Der gute Ort – Friedhöfe im Wandel – Wo liegt die Zukunft unserer Friedhofskultur?

Im Landgasthof Linde in Deffingen trafen sich Kommunalpolitiker und Friedhofsträger zum „Forum Friedhof“. Eifrig nutzten sie die Gelegenheit zur Diskussion.
 
Stadtarchivar Walter Grabert und Ordnungsamtsleiter Helmut Stammer zeigten den Tagungsteilnehmern positive Entwicklungen und negative Erfahrungen auf dem städtischen Friedhof in Günzburg.
Reichlich Erfahrung vermittelte das „Forum Friedhof“ den über 70 Teilnehmern aus den Landkreisen Dillingen, Günzburg und Neu-Ulm. Eingeladen von den Kreisverbänden für Gartenbau und Landespflege sowie den Fachberatern an den dortigen Landratsämtern referierten ein Theologe, Historiker und der Landesinnungsmeister der Steinmetze über ihre tägliche Arbeit. Mit bewusster Provokation sollte eine Diskussion ausgelöst werden. „Wir stehen vor großen Veränderungen in unserer Gesellschaft, auch in der Friedhofskultur“, darauf wies Landrat Hubert Hafner in seinem Grußwort hin. Er sah die Friedhöfe nicht nur als Oase der Ruhe sondern auch als Lebensraum für Flora und Fauna. Insbesondere sollte aber den Verstorbenen ein Andenken bewahrt werden. Denn unsere Gesellschaft wird auch danach bewertet, wie sie mit ihren Toten umgeht. Bei Besichtigungen von beispielhaften Anlagen sollte immer gefragt werden, „wer war an der Planung beteiligt?“. Umgestaltungen von Friedhofsanlagen müssen immer mit der Bevölkerung geschehen und stets an die Folgen gedacht werden. Darüber konnten zum Abschluss der Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Günzburg Helmut Stammer und Stadtarchivar Walter Grabert von der Großen Kreisstadt Günzburg auf dem städtischen Friedhof von reichlicher Erfahrung und Beispielen berichten.

Provokant begann Dekan Stefan Blumtritt, Pfarrer der Gemeinde Gersthofen. Im evangelischen Dekanat Augsburg übt er im Vergleich zur katholischen Kirche das Amt eines „Weihbischofes“ aus. Der Tod käme früher oder später, deshalb auch der Gedanke „wo ist mein Liegeplatz?“. Die Wünsche nach Individualisierung nehmen zu. Doch oft geht es auch um „Entsorgung“. Ein gut gestalteter Friedhof gehört für Pfarrer Blumtritt zu einer intakten Gemeinde. Bestattungen müssen für ihn in einem öffentlichen Raum stattfinden. Eine Trauerfeier sei aber auch keine Hitparade von der CD oder vom MP3-Player. Auch wenn die Sangeskunst der Anwesenden nachgelassen habe, sollte sich jede Gemeinde eine musikalische Begleitung für wenige tausend Euro leisten können.

Für Bezirksheimatpfleger Peter Fassl ist der Friedhof ein Ort der Lebenden, er zeigt das Verhältnis der Lebenden zu den Toten. Das Sprechen über den Tod ist auch ein Sprechen über das Leben. Der Tod hat nichts von seinem Schrecken verloren. Jeder braucht einen Ort der Trauer. Die Trauerformen sind Individuen. Die Friedhofsentwicklung entscheidet jedes Dorf selbst. Wenn zwischenzeitlich jeder bauen darf wie er will, möchte er so auch beerdigt werden. Fassl sieht aber in der Anonymisierung der Bestattung als Wegschieben des Todes. Die Individualisierung wird fortschreiten. Doch sieht er den Friedhof als Erinnerungsort mit besonderer Qualität und der Ortsgeschichte. So sollte auch eine Aufenthaltsqualität mit einer Bank zum Hinsetzen geschaffen werden. Der Friedhof ist ein Ort der Trauer und des Dankens, der Geborgenheit um die zu Schönheit genießen, die Natürlichkeit zu erleben, denn Natur tröstet. Zum Ort der Hoffnung gehört die Erinnerung an Kindheit und Freunde, Familie und Gemeinschaft.

Steinmetz Hermann Rudolph aus Obergünzburg stellt ebenfalls die Bestandsaufnahme und das Mitnehmen der Bevölkerung in den Vordergrund: „Schaut auf die Friedhöfe und ihr wisst, wer die Menschen des Ortes sind und ob es sich dort auch zu leben lohnt“, mahnte der Landesinnungsmeister und stellvertretende Bundesvorsitzende. Der Friedhof ist immer als Gesamtes zu sehen. Bei den Veränderungen in der Gestaltung, bleibt für ihn die Frage „Wo bleibt die Natur? Oft trostlos und kein Trost, dort kann ich nicht trauern!“ Es kommt zu Freiflächen infolge von vermehrten Grabauflösungen. Er erkennt ein Sehnen nach pflegeleichten Lösungen durch mangelnde Identifikation mit dem Kulturraum Friedhof! Das Abwandern in alternative Bestattungen z.B. in Friedwälder führte bei Kommunen und Friedhofsverwaltungen zwischenzeitlich zu neuen Überlegungen. Doch mit den Urnenwänden kamen die Probleme: „Jeder stellt was ab, keiner räumt es weg!“ Hermann Rudolph brachte eine Reihe von Beispielen für bedarfsgerechte Grabstätten und Grabfelder wie integrierte Urnengräber, wie freie Flächen wieder belegt werden können, der Pflegeaufwand für Friedhofsträger wie auch die Angehörigen geringer werden kann und auf jedem Friedhof sofort umsetzbar ist. 32 Prozent Überhangsflächen auf deutschen Friedhöfen sind des Nachdenkens wert.

Die Fachberater für Gartenkultur und Landespflege an den Landratsämtern stehen zu Beratungen gerne bereit.
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2 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 10.11.2014 | 17:07  
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Giacomo D. aus Erlangen | 11.11.2014 | 21:39  
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