Mit dem Bauforscher auf Spurensuche -Möglicherweise Sensationsfund in Günzburg

Der Bauforscher Bernhard Niethammer ist im Günzburger Heimatmuseum möglicherweise auf einen Sensationsfund gestoßen. Hinter dem kleinen Mauerabsatz verbirgt sich eine Lisene, die Teil eines für Repräsentationszwecke genutzten Saals gewesen sein könnte. Beim „Tag des offenen Denkmals“ wird er seine Untersuchungsergebnisse vorstellen. (Foto: Sabrina Schmidt / Stadt Günzburg)
Der Architekturhistoriker Bernhard Niethammer zeigt beim „Tag des offenen Denkmals“ die Ergebnisse seiner Bauuntersuchung am Günzburger Heimatmuseum. Sollten sich seine Befunde bestätigen, wäre das eine Sensation. Auch andere Führungen geben am 13. September spannende Einblicke in Günzburgs Geschichte.
Günzburg. Zuerst waren es ein paar Ungereimtheiten in den historischen Bauakten, die ihn stutzig machten, dann waren es handfeste Auffälligkeiten am Gebäude selbst: Inzwischen ist der Bauforscher Bernhard Niethammer überzeugt, dass die Baugeschichte des Günzburger Heimatmuseums deutlich weiter zurückreicht als bislang angenommen. Am „Tag des offenen Denkmals“ will er bei einer Führung durch das Museum über seine Funde und deren Bedeutung berichten. Auch andere Führungen geben am „Tag des offenen Denkmals“ am 13. September spannende Einblicke in Günzburgs reiche Geschichte.
Möglicherweise Sensationsfund
Sollte sich seine Vermutung bestätigen, wäre das eine Sensation: Niethammer ist sich inzwischen sicher, dass dort, wo heute Gemälde ausgestellt und Römerfunde präsentiert werden, bis weit ins 16. Jahrhundert, also zur Hochzeit der Renaissance, ein Gebäude mit einem großen herrschaftlichen Saal die heutige Rathausgasse dominierte. Das würde die bisherige Baugeschichtsforschung nicht nur in Frage stellen, sondern ein ganz neues Licht auf Günzburgs Funktion als Residenzstadt werfen.
Aber von Anfang an: Es gilt als gesichert, dass Kaiserin Maria Theresia im 18. Jahrhundert den Piaristenorden nach Günzburg berief, um das Schulwesen vor Ort zu verbessern. Schließlich hatten die Piaristen, eine katholische Männer-Ordensgemeinschaft, die schulische Bildung von Jungen zum Ziel ihres Ordens erklärt. Aus historischen Bauakten geht hervor, dass in der Zeit von 1755 bis 1757 zwischen dem Schloss und dem Stadtturm das Schulgebäude errichtet wurde. Noch bis 1978 wurde das Gebäude als Volksschule genutzt, ehe es 1982 zum Heimatmuseum umgestaltet wurde.
Gab es einen Vorläuferbau?
Gingen Historiker und Denkmalpfleger bislang davon aus, dass das Schulgebäude neu erbaut wurde, ist Niethammer inzwischen davon überzeugt, dass das Schulhaus auf einem feudalen Vorgängerbau errichtet ist. Der Architekturhistoriker befasst sich seit einem Jahr mit dem Museum, studiert archivalische Quellen wie Pläne und Schriftstücke, wertet historische Bauakten aus und nimmt Analysen am Haus selbst vor. Sein Fazit: „Es gibt deutliche Hinweise, dass an dieser Stelle einst ein feudaler Bau mit repräsentativem Saal gestanden hat.“

Zahlreiche Indizien
Zum einen sei die Menge an Baumaterial, die während der Bauphase nach Günzburg geschafft wurde, nicht mit dem Gebäudevolumen in Einklang zu bringen, erklärt der Gebäudeexperte. „Die Analyse des praktisch lückenlos geführten Baurechnungsbuchs hat ergeben, dass das Baumaterial für circa 2.000 Kubikmeter Mauerwerk gereicht haben dürfte. Tatsächlich beträgt die Baumasse des Museums aber eher 6.000 oder sogar 7.000 Kubikmeter“, sagt Niethammer. Auch der rasante Baufortschritt – nach drei Monaten
waren die Bauherren bereits im ersten Obergeschoss angelangt – spreche dafür, dass die Handwerker auf bestehende Grundmauern aufbauen konnten.
