Das Grab des Tutanchamun im Tal der Könige

Die Totenmaske des Tutanchamun. (Da nicht alles fotografiert werden darf, habe ich einige Male den Zeichenstift angesetzt.)
 
Der Nil ist die Lebensader Ägyptens. Ohne ihn hätte sich diese hohe Kultur, die vor 5000 Jahren ihre Anfänge genommen hat, nicht entwickeln können.
 
Bei Luxor befindet sich das Tal der Könige.
 
Die Pyramiden von Gizeh, das einzig verbliebene der Sieben Weltwunder.
 
Das Totenreich befindet sich auf der westlichen Seite des Nils.
Luxor (Ägypten): Tal der Könige | Für denjenigen, der in Ägypten auf Reisen ist, gibt es eine Menge Interessantes zu sehen und zu bestaunen. Historisches aus immerhin fünf Jahrtausenden. Und das in einer Fülle, die auf unserer Erde einzigartig ist. Kein anderes Land kann da mithalten. Nur das Zweistromland von Euphrat und Tigris hat mit seinen Zikkuraten eine ähnlich alte Kultur aufzuweisen. Es sind die Flüsse, die Lebensadern dieser Gebiete, die zu diesen hochentwickelten Staats- und Kulturformen geführt haben.

In Ägypten ist es die hektische Metropole Kairo mit den großen Moscheen und mit ihren ausufernden Stadtteilen, die der Reisende zunächst kennenlernt und die ihn in seinen Bann zieht. Mit fast acht Millionen Einwohnern ist Kairo die größte Stadt Afrikas. Doch das ist nur der Ausgangspunkt für alles Weitere. Gleich daran, ohne Übergang, schließt sich eine weitere Millionenstadt an. Das ist Gizeh, und dort, am Rande des Niltales, kann das einzige erhalten gebliebene der einst Sieben Weltwunder bestaunt werden. Natürlich sind es die drei großen Pyramiden von Gizeh. Aber es gibt noch viele andere dieser riesigen Grabmale, etwa 80 an der Zahl.
Die Pharaonen der ersten Dynastien waren sich bei deren Bau sicher, dort für alle Ewigkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden zu haben, von der aus sie den Weg in das Totenreich antreten konnten. Doch sie sollten sich täuschen. Grabräuber gab es schon immer. Leider ist das bis heute so geblieben. Mit ungeheurem Aufwand trieben diese Gänge in die mächtigen Bauwerke, umgingen die ausgeklügelten Sicherheitssysteme und plünderten die Grabkammern. Das war der Grund nachfolgender Pharaonendynastien ihre Gräber auf andere Weise anzulegen. Da Monomentalität und dicke Mauern keinen Schutz vor den Räubern boten, ging man dazu über, die Gräber bei Luxor auf der anderen Seite des Nils in Theben-West, dem Reich der Toten, in einem Felskessel als höhlenartige Grabanlagen, die zum Teil tief in den Fels getrieben wurden, anzulegen. So entstand dort in der Neuzeit, die immerhin auch vor ca. 3500 Jahren begann, in einem Tal, von braunen Felsmassiven umgeben, eine neue Begräbnisstätte, das Tal der Könige. 64 Gräber konnten dort bis heute entdeckt werden.
Doch auch die neuen Grabanlagen boten, trotz Bewachung, keinen Schutz vor den Grabräubern. Sicherlich waren die Wächter bestechlich. Oder wie auch immer sie es schafften. Wo es um Wertvolles geht, kannte und kennt die Kreativität der Räuber keine Grenzen. So wurde ein Grab nach dem anderen geplündert, bis schließlich jemand auf die Idee kam, zumindest die Mumien der Pharaonen zu retten und diese, wohl bei einer Nacht- und Nebelaktion, in einer Felshöhle an anderer Stelle zu verstecken. Diesen frühen Ägyptern ist es zu verdanken, dass so viele Königsmumien, die durch einen Zufall entdeckt wurden, erhalten geblieben sind.
Und Zufälle spielten in der Archäologie schon immer eine große Rolle. Nicht nur bei Schliemanns Entdeckung von Troja oder der Terrakotta-Armee in China. Es gibt unzählige Beispiele dafür. Und der vielleicht Bedeutendste spielte sich im Tal der Könige ab.
