Was macht man als integrationspolitische Sprecherin, Frau Dr. Lesemann?
Hannover: IGS Kronsberg | Dieser Frage ging unsere AG-Gruppe am 1.6.2011 im Rahmen unseres Projekts "Du und ich - Vielfalt als Chance" nach.
Für das Gespräch kam Frau Dr. Silke Lesemann, Integrationspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Niedersachsen, eigens an die IGS Kronsberg Hannover zu unserem Projekttreffen.
Während unserer letzten AG-Stunde hatten wir uns Fragen überlegt, die wir nun Frau Dr. Lesemann stellen wollten. Nach der Begrüßung durch Projektleiterin Corinna Luedtke informierte uns die Politikerin über ihre Person und schilderte uns ihren Werdegang:
Silke Lesemann wurde in Hildesheim geboren. Nach dem Abitur studierte sie Geschichte und Soziologie an der Universität Hannover, anschließend arbeitete sie im Stadtarchiv Hildesheim. Nach ihrer Promotion im Jahre 1993 im Fach Geschichte führten ihre beruflichen Stationen von den Universitäten in Hannover und Potsdam zur Technischen Universität in Braunschweig. Im Jahre 2008 kehrte sie zurück nach Hannover, dieses Mal als Politikerin im Niedersächsischen Landtag, wo sie seit 2010 als integrationspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion tätig ist.
Als Ortsbürgermeisterin lebt Frau Dr. Lesemann mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Bolzum bei Sehnde.
Nachdem wir uns nun ein Bild von der Politikerin machen konnten, stellte Gözim die erste Frage: „Was macht man als integrationspolitische Sprecherin?“
„Integration bedeutet Einbeziehen und gleiche Chancen für „Zugewanderte“ und „Einheimische“ zu schaffen. Ich achte darauf, dass das Thema Integration in allen Politikfeldern behandelt wird. Das gilt für die Bereiche Bildung und Gesundheit genauso wie für den Wohnungsbau und alle anderen Politikfelder. Integration geht alle Menschen etwas an und wirkt sich auf vieles aus.“
Jan will wissen, was die Politikerin veranlasst habe, zu uns in die AG zu kommen.
„Zum einen kenne ich Frau Luedtke und ihre Schülerprojekte, zum anderen muss man als Politiker rausgehen und sich unterhalten. Ich gehe gerne an Schulen und spreche mit jungen Menschen.“
Auf Marcels Frage, wie sie zur Politik gekommen sei, erklärt sie, dass sie sich schon als junger Mensch für die Allgemeinheit eingesetzt habe. „In dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, gab es kein Jugendzentrum. Ich habe mich mit anderen Jugendlichen zusammengetan und gemeinsam haben wir ein Jugendzentrum aufgebaut. Später habe ich mich in der Studentischen Interessenvertretung engagiert. Soziale Gerechtigkeit, gleiche Rechte für Frauen und Männer waren mir schon immer wichtig.“
Ob der Politikerjob denn auch Spaß mache? Gözim lacht. Bei so viel Politik den ganzen Tag kann er sich das offenbar kaum vorstellen.
„Ja, mein Beruf macht mir Spaß, weil er so abwechslungsreich ist. Heute morgen war ich zum Beispiel im Innenausschuss. Es wurde über das Thema ‚Muss der Kampfmittelbeseitigungsdienst privatisiert werden oder nicht?’ diskutiert. Dann wieder beraten wir darüber, wie Asylsuchende am besten ihren Lebensunterhalt bestreiten – mit Bargeld oder Gutscheinen.“
Als Mouna fragt, wie lang der Arbeitstag der Politikerin ist, erfahren wir, dass die Sehnderin gegen 9 Uhr das Haus verlässt und oft nicht vor 20 Uhr wieder zurück ist. Aber auch dann ist der Arbeitstag nicht immer vorüber. Am Abend werden E-Mails beantwortet, Informationen im Internet gesammelt und Vorbereitungen für den nächsten Tag getroffen. Und auch samstags gibt es Termine, manchmal sogar sonntags. Und wenn dann endlich Feierabend ist, kann es passieren, dass es an der Haustür klingelt und Frau Dr. Lesemann als Ortsbürgermeisterin gefragt ist.
Calvin war es wichtig zu erfahren, was die Politikerin über die „Doktortitelfälschung“ des Freiherrn zu Guttenberg sagt.
