Fachleute zu E-Fahrzeugen und Ladeinfrastruktur: Was funktioniert schon und was muss noch kommen?

Als beliebter Kleintransporter niedersächsischer Kommunen erwies sich auch der Renault E-Kangoo, den auch die Stadt Hameln einsetzt. Foto: ul
 
Immer wieder ein Hingucker: Der vollelektrische US-Sportwagen Tesla S, der es mit einer Stromladung auf rund 500 Kilometer Reichweite bringt. Foto: nb
 
Per E-Car-Sharing lässt sich sogar ein teurer Tesla einmal ausleihen. Christine Koller von der E-Carsharing-Station Steyerberg bei Nienburg präsentiert den Schlüssel zum Fahrspaß. Foto: ul
 
E-Motorrad-Verleih im Harz: Von Betreiber Matthias Schmidt (links) lässt sich Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies das Wichtigste zum Elektro-Biken erklären. Foto: MMS Concept
Hameln: Weserbergland-Zentrum |

Welche E-Fahrzeuge und welche Ladeinfrastruktur braucht Deutschland, damit Elektromobilität massentauglich wird? Welche Autos, Kleintransporter, E-Motorräder, E-Busse und Cargo-Bikes eignen sich bereits heute für den Alltagsbetrieb auf überschaubaren Strecken? Diese Fragen beantworteten jetzt ausgewiesene Fachleute bei der Konferenz „Kommunen für Elektromobilität“ in Hameln.

Von Nicole Biller / UL Fachredaktion

Die Anforderungen von Privatleuten, Verwaltungen und Betrieben an ihre alltägliche Mobilität kennt Raimund Nowak zu genüge. Auf vielen Veranstaltungen der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg GmbH hat ihr Geschäftsführer auch Skeptiker von den Vorzügen der Elektromobilität zu überzeugen versucht. Zumindest die Nachdenklichen, nicht die ewigen Bedenkenträger gegenüber allem Ungewohnten und Neuen, gaben ihm sogar recht: Sauber, klimafreundlich und leise seien diese E-Mobile schon, wenn sie nur mit Öko-Strom betankt würden. Sie verbesserten dann auch die Lebensqualität der Menschen in verkehrsreichen Stadtzentren und Regionen.

Doch die aktuell rund 40 in Deutschland erhältlichen E-Autos für den Alltagsbedarf erfüllen noch nicht alle Ansprüche der verschiedenen Nutzergruppen an den Personen- und Lastenverkehr. Was sie sich wünschen, bringt Nowak auf den Punkt: „Mehr Mittelklasse-Autos, mehr Fahrzeuge in Kombi-Größe, leichtgewichtige Nutzfahrzeuge und insgesamt ein breiteres Angebot an Lkw und Bussen sind entscheidend.“

Vertreter der Automobilbranche wissen durchaus um die Reize innovativer Produkte für bestimmte Zielgruppen. So punktete der japanische Hersteller Nissan laut Florian Hempel mit seinem Elektro-Van e-NV 200 besonders bei Handwerksbetrieben. Mit seiner Praxistauglichkeit für Handwerker jeder Art verfüge der E-Kleintransporter über ein „Alleinstellungsmerkmal", das ihn zum europaweiten Vorreiter in diesem Marktsegment machte. Das zeigten die guten Verkaufszahlen.

„Spinner muss man sein, um Vorreiter sein zu können“

Die Mentalität von mutigeren Unternehmen, die Innovationen wagen, beschrieb Christian Junge von Car Union / Renault in Hannover: „Spinner muss man sein, um Vorreiter sein zu können." Damit spielte er auf die gewagte, aber erfolgreiche Allianz von Nissan und Renault bei der Entwicklung von Elektromobilen an.

