Der Wolf - zurück in Niedersachsen

Ein Herdenschutzhund bei der Arbeit (Foto: NABU Archiv)
 
Das Glück eines Ornithologen bei der morgendlichen Pirsch in der Lausitz (Foto: NABU Archiv)
 
Aktuelle Verbreitung von Wölfen in Deutschland (Foto: NABU Archiv)
 
Typischer Naturmischwald der Südheide

Es ist so gut wie sicher: Der Täter war ein Wolf! Im November 2008 fand ein konsternierter und total schockierter Schafhalter 6 gerissene Schafe und etliche weitere verletzte Tiere auf seiner Weide bei Uslar im Solling. Das Niedersächsische Umweltministerium informierte hierzu, dass zu 99 % ein Wolf der Übeltäter dieses blutigen Geschehens war. So ähnlich las man in der Presse Ende 2008.

Die Nutztierhalter befürchten Übergriffe auf ihre Tiere, sie fühlen sich allein gelassen.
Daher bewilligen die Länder in einem gewissen Rahmen Ausgleichszahlungen für Nutztierrisse. Außerdem sind Herdenschutzmaßnahmen angebracht. Schutzzäune werden vom Land bezuschusst. Ausgebildete Schutzhunde, die anders als Hütehunde bereits als Welpen in die Herde hineinwachsen und diese vor Übergriffen schützen, können ebenfalls eingesetzt werden. Die speziell ausgebildeten Schutzhunde kann der Schäfer bei bestimmten Züchtern ausleihen oder erwerben.

Aus Sicht einiger Jäger ist der Wolf ein gnadenlos zu jagender Konkurrent, da sie befürchten, die Wölfe würden den Wald „leer fressen“, d. h. zuviel jagdbares Wild erlegen. Natürlich wird die Jagd durch Anwesenheit des Wolfes anspruchsvoller, aber Fakt ist, dass durch höhere Reproduktionsraten des Wildes als Ausgleich in den Wolfsgebieten der Lausitz sogar höhere Abschusszahlen von der Jägerschaft in den letzten Jahren registriert werden. Es wäre zu begrüßen, wenn letztendlich der Jäger den Wolf als Jagdpartner betrachten könnte.
Die überwiegende Zahl der Förster steht dem Thema „Wolf“ meist offen und teils sogar erfreut gegenüber, da dieser sie darin unterstützen kann, die Verbissschäden durch Schalenwild an den Bäumen zu reduzieren. Neben den Jägern, wenn sie denn mehr Wild erlegten, könnten die Wölfe zu einer gesunden Waldentwicklung beitragen.

Der Wolf ist nicht unbedingt scheu, er ist aber extrem vorsichtig und das Riskieren einer eigenen Verletzung wäre für ihn im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlich. Damit wäre er nicht mehr in der Lage zu jagen und würde elend verhungern. Wenn sich die Chance bietet, werden in erster Linie alte, kranke oder junge Tiere erbeutet. Ein Wolf würde also seine Nahrungsgrundlage niemals ausrotten.
Übrigens unterliegt der Wolf dem Bundesnaturschutzgesetz, nicht dem Jagdrecht. 1979 wurde er in die Berner Konvention aufgenommen und die FFH-Richtlinie der Europäischen Union sieht besondere Schutzmaßnahmen für ihn vor. Das Land Niedersachsen wird in diesem Herbst einen Managementplan vorlegen, der u. a. den Umgang mit dem Wolf regeln wird.

