Hannover: Wie Deutsche, Spanier und Franzosen ihren Straßenverkehr klimafreundlich e-mobil machen

Erstmals in Deutschland gezeigte Innovationen: Das kleine, aus Fertigmodulen im Selbstbau zusammensetzbare Elektroauto Pixel von Francecraft und der bi-modale E-Personentransporter Cristal von Lohr Industrie auf dem Trammplatz in Hannover.
 
Austausch über die elektromobile Zukunft neben den innovativen Modellen Cristal (links) und Pixel aus Frankreich: Raimund Nowak (links), Geschäftsführer der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg GmbH, und Julien Mieral, Wirtschaftsattaché der französischen Botschaft in Berlin. Fotos: UL
 
Immer wieder ein Besuchermagnet: der Tesla S, ein je nach Version 78.000 bis 117.000 Euro teurer E-Sportwagen aus Kalifornien (USA) mit über 500 Kilometern Reichweite pro Batterieladung. Sogar per Handy-App kann ihn der Fahrer automatisiert in eine Parklücke lenken, ohne am Steuer zu sitzen.
 
Bundes-Twizy-Treffen anlässlich des better transport forums in Hannover: Neugierig inspizierte so mancher die wendigen kleinen E-Autos von Renault, die in der spanischen Stadt Valladolid gebaut werden. Zwei Personen fasst der pfiffige in der Basisversion knapp 8.000 Euro günstige Kleinwagen, den es auch als Lastesel mit angebautem Gepäckmodul gibt.
Hannover: Rathaus |

Hannover. Frankreich, Spanien und Deutschland gehen bei der Einführung der Elektromobilität unterschiedliche Wege. Doch gemeinsam verfolgen sie das Ziel, diese umwelt- und klimafreundliche Zukunftstechnologie sichtbar, alltags- und massentauglich zu machen. Das wurde beim better transport forum am Donnerstag, 21. April, in Hannover deutlich.

Zu diesem länderübergreifenden Austausch zum aktuellen Stand der Elektromobilität in den drei EU-Ländern mit zusammen über 190 Millionen Einwohnern hatte die Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg GmbH geladen. Über 120 Gäste konnten Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostock und die Staatsekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft und Verkehr, Daniela Behrens, im Rathaus der Landeshauptstadt begrüßen.

Bereits erfolgreiche e-mobile Lösungen für den privaten, gewerblichen und öffentlichen Straßenverkehr präsentierten in Hannover u. a. politisch Verantwortliche und Akteure aus der Stadt Valladolid (Spanien), wo der Renault Twizy produziert wird, dem Großraum Paris und den Metropolregionen Bordeaux (Frankreich) und München.

Regeln für deutsche Bundesförderung

In Deutschland fördern der Bund und die Automobilindustrie den Kauf und das Leasing von Elektrofahrzeugen durch Privatleute, Unternehmen, Stiftungen, Körperschaften und Vereine. 4.000 Euro Kaufprämie für ihr neues Elektroauto und 3.000 Euro für ihr neues Hybrid-Fahrzeug erhalten alle auf Antrag, die seit dem 18. Mai 2016 Kauf- oder Leasingverträge unterschrieben haben und den Wagen mindestens neun Monate nutzen.

Ihren Antrag auf die sogenannte "Umweltprämie" für ihre neuen Stromer können Käufer online seit 2. Juli 2016 über das Internetportal des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) in Eschborn stellen, das Sie hier finden. Kurz zuvor hatte auch die EU-Kommission die neue Förderrichtlinie des Bundes genehmigt.

Die Kaufprämien sollen fließen, bis die 1,2 Milliarden Euro Fördermittel aufgebraucht sind. Allerdings haben Käufer von Luxus-E-Karossen (Tesla S und wenige andere) ab 60.000 Euro oder vollelektrischen Zweirädern wie Pedelecs oder E-Motorrädern keinen Anspruch darauf.

Außerdem baut der Bund laut Verkehrsminister Alexander Dobrindt für weitere 300 Millionen Euro 15.000 neue Ladesäulen an Bahnhöfen, auf Supermarkt-Parkplätzen, an häufig genutzten Standorten sowie an Autobahnen. Von allen Maßnahmen erhofft sich die Politik, dass 2020 zumindest ca. 500.000 Stromer über deutschen Straßen rollen.

75 „Smart Cities“ in Spanien

Spanien hat bereits mehr Zeichen gesetzt, damit Elektromobilität nicht nur eine Antriebsform der „Überversprechen und Unterentwicklung“ bleibt, so Lucinio Muñoz Muñoz, Wirtschafts- und Handelsattaché der Spanischen Botschaft Berlin. Schon heute gibt es dort bereits 75 umwelt- und klimabewusste „Smart Cities“ im Sinne des EU-Programms Horizon 2020, berichtete Antonio Gato, Dezernent für Finanzen und Wirtschaftsförderung der Stadt Valladolid. Dabei zählte Valladolid als Produktionsstandort des E-Renault Twizy 2006 zu den Vorreitern.

