss Windsor gelebt hatte, starb er im Januar 1820. Immerhin 60 Jahre lang hatte er die Geschicke Großbritanniens und Irlands geleitet.

Hatte Georg III. bescheiden und fast schon puritanisch gelebt, so war das bei seinem Sohn und Nachfolger Georg IV. völlig anders. Dieser pflegte einen extravaganten und verschwenderischen Lebensstil. Die Politik interessierte ihn wenig, dafür die angenehmen Dinge des Lebens und die schönen Künste. Der Royal Pavillon in Brighton, als orientalischen Fantasieschloss angelegt, ist eine seiner Hinterlassenschaften. Er ließ den Buckingham Palast und Schloss Windsor ausbauen, und er sammelte Gemälde alter Meister.
1785 heiratete er heimlich Maria Anne Fitzherbert. Doch da diese eine Bürgerliche war, wurde die Ehe nicht anerkannt. Durch seinen extrem teuren Lebenswandel war er schließlich so verschuldet, dass ihn nur noch eine legale Ehe mit einer protestantischen Prinzessin retten konnte. Er heiratete seine Cousine Caroline von Braunschweig-Wolfenbüttel, und diese Beziehung wurde eine einzige Katastrophe. Schon im Folgejahr trennten sich die beiden wieder. Eine Scheidung kam allerdings nicht infrage.
Das Königreich Hannover hatte sich inzwischen ausgedehnt. In etwa hatte es die Größe des heutigen Niedersachsens. Der hannoversche Minister Ernst Graf zu Münster (siehe auch: Die Grabpyramide des Grafen zu Münster am Laveskulturpfad), dessen Mausoleum wir in Derneburg besuchen können, leitete die Staatsgeschäfte.
Immerhin einmal besuchte Georg IV. für drei Wochen sein Königreich Hannover. Das Schloss in Herrenhausen wurde deswegen sogar renoviert. Das war der erste Welfenbesuch aus England seit 66 Jahren, und das kam bei den Hannoveranern gut an. Doch in England konnte während seiner Regierungszeit nichts Gutes über ihn berichtet werden. Sie wurde zum Tiefpunkt Großbritanniens. Im Jahr 1830 starb der schwergewichtige König. Herz- und Leberverfettung hatten ihm den Garaus gemacht. 19 Jahre lang hatte er das Land eher schlecht als recht regiert.

Da Georg IV. keinen männlichen Erben hinterlassen hatte, sollte es nun sein Bruder Wilhelm IV. richten, der den Thron bestieg. Der war allerdings nicht auf das Königsamt vorbereitet worden. In der Marine hatte er sich einen groben Umgangston zugelegt, und so verhielt er sich auch nicht immer gerade königlich. Seine fast halb so alte Frau, Adelheit von Sachsen-Meinigen, die er aus Standesgründen heiraten musste, beeinflusste ihn jedoch positiv, so dass er immer seltener in Fettnäpfchen trat. Doch neigte er, wie so mancher seiner Vorgänger, zu jähzornigen Wutausbrüchen. Das war wohl eine Eigenschaft der männlichen Welfen. Trotzdem entwickelte sich die Ehe wider Erwarten harmonisch.
In Hannover war der neue König nicht unbeliebt. Mit Wilhelms Einverständnis konnten verschiedene Reformen durchgeführt werden. So auch 1833 eine Ablöseordnung, die die Bauern von der Leibeigenschaft befreite.
Nur sieben Jahren konnte der bei seiner Krönung schon nicht mehr gesunde König die Regierungsgeschäfte führen. Als er am 20. Juni 1837 auf Schloss Windsor starb, endete die bis dahin 123 Jahre andauernde Personalunion mit Hannover, gab es doch keinen männlichen Nachkommen, und nur die durften in Hannover Könige werden. Damit endete der gemeinsame Weg des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland und dem Königreich Hannover.