In manchen Köpfen der Bevölkerung spukt immer noch das Märchen vom Rotkäppchen: „Kann ich dann noch in den Wald gehen?“ und „Muss ich jetzt meine Kinder jeden Tag zur Schule bringen und sie dort wieder abholen? Und dürfen sie noch draußen spielen?“ Solche oder ähnliche Ängste kursieren in einigen Teilen der Bevölkerung. Dabei streifen die Wölfe seit einigen Jahren auch durch jene Wälder, die vom Menschen intensiv für Wirtschaft und Freizeit genutzt werden. Hier sei noch einmal darauf hingewiesen, dass der Mensch nicht zum Beutespektrum dieser Tiere gehört. Gefährlich werden kann die Situation natürlich durch die Anfütterung von Wölfen (die übrigens auch verboten ist!), da die Tiere hierdurch die Scheu vor dem Menschen verlieren. Dieses Phänomen ist seit Jahren in Rumänien hinlänglich bekannt, wo wenige Wölfe an den Ortsrändern in Mülltonnen nach Nahrung suchen. Die Anfütterung von Wildschweinen etwa in Berlin führte zu ähnlichem Verhalten.
Seit wieder Wölfe in unserer Landschaft leben, also seit gut 10 Jahren, hat es keine Bedrohungen gegenüber Menschen oder gar Angriffe gegeben.

Um mitzuwirken und sachliche Aufklärungsarbeit zu leisten, hat sich am 24. November 2009 die LAG Wolf im NABU Niedersachsen in Verden gegründet, die es sich zum erklärten Ziel gesetzt hat, dem Wolf das „Einwandern“ und das Leben zu erleichtern. Hierzu ist noch Einiges an Aufklärungsarbeit bei Jägern, Landwirten, Schafzüchtern und auch in weiten Teilen der Bevölkerung zu leisten. Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit, z. B. durch Vorträge und Ausstellungen über den Wolf, seine Verhaltensweisen und seine Ausbreitung in Deutschland sind dabei die Haupt- und Präventivaufgaben.
Ebenfalls wird sachlich auf unsachliche oder negative Artikel über und gegen den Wolf reagiert. Bei Wolfshinweisen können die notwendigen Kontakte geschaffen, vermittelt und eventuelle Losungen und Fährtenspuren gesichert werden.
Wegen des stärker ansteigenden Straßenverkehrs kommen immer wieder Wölfe ums Leben. Die Autobahnen sind für alle Wildtiere infolge der Schutzzäune und des Verkehrs oft eine unüberwindliche Barriere. Die LAG wird sich dafür einsetzen, dass bei Straßenneubauprojekten gleich von Anfang an Querungshilfen wie z.B. Grünbrücken eingeplant werden. An vielen Stellen der bestehenden Bundesstraßen und Autobahnen sind diese Schutzmaßnahmen ebenfalls anzuraten.
Insgesamt ist es wünschenswert, auf eine Zusammenarbeit zu setzen mit Jägern, Nutztierhaltern, Förstern und dem NABU-Landesverband, den Wolfberatern des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLKWN) und anderen Verbänden, wie dem Freundeskreis freilebender Wölfe e. V., die sich ebenfalls für den Schutz der Wölfe einsetzen. Der Idealfall wäre, dass alle Genannten gemeinsam an einem Strang ziehen und für und nicht gegen den Wolf argumentieren und arbeiten.
Kinder- und Jugendarbeit wird auch eine wichtige Aufgabe der LAG werden, denn gerade der Wolf mit seinen interessanten Verhaltensweisen bietet den Kindern u. a. eine breit gefächerte Vielzahl von Möglichkeiten, sich grundsätzlich für Umweltthemen zu begeistern. Die Einstellung der Kinder entscheidet letztendlich darüber, wie sich unsere Umwelt in Zukunft entwickeln wird.
Seit dem Jahr 2000 gibt es in Deutschland wieder reproduzierende Wolfspaare, sogenannte Rudel, die aus 2 Alttieren, den Jährlingen aus dem vorigen Jahr und den Welpen bestehen. Aktuell sind es festgestellte 7 reproduzierende Wolfsrudel. Davon 5 in Sachsen, 1 Rudel in Brandenburg und 1 Rudel östlich von Magdeburg in Sachsen-Anhalt sowie 4 Paare, die vielleicht in diesem Jahr auch zu Rudeln heranwachsen. Eines davon lebt schon seit einigen Jahren ohne Nachwuchs, ein Partner scheint wohl unfruchtbar zu sein. 3 oder 4 Einzelwölfe durchstreifen meist unbemerkt Mecklenburg-Vorpommern, Bayern, Niedersachen und Hessen und warten nur darauf, dass ein potentieller Partner aus dem Wolfsgebiet ihren Weg kreuzt.

