Vor 50 Jahren - Beatmusik erobert den Traubenkeller in Günzburg

Der Traubenkeller Günzburg heute
 
Zeitungsanzeige in der Günzburger Zeitung (Foto: Archiv Hans Senser)
  Günzburg: Traubenkeller | Vor 50 Jahren – Beatmusik erobert Günzburg

Am 2. Juli 1965 eröffnete der legendäre Beatclub „Traubenkeller“ in Günzburg

Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei! So hieß es 1962 auf dem Hamburger Kiez, als der legendäre „Star-Club“ eröffnet wurde. Daheim hörte Papa das Lied „Schaffe, schaffe Häusle baue“ und handelte danach, während Mama vom „schönen Konsul“ träumte. Catarina Valente, Freddy Quinn und Peter Alexander waren die Stars im Elternhaus. Viele Jugendliche, vor allem aus der Mittelschicht der Bevölkerung, sahen die Zeit der Beatmusik auch als Emanzipation von zu Hause an. Dabei wurde die „spießige“ Schlagerwelt der Erwachsenen durch die Beatles und Rolling Stones ersetzt.

Beatlokel Traubenkeller eröffnet am 2. Juli 1965

1965 war es auch in Günzburg soweit. Am 2. Juli eröffnete der Clubgründer Herbert Senser den Traubenkeller. Dabei bewies er ein gutes Gespür für den musikalischen Trend, und er hatte auch einen genialen Riecher für die richtigen Stars zur rechten Zeit. Im Standardwerk über die Beatmusik in Deutschland von Hans Jürgen Klitsch wird der Traubenkeller in einer Reihe mit dem „Star-Club“ in Hamburg und dem „PN-Hithouse“ in München-Schwabing als eines der bekanntesten Beatlokale Deutschlands geführt. Die musikverrückten Jugendlichen aus der schwäbisch-württembergischen Region wurden von diesem Beatschuppen magisch angezogen.

Neben den Freunden der damaligen Beatmusik kamen auch die Fans des Soul, des Rock ‘n Roll, sowie später des Progressivrocks zu ihrem Vergnügen - und dies alles Live, von Mittwoch bis Sonntag. Waren es zunächst Beatgruppen aus dem näheren Umland, wie „The Comets“ und „The Rockets“, letztere treten heute noch in Günzburg bei Festen auf, waren es schon bald bekannte deutsche Bands, die bereits Rundfunk- und Fernseherfahrung aufweisen konnten. Die erste populäre Band, die von Herbert Senser im Oktober 1965 verpflichtet wurde, waren „The Rainbows“ aus Berlin. Sie hatten einen Riesenhit mit dem Song „Balla Balla“, der sich als Single über 600.000 mal verkaufte. Mit diesem Song erreichten sie Platz 3 der deutschen Hitparade. Von den Lesern der Jugendzeitschrift Bravo wurden sie 1965 hinter den Beatles und den Stones für den 3. Platz mit dem bronzenen Bravo-Otto ausgezeichnet. Damit waren sie für kurze Zeit die erfolgreichste deutsche Beatband.

The Rattles, The Lords, The Rainbows und viele andere gastierten im Traubenkeller in Günzburg

Das nächste Sondergastspiel im Februar 1966 gab Paul Würges alias Jeff Jackson. Er war einer der wenigen echten Rock ‘n Roller in Deutschland, der von Fachkritikern auf eine Stufe mit Peter Kraus und Ted Herold gestellt wird. Er war seinerzeit einer der versiertesten Gitarristen Deutschlands, der neben Eigenkompositionen auch Instrumentals von Duane Eddy, Johnny & The Hurricanes usw. spielte. Heute noch ist er mit seiner 1950 von Framus für 1.000,00 DM eigens für ihn gebauten Gitarre auf Münchner Bühnen aktiv und feierte dort vor zwei Jahren mit seiner langjährigen Band, den Rocking Allstars, den 80. Geburtstag.