Trotzdem sollte das hannoversche Welfenhaus noch einen einzigen König für England stellen. Doch das war nun eine Frau. Es war keine geringere als die große Viktoria, die Nichte ihres Vorgängers. Unter ihr erreichte das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell seinen absoluten Höhepunkt. Ein Fünftel der Erdoberfläche sollte zu diesem Riesenreich gehören und sogar fast ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung. Wie kein anderer König und keine andere Königin verkörperte Viktoria das Britische Empire. Sie sollte auch Kaiserin von Indien werden. Nur in Hannover durfte Viktoria nicht regieren. Dort musste laut Gesetz ein Mann auf dem Thron sitzen.
1840 heiratete Viktoria aus Liebe ihren Cousin Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Diese Ehe wurde von ihrem Onkel Leopold I., der belgischer König war, von langer Hand vorbereitet. Da sie im Rang höher stand, musste sie ihm den Heiratsantrag machen.
Obwohl Viktoria Schwangerschaften hasste und Babys nicht mochte, bekam das Paar neun Kinder. Diese, denen Viktoria eine äußerst schlechte Mutter war, ihre Enkel und Urenkel (der Letzteren immerhin 88 an der Zahl) sollten sich in Königs- und Fürstenhäuser über ganz Europa verbreiten, weswegen sie auch Mutter Europas genannt wurde. Egal ob in Preußen, Hessen, Russland, Spanien, Dänemark, Griechenland und sonst wo. Überall hatte sie Nachkommen. Die heutige Königin von England, Elisabeth II. und ihr Ehemann Prinz Philip, sind deren Urenkel. Doch wie das manchmal so ist mit der lieben Verwandtschaft - nicht immer ist man sich einig. Und so sollte es 13 Jahre nach ihrem Tod zum Ersten Weltkrieg kommen, in dem sich die Familienmitglieder gegenseitig bekriegten und die Mitte Europas in eine Hölle verwandelten (siehe auch: Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg).
Am 22. Januar 1901 starb die große Viktoria nach einer Regentschaft von immerhin langen 63 Jahren. In den Armen ihres Enkels Kaiser Wilhelm II. Sie war es gewesen, die, im Gegensatz zu ihren Welfenvorgängern aus dem Hause Hannover, überall im Vereinigten Königreich ein hohen Ansehen erreicht hatte und auch heute noch sehr populär ist. Der englische Lord Esher sagte zu ihrem Tod: „Es ist, als begännen wir ein neues Leben in einer neuen Welt.“

Nach Viktoria folgte ihr ihr Sohn Eduard VII. auf den Thron. Damit erhielt das Königshaus einen neuen Namen, den seines Vaters: Sachsen-Coburg und Gotha. Doch wegen des Großen Krieges, wie der Erste Weltkrieg in England genannt wurde, nur wenige Jahre darauf, durfte der deutsche Name des Königshauses nicht bleiben. Aus Sicht der Engländer war Deutschland der Kriegsverursacher, und deswegen konnte es unmöglich einen deutschen Namen tragen. Aber man fand mit dem Namen "Windsor" einen neuen. Und diesen Namen trägt das Britische Königshaus auch heute noch.


