Auf den Spuren der Kurfürstin Sophie durch den Großen Garten von Herrenhausen – Grünanlagen in und um Hannover

Eintritt in eine fürstliche Welt.
 
Im Jahr 1637 machte Welfenherzog Georg von Calenberg Hannover zu seiner Residenz. Bei dem Dorf Höringehusen legte er einen Wirtschaftshof an.
 
Sein Amtsnachfolger, Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Calenberg, machte aus dem Wirtschaftshof eine Sommerresidenz. (Alle Gemälde im Schlossmuseum abfotografiert.)
 
Er ließ auch einen Barockgarten anlegen. Zunächst jedoch von bescheidenem Ausmaß.
Hannover: Großer Garten | Hannover wird nicht umsonst „Die Stadt im Grünen“ genannt. Und das zu Recht. Wohl kaum in einer anderen Stadt gibt es so viele Grünanlagen wie in der niedersächsischen Metropole. Ob herrlicher Buchenwald inmitten des Großstadttrubels. Ob an zahlreichen Seen, den großen Gartenanlagen von Herrenhausen, den vielen Parks oder an Leine, Ihme oder Mittellandkanal. Überall lädt es den Spaziergänger oder Radfahrer dazu ein, diese grünen Stadtinseln zu erkunden. Natürlich sind den Bewohnern der Stadt die meisten Grünanlagen bekannt, manche andere aber auch nicht. Mit einer Serie möchte ich diese grünen Gebiete vorstellen. Heute geht es um eine barocke Parkanlage, die nicht weit vor den Toren des alten Hannovers liegt.


Kurfürstin Sophie und der Große Garten

Die meisten Touristen, die nach Hannover kommen, haben ein ganz bestimmtes Ziel. Das sind die Herrenhäuser Gärten. Und in erster Linie ist es bei diesem Ensemble von vier Gartenanlagen der Große Garten, einer der schönsten Barockgärten Europas, der die Menschen anzieht. In diesem prächtigen Lustgarten können sie zwischen schnurgeraden Baumalleen, geschwungenen Buchsbaumhecken, schneeweißen Skulpturen und sprudelnden Fontänenbecken auf den Spuren der Kurfürstin Sophie wandeln. Die war es nämlich in erster Linie, die den Garten geprägt hat.

Sophie von der Pfalz, 1630 in Holland geboren, war die Tochter von Friedrich V. von der Pfalz und der englischen Prinzessin Elisabeth Stuart, Tochter König Jacob I. von England, Irland und Schottland. Dadurch sollte sie in späteren Jahren den Anspruch auf den Königsthron von Großbritannien und Irland erlangen. Im Jahr 1658 heiratete sie am Hof von Heidelberg, wo sie seit 1650 bei ihrem Bruder lebte, den Prinzen Ernst August. Als dieser, bald darauf Fürstbischof in Osnabrück, das Fürstentum Calenberg-Göttingen-Grubenhagen erbte, siedelte das Paar mit seinem Hofstaat nach Hannover über. Die Stadt an der Leine mit ihren 10.000 Einwohnern wurde zur neuen Residenz von Ernst August und dieser 1692 sogar zum Kurfürsten von Hannover. Und nur durch diese Kurwürde konnte sein Sohn, Georg I., später zum englischen König werden.

Sophie, die in Holland im Exil aufgewachsen war, da ihr Vater im 30-jährigen Krieg auf der Verliererseite gestanden hatte, hatte eine große Leidenschaft. Schon in Osnabrück hatte sie sich einen größeren Garten angelegt. Nun ließ sie von dort ihren Hofgärtner, Martin Charbonnier, nachkommen und holte ihn nach Herrenhausen, das unweit nordwestlich vor den Toren Hannovers lag. Dort befand sich die Sommerresidenz, die Ernst Augusts Vorgänger, Herzog Johann Friedrich von Calenberg, aus dem Vorwerk Höringehusen hatte entstehen lassen. Herzog Ernst August taufte den Namen dieses herrschaftlichen Zweitsitzes in Herrenhausen um, und damit begann dessen bedeutendste Epoche.