Ihre gute Zusammenarbeit wollen die Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg und die e-mobilen Städte, Regionen und Unternehmen in Spanien nach den Worten von Sabine Flores ausbauen. In den Bereichen Kommunikation, Internet, Social Media und Sprachen sehen sie laut der Geschäftsführerin des Vereins Kommunen in der Metropolregion zukunftsträchtige Kooperationschancen.

Über 80 Kommunen im Großraum Hannover, Braunschweig, Göttingen und Wolfsburg haben bereits mit Unterstützung des Vereins und mit Landes- und Bundesförderung mehr als 200 E-Fahrzeuge angeschafft und stellen damit eine der bundesweit größten kommunalen E-Flotten. Die Landeshauptstadt führt kostenloses Parken für Elektroautos auch während des Ladens ein und verfügt schon über viele Ladesäulen und einige Schnell-Ladestationen, u. a. beim TÜV in Döhren für alle drei gängigen Systeme.

Die Spanier haben diese Erleichterungen für Stromer in ihren 75 "Smart Cities" bereits realisiert. Auf Initiative dieser Städte soll nun das kostenlose Parken und Aufladen sowie die freie Busspurnutzung für E-Mobile landesweit eingeführt werden, berichtete Modesto Mezquita-Gervás, Koordinator für Innovations- und Wirtschaftsentwicklung der Stadt Valladolid. Spanien und Portugal hätten es in fünf Jahren vielerorts geschafft, größere E-Taxi-Systeme insbesondere mit dem Nissan Leaf aufzubauen.

Musterbeispiele aus Frankreich

Das Engagement Frankreichs für Elektromobilität können Besucher vor allem in Metropolen wie Paris, Bordeaux oder Lyon erleben. So hat die Metropolregion Bordeaux für ihre rund eine Million Einwohner laut ihrem Vize-Präsidenten Michel Labardin eine Milliarde Euro investiert, um den öffentlichen Personennahverkehr systematisch umwelt- und bürgerfreundlich zu modernisieren. Entlang des Flusses Garonne und auch unter der historischen Altstadt schuf sie hochmoderne Stadtbahnlinen. Hybridbusse und das innovative E-Carsharing-System bluecub mit 200 Fahrzeugen und 80 Ladestationen ergänzen die neue Verkehrs-Infrastruktur.

Über eine Smartphone-App können die Bürger Fahrpläne einsehen, Haltestellen, freie Parkplätze und Ladesäulen finden, E-Mobile orten, reservieren und bezahlen. In Echtzeit ermittelt die mit der App verbundene IT-Plattform auch das Idealtempo für Autofahrer, die stets bei Grün Ampeln passieren wollen. Da der Großraum Bordeaux auf 2,5 Millionen Einwohner wuchs, plant die Metropolregion noch eine weitere Milliarde Euro für den Ausbau ihrer ÖPNV zu investieren.

E-Carsharing: Paris weltweit vorn

Insbesondere das weltweit größte E-Carsharing-Projekt Autolib´ mit rund 3.000 eingesetzten „bluecars“ im Großraum Paris präsentierte Patrick Le Cœur, Abteilungsleiter bei Avere France Paris. Autolib´, ein Kürzel für automobile (Auto) und liberté (Freiheit), startete der Bolloré-Konzern als Betreiber im Dezember 2011 mit 250 E-Fahrzeugen in Paris. Inzwischen wurde das System auch mit "bluecub" in Bordeaux und "bluely" in Lyon eingeführt. 2015 entschied sich auch die US- Metropole Indianapolis dafür. - Wie weit die Zusammenarbeit zwischen elektrophilen Städten, Regionen und Unternehmen in Frankreich und der Metropolregion GmbH in Hannover bereits gediehen ist, zeigte Danièle Behr auf.

Engagement in Deutschland

Doch auch einige deutsche Städte setzen auf umwelt- und bürgerfreundlichere Verkehrssysteme: So legte die Stadt München ein mit über 30 Millionen Euro ausgestattetes Förderprogramm für Gewerbebetriebe auf, die sich E-Fahrzeuge anschaffen. Derzeit versucht die Metropolregion München GmbH laut ihrem Geschäftsführer Wolfgang Wittmann auch den Großraum rund um die Landeshauptstadt für einen einheitlichen Dachtarif im öffentlichen Personennahverkehr zu gewinnen. Ziel sei eine Mobilitätskarte mit Smartphone-App, die Bürgern in Echtzeit die preislich und zeitlich am Standort günstigsten Verkehrsverbindungen zeigt. Über die App sollen auch Mitfahrzentralen und Carsharing-Stationen erreicht und alle Ticketkäufe erledigt werden können.

