Großer Andrang bei „TransBorderLes e.V.“ in Stade bei fast sommerlichen Temperaturen

  Auch in diesem Jahr hatten die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins „TransBorderLes e.V.“ keine Kosten und Mühen gescheut, um Homo-, Trans- und Intersexuellen, sowie Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs und häuslicher Gewalt auf der Messe „Stade aktuell“ mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Schon während des Standaufbaus waren die ersten Betroffenen zur Stelle, um sich umfassend informieren zu lassen.
Der Lebensberater, Schmerztherapeut (DGNS) und Buchautor Hans Georg van Herste, der seit vierzig Jahren Missbrauchsopfer und seit über dreißig Jahren Homo-, Trans- und Intersexuelle unterstützt, und aus dessen Selbsthilfegruppen der Verein vor vielen Jahren entstand, war natürlich vor Ort und kümmerte sich persönlich um den einen oder anderen „schweren Fall“. Auch der Mut von Rita Krüger, die als kleines Mädchen rituell missbraucht worden war, wurde mehrfach gelobt. Ihre schockierende Lebensgeschichte wurde von der bekannten Buchautorin Heide Marie Zimmer in ihrem mit einem Buchpreis ausgezeichneten Werk „Die Goldesel-Töchter“ eindrucksvoll beschrieben.
Van Herste, der auch als Herausgeber tätig ist, hatte Ende 2012 eine neue Buchreihe ins Leben gerufen, die unter dem Oberbegriff „Starke Frauen“ für viel Aufmerksamkeit gesorgt hatte und noch heute sorgt. Aus diesem Grund war nicht nur Heide Marie Zimmer am TBL-Stand erschienen, sondern auch Viktoria Grantz und Simone Petzold (Buchpreis für „Mein weiter Blick aufs Meer“). Die mit zwei Buchpreisen ausgezeichnete Autorin Margaretha Main war gemeinsam mit Ehefrau Michaela erschienen und sorgten hin und wieder für einen kleinen Stau. Auch die aus TV und Printmedien bekannte Transsexuelle Maria Wolff war mit Ehefrau Meike angereist, um ausführlich über ihren leider immer noch recht steinigen Weg zur Frau zu berichten.
Margaretha Main, die neue erste Vorsitzende des Vereins:
„Ich finde es toll, dass unser Stand so gut frequentiert wurde. Andererseits finde ich es sehr traurig, dass es unseren Verein im 21. Jahrhundert überhaupt noch geben muss. Ich selbst musste vor gar nicht so langer Zeit erleben, was es heißt, sich als Lesbe zu outen. Ich verlor zweimal meinen Arbeitsplatz. Hinter meinem Rücken wird nach wie vor getuschelt und zwei meiner Lesungen wurden boykottiert, nur weil ich eine glückliche Ehe mit Michaela führe.“
Hans Georg van Herste:
„Der Andrang war beachtlich. Allerdings musste ich mehrmals feststellen, dass viele Besucher absolut keine Ahnung von unseren Themen haben. Vorurteile und Halbwissen bestimmen das Bild. Obwohl ich mehrere Zeichnungen angefertigt habe, um auch dem letzten Unwissenden die genetische Grundlage für Homo-, Trans- und Intersexualität plausibel zu machen, stießen wir immer wieder auf Ablehnung. Wenn jemand unwissend ist, ist das nicht wirklich tragisch. Wissenslücken kann man leicht auffüllen. Wenn jemand aber unwissend bleiben will, um Vorurteile zu untermauern, ist mir das zu hoch. Viele Menschen brauchen ein Feindbild und ich habe im Laufe der Jahrzehnte feststellen müssen, dass Selbstbetroffene, die zu feige sind, sich zu offenbaren, unsere größten Widersacher sind. Dass Täter und Ewiggestrige unsere Arbeit nicht mögen, ist nachvollziehbar, aber Missbrauchsopfer, sowie Homo-, Trans und Intersexuelle sollten doch zusammenhalten, um gemeinsam etwas bewegen zu können.