Der Herzog war sehr machtbewusst, strebte mit allen erlaubten und auch weniger seriösen Mitteln die Kurwürde an. Dazu musste er sich gegenüber den anderen Kurfürsten als würdig erweisen und entsprechend repräsentieren können. So ließ er neben dem Leineschloss mit fünf Rängen eines der größten Opernhäuser Europas errichten. Auch das Schloss Herrenhausen ließ er ausbauen. Doch Gartenangelegenheiten sind eher Frauensache. Und diesen widmete sich nun und mit aller Hingabe Ehefrau Sophie. Vielleicht auch durch diese anspruchsvolle Aufgabe hat sie die amourösen Eskapaden ihres Mannes, der zusätzlich, wie damals üblich, auch noch seine Mätresse hatte, besser ertragen. Scheinbar mit Gleichmut ließ sie diese über sich ergehen. Und so nannte sie die Gartenplanung, die nun ihr hauptsächlicher Lebensinhalt war „mein Leben“.
Unter ihrer Regie wurde der bereits bestehende Garten um das Vierfache vergrößert. Aber auch Ehemann Ernst August trug dazu bei, musste er doch repräsentieren und einiges vorweisen können. So entstand zu dieser Zeit auf Sophies Wunsch das Gartentheater, in dem Komödien von Molière aufgeführt wurden und in dem wohl so mancher Hannoveraner schon den „Sommernachtstraum“ gesehen hat. Im Großen Parterre wurden weiße Barockfiguren, zum Teil in dramatischen Szenen, aufgestellt. Der etwa zwei Kilometer lange Umfassungsgraben, die Graft, entstand, die den Garten von drei Seiten umgibt. Sophie ließ das Galeriegebäude bauen und mit prächtigen Wandgemälden versehen, das später ihr Zuhause wurde. Und die Südhälfte des Gartens, der „Nouveau Jardin“, wurde angelegt.
Doch etwas anderes war es, durch das Hannover in anderen Fürstentümern berühmt wurde. Das waren die Wasserspiele, waren doch Fontänen ein wichtiges Element der Barockgärten. Doch die Hannoverschen waren eine Attraktion und weit über das Kurfürstentum hinaus bekannt. Das Wasser dazu wurde zu Sophies Zeiten von künstlich angelegten Teichen am Benther Berg hergeleitet. Die Fontänen wurden von anderen eingeladenen Kurfürsten bewundert und bestaunt. Besonders beliebt waren aber auch die Illumination der Gartenanlage und die dort stattfindenden Karnevalsfeste nach venezianischem Vorbild.
So fand also in Herrenhausen ein reges Hofleben statt, eines Fürstentums würdig. Selbst Zar Peter der Große aus Russland kam mehrmals zu Besuch. Als dieser als junger Mann einmal mit großem Hofstaat auf dem Weg nach Holland im nahen Coppenbrügge übernachtete, reiste die hohe hannoversche Damenwelt an, um ihn kennenzulernen. Bei diesem Treffen soll es fröhlich zugegangen sein, und der Zar war von Sophie und ihrer Tochter Charlotte, die später Königin von Preußen werden sollte, so angetan, und umgekehrt war es nicht anders, dass es zum sogenannten "Damenfrieden" kam, der einen Krieg zwischen Österreich und Preußen verhindert haben soll.
Doch ein Mann war es, den hatte Sophie wohl am liebsten an ihrer Seite, und mit ihm wandelte sie nicht selten durch den Großen Garten. Das war der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, den sie nach Hannover geholt hatte. Dieser war ein Universalgenie auf vielen Gebieten. Er erfand sogar eine erste Rechenmaschine, die man heute im Schlossmuseum bewundern kann. Sozusagen den Vorläufer aller Computer. Am Leinekanal hinter dem Großen Garten wurde auf sein Geheiß, allerdings erst nach Sophies Tod, die Wasserkunst errichtet, eine komplizierte Mechanik, die die Große Fontäne auf eine Höhe von damals sensationellen 35 Meter springen ließ. Heute sollen es bei Windstille 82 Meter sein. Doch Leibniz war nicht nur Wissenschaftler und Philosoph. Er beriet die Kurfürstin auch in politischen Fragen. So half und riet er bei der Verheiratung ihrer Kinder. Sechs Söhne, von denen drei vor ihr starben und eine Tochter sollte sie bekommen. Einer ihrer Enkelsöhne sollte Friedrich der Große werden.
Mit Leibniz spazierte sie nun allzu gern durch den Garten, unterhielt sich mit ihm über Literatur, das Theater, philosophierte mit ihm und lauschte gebannt seinen wissenschaftlichen Ausführungen. Und das alles wohl in französischer Sprache, denn das war damals die Sprache des Hofes. Sophie war eine kluge und hochgebildete Frau, und so konnte sie wohl auf vielen Gebieten dem Genie Leibniz folgen.
Doch natürlich interessierte sie sich auch für die neuste Pariser Kleidung, worüber sie sich mit ihrer Lieblingsnichte, Liselotte von der Pfalz, regelmäßig austauschte, musste sie doch bei Staatsbesuchen und den höfischen Feierlichkeiten auf dem aktuellen Stand der Mode sein.