Auch für Kritiker, die zumeist die geringen Reichweiten und hohen Preise von E-Autos sowie noch fehlende Ladesäulen bemäkeln, hatte er Antworten parat: „Zwar sind die derzeit verfügbaren Modelle nicht für jeden etwas. Doch den normalen Bedarf zum Beispiel eines kleineren, lokal agierenden Betriebes können bestimmte E-Kleintransporter bereits voll erfüllen“. Der hierzulande beliebte Elektro-Renault Zoe mit seiner Mindestreichweite von 150 Kilometern reiche aber für alltägliche Fahrten vollkommen aus.

Auch Volkswagen treibe die Entwicklung innovativer neuer E-Modelle voran, betonte Christian Kassyda von VW Nutzfahrzeuge in Hannover. So habe es auf den als Prototyp vorgestellten „E-Bulli“ viel positive Resonanz gegeben. 2018 soll der futuristisch, nach seinem kastenförmigen Urahnen T1 gestylte Retro-Kleinbus mit einem 115 PS-Elektromotor auf den Markt kommen, hat der Konzern Fachmedien schon wissen lassen. Seine Lithium-Ionen-Batterie werde für 300 Kilometer reichen.

„Wie Autofahrer ihr Fahrzeug nutzen wollen, ist ausschlaggebend für ihre Entscheidung, ob sie sich ein Elektroauto anschaffen oder nicht“, hob der Bürgermeister der Stadt Langenhagen, Mirko Heuer, hervor. 70 Prozent ihres Fuhrparks habe seine Stadt dank Bundesförderung bereits erfolgreich auf E-Fahrzeuge umgestellt. Nun wolle die Kommune prüfen, ob sie ihren Bediensteten auch die Nutzung ihrer E-Fahrzeuge für Privatfahrten erlauben könne. Damit könne die Stadt ihre „Stromer“ besser auslasten und noch wirtschaftlicher betreiben.

Mitarbeitende in Verwaltung und Betrieben der Stadt finden laut Heuer bereits heute ein für ihren Bedarf passendes E-Mobil im Fuhrpark. Für längere Strecken eigneten sich Plug-In-Hybrid-Fahrzeuge besser, der neben einem konventionellen Motor über einen von außen ladbaren Elektroantrieb für Kurzstrecken verfügt.

Zwölf solcher Fahrzeuge erhielt Niedersachsens Landespolizei gerade in Form von VW Passat GTE, gefördert vom Schaufenster Elektromobilität des Bundes und des Landes. - Allen Unkenrufen zum Trotz: Bei Verfolgungsjagden können damit auch e-mobile Polizisten Temposünder oder flüchtige Straftäter einholen, die über weite Strecken zu entfliehen versuchen.

Verlockender e-mobiler Fahrspaß

„Wenn man sich einmal damit vertraut gemacht hat, möchte man davon nicht mehr lassen", beschrieb Prof. Dr. Helmut Lessing von der Universität Hildesheim seine Freude am Fahren von E-Autos. 1.600 Fahrten hätten 1.000 Mitarbeiter der Uni bereits mit den Stromern bewältigt. Liegengeblieben sei dabei niemand.
Autofahrern empfahl Lessing, sich einmal kostengünstig einen Stromer bei einem E-Car-Sharing-Unternehmen auszuleihen. Diese preiswerte Teilzeit-Nutzung von E-Fahrzeugen ist z. B. im Lebensgarten Steyerberg bei Nienburg oder bei der move about GmbH in Bremen möglich. Elektro-Fahrräder und -Cargobikes lassen sich in Hannover ausleihen.

Von großen Entwicklungsschritten bei vollelektrischen Motorrädern konnte Matthias Schmidt von MMS-Concept in Osterode berichten. Der Betreiber eines innovativen Elektro-Motorrad-Verleihs im Harz, dessen Aufbau - ebenso wie ein E-Fahrradverleih im höchsten Gebirge Niedersachsens - als Modellprojekt von Bund und Landkreis Goslar gefördert worden war: "Rasch haben sich E-Motorräder zu ansprechend gestalteten, spurtstarken und umweltfreundlichen Produkten gemausert, die selbst eingefleischten traditionellen Bikern richtig Spaß machen."


Ab wann rechnen sich E-Autos?

