Sauber, satt und ans Bett gefesselt – geht’s auch ohne Fesseln? Info-Veranstaltung über Vermeidung von Bettgitter, Bauchgurt und anderen Fixierungsmaßnahmen in Heimen

Referenten und Organisatoren der Info-Veranstaltung zum Werdenfelser Weg von links: Manuela Sochiera, Verfahrenspflegerin; Iris Gross, Richterin am Amtsgericht Günzburg; Genoveva Geyer und Sibylle Fritz, Landratsamt Betreuungsstelle; Dr. Sebastian Kirsch, Richter am Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen und Initiator des Werdenfelser Weges
„Sie liegen im Bett, das Bettgitter ist hochgezogen, Arme und Beine sind festgebunden – und das, nachdem Sie ein abführendes Mittel erhalten hatten. Wie ginge es Ihnen dabei, wie würden Sie reagieren?“

Diese Frage, so die Referentin Manuela Sochiera bei der Fachveranstaltung am 28. April 2015, wurde ihr einmal von einer Bewohnerin eines Altenheimes gestellt. Manuela Sochiera ist Verfahrenspflegerin nach dem Werdenfelser Weg, ein Verfahrensansatz zur Vermeidung von freiheitsentziehenden Maßnahmen in Alten-, Pflege- und Behindertenheimen und Krankenhäusern. Sie führte in ihrem Vortrag aus, dass es zahlreiche Alternativen zu Fixierungen gebe, Eigeninitiative und Phantasie gefragt sei. Sochiera: „Zahlreiche freiheitsentziehende Maßnahmen sind gar nicht erforderlich oder eine weniger einschränkende Maßnahme ist möglich. Ganz wichtig ist aber, dass Führungskräfte dem Personal, den Pflegekräften den Rücken stärken. Freiheitsentziehende Maßnahmen sind Chefsache und Aufgabe der Pflegedienstleitung.“

Etwas mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich bei der von der Betreuungsstelle des Landratsamtes organisierten Fachveranstaltung im Panoramasaal der VR-Bank Donau-Mindel eG über den „Werdenfelser Weg“ informiert.

Der Werdenfelser Weg wurde vor Jahren von Dr. Sebastian Kirsch, Betreuungsrichter am Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen, initiiert und wird zwischenzeitlich in zahlreichen Städten und Landkreisen deutschlandweit angewandt.

Dr. Kirsch, Hauptreferent bei der Veranstaltung, berichtete ausführlich über die Beweggründe und das Entstehen des Werdenfelser Weges. Er wies auch eindringlich auf die mit Fixierungsmaßnahmen verbundenen Gefahren hin und belegte dies durch beeindruckende, teils erschreckende Bilder. Dr. Kirsch machte aber auch deutlich, dass es eines immer wiederkehrenden Dialogs aller Beteiligten bedarf. „Nur im ständigen Kontakt und der regelmäßigen Reflexion kann für die betroffenen Menschen die am wenigsten einschneidende Maßnahme gefunden werden.“

In der anschließenden Diskussion teilte Iris Gross, Richterin am Betreuungsgericht und ständige Vertreterin des Direktors des Amtsgerichts Günzburg, mit, dass seit Anwendung des Werdenfelser Weges die freiheitsentziehenden Maßnahmen in den Heimen und Einrichtungen im Landkreis deutlich zurück gegangen sind. „Trotz dieser positiven Entwicklung bedarf es aber eines immer wiederkehrenden Dialogs aller Beteiligten, nämlich der Angehörigen, Bevollmächtigten, gesetzlichen Betreuer, dem Pflegepersonal und eventuell auch dem Arzt.“ Gross stellte auch eindeutig heraus, dass letztlich der Betreuer oder Bevollmächtigte über die Durchführung oder Nichtdurchführung der freiheitsentziehenden Maßnahme entscheidet. Der Gerichtsbeschluss gibt dem Betreuer oder Bevollmächtigten lediglich das Recht, die Durchführung der im Beschluss genannten Maßnahme gegenüber dem Heim, den Pflegekräften anzuordnen.

Der Landkreis Günzburg befindet sich hinsichtlich der Vermeidung freiheitsentziehender Maßnahmen auf einem guten Weg. „Gehen Sie diesen Weg mit, im Interesse und zum Wohl der uns anvertrauten Menschen“ appellierte die Leiterin der Betreuungs- und Seniorenfachstelle Genoveva Geyer zum Abschluss der Veranstaltung an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
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