Nach 1 bis 2 Jahren Jugendzeit im Rudel wandern die Jährlinge in eine der vier Himmelsrichtungen ab. Hier konnte durch Anlegen von GPS-Sendern nachgewiesen werden, dass einzelne Wölfe sich bis zu 1.000 km weit aus ihrer angestammten Heimat entfernen und sich ein eigenes Territorium suchen. In Deutschland leben momentan ca. 60 Wölfe. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass sich demnächst auch in Niedersachsen zwei Wölfe zur Rudelbildung treffen. Wo, wie und wann ist nicht vorhersehbar.
Meldungen über eingewanderte Wölfe kursieren seit einiger Zeit wieder in Südniedersachsen, in der Südheide und aus dem Wendland. Dort wurde im Jahr 2007 illegal ein Wolf von Jägern erschossen. Aus der Heide erfolgen bis zum heutigen Tag regelmäßig, leider unbestätigte Sichtungshinweise und ein Wolf hält sich im Dreiländereck Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen auf.

In unserer kultivierten Landschaft breitet sich der Wolf freiwillig aus, er wird nicht wieder eingebürgert. Der Wolf benötigt auch keine Wildnis, er sucht nur ein ausreichendes Nahrungsangebot und ruhige Plätze für die Welpenaufzucht. Daher ist der Wolf ein Kulturfolger, und weil Niedersachsen Wolfserwartungsland ist, kann überall und jederzeit ein Wolf bei uns auftauchen. Optimale Landschaften gibt es in unserem Bundesland genug, z. B. die Heide mit dem Truppenübungsplatz Bergen oder den Harz, wie auch das Gebiet rund um den Solling. Ebenfalls nördlich von Hannover um Burgwedel herum existieren geeignete Gebiete, die dem Wolf im Laufe der Zeit gefallen könnten. Heißen wir ihn willkommen!