Fazit der Debatte um E-Fahrzeuge: Zwar können Privatleute und Berufstätige bereits mit den heute etwa 40 E-Fahrzeugmodellen jenseits der Luxusklasse ihren Alltag in einer Stadt oder Region bewältigen. Doch auch mit der neuen Kaufprämie des Bundes von 4.000 Euro sind z. B. der vollelektrische Smart oder VW Up bei jährlichen Laufleistungen von 20.000 km erst nach etwa vier bzw. rund fünf Jahren wirtschaftlicher als die typgleichen, weit günstiger erhältlichen Benziner.

Ausblick: Die gut 400.000 Vorbestellungen für den neuen Mittelklasse-Stromer TESLA III sprechen dafür, dass sich wesentlich mehr Menschen für Elektroautos interessieren, wenn die Stromer langstreckentauglicher werden und die Mobilitäts- und Transportbedarfe von Normalverbrauchern besser erfüllen.

Was Sie zum Laden von E-Mobilen wissen müssen


Von Uwe Lötzerich / UL Fachredaktion

Die Schlüssel zur Massentauglichkeit von E-Mobilen sehen alle Experten im flächendeckenden Ausbau der Ladeinfrastruktur und in der Verbesserung von Batterien für Stromer in Deutschland. Daher steckt der Bund nun 300 Millionen Euro in den Bau neuer Ladesäulen. Ziel: 15.000 Ladesäulen im Bundesgebiet (aktuell: ca. 5.800). - Zudem fördert der Bund die Forschung rund um Stromspeicher- und Ladetechnik.

Ladeinfrastruktur? Schon dieses Wort bringt Laien ins Grübeln. Daher sei hier das Wichtigste zum Thema Laden von E-Mobilen vorgestellt. Grundsätzlich gilt: Langsames Laden läuft mit Wechselstrom (AC) und dauert seine Zeit. Richtig schnelles Laden funktioniert am besten mit Gleichstrom (DC).

Wer sein E-Fahrrad (Elektromotor unterstützt Radler bis 25 km/h) oder schnelles kennzeichen- und helmpflichtiges Pedelec (E-Motor hilft bis Tempo 45 km/h) aufladen will, kann dies an gewöhnlichen Steckdosen mit einer haushaltsüblichen Schuko-Stecker-Verbindung z. B. über Nacht tun. Für das langsame Betanken eines E-Autos reicht diese Verbindung nicht aus, da sie nur eine kurzzeitige 16-Ampere-Belastung aushält und sich erhitzt.

Wallbox günstigste Lösung zum Laden von E-Autos

Besser eignet sich dafür die günstigste Ladelösung, eine für ca. 500 bis 600 Euro erhältliche Wallbox mit einer Ladeleistung von bis zu 3,6 Kilowatt (kW). Zum Beispiel mit einer blauen Camping-Stecker-Verbindung kann sie ans Fahrzeug angeschlossen werden.

Kommunen, Tankstellen, Hotels oder Gaststätten sind mit leistungsfähigeren Wechselstrom-Ladesäulen mit einer Leistung von 22 kW für mehrere Fahrzeuge besser bedient. Diese kosten ca. 4.000 bis 5.000 Euro und erlauben das Laden über den siebenpoligen Mennekes-Typ 2-Stecker. Dafür bieten die Hersteller aller in Europa erhältlichen E-Fahrzeuge die passenden Adapter und Kabel.

Gleichstrom (DC)-Schnellladesäulen, die Batterien von E-Autos in einer halben Stunde auf 80 Prozent der Kapazität auftanken können, sollten idealerweise 50 kW abgeben können und für alle gängigen DC-Stecker-Typen geeignet sein. Denn E-Autos deutscher Hersteller wie VW, BMW oder Mercedes arbeiten mit der Schnelllade-Verbindung CCS (Combined Charging System), japanische und einige französische E-Mobile mit dem CHAdeMo-System. Kostenpunkt: mindestens 20.000 bis 22.000 Euro.

