„Wir lebten in einer Oase des Friedens…“

Die Geschichte einer jüdischen Mädchenschule 1926 - 1938
mit Zusatzdokumentation zum Schicksal
von 4 Ichenhausener Schülerinnen

„Wir lebten in einer Oase des Friedens…“, so erinnern sich ehemalige Schülerinnen an ihre Zeit in der Jüdischen Haushaltsschule, die 1926 im oberbayerischen Wolfratshausen vom Jüdischen Frauenbund gegründet und 1938 von den Nationalsozialisten gewaltsam geschlossen wurde.

DIE SCHULE
Es war eine besondere Schule in einer besonderen Zeit. Ursprünglich sollten hier die jungen Frauen lernen, einen jüdischen Haushalt nach rituellen Regeln zu führen, und sich auf weiterführende wirtschaftliche, soziale und pädagogische Berufe vorbereiten.
Während der NS-Zeit entwickelte sich die Schule dann zu einem Zufluchtsort. Junge Mädchen aus dem gesamten Deutschen Reich kamen hierher, um sich vor Anfeindung und Ausgrenzung zu schützen oder sich auf ihre Auswanderung vorzubereiten.
Die landwirtschaftliche Ausbildung, die in Wolfratshausen einen besonderen Stellenwert einnahm, wurde später für viele Schülerinnen geradezu überlebensnotwendig, bildete sie doch eine der Voraussetzungen für ein Visum ins rettende Ausland. In der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 wurden alle Schülerinnen und Lehrerinnen gewaltsam vertrieben. Die Schule wurde geschlossen.

DIE AUSSTELLUNG
Die multimediale Ausstellung thematisiert das Schicksal jüdischer Familien in der NS-Diktatur aus der besonderen Sicht der Frauen und Kinder. Als damals wegweisendes Modellprojekt ist die Schule auch heute von überregionaler Bedeutung. Die Wanderausstellung ist für Museen, Schulen und Gemeindezentren konzipiert; Bildtafeln, Skulpturen, Video- und Hörstationen vermitteln einen vielschichtigen Zugang zum Thema. Ergänzend sind didaktische Unterrichtsmaterialien vorhanden. Ein Begleitband erscheint in Kooperation mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit im Verlag Dölling & Galitz.

DIE ZEITZEUGINNEN
Im Zentrum der Ausstellung stehen die Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen, die in Israel, USA, England und Kanada mit der Kamera aufgezeichnet wurden. Ihre Lebenswege und Geschichten vermitteln einen bewegenden, sehr persönlichen Eindruck von der damaligen Zeit. Erinnert wird aber auch an all die Schülerinnen, die von den Nazis ermordet wurden.

Das Projekt
Seit Sommer 2002 erforscht ein ehrenamtliches Team die Geschichte der jüdischen Haushaltsschule in Wolfratshausen (1926-1938). Es handelt sich dabei um eine Kooperation zwischen dem Historischen Verein und der Evangelischen Kirchenge-meinde Wolfratshausen. Die Herstellungskosten für die Produktion der bundesweiten Wanderausstellung übernahmen das Bundesfamilienministerium sowie weitere Förderer.

Das Projekt wurde 2008 mit dem Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichnet.


IMPRESSUM

Ein Ausstellungsprojekt der Gruppe
„Jüdische Spuren in Wolfratshausen“

Historischer Verein Wolfratshausen in Kooperation
mit der Evangelischen Kirchengemeinde Wolfratshausen

Leitung: Kirsten Jörgensen / Dr. Sybille Krafft
Dagmar Bäuml – Stosiek, Gisela Egelhaaf, Hannelore Greiner, Christine Noisser, Marlene Petsch

Ausstellungsarchitektur und künstlerischer Entwurf: Christine Rokahr

Ausstellung und Begleitband wurden gefördert im Rahmen des Aktionsprogramms „Jugend für Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, durch die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, den Bezirk Oberbayern, die Kulturstiftung der Kreissparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Bayern, die Stadt Wolfratshausen u.a.m.

Die 4 Wolfratshausener Schülerinnen aus Ichenhausen
Recherche und Dokumentation von Dr. Claudia Madel-Böhringer,
Stadtarchiv Ichenhausen

Die vier Schülerinnen, die die Wolfratshausener Mädchenschule zwischen 1936-1938 besuchten, stammten aus drei Ichenhausener Familien, deren Namen den meisten „alteingesessenen Ichenhausenern“ heute noch ein Begriff sind, da es sich um bekannte Geschäftsleute am Ort handelte.
1. Käthe Gutmann, Jg. 1920, (Schuljahr 1936/1937 in Wolfratshausen)
2. Regina Gradmann (Jan. 1923, 1936/37 in Wolfratshausenhausen),
3. Miriam Gradmann (Dez. 1923, 1937/38 in Wolfratshausen)
4. Irmgard Regensburger (Jg. 1923, Sept.-Dez. 1937 in Wolfratshausen)
So besuchten immer zwei Mädchen zusammen die Schule in Wolfratshausen, was naheliegend war, denn sie waren miteinander verwandt (Cousinen 2. Grades, s.u.)