Das Tal wurde schon von vielen Archäologen, die damals den Namen noch nicht wirklich verdient hatten, da sie aus heutiger Sicht alles andere als wissenschaftlich vorgingen, nach Gräbern abgesucht. Und schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war man der Meinung, dass wohl alle Gräber gefunden seien. Doch dem war nicht so. Das eine oder andere Pharaonengrab wurde tatsächlich noch entdeckt. Doch zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren die mächtigen Schuttberge des Tales zigmal hin und her geräumt worden. Kein Stein war auf dem anderen geblieben. Und so glaubte man allgemein, dass nun wirklich nichts mehr zu finden sei. Doch 1914, genau vor 100 Jahren und als der Erste Weltkrieg begann, bekam ein junger Archäologe namens Howard Carter die Konzession für die Grabungen im Tal zugesprochen. Finanziert wurde das Unternehmen von dem steinreichen Engländer Lord Carnarvon, der ein Weltmann und Kunstsammler war. Und damit beginnt die aufregendste Geschichte, die Ägypten, vielleicht die gesamte Archäologie zu bieten hat.
Doch zunächst tat sich nicht viel. Das Tal wurde rauf und runter abgesucht. Doch erst 1917 konnte in großem Maßstab mit den Arbeiten begonnen werden. Es war wohl Intuition von Howard Carter, dass er schließlich genau das Feld für die Grabungen auserkoren hatte, in dem später das Grab entdeckt werden sollte. Carters Vorgänger Davis, zu dessen Grabungsteam auch der junge Carter selber gehörte, hatte einen Becher mit der Inschrift des Pharaos Tutanchamun gefunden. Und nun entdeckte er einen Kasten mit Goldblättchen, auf denen ebenfalls der Name stand. Auch Anderes kam noch hinzu. Und so begann Carter gezielt nach dem Grab Tutanchamuns zu suchen, und nicht nach dem irgendeines anderen Pharaos.
Doch die Suche schien nicht von Erfolg gekrönt zu sein. Nachdem man sechs Jahre lang 200.000 Tonnen Gesteinsschutt bewegt hatte, wollte man schon aufgeben. Doch schließlich entschloss man sich dazu, noch einen einzigen Grabungswinter dranzuhängen, einen wirklich allerletzten Versuch zu machen. Und dazu wählte man eine Stelle, die man sechs Jahre zuvor schon einmal ins Auge gefasst hatte, die man aber wieder verworfen hatte, um nicht den Touristenzugang zum Grab Ramses VI. zu versperren. Dort wurden nun die Arbeiterhütten aus der XX. Dynastie abgerissen, die wohl zur Anlage des Ramsesgrabes errichtet worden waren. Und genau an dieser Stelle ließ Carter den Steinschutt großräumig abzutransportieren.
Und sie mussten nun, nach jahrelanger vergeblicher Arbeit, nicht lange graben, als sie eine Treppenstufe freilegten. Es war der 3. November 1922, als sie damit den Zugang eines Grabes fanden. Aber war es tatsächlich das Gesuchte, das eines anderen Pharaos oder nur das eines Hofbeamten? Und war es, wie alle anderen Königsgräber auch, ausgeraubt? Die Spannung muss für Carter unerträglich gewesen sein. Stufe für Stufe wurde vom Steinschutt befreit, bis schließlich am Ende des Tages die Oberkante einer Tür freigelegt wurde. Doch dann musste die Grabung unterbrochen werden. Lord Carnarvon weilte in England. Und ohne seinen Geldgeber konnte Carter nicht weitermachen.
Zweieinhalb Wochen sollten vergehen, bis dieser endlich an Ort und Stelle eintraf. Wie schwer Carter diese Wartezeit geworden ist, können wir uns wohl vorstellen. Bisher war kein einziges Königsgrab entdeckt worden, das nicht ausgeraubt war. Nur das Grab der Urgroßeltern Tutanchamuns, Juja und Tuja, war von dem Amerikaner Davis wenige Jahre zuvor unversehrt gefunden worden. Und daraus konnten wertvollste Grabbeigaben geborgen werden. Doch was sollte nun hier auf sie zukommen?
Doch dann war Carnarvon da, und die Grabungen konnten fortgesetzt werden. Erneut wurde die aus Sicherheitsgründen wieder zugeschüttete Treppe vom Schutt befreit. Und kaum kam man mit der Freilegung etwas tiefer als beim ersten Mal, da stieß man auf die Siegel der Totenstadt und das des Tutanchamuns. Nun war man sicher, dessen Grab gefunden zu haben. Aber die erste Freude trübte sich. Man musste auch feststellen, dass das Grab geöffnet, aber auch wieder verschlossen worden war. Sollte nun auch dieses ausgeraubt sein? Doch das erneute Verschließen ließ vermuten, dass im Grab noch Wertvolles zurückgeblieben sein musste.