Das schnelle Gleichstrom-Laden der E-Sportwagen des US-Herstellers Tesla, die aktuell mit voller Batterie etwa 500 km weit fahren und damit die meisten anderen vollelektrischen Autos weit hinter sich lassen, funktioniert über das firmeneigene Supercharger-System, das sogar bis zu 135 kW Strom liefern kann. In Europa baut das Unternehmen sein eigenes Schnellladenetz auf. Natürlich lassen sich Tesla auch langsamer mit Mennekes-2-Stecker-Verbindung an anderen Wechselstrom-Ladesäulen betanken.

Für Elektrobusse müssen Gleichstrom-Schnellladestationen mindestens 125 kW oder 250 kW leisten, um die riesigen Batterien der schweren Personentransporter z. B. in einer Nacht befüllen zu können. Kostenpunkt: ca. 100.000 bis 200.000 Euro.

Anbieter von Ladesäulen und Systemlösungen

In Hameln präsentierte sich den bereits über 80 e-mobilen niedersächsischen Städten, Gemeinden und Kreisen u. a. das auf Strom-Ladesäulen jeder Art spezialisierte Unternehmen The New Motion Deutschland (Berlin). Fundierte Beratung zu technischen und baulichen Voraussetzungen sowie den Bau von Wechsel- und Gleichstromladesäulen für jeden Anspruch bietet der Betrieb laut Matthias Pfeiffer.

Auch das überregional tätige hannoversche Unternehmen enercity Contracting GmbH (eCG), eine Tochter der Stadtwerke Hannover AG, kann laut Corinna Kleimann u. a. in Sachen Ladesäulen-Planung und -Bau weiterhelfen. Näheres dazu erfahren Sie hier. Für neue Nutzer von E-Autos oder Elektro-Zweirädern offeriert das Unternehmen beim Kauf eines E-Fahrzeugs einen enercity-UmweltStrom-Vertrag mit einer Prämie.

Ansonsten baut die enercity Contracting GmbH ihr Netz an Ladesäulen stetig aus und betreibt derweil an 16 Standorten 21 Ladestationen. An sieben öffentlichen Stationen gibt es den Strom noch umsonst. Alle Ladesäulen würden mit enercity UmweltStrom gespeist, der nur aus erneuerbaren Quellen stammt und somit CO2-freie Mobilität gewährleistet, so Kleimann.

Als „innovative Plattform mit integrierten Gesamtlösungen zur Elektromobilität“ stellte sich das Bremer Unternehmen Veniox vor, eine Tochter der Swarco Traffix Systems GmbH. Kerngeschäft ist der Vertrieb von E-Ladesäulen jeder Art. Die Lieferung, die Inbetriebnahme, die Montage, den Betrieb und die vorgeschriebenen sicherheitstechnischen Überprüfungen der Ladestationen kann der Betrieb sicherstellen.

Als Full-service-Partner unterstützt Veniox auch Kunden bei Netzaufbau, Wartung und Integration von Verrechnungs-, Datenmanagement- und Prozessleitsystemen, so Ronald-Mike Neumeyer, Geschäftsführer der Beteiligungs-GmbH. U. a. mit Unternehmen des E-Car-Sharings, der Solartechnik und der Parkraumbewirtschaftung arbeitet der Betrieb zusammen und hilft bei Anträgen und der Umsetzung von Förderprojekten zur Elektromobiltät.
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10 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 03.07.2016 | 15:12  
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Silke M. aus Burgwedel | 03.07.2016 | 18:45  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 03.07.2016 | 20:13  
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Arnim Wegner aus Langenhagen | 04.07.2016 | 10:38  
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Uwe Lötzerich aus Neustadt am Rübenberge | 06.07.2016 | 05:13  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 06.07.2016 | 15:02  
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Uwe Lötzerich aus Neustadt am Rübenberge | 06.07.2016 | 16:48  
54.326
Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 07.07.2016 | 00:05  
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Mike Zehrfeld aus Schwabmünchen | 16.07.2016 | 07:53  
54.326
Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 17.07.2016 | 18:36  
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