Hannover nach der Personalunion

Mit dem Ende der Personalunion wurde Hannover 1837 wieder zum Regierungssitz der Könige von Hannover. Der nächstjüngere Bruder des verstorbenen Wilhelm IV., Herzog Ernst August, bestieg den Thron. Geboren war er 1771 in London als fünfter Sohn König Georg III. Im Alter von 15 Jahren wurde er mit seinen beiden Brüdern an die bedeutende Universität nach Göttingen geschickt, wo sie studieren sollten. Und dort sollte Ernst August auch die deutsche Sprache lernen, die er sein Leben lang nicht so richtig beherrschte. Nach Beendigung des Studiums begann er eine militärische Laufbahn bei den hannoverschen Dragonern. Im Ersten Koalitionskrieg 1794 gegen Frankreich zog er sich in der linken Gesichtshälfte eine schwerere Verwundung zu, die auch sein Sehen beeinträchtigte. Doch das Leben als Soldat war für ihn die schönste Sache der Welt. Militärisches sollte sein Leben beherrschen. Im Gegensatz zu seinen korpulenteren Brüdern blieb er ein Leben lang ein durchtrainierter, schlanker Mann. Nach seiner Laufbahn im britischen Oberhaus als Herzog von Cumberland, war es dann 1837 für ihn soweit. In Hannover bestieg er im Alter von 66 Jahren den Königsthron.
Doch dabei machte er sich erstmal unbeliebt. Er war erzkonservativ und hob bald nach seinem Antritt die eher freiheitliche Verfassung auf, die Hannover in eine konstitutionelle Monarchie umgewandelt hatte. Diese schränkte die Monarchen in ihrer Macht stark ein. Damit rief er die so genannten „Göttinger Sieben“ auf den Plan, deren Denkmal in Hannover am Leineschloss steht. Die sieben Göttinger Professoren, unter denen sich auch die Gebrüder Grimm befanden, protestierten gegen die Aufhebung. Doch sie hatten keinen Erfolg damit. Der König entließ sie von ihren Posten. Drei von ihnen mussten das Land verlassen. Erst drei Jahre später endeten die Auseinandersetzungen, als der König eine neue Verfassung einführte. In ihr stand unter anderem auch, dass körperliche Gebrechen kein Hinderungsgrund mehr für eine Thronfolge sein sollen. Damit sicherte Ernst August seinem einzigen Sohn, der als Kind erblindet war, die Regierungsfolge.
Bei der Revolution im deutschen Bund, bei der es um mehr Freiheit und Demokratie ging, stellte sich Ernst August jedoch dann sehr geschickt an. Durch Zugeständnisse konnte er den Konflikt entschärfen. 1848 unterzeichnete er die freiheitlichste Verfassung in ganz Deutschland. So blieben Ausschreitungen und Unruhen im Königreich Hannover aus.
Im Laufe seiner Regierungszeit wurde Ernst August bei der Bevölkerung sehr beliebt. Bei seinen vielen Inspektionsreisen lernte ihn die Landbevölkerung kennen, die doch normalerweise nie in die Residenzstadt kam. Außerdem hielt er jede Woche Audienzen, bei denen jedermann sein Anliegen vorbringen konnte.
Im Jahr 1851 starb Ernst August nach 14 Jahren im Königsamt. Im Welfenmausoleum im Berggarten wurde er neben seiner Frau Friederike, die 10 Jahre vor ihm verstorben war, beigesetzt. Vor einigen Jahren wurde die Kapelle des Mausoleums zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aus weißem Carrara-Marmor gemeißelt liegen die Figuren des Königspaares unter einem kuppelförmigen Gewölbe wie ruhend auf ihren Sarkophagen. Ernst August in Paradeuniform, Friederike in faltenreichem Kleid. Ein mehr als eindrucksvoller Anblick. Ein Geschoss tiefer befindet sich die Gruft mit den Särgen des Paares und anderer Welfen, auch denen von Kurfürstin Sophie und von König Georg I. Auch heute noch blickt Ernst August hoch zu Ross als Denkmal vorm Hauptbahnhof auf sein Volk herab.

Der Sohn von Ernst August, Georg V., sollte der letzte hannoversche König sein. Zunächst verlor er in seiner Kindheit durch Krankheit auf dem linken Auge das Sehvermögen. Später durch einen Unfall das auf dem rechten Auge. Er fühle sich dadurch, wie er selbst sagte, lebendig begraben. Dafür hatte er ein gutes Gehör und ein hervorragendes Gedächtnis. 1843 heiratete Georg V. Marie von Sachsen-Altenburg. Sie bekamen drei Kinder. Sohn Ernst August und die Töchter Friderike und Mary. Georg muss seine Frau sehr geliebt haben, denn er schenkte ihr zu einem Geburtstag Schloss Marienburg, das auf dem Marienberg bei Schulenburg an der Leine steht. Wohl fast jeder aus dem Raum Hannover kennt dieses prächtige Märchenschloss, das im neugotischen Stil erbaut wurde. Immer mal wieder ist es einen Besuch wert, und jetzt zur Welfenausstellung, die auch die Königskrone der Welfenkönige aus England zeigt, sowieso.
In der Außenpolitik orientierte sich Georg V. an Österreich. Er war sehr konservativ und hielt an der Souveränität der Einzelstaaten fest. Das Hohenzollernhaus und der Preußenstaat waren ihm alles andere als sympathisch. Statt gegenüber den beiden stärksten deutschen Herrscherhäusern neutral zu bleiben, schloss er sich den deutschen Mittelstaaten an, ohne sich dabei von Österreich abzusichern. Das war ein großer Fehler. So kam es 1866 südlich des Harzes bei Langensalza zur Schlacht der Hannoveraner gegen die Preußen. Auch wenn sie gewonnen wurde, so waren doch die Verluste so groß, dass Hannover am Ende war. Es wurde von Preußen annektiert, und Georg V. musste nach Wien ins Exil gehen. So fand das Königreich am 1. Oktober 1866 sein Ende. 1878 starb Georg V. in Paris. In der St.-Georgs-Kapelle auf Schloss Windsor wurde er beigesetzt.

