Zarathustra am Maschsee

Wahrscheinlich ausgelöst durch meine momentane Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche habe ich beim letzten Maschsee-Spaziergang Zarathustras “Rede von der Verwandlung” durch diverse Skulpturen illustriert gefunden.

Für die Hannover-Unkundigen sei erklärt: Der Maschsee ist ein künstlich angelegter See, der den Hannoveranern als Naherholung dient. Erste Pläne für das Anlegen eines Sees gehen bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Umgesetzt wurden sie allerdings erst von der nationalsozialistischen Regierung, die beabsichtigte den Maschsee an ein Gauforum anzubinden, das u.a. aus Stadion, Aufmarschplatz, Feierhalle, Glockenturm und diversen Parteibauten bestehen sollte.

Wenn wir am Südufer unseren Spaziergang beginnen und den Weg am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer entlanggehen, erreichen wir die Löwenbastion mit zwei großen Bronzelöwen von Arno Breker, die eine Treppe flankieren.


Das Maschseeufer kann insgesamt als militärischer Festungswall angesehen werden, aus dem ausgearbeiteten Vorsprünge, von denen die Löwenbastion der größte ist, jeweils hervorbrechen.

Diese Bollwerke erinnern in ihrer Funktion an die Wachtürme einer mittelalterlichen Burganlage und wecken Assoziationen von Verteidigungssituationen. Zu dieser Beobachtung passt auch, dass die Blicke der Löwen dem Maschsee abgewendet sind.

Der Löwe wird allgemeinhin als “König der Tiere” angesehen. Er wird als Symbol der Stärke, des Mutes und der Macht gedeutet und findet sich häufig in Wappen wieder.

Genauso wie in der Heraldik stehen auch die Maschsee-Löwen auf ihren Hinterfüßen, wodurch ihre Körperhaltungen “aufsteigend” und damit “siegreich” wirken.

Dieses heroische Tier begegnet uns schon bei Nietzsche:

"In der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen Wüste.
Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem großen Drachen ringen.[293]
Welches ist der große Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heißen mag? »Du-sollst« heißt der große Drache. Aber der Geist des Löwen sagt »ich will«.
»Du-sollst« liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppentier, und auf jeder Schuppe glänzt golden »Du sollst!«
Tausendjährige Werte glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der mächtigste aller Drachen: »Aller Wert der Dinge – der glänzt an mir.«
»Aller Wert ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert – das bin ich. Wahrlich, es soll kein ›Ich will‹ mehr geben!« Also spricht der Drache.
Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das lastbare Tier, das entsagt und ehrfürchtig ist?
Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des Löwen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.
Recht sich nehmen zu neuen Werten – das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Tieres Sache.
Als sein Heiligstes liebte er einst das »Du-sollst«: nun muß er Wahn und Willkür auch noch im Heiligsten finden, daß er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube."

Der Löwe steht bei Nietsche für den Menschen, der sich in die Einsamkeit begibt, um der Fremdbestimmung zu entkommen.

Zuvor nämlich hat sich der Geist zum “Kamel” verwandelt, was bei Nietzsche für eine Sklaven-Existenz steht, die dem sogenannten “Common Sense” niemals hinterfragt. Im Gegenteil: Das Kamel ist darauf angewiesen, sich fremden Vorstellungen zu unterwerfen und seine dumpfe Erfüllung in der Zugehörigkeit zu einem “Rudel” zu sehen.

Erst wenn es seine Lasten zerfetzt und in die sinn- und wertbereinigte und “einsamste” Wüste stürmt, wird das Kamel zum Löwen. Nun ist es der Rebell, der die überkommende Werte in Frage stellt und sie kompromisslos zurückweist. Als Nihilist entdeckt er seinen Willen zur Autonomie, ersetzt aber die alten Werte, gegen die er einst aufbegehrte, nicht durch neue. Als radikaler Skeptiker entwickelt er keinen Sinnentwurf, der den Gesetzen des “Rudels” etwas entgegensetzen könnte. Der Löwe verharrt in der bloßen Verneinung: Er entdeckt zwar seinen eigenen Willen, wird aber selbst nicht zum handelnden Subjekt.

So sagt er zwar: “Ich will”, kann aber die Frage nicht beantworten:

“Was willst du überhaupt?”

Fortsetzung: www.mamiwata.de
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