Sogar der moderne Schlager erhielt vor ausverkauftem Haus seine Chance. Dabei sang Marion zusammen mit Drafi Deutschers Begleitband „The Magics“ unter anderem ihren Riesenhit „Er ist wieder da“. Dieses Lied erreichte immerhin in der diesjährigen SWR 1 Hitparade (Rock, Pop, Schlager, 50er Jahre bis heute) unter 1090 gespielten Titeln Platz 237. Im Vergleich dazu brachte der Superstar Madonna keinen ihrer Hits bei dieser Hitbilanz unter die Top 1000.
Ein Kuriosum war der Auftritt von Little Lord. Er war angeblich mit 1,29 m der kleinste „Beater“ Deutschlands und kam regelmäßig mit einem Dreirad auf die Bühne. Doch auch kleine Menschen darf man nicht unterschätzen. Schließlich spielte Little Lord 1969 zusammen mit Egon Hugo Balder bei der bekannten Deutschrock Gruppe „Birth Control“.

Ein Sondergastspiel lieferte auch die wohl beste deutsche Beatband „The Rattles“ im Traubenkeller ab. Die Rattles hatten große Hits mit „Come On and Sing“ und „La La La“ und gingen im gleichen Jahr mit den Beatles auf die legendäre Beatles-Bravo-Blitz-Tournee. Viele Freunde machten sie sich bei ihrem Auftritt nicht. Die Fans durften wochentags bis 0 Uhr 30 auf ihre „Stars“ warten. Dann dauerte das ganze Konzert lt. GZ 35 Minuten. Beim Auftritt der Rattles 2011 auf dem Günzburger Marktplatz konnten sich die damaligen Bandmitglieder Dicky Tarrach und Herbert Hildebrand erinnern, einmal im Traubenkeller gespielt zu haben. Auch die bekannteste Beatband Deutschlands „The Lords“, die auch den Ruf hatten, die deutschen Beatles zu sein, zogen im Traubenkeller ihre Show ab. 60 Minuten begeisterten die „Lords“ das Günzburger Publikum. Sie konnten damals schon auf ein großes Hitpotential, wie „Poor Boy“, „Shakin‘ All Over“ oder „Have a drink on me“ zurückgreifen. Von ihrer zweiten Langspielplatte verkauften sie immerhin über 40.000 Stück. Eine unglaubliche Zahl für eine deutsche Beatband in dieser Zeit.

WANTED – Historische Fotos und Begebenheiten



Seit einigen Monaten recherchieren ebenfalls zwei „musikverrückte Sixties“, Rudolf Urban aus Günzburg und Peter Wroblewski aus Kötz über die Geschichte des legendären Beatlokals. Anläßlich der 50jährigen Wiederkehr der Eröffnung im Juli 1965 planen die seit Schulzeiten befreundeten Musikfans nun im Sommer eine Oldie-Fete in Günzburg oder Umgebung die unter dem Motto „Remember the Sixties“ stehen wird. Aber auch eine eine Radiosendung bei Radio Free FM in Ulm, bei der die legendären Zeiten des Günzburger Traubenkeller verbal portraitiert und musikalisch reflektiert werden soll. Dank dem Archiv des Gründers Hans Senser liegen zwar viele Informationen und Zeitungsauschnitte aus den Jahren zwischen 1965 und 1972 vor. Nun sind die Initiatoren weiterhin auf der Suche nach historischen Fotos des Traubenkeller und Konzerten aus dieser Zeit. Ebenso sind weitere Hinweise, Geschichten und Anekdoten aus dieser Zeit willkommen.

Über Kontakte freuen sich : Rudolf Urban Tel. 08221 31110 oder Peter Wroblewski Tel. 08221 8150 oder peter.wroblewski@cwf-koetz.de
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Werner Szramka aus Lehrte | 02.04.2015 | 11:48  
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