Eines sollte ihr jedoch nicht mehr vergönnt sein, nämlich den englischen Thron zu besteigen, zu dessen Anspruch durch seine Beratertätigkeit auch Leibniz mit beigetragen hatte. Ehemann Ernst August war bereits 1698 gestorben. 16 Jahre später ereilte auch sie der Tod. Bei ihrem allabendlichen Spaziergang durch den Großen Garten erlitt sie im Alter von 83 Jahren einen Schlaganfall, wenige Wochen bevor sie Königin von Großbritannien und Irland hätte werden können. Dafür war es ihr Sohn, Georg I., der nun den Thron besteigen sollte. Damit begann zwischen England und Hannover eine Personalunion, die 123 Jahre andauern sollte. Hannover blieb Kurfürstentum, wurde nun aber von London aus regiert. Damit fiel der Große Garten in einen Dornröschenschlaft, da Hannover nun nicht mehr repräsentieren musste. Und das sollte ein Glück sein. Während andernorts überall Barockgärten, der Mode entsprechend, in englische Landschaftsgärten umgewandelt wurden, blieb der Große Garten in seiner Grundform erhalten.
Das Haus Hannover aber sollte nach Sophies Tod durch deren Erbanspruch fünf englische Könige stellen, von denen als letzte die große Viktoria das Königsamt innehatte, unter der das größte Weltreich entstehen sollte, dass die Erde je gesehen hat. Kurfürstin Sophie aber fand ihre letzte Ruhestätte im Mausoleum des Berggartens neben dem Großen Garten, den sie so geliebt hat und der ihr Leben war. Und wir Hannoveraner werden immer wieder an sie erinnert werden, wenn wir durch diese prächtigen, barocken Gartenanlagen spazieren. Dann werden wir auf Spuren unterwegs sein, die uns die große Kurfürstin hinterlassen hat.

Vorgestellt habe ich in dieser Reihe bisher:

Georgengarten und Welfengarten

Der Park des Westfalenhofes der Tierärztlichen Hochschule in Kirchrode

Der Wietzepark bei Langenhagen und seine Umgebung

Expo-Gärten im Wandel

Der Mittellandkanal

Der Hermann-Löns-Park

Friedhöfe als Parkanlagen

Herbstzeit im Von-Alten-Garten am Lindener Berg

Der Stadthallengarten

Landschaftsschutzgebiet Alte Bult

Der Kronsberg zwischen Anderten und Laatzen

Die Mergelgruben bei Misburg, Anderten und Höver

Herbstzeit an der Leine

Vogelparadies Südliche Leineaue

Kreuz und quer durch die Eilenriede

Das Blaue Wunder vom Lindener Berg

Flaniermeile Maschsee
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1 Kommentar
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Katja Woidtke aus Langenhagen | 20.06.2016 | 19:15  
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