„Durch Untersuchungen am Haus konnte ich diese zunächst sehr vage Vermutung bekräftigen“, führt Niethammer weiter aus. Ein kleiner Absatz in einem Raum – nicht mehr als sieben Zentimeter – hatte ihn stutzig gemacht. „Ich ließ an dieser Stelle die Decke
öffnen und stieß auf einen fast zwei Meter hohen ungenutzten Zwischenraum, der das erste Obergeschoss vom zweiten trennt. „Eine solche Platzverschwendung ist mehr als ungewöhnlich – heute ebenso wie damals.“
In dem Zwischenraum stieß er auf eine Lisene, die den Absatz an der Zimmerwand erklärt, und die – für Niethammer die Sensation – ein Kapitell aufwies. „Wozu sollte ein verziertes Kapitell in einem dunklen Zwischenraum dienen?“, fragt Niethammer. Er ist sich sicher:
Das Kapitell hatte einst repräsentative Funktion, war Teil eines pompösen Saals, in dem Marktgraf Karl seine Gäste empfangen konnte.
Überörtliche Bedeutung
„Sollte sich diese Theorie bestätigen – und es gibt weitere Indizien, die darauf hinweisen – so wäre erstmals der tatsächliche Beweis erbracht, dass Günzburg zur Zeit der Markgrafschaft Residenzfunktion erfüllte“, betont die Denkmalschutzbeauftragte der Stadt, Gabriela Karnowski-Bachofer. „Damit wäre Günzburg überörtlich von weitaus größerer Bedeutung gewesen, als wir bislang angenommen haben.“
In den kommenden Wochen will Niethammer seine Theorie mit weiteren
dendrochronologischen Untersuchungen untermauern. Durch die Analyse des Holzes im Zwischenraum will er nachweisen, dass es sich um Gebäudereste aus der Zeit vor 1755 handelt. „Fest steht aber schon jetzt, dass er unzählige spannende Details über die unterschiedlichen Bau- und Nutzungsphasen des Gebäudes herausgefunden hat“, sagt Karnowski-Bachofer.
Viele dieser Erkenntnisse wird Niethammer beim „Tag des offenen Denkmals“ der interessierten Öffentlichkeit präsentieren. Seine Führung findet am Sonntag, 13. September 2015, um 14 Uhr statt. Sie dauert etwa eine Stunde.
Neben der Führung durch das Heimatmuseum bietet die Stadtverwaltung beim
„Tag des offenen Denkmals“ unter dem Motto „Handwerk, Technik, Industrie.“ am
Sonntag, 13. September, folgende weitere Angebote an:
Führungen:
o 10 Uhr: Vorführung der Francis-Turbine aus der ehemaligen Fabrik der
Süddeutschen Baumwollindustrie (SBI). Führung: Manfred Proksch (ca. 45
Minuten), Ort: Städtischer Bauhof, Heidenheimer Straße 2
o 11 Uhr: Stromgewinnung aus einer Francis-Turbine, Führung: Walter
Grabert (ca. 45 Minuten), Ort: Hasenmühle, Mühlgasse 20
14 Uhr: Ergebnisse der Bauforschung im Heimatmuseum, Führung: Bernhard Niethammer (ca. 1 Stunde), Ort: Heimatmuseum, Rathausgasse 2
o 15.30 Uhr: Ergebnisse der Bauforschung im Baudenkmal, Führung: Bernhard Niethammer (ca. 1 Stunde), Ort: Marktplatz 6
Geöffnete Baudenkmäler:
o 14-17 Uhr: Ehemaliges Piaristenkolleg, heute Museum, Rathausgasse 2
o 14-17 Uhr: Stadttor „Unteres Tor“, Marktplatz 43, Ausstellung „Zeitmesstechnik“ (4. OG), Café im 6. OG geöffnet
o 14-17 Uhr: Stadttor „Kuhturm“, Zum Kuhturm 3, Ausstellung „Wunder der Technik – im Haushalt“
Begleitprogramm:
o 15-17 Uhr: Schaufahrten mit Hochrädern (RC Germania Weißenburg 1894 e.V.) durch die Altstadt. Start und Ziel im Museumshof
o 15 Uhr und 16 Uhr: Vorstellung des noch nicht restaurierten Hochrads aus dem Museumsbestand durch Walter Grabert, Ort: Museumshof
Der Flyer zum Begleitprogramm liegt im Rathaus sowie in der Tourist-Information Günzburg-Leipheim aus.
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.