Damit endet also die Linie der hannoverschen Welfenkönige. Nicht aber die Linie der Welfen. Die Welfen sind neben den Kapetingern, die aus Franken stammen, das älteste Adelsgeschlecht Europas. Ursprünglich kamen sie aus Norditalien und Franken. Zu Beginn des zweiten Jahrtausends waren sie sehr mächtig. Sie stellten die Herzöge von Bayern, Sachsen und schließlich Braunschweig-Lüneburg. Ihr populärster Vertreter war Heinrich der Löwe, der sich mit seinem Cousin, Kaiser Barbarossa, anlegte und dabei den Kürzeren zog. Erst der spätere Familienzweig Calenberg-Göttingen führte wieder zu mächtigem Aufschwung, da diese Linie wie beschrieben die Könige von England stellte und Weltgeltung erlangte.
Nach Georg V. sollten bis heute noch sechs weitere Generationen folgten. Uns die wohl mehr oder weniger bekanntesten Personen sind die letzte Königin des Welfenhauses, Friderike von Hannover, die 1917 auf Schloss Blankenburg am Harz geboren wurde und 1981 in Madrid starb. Sie war die Königin Griechenlands. Wohl noch bekannter war, zumindest bei uns Älteren, die eingeheiratete Herzogin von Braunschweig-Lüneburg und Kaisertochter Viktoria Luise von Preußen, die Ernst August von Hannover geehelicht hatte und deren Urenkel Prinz Ernst August von Hannover, der den schönen Titel trägt: Prinz von Hannover Herzog von Braunschweig Lüneburg Prinz von Großbritannien und Irland. Er heiratete Caroline von Monaco, die seitdem auch Prinzessin von Hannover ist. Aktueller Welfenerbe und bisher letztes Glied dieser langen Erbschaftslinie ist dessen Sohn und der seiner ersten Ehefrau, Chantal Hochuli, Ernst August von Hannover, der 1983 in Hildesheim geboren wurde und der in London lebt. Er trägt den Titel: Seine königliche Hoheit von Hannover, Herzog von Braunschweig-Lüneburg. Zum Jubiläum „300 Jahre Personalunion“ hat er sich mehrfach in Hannover blicken lassen und war bei den Feierlichkeiten auf der Marienburg und in der Marktkirche dabei. Auch beim Schützenausmarsch hat er, einst wie seine Urgroßmutter Viktoria Luise, schon mitgemacht. Es scheint, als würde er sich intensiv um das Welfenerbe kümmern und den Namen der Welfen hochhalten. Das sind gute Voraussichten für die Zukunft.

Und damit sind wir nun am Ende dieser langen Historiengeschichte. Wer mehr über die Welfengeschichte zur Zeit der Personalunion erfahren möchte, der hat jetzt an verschiedenen Orten die Gelegenheit dazu. Ausstellungen gibt es im Historischen Museum, im Schloss Herrenhausen, im Wilhelm-Busch-Museum, auf der Marienburg, im Schloss Celle und im Landesmuseum. Besonders die letztgenannte kann ich empfehlen. Sie ist äußert eindrucksvoll, und dazu sollte man sich viel Zeit mitbringen. Fotografieren darf man darin nicht. Die Fotos von den Gemälden der Welfenherrscher habe ich im Schloss-Museum Herrenhausen aufgenommen. Wenn man in deren Gesichter blickt, dann wird die Geschichte lebendiger, und dann kann man sich diese noch besser vorstellen.
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Matthäus Felder aus Lichtenstein | 04.08.2014 | 14:43  
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