Hinter der Tür stießen die Arbeiter auf einen Gang, der bis zur Decke mit Geröll angefüllt war. Es dauerte mehrere Tage, bis die 10 Meter lange Stecke davon befreit worden war. Dann standen sie vor einer zweiten zugemauerten und mit Mörtel verputzten Tür. Und auch hier fanden sie dieselben Siegel.
Lord Carnarvon und dessen Tochter in seinem Rücken, stieß Carter eine kleine Öffnung in die zugemauerte Tür hinein. Es wurde ihm eine Kerze gereicht. Warme Luft, die 3.300 Jahre stillgestanden hatte, strömte aus der Öffnung hervor und ließ die Kerzenflamme flackern. Dann steckte Carter den Arm mit der Kerze in der Hand in die Finsternis hinein. Es brauchte eine Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Schließlich fragte ihn der Lord, was er denn da sähe? Vor Carters Augen tauchten fantastische Dinge aus der Dunkelheit auf. Im flackernden Licht sah er seltsame Tiergestalten, überall glänzendes Gold, verschiedenste Statuen und noch viel mehr. Und so antwortete er: „Wunderbare Dinge“.
Es war der 26. November 1922, der Tag, der zum Schönsten in Howard Carters Leben werden sollte. Er hatte das Grab des Tutanchamun entdeckt. Das Grab eines Pharaos, in das zwar damals ebenfalls Grabräuber eingedrungen waren, die wohl jedoch, nach mehreren Besuchen des Grabes, entdeckt wurden, so dass das Grab wieder verschlossen wurde. Und so sind die meisten Schätze erhalten geblieben. Schätze, wie sie in der Geschichte der Archäologie in dieser Fülle und von diesem Wert kein zweites Mal gefunden wurden. Allein die Vorkammer barg Hunderte von Einzelstücken. Und dann gab es da noch die eigentliche Grabkammer, eine Seitenkammer und eine Schatzkammer. So zog sich die Freilegung des Grabes über Jahre hin. Und Carter war einer der ersten Archäologen, und nicht nur ein Abenteurer wie die meisten seiner Vorgänger, die bei der Arbeit systematisch und penibel vorgingen, die jeden Schritt dokumentierten. So ist es ein Segen, dass das Grab nicht früher entdeckt wurde.
Lord Carnarvon konnte sich an dem von ihm finanzierten Fund nicht lange erfreuen. Er starb ein halbes Jahr danach, vermutlich durch den Stich eines Moskitos. Doch da noch viele weitere Personen, die an der Grabfreilegung beteiligt waren, auf mehr oder weniger mysteriöse Weise starben und da das auch bei anderen Grabungen vorkommen sollte, wurde schließlich „Der Fluch der Pharaonen“ zum Leben erweckt. Dieser Stoff ging durch die Weltpresse, und dabei durfte sich so richtig schön gegruselt werden. Das passte in die Viktorianische Zeit, in der die Ägyptologie eine bedeutende Rolle spielte. Doch ist da tatsächlich etwas dran? Heute glaubt man es zu wissen. Vermutlich waren es die Sporen der Schimmelpilze in den alten Grabanlagen, die durch Krankheit sowieso schon geschwächten Personen zum Verhängnis wurden. Diese konnten wohl durch Einatmen den Tod herbeiführen.
Und wer war nun dieser Tutanchamun überhaupt? Er war ein junger Mann, ein unbedeutender Pharao. Sein Vater war der "Ketzerkönig" Echnaton, der als einzigen Gott den Sonnengott Aton anbetete. Seine Mutter war eine der Nebenfrauen Echnatons, Anchesepaton, eine Schwester von diesem. Das war damals nicht unüblich, wusste man doch nichts von Inzucht. So wurden von den Pharaonen auch Schwestern, Töchter oder sogar die Mutter geehelicht. Doch Tutanchamun war ein kranker junger Mann. Er starb im Alter von nur 19 Jahren. Vermutlich ging er aufgrund einer Knochenkrankheit, die durch Inzest entstanden sein könnte, an Krücken, von denen auch diverse in seinem Grab lagen. Außerdem litt er an einem Beinbruch, der sehr schmerzhaft gewesen sein muss. Ein Loch in seinem Schädel ist wohl erst bei der Mumifizierung entstanden und nicht vielleicht durch einen Sturz vom Streitwagen, wie man es früher angenommen hatte.