E-Busse: China rollt voraus

Einen wertvollen Beitrag zum kommunalen Klimaschutz leisten auch Elektrobusse, die Hersteller aus Polen, den Niederlanden, Polen und vor allem China auf die Straßen gebracht haben. Erst 2018 wollen die deutschen Hersteller MAN und Mercedes mit E-Bussen nachziehen. Darauf verwies der Dipl.-Elektroingenieur Jens Schröder, Director eMobility des Flensburger Unternehmens Moteg. In Sachen Elektromobilität sei China angesichts der extremen Luftverschmutzung seiner Metropolen weltweiter Vorreiter. Über 50.000 E-Busse rollen schon auf Chinas Straßen.

Gerade erhielt Shenzhen, Megacity und Sonderwirtschaftszone mit 13,8 Millionen Einwohnern am südchinesischen Meer, 1.000 neue Elektrobusse und hat weitere 3.000 (!) geordert. Angesichts dieser rasanten e-mobilen Entwicklung müssten europäische Fahrzeughersteller aufpassen, nicht von China abgehängt zu werden, befand der Experte.

Dass er richtig zu liegen scheint, zeigt ein Beispiel aus Bremen: Schon 2014 testete die Bremer Straßenbahn AG einen elektrischen Solo-Niederflurbus des chinesischen Herstellers BYD aus Shenzhen auf den Linien 52 und 29 vom Roland-Center in die Neue Vahr-Nord. 20 Minuten dauerte die Schnellladung des E-Busses über den Straßenbahn-Fahrdraht auf dem BSAG-Gelände. Mit vollen Akkus hat der Bus eine Reichweite von 250 Kilometern.

Highlights in Hannover

1. Erstmals in Deutschland stellte das französische Unternehmen Lohr-Industrie mit seinem speziell konstruierten Elektro-Kleinbus Cristal ein innovatives bi-modales Transportsystem vor, das sowohl als kleiner Personentransporter als auch aneinander gekoppelt als Bus mit bis zu 58 Stehplätzen genutzt werden kann. Sein kleiner Wendekreis von rund sieben Metern und seine geringen Grundflächenmaße machen das 2,50 Meter hohe quaderförmige Fahrzeug auch für kleine Städte mit engen Straßen interessant.

2. Mit modular aufgebauten E-Fahrzeugen wie dem Pixel, die handwerklich geschickte Nutzer selbst zusammenbauen können, wartete das französische Start-up FRANCECRAFT aus dem Großraum Paris auf.

3. Wie die Aufladen von E-Fahrzeugen mit erneuerbaren Energien wie Sonne, Wind oder Biogas mit Lastmanagement-Systemen verbinden lässt, demonstrierte das Unternehmen wallb-e der Petring Energietechnik GmbH aus Schlangen bei Paderborn mit dem Solarcarport Sun4Charge.

Hersteller in Europa gefordert

Europas Fahrzeugindustrie sei nun gefordert, mit ähnlich innovativen Produkten Elektromobilität für den Massenmarkt attraktiver zu machen, war sich der Dresdener Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn von Bündnis 90/Die Grünen mit vielen Experten einig. Klimafreundlichere Fahrzeuge und effizientere Verkehrssysteme könnten auch wesentlich dazu beitragen, die hochgesteckten Ziele des Pariser Weltklimagipfels COP21 zu erreichen. - Dagegen hielt es der Braunschweiger CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Müller für wichtiger, die Batterie- und Speichertechnik in ganz Europa intensiver weiterzuentwickeln.
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16 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 24.04.2016 | 14:34  
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Hans-Joachim Zeller aus Marburg | 24.04.2016 | 15:33  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 24.04.2016 | 15:54  
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Wolfgang H. Zerulla aus Burgwedel | 24.04.2016 | 23:48  
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Wolfgang H. Zerulla aus Burgwedel | 24.04.2016 | 23:52  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 25.04.2016 | 02:04  
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Uwe Lötzerich aus Neustadt am Rübenberge | 25.04.2016 | 06:20  
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Wolfgang H. Zerulla aus Burgwedel | 25.04.2016 | 10:21  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 25.04.2016 | 14:01  
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Uwe Lötzerich aus Neustadt am Rübenberge | 27.04.2016 | 07:17  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 27.04.2016 | 10:27  
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Wolfgang H. Zerulla aus Burgwedel | 27.04.2016 | 15:21  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 29.04.2016 | 15:33  
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Uwe Lötzerich aus Neustadt am Rübenberge | 05.05.2016 | 10:11  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 05.05.2016 | 15:29  
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Wolfgang H. Zerulla aus Burgwedel | 05.05.2016 | 19:46  
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