Flucht und Vertreibung - ein wichtiges Thema

Meine Mutter - Öl, Colalge auf Lwd.Karton, 15x15cm, 2006
Hannover: Ateliers Goebenstr. 4 | Meinen Zyklus zu Flucht und Vertreibung habe ich jetzt mehrfach ausgestellt und immer wieder regte es die Betrachter zu Diskussionen an. Oft werde ich nach den Hintergründen gefragt, deshalb habe ich mich entschlossen, hier meine Gedanken aus dem Jahr 2007 dazu zu publizieren.

Während meines Erwachsenwerdens in den siebziger und beginnenden achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts war das Thema „Flucht aus den deutschen Ostgebieten am Ende des 2. Weltkrieges“ ein Tabu. Auch für mich gab es da nichts zu deuteln, die Vertreibung war die Bestrafung für die Verbrechen der Nazi-Diktatur, dies musste genauso hingenommen werden wie die Deutsch-deutsche Teilung nicht rückgängig zu machen war. Das Schicksal der einzelnen interessierte da nicht, zumal die Vertriebenenverbände und die CDU auch immer wieder eine Rückgabe forderten. Mit diesen Revanchisten hatte man nichts zu tun. Auch das Schicksal innerhalb der eigenen Familie war nicht der Diskussion wert. Erst im Laufe der Jahre, je älter meine Mutter wurde, merkte ich, dass die Flucht und Vertreibung auch mein Thema ist, dass es etwas mit mir zu tun hat. Wo sind meine Wurzeln, wo kommt die Familie meiner Mutter her? Die Wurzeln meines Vaters im Harz kenne ich und habe ich oft besucht. Aber der Boden, wo viele Generationen vor meiner Mutter gelebt haben, geboren sind? Nichts.
Inzwischen bin ich soweit, dass ich meiner Mutter immer mehr zuhöre, sie anscheinend aber auch ein immer größer werdendes Bedürfnis hat zu erzählen. Welch hartes Schicksal diese Menschen hinter sich haben, vermag keiner der heutigen Generation nachzuvollziehen.

Meine Mutter und mindestens 3 Generationen vor ihr sind in Malankowo, Kreis Kulm in Westpreußen geboren. 1939 im Alter von 9 Jahren wurde ihre Familie von den Nazis nach Ostpreußen in die Nähe von Königsberg umgesiedelt. Im Winter 44/45 flohen sie über das Haff vor den Russen, wurden kurz vor der Oder aufgegriffen und wieder nach Königsberg zurückverschleppt. Von dort wurden sie ausgesiedelt und kamen in ein Auffanglager nach Thüringen. Meine Mutter hat also das ganze Leid miterlebt, der Treck übers Haff, wie die Pferdewagen von den deutschen zurückfliehenden Panzern überrollt wurden, der Beschuss durch russische Tiefflieger, als diese merkten, dass sich deutsche Soldaten im zivilen Treck versteckten, einer Vergewaltigung durch russische Soldaten entkam sie nur knapp.

In letzter Zeit merke ich, dass dies ganze sich auch in meine Kunst einschleicht. Ich habe zuerst Landkarten von Ost- und Westpreußen mit dem Konterfei meiner Mutter überarbeitet. Gestern habe ich ein kleines Gemälde nach einem Zeitungsphoto gemacht. Mir geht es um das authentische, ich übertrage das Photo in Originalgröße, male die Stockflecken mit, die Fehler und Risse, die eigene Geschichte des Photos. Ich suche mir Abbildungen aus Lexika, aus dem Internet, aus Büchern. Was ist allgemeingültig, was hat mit mir zu tun? Welche Bilder von der Flucht haben wir? Sind es kollektive? Können die kollektiven Bildern auf das eigene Sehen und Denken wirken? Wie sind meine eigenen Bilder durch die kollektiven beeinflusst? Kann ich mir überhaupt eine eigene Vorstellung von dem Grauen machen, dass meine Mutter, meine engste Verwandte, erlebt hat? Ist alles nur verschwommen, undeutlich, von gestern und damit ganz weit weg? Ist so ein Erleben überhaupt darstellbar oder kann es immer nur bei einem Versuch der ästhetischen Aufarbeitung bleiben?


Ich suche mir alles an Bildmaterial, was ich finden kann und sei es noch so klein. Diese vergrößere ich mir per Computer, wodurch sie gröber und unschärfer werden. Nur durch Wissen um diese Bilder kann man mit Ihnen etwas anfangen. Nur durch Wissen kann man auf diesen Bildern etwas erkennen. Ich übertrage grob gepixelte, stark vergrößerte Bilder, die ich mir teilweise aus dem Internet gezogen habe auf die Leinwand. Die Vorlage soll sichtbar bleiben, die photographische Vorlage als solche soll erkennbar sein, aber dennoch soll es Malerei sein, als Malerei funktionieren. Oft wird diese Vergrößerung so auf die Spitze getrieben, dass auf dem Bild eigentlich nichts mehr zu erkennen ist, erst das Wissen vervollständigt das Bild, ansonsten wären es nur Farbflächen. Es handelt sich um eine verschwommene Sicht auf die Realität. Erst durch unser Wissen werden die Farbflächen und Pixel zu Bildern, erst wir füllen die Bilder mit Leben und Inhalt. In meiner Malerei betone ich die Unschärfe und die Zufälligkeit des Ausschnitts. Durch die Abstraktion der Vorlage ist nicht ganz ersichtlich, ob überhaupt etwas zu sehen ist oder erst der Kontext das Verstehen schafft. Fehler, die durch die weitere Bearbeitung meinerseits entstehen, wie z.B. Streifen beim Ausdruck durch schadhafte oder fast leere Druckerpatronen, bleiben sichtbar. Ich orientiere mich an photographischen Vorlagen, weil das, was wir über die Flucht und über Geschichte allgemein wissen, wissen wir über Bilder in den Massenmedien. Die sogenannte oral history spielt bei den wenigsten eine Rolle.

Durch die Möglichkeiten der modernen Techniken wird ein historischer Zugriff nicht deutlicher, wir erfahren nicht mehr über das Geschehen als ohne moderne Techniken. Alles ist im Internet verfügbar, aber hilft es uns wirklich weiter.

Bei der Suche nach Bildern von diesem Geschehen, wurde mir bewusst, dass es tatsächlich so etwas wie ein kollektives Bildergedächtnis gibt. Vieles tauchte immer wieder auf und wurde dann auch in dem ZDF-Zweiteiler „Die Flucht“ verarbeitet, wie z.B. der Blick aus dem Panjewagen. Die kollektiven Bilder stehen als Ersatz für die eigenen Bilder, für die eigene Geschichte.

Ich male keine Bilder von der Flucht, sondern untersuche, wie Erinnerung entsteht. Ich bin zu jung, um Bilder über die Flucht malen zu können. Ich kann deshalb nur die Bilder von der Flucht malen (Bilder, die es von ihr gibt).

Noch gibt es die Erzählungen der Überlebenden, aber was, wenn sie tot sind, weg sind? Dann gibt es nur noch Photos, Dokumente, Bilder. Aber die werden verblassen, werden unscharf. Mein Malen dieser Bilder bedeutet für mich auch ein Malen gegen die Zeit, gegen das Vergessen, gegen das Verschwinden. Moderne Bildgebungsverfahren führen nicht unbedingt zu mehr Klarheit, sondern sie verunschärfen.


R.F. Myller
zuletzt überarbeitet 21.06.07
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 21.06.2014 | 02:44  
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