Das alte Hannover - und wie es entstand

Das alte Hannover.
 
Die Leine bildete in frühen Zeiten eine bis zu zwei Kilometer breite Auenlandschaft, die häufig überschwemmt wurde. Doch am Lindener Berg, wo sie sich auf 500 Meter verengte, entstand eine günstige Überquerungspassage.
 
Wollte ein Reisender oder Händler Hannover erreichen, musste er zunächst die Landwehr passieren.
 
Einen der Eingänge bildete der Döhrener Turm.
 
Der Landwehrgraben zwischen Bischofshol und Kirchrode. Zusätzlich wurde die Landwehr mit dichten lebendem Dornengestrüpp gesichert.
Hannover: Altstadt | Auch wenn die Leine kein großer Fluss ist, so bildete sie doch in früheren Zeiten eine breite Auenlandschaft, die von Hochwassern immer wieder großflächig überschwemmt wurde. Zu beiden Seiten dieser Talaue gab es schon seit früher Zeit wichtige Handelsstraßen, die Nord-Süd-Verbindungen, die die Kimbrische Halbinsel, das heutige Dänemark, mit Süddeutschland und Italien verbanden. Die Straße auf der westlichen Talseite kam von Alfeld über Pattensen herab, die auf der östlichen von Hildesheim. Ost-West-Verbindungen hingegen waren damals nur für die umliegenden Orte von Bedeutung. Doch das sollte sich im Mittelalter ändern. Und dazu gab es dort, wo die heutige Altstadt von Hannover liegt, eine Besonderheit in der Natur. Durch geologische Gegebenheiten verengte sich das bis zu zwei Kilometer breite Leinetal an dieser Stelle auf nur 500 Meter. Der Lindener Berg schob sich wie ein Keil in die Aue hinein. Auch hatte sich ein Werder gebildet, eine Insel zwischen zwei Flussarmen. Dazu war am Ostufer ein hügliges Gelände entstanden, das vor Hochwassern sicher war. Das war weit und breit die günstigste Stelle, um das feuchte Leinegebiet zu durchqueren.
Schon vor Jahrhunderttausenden haben Frühmenschen in diesem Gebiet gelebt. Ein Knochenstück, das 2012 bei Schliekum (ca.15 km südlich von Hannover) an der Leine gefunden wurde, wird auf ein Alter irgendwo zwischen 250 000 und 700 000 Jahren eingeordnet. Aber auch aus der Altsteinzeit gibt es mehrere Funde im Gebiet des heutigen Hannover. Und der Neandertaler hat bei Schliekum ebenfalls Knochenfragmente hinterlassen. Auf 120 000 Jahre wurden sie datiert. Es sind die nördlichsten Funde unseres nahen Verwandten in Europa. Nach heutigen Erkenntnissen soll er sich mit unserem direkten Vorfahren vermischt haben. 1,5 bis 3 Prozent unserer Gene sollen wir von ihm übernommen haben.
Doch dann verliert sich irgendwann die Spur der früheren Menschen. Erst vor 10 000 Jahren kann er in dieser Gegend anhand von Fundstücken aus Misburg und den südlichen Orten der Leineaue wieder nachgewiesen werden. Er war in diesem Raum sesshaft geworden.
Einen weiteren Schritt hat der Mensch vor etwa 4000 bis 3500 Jahren getan. In der frühen Bronzezeit entstand ein reger Handel mit weiter entfernten Regionen. Und dazu bildete der Raum Hannover, zwischen dem beginnenden südlichen Bergland und der Norddeutschen Tiefebene gelegen, eine wichtige Verbindungsstelle.
Vor etwa 2750 Jahren, in der Eisenzeit, kam es zu einer Klimaverschlechterung. Siedlungen in den tiefer gelegenen Gebieten mussten aufgegeben werden, andere, in höher gelegenen Gebieten, wurden besiedelt. So wurden Funde aus dieser Zeit zum Beispiel in Kirchrode, Döhren, Laatzen, Wülfel, am Engesohder Berg und in Garbsen gemacht.
Dort wo sich die Altstadt von Hannover und die Calenberger Neustadt befinden, konnte eine erste Besiedlung für das 1. bis 3. Jahrhundert nachgewiesen werden. Vermutlich gehörten diese Menschen dem Germanenstamm der Cherusker an. Die frühe Siedlung trug den Namen Tulifurdum. Der lateinische Name weist auf das Tragen über eine Furt hin. Tuli heißt „ich habe getragen“, Furdum heißt „Furt“.
Als nach dem Ersten Weltkrieg in Anderten die Hindenburgschleuse gebaut wurde, stieß man bei Aushubarbeiten auf einen großen Friedhof. Er stammte aus der Merowingerzeit. Ende des 7. Jahrhunderts wurden die Toten dort beigesetzt. In einigen Herrengräbern sogar mit Pferd.
Die sich im Raum Hannover siedelnden Menschen gehörten nun dem Stamm der Sachsen an. Doch dem machte Karl der Große ein Ende. In mehreren großen Schlachten besiegte er diese und gliederte sie in das Frankenreich ein. Auch im Süntel kam es dabei zu schweren Kämpfen. Der Name des Blutbachtals bei Langenfeld erinnert heute noch daran.
Nun machen wir einen Sprung zum Ende des Hoch- und zum Beginn des Spätmittelalters. Vermutlich war am Hohen Ufer schon Mitte des 10. Jahrhunderts ein Martflecken entstanden. Im 11. Jahrhundert gab es an der heutigen Burgstraße am Ballhofplatz einen Hof, vielleicht einen Herrenhof. Wer in dessen Besitz war, konnte den Leineübergang regeln. Dieser Bereich gilt als der Ort, von dem aus sich Hannover entwickelte.
Im Jahr 1150 wurde Hannover dann auch zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Es hat seine Namen wohl seiner Lage am Hohen Ufer zu verdanken. Aus Honovere wurde später Hanovere und schließlich Hannover. Overe bedeutet soviel wie Ufer. Das Wort Hon oder Han lässt sich nicht klären, da es unterschiedlichste Ursprünge haben kann.
Im 12. Jahrhundert ließ Heinrich der Löwe Hannover ausbauen und mit Wassergräben, Wällen und Palisaden befestigen. Die Grafen von Roden übernahmen es als Lehen. Nahe des heutigen Goetheplatzes entstand die Burg Lauenrode, die als Wasserburg angelegt war und später wieder abgerissen wurde. Von ihr ging eine Vergrößerung Hannovers aus. Die Calenberger Neustadt entstand, die mit der eigentlichen Stadt konkurrierte.
Im Jahr 1241 erhielt Hannover bei einer Einwohnerzahl von etwa 2000 Köpfen Stadtrechte. Und "Stadtluft mach frei", hieß es damals. Wem es als Zureisenden nach einer genau bestimmten Zeit tatsächlich gelang, als Bürger der Stadt aufgenommen zu werden, der wurde zu einem freien Menschen. Er ließ sein früheres Leben, und damit nicht selten die Leibeigenschaft, hinter sich.