Die Familie Regensburger besaß Haus Nr. 3 in der Krumbacher Straße und hatte dort ein Textilgeschäft, einen Textilgroßhandel, der bereits in 2. Generation von den Brüdern Max und Wilhelm Regensburger geführt wurde. Wilhelm Regensburger hatte zwei Töchter: Irmgard (s. o.) und Renate.

Gegenüber dem Geschäftshaus Regensburger befand sich das Textilgeschäft Gradmann: Ein Ladengeschäft für Konfektion, hauptsächlich Kleider, Jacken, Mäntel. Einzelne ältere Ichenhausener erinnern sich noch, dort eingekauft zu haben.
Das Geschäft war gegründet worden von Hirsch Gradmann, einem Schwiegersohn von Regensburger Senior . Es wurde in den 30er Jahren geführt von Jakob Gradmann, dem ältesten Sohn von Hirsch Gradmann.
Ein jüngerer Sohn war der Vater der o. g. Regina und Miriam Gradmann, die ältesten Töchter von 5 Kindern.
(Beide Gebäude, Haus Regensburger und Gradmann sind heute noch erhalten und werden in der Ausstellung im Foto einst-jetzt gezeigt).

Familie Gutmann wohnte in der Marktstraße, bei Fam. Frankenheimer, ebenfalls einem Textilgeschäft, das sich sowohl am Ort als auch durch Vertreter-Verkauf auf Aussteuer-, Bett- und Tischwäsche spezialisiert hatte. Auch diese Familien waren verwandt mit Regensburger: Frau Gutmann und Frau Frankenheimer waren Schwestern, geb. Regensburger.

Alle drei Familien konnten emigrieren: Regensburger / Gutmann nach England und später USA, Fam. Gradmann hatte ihren einzigen Sohn Elias 1939 mit einem „Kindertransport“ ins sichere Ausland nach Palästina schicken können, die Eltern mit ihren Töchtern emigrieren 1940 nach Südamerika.

Alle drei Familien hatten bereits 1938 Anträge gestellt zur „Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland“. Bei den Recherchen zur Ausstellung (im Staatsarchiv Augsburg) konnten auch Passfotos der Familien ausfindig gemacht werden, die es ermöglichen, sich im wahrsten Sinne des Wortes auch ‚ein Bild zu machen’ von den ehem. in Ichenhausen lebenden Familien, und neben gezeigten Dokumenten (wie Geschäftsunterlagen, Einwohnerakten, Ausreiseanträge etc.) den Eindruck abzurunden.


Ausstellungsdauer in Ichenhausen:

29.04.-14.08.2008

Öffnungszeiten:

Dienstag-Sonntag 10:00-17:00 Uhr

Sonntagsöffnungen in der ehem. Synagoge Ichenhausen – Haus der Begegnung:
22. Juni, 7. Juli 2008 - 13:30-17:00 Uhr

mit Führung über den jüdischen Friedhof – bei guter Witterung: - 14:00 – 15:00 Uhr:



Weitere Ausstellungen / Veranstaltungen in Ichenhausen
während der Dauer der Ausstellung:



Bayer. Schulmuseum Ichenhausen, Schlossplatz 3-5

Dauerausstellung „Die Jüdische Schule in Bayern“

Bis 04.05.2008 (verlängert bis 29.06.2008):
„Insel im Holocaust“ – Das jüdische Kinderheim München, Antonienstr. 7

Veranstalter: Förderverein Kultur und Naherholung Ichenhausen und Umgebung e. V.


Ehem. Synagoge Ichenhausen– Haus der Begegnung, Vordere Ostergasse 22

Donnerstag, 05.06.2008, 19:30 Uhr
Vortrag
„Arnold Erlanger – Erinnerung an den Brückenbauer aus der Vertreibung“
Referent: Chefredakteur a. D. Gernot Römer



Donnerstag, 10.07.2008, 19:30 Uhr
Vortrag
„Der jüdische Friedhof in Ichenhausen – Wege seiner neuen Erforschung“
Referenten:
Prof. Dr. Dr. Peter Kuhn, Benediktbeuren
Aaron und Ruth Bruck, Jerusalem

Veranstalter: Stiftung ehem. Synagoge Ichenhausen

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