Neulich wurde ich von einer Lehrerin eingeladen. Sie bat mich, ihren Schülern die genetischen Ursachen der Homo-, Trans- und Intersexualität zu erklären, da sie an ihrer Schule, also bei Schülern und Lehrern, in dieser Hinsicht große Defizite festgestellt hatte. Ein paar Tage nachdem ich zugesagt hatte, wurde ich von der Schulleiterin wieder ausgeladen. Sie erklärte mir, sie hätte sich ihre Schüler und Kollegen angeschaut und klar erkannt, dass es an ihrer Schule weder Missbrauchsopfer noch Homosexuelle gäbe. Ich habe sie daraufhin gefragt, worauf sie diese Erkenntnis stützt. Daraufhin erklärte sie mir, dass sie sehr wohl in der Lage sei, das zu erkennen. Was soll man dazu noch sagen?
Natürlich werden uns solche Obskuritäten nicht davon abhalten, weiterhin beratend tätig zu sein. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, das Homo-, Trans- und Intersexualität irgendwann als das anerkannt werden, was sie nun einmal sind, nämlich ganz normale Variationen der Natur.“
Eine Besucherin aus Hamburg:
„Ich habe aus dem Internet erfahren, dass Herr van Herste in Stade weilt und wollte ihn unbedingt kennen lernen. Ich bin jetzt zweiundsiebzig Jahre alt und habe die Beziehung zu meiner Freundin mein Leben lang verstecken müssen. Obwohl ich nicht mehr die Jüngste bin, habe ich keine Lust mehr dazu und möchte den Rest meines Lebens frei sein. Ich habe durch ihn den Mut gefasst, nun, Händchen haltend, mit meiner großen Liebe am Hafen spazieren zu gehen. Ich habe sie sogar schon einmal mitten im Kaufhaus geküsst. Warum? Weil mir danach war.
Leider musste ich in Stade schon am Eingang des Ausstellungszeltes, in dem sich der TBL-Stand befindet, erleben, was es heißt, nicht in die vorgeschriebene Norm zu passen. Eine Frau von einem Gesundheitsstand raunte mit bedrohlich erhobenem Zeigefinger einer anderen zu, am Ende des Ganges würde sich ein Stand befinden, dessen Betreiber alle vom anderen Ufer seien. Vorsicht sei geboten, da sie Angst hätte, dass Kinder dort angesteckt werden könnten.
Ich ließ mich nicht abschrecken und wurde herzlich willkommen geheißen. Herr van Herste nahm sich viel Zeit für uns und reparierte sogar mit einem schnellen Griff und einem Druck auf meinen Arm meine Schultersteife in wenigen Sekunden. Unglaublich!“
Eine Lehrerin aus Hamburg:
„Ich bin extra hierher gefahren, weil ich die Homophobie an meiner Schule nicht mehr ertrage. Nicht nur Schüler werfen sich den Ausdruck „Schwule Sau“ dauernd gegenseitig an den Kopf, auch Lehrer sind nicht auf dem neusten Stand und frönen nach wie vor ihren Vorurteilen. Das muss ein Ende haben. Ich werde eine Projektwoche zu dem Thema durchführen. Heute habe ich eine meiner Schülerinnen bei mir, die mich unterstützen will. Hier am Stand habe ich Dinge erfahren, von denen ich nichts wusste. Der Weg hat sich gelohnt.“
Da die Messe auch am Sonntag bereits um achtzehn Uhr geschlossen wurde, wurden die letzten Interessierten während des Standabbaus informiert. Nachdem alles in den Autos verpackt war, kehrte die ganze Gesellschaft in einem nahen Steakhouse ein, um den Hunger zu stillen, die malträtierten Füße zu entlasten und die Messe noch einmal Revue passieren zu lassen. Am späten Abend waren sich alle einig: Im nächsten Jahr sind wir wieder dabei.
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