Etwa 100 Jahre später nimmt das Stadtbild die Form an, die wir heute von der Altstadt kennen. Die drei großen Kirchen, Marktkirche, Aegidienkirche und Kreuzkirche, werden auf den Grundmauern von Vorgängerbauten errichtet. Da die Welt zu allen Zeiten alles andere als friedlich war, musste die Stadt auch vor Angreifern besser geschützt werden. Im Jahr 1189 wurde sie durch einen Krieg der Welfen gegen die Stauffer schon einmal zerstört. Nun sollten sie breitere Wassergräben und eine acht Meter hohe Stadtmauer mit immerhin 34 Türmen schützen. Von der Stadtmauer sind nur noch an vier Stellen dürftige Reste übriggeblieben. So zum Beispiel kann ein Mauerstück mit Turmstumpf im Vorraum der Volkshochschule gegenüber dem Neuen Rathaus betrachtet werden. Und zumindest ein einziger Stadtturm ist erhalten geblieben. Es ist der Aegidienturm neben dem Historischen Museum am Hohen Ufer. Und das Anlegen dieser Sicherheitsbollwerke sollte sich lohnen. Die Stadt konnte nie eingenommen werden, auch im Dreißigjährigen Krieg nicht. Allerdings auch wegen Bezahlung von Tributen. Verwüstet wurde jedoch das Umland.
Auch drei andere Türme stehen heute noch. Sie gehörten einst zur Landwehr, die ab 1392 angelegt die Stadt von verschiedenen Seiten schützte. Wassergräben und Wälle mit fast undurchdringlichen Dornenhecken sorgten dafür. Einer dieser Warttürme ist der Döhrener Turm an der Hildesheimer Straße. Von dort zieht sich der Landwehrgraben, der einstige Schutzwall, über Bischofshol nach Kirchrode zum einstigen Kirchröder Turm hin. Die anderen Warttürme sind der Pferdeturm in Kleefeld und der Turm auf dem Lindener Berg, der später in eine Windmühle umgewandelt wurde. Auch die Lister Turm gehörte zur Landwehr. Doch dieser wurde Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen und 1895 durch einen verschönerten Neubau ersetzt.
Wenn ein Reisender nach Hannover kam, musste er also zunächst die Landwehr passieren. Dann kam er in ein Gelände mit Feldern, Viehweiden, Wiesen und Gärten. Und schließlich musste er die breiten Wassergräben, die zum Teil mit Zugbrücken versehen waren, die Wälle, auf denen in späterer Zeit Kanonen standen und eines der Stadttore passieren, in denen Fallgitter heruntergelassen werden konnten. Und nicht jeder wurde in die Stadt eingelassen, nach Einbruch der Dunkelheit schon gar nicht.
In diesem 14. Jahrhundert trat Hannover auch der Hanse bei. Die Einwohnerzahl war inzwischen auf 4000 gestiegen.
Das älteste nichtkirchliche Gebäude der Stadt ist das Alte Rathaus. 1410 wurde mit dem Bau im Stil norddeutscher Backsteingotik begonnen. Später wurde es mehrfach erweitert und umgebaut. Und danach entstand auch nach und nach die Altstadt in der Form, die wir heute kennen. Das älteste erhaltene Fachwerkhaus finden wir in der Burgstraße auf Höhe der Kreuzkirche. 1566 wurde es erbaut.
Mitte des 17. Jahrhunderts wurde Hannover bei einer Einwohnerzahlt von etwa 10 000 zur Residenzstadt, wodurch neue repräsentative Gebäude entstanden. Georg, ein ehemaliger General aus dem Dreißigjährigen Krieg, übernahm die Herrschaft. An der Leine, dort wo sich ein Minoritenkloster befand, ließ er an dessen Stelle ein Schloss errichten, das Leineschloss. Außerdem ließ er die Stadt zu einer Festung ausbauen. Wie sie von nun an aussah, können wir gut an den Stadtmodellen im Historischen Museum und im Neuen Rathaus erkennen. Die Bürger Hannovers waren aber wegen der Residenz alles andere als begeistert. Sie verloren ihre Selbstständigkeit.
Kurz darauf wurde Hannover zum Kurfürstentum. Die prächtigen Gartenanlagen in Herrenhausen wurden angelegt. Kurfürstin Sophie war dabei die treibende Kraft.