Eine Exkursion ins Wolfsland
Die LAG Wolf Niedersachsen besuchte vom 7. bis 9. Mai 2010 das Wolfsgebiet in der Niederlausitz. Wir waren einfach und günstig im Naturschutzzentrum „Schloss Niederspree“ untergekommen.
Am Freitagabend, ich war leider nicht dabei, zeigte Markus Bathen, der hier vor Ort das NABU-Wolfsprojekt leitet, Bilder seiner erst vor kurzem abgeschlossenen Wolfstour durch Russland.
Am zweiten Tag führte uns Markus mitten ins Territorium des Nochtener Wolfrudels, zum Nochtener Tagebau. Hier haben Braunkohleabbau und Vattenfall das Sagen. Aha, so leben also Wölfe in Deutschland! Sie beanspruchen tatsächlich keine Wildnis für sich, nur Ruheplätze für die Fortpflanzung und in genügender Anzahl ihre Hauptnahrung, die Rehe, und diese gibt es hier im Überfluss. Wir konnten Losungen und Fährten von Wolf, Hund, Reh und Wildschwein studieren.
Mittags genossen wir bei einem Schäfer Spezialitäten von Ziege und Schaf. Ausgiebig haben wir uns mit ihm über seine Einstellung zum Wolf unterhalten und festgestellt, dass er dem Wolf neutral, aber freundlich, gegenübersteht. Seine Tiere sind durch 90 cm hohe Schutzzäune gesichert.
Im Museum Erlichthof Rietschen sahen wir uns am Nachmittag die Wolfsausstellung an, anschließend folgten zwei Vorträge, einen hielt Markus Bathen und der zweite wurde von einem Jäger des Landesjagdverbandes Sachsens und des Sprechers Gruppe Pro Wolf in Sachsen, Lutz Runge, gehalten. Während der nachfolgenden Diskussionsrunde, auch mit den dortigen Nabu-Mitgliedern, wurde uns u. a. über Probleme vor Ort berichtet. Gleichzeitig erhielten wir einen Hinweis auf mögliche Schwierigkeiten, die eventuell demnächst in Niedersachsen auftreten könnten. Denn wenn es hier in Niedersachsen zur Ansiedlung von Wölfen kommt, sollten wir uns auf reichlich Arbeit und auch Gegenwind einstellen. Diese für uns wichtige und aufschlussreiche Diskussion vertieften wir während eines gemeinsamen Abendessens im Naturschutzzentrum Schloss Niederspree.
Am Sonntag führten uns Fritz Brozio, Vorsitzender der NABU Regionalgruppe Weißwasser, und Stephan Kaasche, Referent für das Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz, durchs Teichgebiet Niederspree. Ziel dieser Führung war der Wolfstein, der über die Wiederansiedlung der Wölfe im Jahr 2000 Auskunft gab. Während des gesamten Spazierganges durch abwechslungsreiche Landschaft wurden wir über die wechselvolle Geschichte dieser Gegend informiert, über aktuelle Waldwirtschaft aufgeklärt sowie auf Fährten und Spuren von Fischotter u. a. hingewiesen.
Fazit: Eine insgesamt gelungene Veranstaltung, die uns alle begeisterte und viel Freude machte. Mit reichhaltigem neuen Fachwissen im Gepäck fuhren wir ab und werden im nächsten Jahr bestimmt wiederkommen.

Kontakte:
Sascha Büttner Tel.: 0511 6074488

LAG Wolf Niedersachsen im NABU:
Helmut Weiß Tel.: 05382 4845
Kerstin Fröhling Tel.: 04236 942021

Freundeskreis freilebender Wölfe e. V.:
Mo. - Fr. 17.00 Uhr bis 19.00 Uhr
Susanna Lopez-Kostka
Tel: 0611 - 98 77 53 0

Web-Hinweise:
NABU Wolfsprojekt: http://www.nabu.de/aktionenundprojekte/wolf/
NABU Niedersachsen: http://niedersachsen.nabu.de/tiereundpflanzen/wolf...
Freundeskreis freilebender Wölfe e. V. : http://www.lausitz-wolf.de/
Kontaktbüro "Wolfsregion Lausitz": http://www.wolfsregion-lausitz.de/

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13 Kommentare zum Beitrag
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Gaby Floer aus Garbsen am 05.09.2010 um 00:15 Uhr  
2.650
Dagmar Strube aus Garbsen am 05.09.2010 um 15:31 Uhr  
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Jürgen Bruns aus Lehrte am 05.09.2010 um 18:47 Uhr  
2.395
Dagmar Siegmann aus Wennigsen am 05.09.2010 um 20:18 Uhr  
17.279
Manfred Wittenberg aus Nebra (Unstrut) am 06.09.2010 um 08:00 Uhr  
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Sascha Büttner aus Hannover-Mitte am 06.09.2010 um 23:58 Uhr  
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Jürgen Bruns aus Lehrte am 07.09.2010 um 08:34 Uhr  
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Sascha Büttner aus Hannover-Mitte am 07.09.2010 um 23:30 Uhr  
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Gaby Floer aus Garbsen am 07.09.2010 um 23:52 Uhr  
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Sascha Büttner aus Hannover-Mitte am 08.09.2010 um 00:47 Uhr  
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Gaby Floer aus Garbsen am 08.09.2010 um 09:27 Uhr  
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Sascha Büttner aus Hannover-Mitte am 08.09.2010 um 23:32 Uhr  
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