Beim Tanzen lernen

Im Solo von Ibrahima Biaye steckt das Zuhause wohl in dieser Schüssel. (Foto: Foto: Merit Esther Engelke)
 
In der Eifersucht des Flamencos wird der Europäer emotional (Foto: Foto: Merit Esther Engelke)
Göttingen: Deutsches Theater |

steptext dance project zeigt die Gemeinsamkeiten des Tanzes


Ein Zuhause hat viele Bedeutungen und alle kann man so tanzen, dass sie sich dem Publikum erschließen. Dies zeigte das steptext dance project beim "Neue Heimat"-Festival am 2. November im Deutschen Theater Göttingen. Der Doppelabend mit "The House That Never Walked" und "Homescape" erlebt dabei eine Uraufführung. Es bleibt abermehr als die Gewißheit, dass Tanztheater auf diesem Niveau neugierig macht auf mehr.

Das steptext dance project ist eine gemeinsame Arbeit von sengalesischen und europäischen Tänzern, die sich im letzten Jahr zu ersten Mal in der École des Sables und in Bremen trafen. Ihr Thema ist das Zuhause, die Migration, der Austausch der Kulturen und der Dialog in den Formen des zeitgenössischen Tanztheaters. Der Anspruch von Choreograf Opiyo Okach ist es, in "The House That Never Walked" zuhause als soziale Architektur zu zeigen. Dies gelingt ihm und der Kompanie, ein Zuhause ist nicht nur ein Gebäude, sondern ein mehrschichtiges Gefüge aus Personen, deren Rollen und Vorstellungen, der Interaktion und der Interdependenzen.

Acht Requisiten, darunter ein Fahrrad verkehrt herum, und neun Tänzer, fünf Afrikaner, vier Europäer, bevölkern zu Beginn die Bühne. Sieben gehen, zurück bleiben das Fahrrad, Ida Biemoubon Faho und Kokou Gbakenou Al'nuzan. Während sie sich in wilden Bewegungen ausdrückt, bearbeitet er in Ruhe das Fahrrad. Sind das die zwei Gesichter Afrikas, wie wir Europäer sie uns vorstellen? Exotik und Gelasenheit.

Dann betreten die Europäer die Bühne und die unterschiedliche Tanztradition wird deutlich. Die Expressivität der puren körperlich trifft auf getanzt Geometrie, auf Schritte, auf Kreise, wie mit dem Zirkel gezogen und mit dem Skalpell geschnitten. Doch der Abend ist ein Abend des gemeinsamen Lernens voneinander. Das Nebeneinander wird immer mehr zum Miteinander, die Tänzer führen sich gegenseitig, aber auch hin bis zum Versuch, einander zu beherrschen.

"The House That Never Walked" ist sicher kein Ballett im europäischen Sinne, keine stringente Geschichte, die mit Tanz und Musik untermalt wird. Es ist eine Abfolge von Szenen, auch ein Miteinander, die bindenden Glieder werden nur angedeutet. Aber das ist eben die Stärke dieser Chroreografie. Man darf und man muss sich die Geschichten zwischen den Einzelteilen selbst erfinden. Der Dialog findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch zwischen den Künstlern und ihrem Publikum.

Deutlich wird dies im Solo von Robert Bell. Aus dem humpelnden Eleven wird nach vielen Bahnen ein Täzer, dem alle nacheifern. Somit hat das Stück von Opiyo Okach auch den nötigen Optimismus für den Austausch der Stand-und Tanzpunkte.

Der eindrucksvollste Moment an diesem Abend voller neuer Eindrücke ist sicher das Solo von Ibrahima Biaye. Seine Erinnerung an Zuhause steckt in einer Schüssel, das ist alles, was ihm geblieben ist. Er behütet sie und er lässt sich davon behüten. Die Erinnerung ist sein Zentrum und seine Basis. Da dieser Körper ist Einsamkeit, ist Sehnsucht, ist Verzweiflung pur und an sich. Besser geht das nicht. Das Publikum versteht es und antwortet mit einem Moment Ergriffenheit. Der Moment der Stille ist so tief, dass man sogar die Lüftung hören kann, atemlose Stille.

Die Eifersucht ist die Emotion des Eoropäers


Auch Europäer stecken voller Emotion und Ausdruck, wenn Virginia Gimeno Folgado und Bienard Azizay ihren Tribut an den Flamenco, an Stierkampf und Eifersucht tanzen. Doch der Moment interkulturellen Klatschens kippt schnell in Bitterness, wenn Jenny Ecke ihrem Partner Serge Nepke diese Emotionalität aufzwingen will, wenn die Europäerin dem Afrikaner ihre Vorstellung von Zuhause vrmitteln will und doch nicht kann. Der neue Kolonialismus hat auch eine sexuelle Seite.

Mit "The House That Never Walked" ist Opiyo Okach und dem steptext dance project ein solch unverfassender und Mut machender Kommentar zu Migration und Austausch gelungen, so dass das Publikum noch lange sitzen bleibt und sich an die starken Bilder erinnert.

Teil 2 des Abends: Homescape

DieÉcole des Sables im Web

Das steptext dance project im Web

Das Deutsche Theater in Göttingen
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