„Ganz schlimm, dass er den Betrug so lange verborgen gehalten hat“, hören wir. Seine aktuellen Rechtfertigungen seien unfair. Zu Guttenberg habe sich selbst entehrt und der Wissenschaft geschadet. Lehrreich für uns war es, dass auf Mounas Frage, ob es Noten für eine Doktorarbeit gebe, zu erfahren, dass – neben einem Gutachten – die Bewertungen zumeist auf Lateinisch erfolgen. So wird eine Promotion zum Beispiel mit „summa cum laude“ (mit höchstem Lob) ausgezeichnet, mit „magna cum laude“ (mit großem Lob) oder „cum laude“ (mit Lob) „rite“ (befriedigend, an manchen Hochschulen ausreichend).
Frau Dr. Lesemanns Doktorarbeit befasst sich mit der Stellung der Frau im frühneuzeitlichen Hildesheim. Das wissenschaftliche Arbeiten empfand sie als äußerst interessant, zum Beispiel anhand von Informationen (aus Archiven und anderen Quellen) zu erfahren, wie die wirtschaftliche oder rechtliche Situation von Frauen vor 400 Jahren war.
Zurück zur Politik: Wie kommen Anfragen an die Politik?
„Am besten schaut man, wer als Landtagsabgeordneter für die Kontaktaufnahme infrage kommt. Man kann auch direkt an den Landtag schreiben oder einen Brief an den Petitionsausschuss schicken.“
Wird man denn als Einzelner überhaupt wahrgenommen?
„Für den Einzelnen mag es schwieriger sein, wahrgenommen zu werden. Gut ist es, wenn man eine Initiative bildet und eine Petition schreibt. Zum Beispiel könnte die IGS eine Initiative gründen, um auf Missstände oder Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.“
Inwiefern ein Einzelner trotzdem auch wahrgenommen wird, veranschaulicht die Politikerin am Beispiel der Belange von Inhaftierten eines Gefängnisses.
„In der Sehnder Justizvollzugsanstalt sind ca. 400 Männer inhaftiert. Ein Inhaftierter kann sich über schlechtes Essen oder Ähnliches beschweren. Gözim fragt interessiert: „Wird das denn ernst genommen, wenn ein Inhaftierter sich beschwert?“
„Jeder Mensch hat ein Recht, zum Beispiel auf gesundes Essen. Jeder Mensch muss würdig behandelt werden – so steht es im Grundgesetz“, erklärt uns Frau Dr. Lesemann.
Die Schülerinnen und Schüler wollen noch wissen, was Frau Dr. Lesemann anders machen würde als Angela Merkel.
Aus aktuellem Anlass fällt das Stichwort „Atompolitik“. Für Frau Dr. Lesemann ist Frau Merkels Haltung im Für und Wider von Atomenergie nicht glaubwürdig.
Dass die Bundesregierung im viel diskutierten Bereich Integration gerade die Integrationskurse gekürzt hat, ist für die Integrationspolitische Sprecherin nicht nachvollziehbar. „Das ist schlecht, weil den Menschen die Chance genommen wird, sich gut einzuleben. Der Vorwurf, „Die wollen sich doch nicht integrieren, ist unfair“.
Wenn eine Politikerin deutlich Stellung bezieht – wie zum Beispiel zum Thema Integration – ist der Beruf dann nicht manchmal sogar gefährlich?
„Ich benötige keinen Personenschutz. Unter den niedersächsischen Politikern haben nur der Ministerpräsident und der Innenminister Personenschutz.“
Zum Abschluss des Gespräches betont Frau Dr. Lesemann, wie wichtig es sei, dass man vom Wahlrecht Gebrauch mache, „dass jeder hingeht, denn jede Stimme zählt. Jeder kann sich engagieren und etwas verändern. Um sich einzusetzen, muss man die eigenen Interessen erkennen.“
Dass solch ein Gespräch ein guter Ansatz ist, politisch denken und handeln zu lernen, zeigt das positive Feedback, das die Schülerinnen und Schüler der Politikerin zum Abschluss geben. Die Diskussion hat vielen von uns zu einem besseren Verständnis von Politik verholfen. Wir danken Frau Dr. Lesemann, dass sie sich die Zeit für uns genommen hat.
Informationen zum Projekt unter duundichonline






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