Im Tal der Könige wurden bis heute 64 Gräber entdeckt. Vielleicht wird es doch noch einmal eine Überraschung bereithalten. Und wenn schon das kleine Grab eines unbedeutenden Pharaos eine solche Menge an Grabbeigaben, die aus heutiger Sicht wertvollste Schätze sind, bereithält, dann kann man sich nur ausmalen, was sich einst für Schätze in den viel größeren Gräbern der bedeutenden Pharaonen befunden haben müssen, zum Beispiel denen eines Amenophis, eines Ramses, eines Sethos oder eines Tuthmosis.
Für denjenigen, der in Ägypten unterwegs ist, bildet das Tal der Könige in Theben-West natürlich einen absoluten Höhepunkt. In den Jahren 1977 und 1980 habe ich es besucht. Beide Male war ich im Grab des Tutanachamun. Und es war sehr aufregend für mich, die Treppenstufen hinabzusteigen, die Howard Carter vor nun bald einem Jahrhundert freigelegt hatte. Durch den 10 Meter langen Gang in die Vorkammer zu gelangen, in die Carter den ersten Blick auf so Wunderbares werfen konnte, und von der aus man in die eigentliche Grabkammer blicken kann. Von dort aus sah man auf einen Sarkophag, in dem sich damals immer noch die Mumie des Pharaos befand, die einzig verbliebene im ganzen Tal. Und es lief mir ein Schauer über den Rücken, an diesem Ort, der vielleicht der bedeutendste der Archäologie ist, zu stehen.
Doch eines hat mich schon damals gestört. Die wunderbaren Wandbilder waren von Stockflecken übersät. 3300 Jahre lang waren sie in ihren reinsten Farben erhalten geblieben. Doch inzwischen waren Hunderttausende Besucher durch die Grabanlage geströmt und hatten durch ihre feuchte Atemluft Schimmelpilze an den Wänden entstehen lassen. Und diese zerstören das, was nach dem Glauben der Beigesetzten eigentlich für die Ewigkeit erhalten bleiben sollte. Im Grunde dürften die Gräber nicht betreten werden. Es sei denn, man könnte die Wandbilder heute auf irgendeine Art versiegeln und damit schützen. Und deswegen ist es gut, dass heute Grabkammern nachgebildet werden können und man auf diese Art die Grabräume betreten kann. So war es im Jahr 2001, als im Kästnermuseum in Hannover genau die Grabkammer des Tutanchamun besichtigt werden konnte. Einige Fotos davon zeige ich. (Meine Ägypten-Fotos von damals haben leider ziemlich an Qualität eingebüßt, und manches, was nicht fotografiert werden durfte, habe ich eben gezeichnet.)
Zweimal war ich auch im Ägyptischen Museum in Kairo und habe mir dort ausführlich den Tutanachamun-Schatz angesehen. Doch eines fehlte leider, das schönste Stück, die Totenmaske. Wohl jeder kennt sie. Für mich ist sie das Schönste Fundstück der Archäologie überhaupt. Und deswegen war ich damals sehr enttäuscht, dass sie auf Reisen war und an anderen Orten ausgestellt wurde. Doch ich hatte Glück. 1982 kam eine Tutanchamun-Ausstellung auch ins Kästner-Museum nach Hannover. 20 der schönsten Grabstücke wurden präsentiert. Und mit ihnen auch die Totenmaske. Es war für mich ein magischer Moment, direkt davor zu stehen und sie lange betrachten zu können. So wie zuvor in Theben der Besuch des Grabes, war auch dieses für mich ein unvergessliches Erlebnis.

In Ägypten gibt es so viele Kunstschätze, dass ein Überblick wohl auch Fachleuten schwerfällt. Und ein großer Teil ist sicherlich überhaupt noch nicht gefunden worden. Für die nächsten Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte gibt es für die Archäologie noch viel zu tun und viel zu entdecken. Leider sind durch die Revolution in den vergangenen Jahren viele Kunstschätze, auch und gerade in Museen, geplündert worden. Kunstschätze, die für immer verloren sind. Und das ist ein besonders trauriges Kapitel. Deswegen ist es gut, wenn Vieles erst in Zukunft gefunden werden wird. Grabräubereien hatten immer Konjunktur. Ganze Familien und Generationen hatten dadurch ihr Auskommen. Und so ist es leider bis heute geblieben.


Siehe auch:
- War Ramses der Große der Pharao des Mose?
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Volker Beilborn aus Marburg | 16.03.2014 | 11:38  
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