Als Hannover 1714 durch eine Personalunion mit dem englischen Königshaus verbunden wurde, da es die englischen Könige stellen musste, wurde es von London aus regiert. Die Stadt verlor an Bedeutung, und sie verlor an Glanz. Dadurch allerdings konnte der große Barockgarten in Herrenhausen in seinem ursprünglichen Zustand erhalten bleiben, wurde er doch nicht mehr auf den neusten Stand der damals jeweiligen Mode gebracht. Heute können wir froh darüber sein.
Noch einmal veränderte sich das Stadtbild des alten Hannovers, als die Stadt nach Beendigung der Napoleonkriege 1815 beim Wiener Kongress zum Königreich erhoben wurde. Hofbaumeister Laves sorgte für eine großzügige Stadtplanung und ließ viele klassizistische Gebäude entstehen. So baute er zum Beispiel das Leineschloss aus, legte den Waterlooplatz als Exerzier- und Militärparadenplatz an und entwarf das Opernhaus.
So, oder zumindest ähnlich wie zu dieser Zeit, würde das alte Hannover noch heute aussehen. Doch dann kam es nach dem 1. Weltkrieg, der deutschen Boden noch verschont hatte, zum 2. Weltkrieg. Und wie alle anderen deutschen Großstädte auch, traf es Hannover schlimm. Etwa 100 Fliegerangriffe musste die Stadt über sich ergehen lassen. Der verheerendste war der am 9. Oktober 1943. Britische Bomber trafen um ein Uhr nachts über der Stadt ein. Zunächst die Pfadfinder, die rote und grüne Zielmarkierungen am Nachthimmel setzten. Dann wurden 3000 Sprengbomben, 28 000 Phosphorbrandbomben und 230 000 Stabbrandbomben abgeworfen. Ein gewaltiger Feuersturm wurde entfacht, der die Temperatur von 10 auf 34 Grad steigen ließ. Es war ein Inferno ohnegleichen. 1245 Menschen fanden in dieser Nacht den Tod. Es gab nicht genug Särge. Insgesamt wurden durch die Fliegerangriffe 7 000 Menschen getötet. Über 200 000 wurden obdachlos.
Was die Bombardierungen anrichteten, kann man sehr gut an den Stadtmodellen im Neuen Rathaus erkennen. Dort wird Hannover vor und nach dem Krieg gezeigt. 85 Prozent des Innenstadtbereichs waren vollkommen zerstört worden. Und damit auch die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern, der Ursprungsort unserer Stadt, vom dem ausgehend sie sich entwickelt hatte.
Nach dem Krieg wurde sie so gut es ging wieder aufgebaut. Und so bekommen wir bei einem Altstadtrundgang zumindest eine Vorstellung davon, wie das alte Hannover einmal ausgesehen hat. Man kann sich auch einer Führung durch die Altstadt anschließen, erfährt man doch dabei viel Interessantes über die Zustände und das Leben im alten Hannover.
Mit einer Bildserie möchte ich das, was aus den Trümmern wieder auferstanden ist, zeigen. Empfehlen kann ich auch einen Besuch des Historischen Museums, findet doch dort gerade eine Ausstellung zum Thema „Zerstörung und Wiederaufbau“ statt.
Und auch wenn vom alten Hannover nicht allzu viel übriggeblieben ist, so gibt dieses Übriggebliebene unserer Stadt doch eine Identität. Und auch das neue Hannover kann sich wohl sehen lassen. Hannover ist, wie ich finde, mit seinen Wäldern, den zahlreichen anderen Grünflächen und den vielen Gewässern eine ausgesprochen schöne Stadt. Und wir wollen hoffen, dass unserer Stadt ein Schicksal wie in den Kriegsjahren in Zukunft erspart bleibt. "Leben und leben lassen", das sollte ein Motto für die ganze Welt sein.
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Volker Beilborn aus Marburg | 27.04.2014 | 16:15  
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Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 27.04.2014 | 16:20  
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Giuliano Micheli aus Garbsen | 28.04.2014 | 15:05  
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