Die Vielschichtigkeit einer Person - Vier verschiedene Charakterskizzen einer Lehrerin

Dieses ist eine bisher unveröffentlichte Geschichte meiner Mutter Irmela Ziegler, die sich zu Lebzeiten etwas mit der Scheiberei beschäftigt hat. Hier möchte ich einige ihrer Schriftstücke veröffentlichen.

Die Vielschichtigkeit einer Person
Vier verschiedene Charakterskizzen einer Lehrerin

1. Der Direktor:
Mit unserer neuen Mitarbeiterin, Fräulein Neumann, haben wir, so glaube ich, einen guten Fang gemacht. Sie ist jung und. anpassungsfähig, nicht zu jung. Ihre Ausbildung ist umfassend, so dass sie über ein ausgezeichnetes Wissen verfügt, was nicht zuletzt auch ihre Ausbildungspapiere, wie Zeugnisse und Beurteilungen, dokumentieren. Gewiss fehlen ihr noch die Erfahrungen, die man erst in Ausübung des Berufes erwirbt. Da wird es sicher auf unsere Hilfe ankommen.
Mit Intelligenz und natürlichem Charme wird sie bald das Vertrauen der Schüler der oberen Klassen gewinnen. Gewiss schafft sie es auch, zu den Eltern gute Beziehungen herzustellen.
Was unser Kollegium betrifft: nun, da dürfte es wohl kaum Schwierigkeiten geben. So ein .junges Blut mit Elan und neuen Erkenntnissen fehlt schon lange in unserem ehrwürdigen Kreis. Ich möchte sie bitten, eventuellen Anfangsschwierigkeiten mit Verständnis und Toleranz zu begegnen und dem Neuling mit ihrem großen Erfahrensschatz zur Seite zu stehen.
Vielleicht ist unsere Kollegin Ewert so liebenswürdig und nimmt das junge Mädchen unter ihre Fittiche, womit ich keineswegs sagen will, dass sie einen hilflosen Eindruck macht. Im Gegenteil, sie ist eine selbstbewusste, couragierte junge Dame, die sich keineswegs die Butter vom Brot nehmen lassen wird. Wir können uns gratulieren zu dieser positiven Erweiterung unseres Lehrerkollegiums.

2. Kollegin:
Also, dieses Fräulein Neumann ist, nach meiner Meinung, mit allen Wassern gewaschen. Wie sonst hätte sie es wohl fertiggebracht, unseren Direx so einzuwickeln, der ursprünglich gar nicht so sehr für das junge Blut war.
Ich halte sie für eine kokette Streberin, die ihr Licht gewiss nicht unter den Scheffel stellt. Schon ihre ganze Aufmachung ist, gelinde gesagt, raffiniert und auf Wirkung bedacht. Mit dieser lässigen Eleganz sollte sie sich als Show-Masterin präsentieren, aber nicht als Pädagogin bewerben. Selbst das superblonde Haar ist weit von der Natur entfernt. Wie konnte unser guter, alter Direktor sich nur so beeindrucket lassen?
Mit den gleichen Mitteln und ähnlichem Erfolg wird sie es auch in den oberen Klassen schaffen. Die großen Bengels fliegen doch auf so ein Lärvchen. Bin nur gespannt, mit welchem Ergebnis sie ihr pädagogisches Wissen anbringen wird! Immerhin bekommt sie eine schwierige Klasse, in der sie sich beweisen kann.
Wenn die Kollegin Ewert sich ihrer annehmen soll, so hat man den Bock zum Gärtner gemacht. Wenn auch reifer an Jahren, fehlt doch einiges an ihrer persönlichen Reife. Sie ist auch nicht gerade die erfolgreichste Pädagogin.
Nun, ich halte mich raus aus dem Tanz um das goldene Kalb, werde aber natürlich die Augen offen halten, um zumindest informiert zu sein.

3. Elternteil:
Da präsentierte sich in der letzten Elternversammlung eine gut aussehende junge Frau als neue Klassenleiterin der Klasse 9 B. Es war eine angenehme Überraschung, kann man wohl sagen, nach dem, was wir bisher geboten bekamen. Das attraktive Äußere wurde noch überboten durch ihre Intelligenz und Selbstsicherheit. Im Nu hatte sie die Regie des Abends in der Hand, verstand es ausgezeichnet, das Interesse und Engagement der Anwesenden zu gewinnen,
Trotz ihrer kurzen Zeit in der Leitung der Klasse hatte sie schon ein ausgeprägtes Bild vom Leistungsstand und Verhalten eines jeden Schülers. Sie brachte jedoch keine abwertende Meinung zum Ausdruck, sondern positive Strategien zur Förderung unserer Kinder.
Man hat durchaus den Eindruck, dass sie sich voll hineinkniet in die Aufgaben einer Klassenleiterin. Trotz ihrer Jugend ist sie dem offensichtlich gewachsen. So wird sie es sicher schaffen, die etwas verlodderte Klasse in den Griff zu bekommen. Es gehört schon einiges dazu, den Schlendrian der letzten Zeit rigoros auszumerzen. Unseren Sprösslingen wird es jedoch gut tun, wenn jetzt ein anderer Wind weht. Da sie eine attraktive, junge Dame ist, wird ihr der Erfolg leichter fallen. Ihre pädagogischen Fähigkeiten kommen allein schon in dieser Elternversammlung zum Ausdruck.
Wir können uns und unseren Kindern gratulieren zu dieser vielversprechenden Lehrkraft.

4. Schüler:
Da blieb uns doch fast die Spucke weg, als der Direx mit der Neuen den Klassenraum betrat. Donnerwetter, ein Klasseweib!
In die Bewunderung mischte sich jedoch auch Skepsis, bei einigen von uns echtes Misstrauen. Schon nach den ersten Stunden war uns klar, dass sie das Heft in der Hand behielt. Unsere alten Tricks verpufften Wirkungslos, hatte sie doch selbst noch bis vor kurzem die Schulbank gedrückt. Sie behielt stets die Ruhe und steckte manchen Flaps von uns lässig weg.
So hatte sie schon bald eine ihr ergebene Gruppe um sich gescharrt, Mädchen und Jungen. Die Jungen sogar in der Mehrzahl. Von den übrigen Weibern wurden wir als totale Hirnis beschimpft, dass wir uns so einwickeln ließen. Sie waren der Meinung, dass sich schon sehr bald die Krallen der Katze zeigen würden.
Sicher, sie stellte Forderungen in der Leistung und im Verhalten, und sie war unnachgiebig konsequent in ihrer Durchsetzung. Ächzend gedachten wir der alten Pauker, auf deren Vergesslichkeit wir so gut bauen konnten. Sie vergaß nichts, auch nicht ein bisschen Anerkennung, wenn wir uns ehrlich mühten. Sie hat uns halt an der Kandare und das nach so kurzer Zeit.
Wenn wir ehrlich sind, gefällt es uns gerade so, wie es gekommen ist. Wir können stolz sein auf unsere Klassepaukerin und auch ein bisschen auf uns selbst.

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4 Kommentare zum Beitrag
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Iris Schäfer aus Günzburg am 09.08.2007 um 21:39 Uhr  
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johann albrecht aus Donauwörth am 09.08.2007 um 22:07 Uhr  
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Angelika Böck aus Günzburg am 10.08.2007 um 21:25 Uhr  
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Iris Schäfer aus Günzburg am 10.08.2007 um 22:46 Uhr  
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